23. Mai 1915

Predigt: Jeremia 31,31-34 (Pfingsten)

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Pfingsten
Jeremia 31,31–34
Liebe Gemeinde!

Hört ihr’s? Vom Himmel her ruft Gott es uns zu: Ich will einen neuen Bund mit euch machen! Ich will mein Gesetz in euer Herz geben und in euren Sinn schreiben! Ich will euer Gott sein! Ich will euch eure Missetat vergeben und eurer Sünde nimmermehr gedenken! Und wo |209 die Menschenherzen dieses große göttliche: Ich will! wahrhaftig vernehmen, da wird’s Pfingsten. Und wo dies göttliche: Ich will! in den Menschenherzen lebendig wird, da ist der heilige Geist mit Brausen und Feuerflammen, quellend und strömend, erleuchtend und tröstend, schaffend und segnend. Und wo dies göttliche: Ich will! in den Menschenherzen die Herrschaft gewinnt und zur stetigen Kraft wird, da gibt’s neue Menschen, da werden Apostel, Propheten und Helden geboren, da bricht ein Stück vom Gottesreich auf mit seiner Liebe und Klarheit und Freiheit mitten in der alten Sünden- und Traurigkeits- und Todeswelt.

Wozu bist du heute in die Kirche gekommen? Um das Pfingstfest zu feiern? Um dich daran zu erinnern, daß vor 2000 [Jahren] der heilige Geist ausging auf allerlei Volk und Wunder wirkte? Nein, sondern um selber Gottes großes: Ich will! zu hören, um selber den heiligen Geist zu empfangen, den Tröster, den Erlöser, den Schöpfer! So hör denn und sieh denn, damit Gott zu dir reden kann! So tu denn die Türen und Fenster auf, daß der Himmel zu dir herein kann. So laß denn deine Gedanken einmal zur Ruhe kommen, damit Gott anfangen kann, in dir zu denken!

Gott will! Sieh, das ist etwas Anderes, als wenn du willst oder wenn wir Anderen wollen. Bei unserem Menschenwollen kommt es dann immer auch darauf an, ob etwas daraus wird. Du mußt nicht meinen, daß das bei Gott auch so sei. Gott will, so geschieht es, er gebietet, so steht es da [Ps. 33,9]. Stellen wir uns etwa vor, daß die Apostel Jesu in Jerusalem das Brausen vom Himmel hätten hören und die Feuerflammen sehen können, um dann ungehorsam ihre eigenen kleinen Weglein weiterzuwandern? Sie wären ja die Unglücklichsten aller Menschen geworden. Und es ist bei uns nicht anders. Gottes Wille ist ein gewaltiges Müssen, dem wir wohl den Rücken wenden, dem wir uns aber nicht entziehen können. In uns selber antwortet etwas, wenn Gott mit uns redet, und gibt ihm recht. Unser tiefstes, eigenstes Wesen will zu Gott hin. Gottes Wille ist nur das Lebendigste, Notwendigste in uns. Wir können ihm schließlich ebenso wenig entrinnen als uns selber. Sieh das Leben an, seinen bisherigen Verlauf und seine vermutliche Zukunft, seine Kräfte und seine Schwachheiten, deine bisherigen Erkenntnisse und deine bisherigen Irrtümer. Was soll das? Gott antwortet: Ich will! Ich will es besitzen und gebrauchen, will es zu meinem Gefäß und |210 Werkzeug machen. Und dazu ist es auch bestimmt und veranlagt, dahin zielen die vielen verschlungenen Fäden deines Lebensschicksals, die grauen und die heiteren, dahin geht deine ganze Lebenssehnsucht, auch wenn du sie vielleicht gar nicht oder ganz falsch verstehst. Und wenn du nun hörst und das gewaltige Müssen des Gotteswillens zu deinem eigenen Willen machst und einströmen läassest in dein Dasein die Lüfte und Kräfte des Himmels und ein sicherer und seliger Mensch wirst und ein williger Arbeiter und Kämpfer des Gottesreiches, dann zeigt es sich in deinem Gehorsam und in deiner Freude, daß Gott Gott ist.

Wiederum, wenn du nicht hören willst, wenn du dich stemmst gegen das große Müssen, wenn du es besser wissen willst als die Stimme, die in dir selber Gott freudig und dankbar antworten möchte, dann strafst du dich selber und nimmst deinem Dasein den Wert und den Glanz, die es haben könnte, und bringst große Unruhe und Unsicherheit über dich und streichst dich schließlich selber aus aus der Reihe der wirklich Lebendigen. Und dann zeigt es sich in deinem Ungehorsam und in deiner Unseligkeit, daß Gott wahrhaftig Gott ist und seiner nicht spotten läßt [vgl. Gal. 6,7].

Und wie in deinem kleinen Leben und Dasein, so spricht Gott auch im Menschenleben im Großen, in der geistigen Entwicklung der Menschheit von Jahrtausend zu Jahrtausend, in dem, was man die Geschichte nennt, in den Verhältnissen und Zuständen, in denen wir drin stehen und die wir selber machen und aufrechterhalten helfen, sein entscheidendes, unerschütterliches: Ich will! Gott will die Liebe und die Gerechtigkeit, die Harmonie und den Frieden, und wieder muß ihm die Menschheit tausendstimmig rechtgeben und sagen: ja, das ist’s, das wollen wir ja eigentlich und endlich auch, und nichts Anderes kann das Ziel und der Sinn der Welt und der Geschichte sein, als daß dieser Gotteswille leuchtend hervortrete. Wieder können die Menschen nun denken und tun nach dem, was sie selber als wahr erkennen müssen, und wo das geschieht, da blüht auch der Segen auf und die Freude, und der Himmel senkt sich auf die Erde, und das verlorene Paradies ist auf einmal wieder da, und Gott behält Recht in einer aus seinem Licht und seinen Kräften lebenden Menschengemeinschaft.

Wiederum können sie es aber auch anders machen, können, sich selber und Gott zum Trotz, ihre eigenen Anschauungen und Gewohnheiten über das Glück und das Recht, über das Leben und die Welt zum |211 Gesetz erheben, und dann muß eben «Europa seufzen und stöhnen unter dem Segen dieser Anschauungen», die Unglück über Unglück über uns hereinbringen, wie gestern in einer Zeitung zu lesen war1, dann muß das Gift durchs Land schleichen, dann müssen die Feuerstürme brodelnd und rauchend über die Felder gehen, dann muß zerknicktes und zertretenes Leben allerorten sein Leid gen Himmel schreien. Und der freundliche Himmel wölbt sich unnahbar über einer Erde, die voll Grausen ist. Und wiederum behält Gott recht in unserem Seufzen und Stöhnen, und in unserem Unrecht und Leid mitten drin müssen wir es erfahren, daß wir nichts können gegen seinen Willen. Sieh, so steht es mit Gottes Willen. Er fragt nicht, er handelt. Er bietet sich nicht an, er geschieht. Er ist die wahrste und herrlichste, aber, solange wir fern und fremd draußen bleiben wollen, auch die schrecklichste und unerbittlichste Tatsache.

Pfingsten! Was hat dieser Tag den Aposteln gebracht, und was bringt er uns? Gottes Wille erkannt und anerkannt von Petrus und Johannes, erkannt und anerkannt in mir und in dir, erkannt und anerkannt in der Menschheit. Die Erkenntnis und Anerkennung: Gott will!, das ist der heilige Geist. Denn dabei kann es ja doch unmöglich bleiben, daß der Wille Gottes den Menschenkindern vielleicht zum Segen, vielleicht aber auch durch ihre Schuld zum Fluch wird; es muß doch irgendwie der Segen das Wahre, das Siegreiche sein. Es ist eine tiefe und ungeheure Wahrheit: was der Mensch sät, das wird er auch ernten!, wer auf den Geist sät, der wird das Leben ernten, wer auf das Fleisch sät, der wird das Verderben ernten [Gal. 6,7f.], und es ist notwendig, daß wir lernen, dieser Wahrheit ins Gesicht zu sehen. Aber, meine Freunde, es gibt eine noch tiefere Wahrheit als dieses Entweder-Oder, das uns vor Gottes Majestät anbetend, aber auch schaudernd auf die Knie zwingt, und die|212se noch tiefere Wahrheit heißt: Ich habe dich je und je geliebet, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte! [Jer. 31,3]. Daß es zwei Welten gibt, in denen wir leben können: den Himmel, der zu uns herniedersteigt, wenn wir Ja sagen zu Gottes Willen, und die Hölle, die uns aufschäumend zu sich herunterziehen will, wenn wir Gott den Rücken kehren, das wissen wir schließlich alle, wissen es mitten in unserer Unruhe und Unsicherheit, wissen es mitten in der Nacht unserer tiefsten Schuld — frage den Geldmenschen, frage den Genußmenschen, frage den Gewaltmenschen: sie wissen alle vom Himmel und von der Hölle und davon, daß Gott seiner nicht spotten läßt. Die Teufel glauben es auch und zittern [Jak. 2,19].

Die Botschaft der Pfingsten führt uns weiter. Der heilige Geist weiß mehr als das. Sieh, sagt er zu dir: du kannst das ja gar nicht, dich abwenden von dem Gotte deines Lebens2. Sieh, mit allen Fasern bist du mit ihm verbunden, gehörst du zu ihm hin. Es ist dir unmöglich, sein Wort nicht zu hören; es ist dir unmöglich, dein Bestes und Schönstes preiszugeben; es ist dir unmöglich, aus dem Licht in den Schatten zu laufen. Einfach darum, weil Gott zu stark ist. Er redet zu deutlich. Er wirkt zu mächtig. Er zieht zu stark. Er lockt zu freundlich, du mußt es ihm einfach glauben, den Gehorsam, die Liebe, die Wahrheit von ihm in Empfang nehmen. Alles Andere ist ja gar nicht. Die Liebe Gottes hat dich gefunden und überwältigt, ist über dich gekommen als die Wahrheit, neben der nichts Anderes bestehen kann. Auch da draußen in der Welt nicht, und wenn jetzt lange wieder neue Wogen von Unrecht und Jammer dahergestürmt kommen, und wenn diesen Wogen noch viel, viel mehr Offenbarungen der Hölle und des Todes folgen sollten. Ja, das muß wohl alles so sein. Und wir wissen auch, warum es so sein muß, und wollen uns nicht darüber wundern, wenn es noch ganz anders kommt.

Aber darüber und am höchsten wissen wir, wer Gott ist. Wir können uns wohl von ihm abwenden und dann die traurigen Früchte unseres Wesens ernten müssen. Aber das ändert nichts an seiner Güte, die schließlich und in Allem triumphieren muß. Wir können leiden, wir können irren, wir können hineinsehen in ein Meer von Torheit und |213 Sünde, wir können selber taumeln und fallen — ja, aber diese ganze traurige Welt, die sich uns da auftut und deren Ursprung wir nur zu gut kennen — sie kann uns nicht scheiden von der Liebe Gottes [vgl. Röm. 8,35]. Wir können sie nicht ernst nehmen, weil wir Gott ernst nehmen müssen. Wir können nicht an sie glauben, weil wir an Gott glauben müssen. Wir haben den Sieg mitten im Kampf, ja mitten in der Niederlage, wir haben das Leben mitten im Tode, wir haben die Wahrheit und das Recht mitten in der Lüge und im Unrecht. Alles nur darum, weil wir Gottes sicher geworden sind. Ja, das alles versteht sich freilich nicht von selbst, daß wir so dastehen dürfen. Das ist ein besonderes Erlebnis, durch das wir dahin kommen. Das ist der heilige Geist, der Solches in uns schafft. Und doch ist dies Erlebnis, ist auch der heilige Geist etwas ganz, ganz Einfaches.

Pfingsten erleben heißt nur: sich entscheiden, sich dafür entscheiden: mir soll der Wille Gottes zum Segen werden, und ich will gehorsam sein. Sieh, Gott ist schon entschieden. Gott ist und Gott wirkt. Seine Gesetze gelten, und seine Taten geschehen. Aber was mit dir und mir ist und werden soll, das entscheidet das freudige Wunder der Pfingsten. Es stellte die Apostel und die, die sie hörten und verstanden, und uns mit ihnen dahin, wohin wir gehören. Es wirft ein Gewicht in die zögernden, schwankenden Waagschalen. In unserer Seele ertönt das Ja auf die tiefste Frage unseres Lebens, und nun sind wir lebendige Menschen, nun tut sich der Himmel über uns auf und kommt zu uns, nun entsteht da, wo du bist, ein Stücklein Gottesreich. Das erst heißt Gottes Willen erkennen und anerkennen, wenn diese Entscheidung fällt, wenn etwas vergeht in uns und etwas Neues sicher wird, wenn das alte Fragen und Sorgen um unsere großen und kleinen Leiden und auch das alte Jammern um unsere Unvollkommenheit einmal zum Schweigen kommt, darum, weil wir an Gott nicht verzweifeln können, weil wir ihn gelten lassen müssen.

Und nun höre, was denn eigentlich Gott will und was er in uns schafft durch seinen Geist, wenn einmal jene Entscheidung in uns gefallen ist: Ich will einen neuen Bund machen mit dem Hause Israel, nicht wie der Bund, den ich mit ihren Vätern machte …, welchen sie nicht gehalten haben, daß ich sie zwingen mußte. Ja, was will Gott? er will dich selber, nicht bloß deinen Glauben, deinen Gehorsam. Wir können vor Gott Respekt haben als vor einer unbekannten, großen Macht, mit der |214 man auf alle Fälle es nicht verderben darf. Wir können an Gott glauben als an den strengen Herrn, mit dem man gerne auf einem guten Fuß stehen würde. Wir können Gott fürchten, weil wir spüren und in manchen Zeiten besonders deutlich spüren, daß wir in seiner Hand und ohne ihn nichts sind. Das ist der alte Bund. Da stehen wir unter dem Zwang. Da gehorchen wir im Grunde nicht, denn sobald wir nichts mehr zu fürchten haben, entrinnen wir wieder und tun, was uns gefällt. Nun aber quillt aus Gottes heiligem Geist ein ganz anderer Gehorsam und ein neuer Bund zwischen ihm und uns. Da ist lauter Freiheit. Glaube aus Zwang? Glaube aus Furcht? Kann es etwas Törichteres, Unmöglicheres geben? Muß dich die Sonne zwingen3, hell zu sehen? Sie ist eben da und leuchtet, und du siehst hell und weißt nichts Anderes, und etwas Anderes zu wollen wäre Tollheit. So ist’s mit dem Gehorsam gegen Gott, wo wir einmal Ja gesagt haben, im neuen Bund. Da kannst und willst du gar nichts mehr Anderes. Da weißt du von innen heraus: es ist so, ich muß. Da ist’s vorbei mit dem ängstlichen Schielen nach dem lieben Gott, als ob er uns etwas Schlimmes antun könnte. Du gehorchst ihm nicht darum, sondern weil du ihn lieb hast, weil er Gott ist, von dir aus. Er braucht dich nicht zu zwingen und tut es nicht. Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit [2.Kor. 3,17].

Und: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben! Was will Gott? er will dich selber, nicht bloß deine Gewohnheiten und Grundsätze. Sieh, wir können ganz nette Menschen sein, gegen deren Lebensführung nichts oder fast nichts zu sagen ist. Wir können tüchtige Menschen sein, ehrenwert und leistungsfähig und nützliche Glieder der Gesellschaft. Wir können sogar sehr ideal angelegte Menschen sein mit Ansichten und Überzeugungen, die weit über den Durchschnitt hinausgehen. Aber all das Gute und Schöne klebt mehr an uns, als daß es uns zu eigen wäre. Wir tun so, aber wir sind nicht so. Wir könnten immer von Grund auf ganz anders, weil es inwendig bei uns ganz anders aussieht. Und von der Kraft und dem Leben wirklichen Gehorsams spüren wir nichts. Sieh, nun strömt aus Gottes Geist der neue, der wirkliche Gehorsam. O, was ist alle Moral, aller christliche Brauch, alle Ansichten und Grundsätze gegen die quellende Klarheit und Freudigkeit eines Menschenherzens, das sich entschieden hat! Da |215 wird eben alles Klarheit, weil inwendig Klarheit ist. Du bist mit dem Ursprung und Wesen des Guten wieder in Berührung gekommen, nun weißt du in tiefer Demut ein wenig, wie gar nichts all das wert ist, was man zeigen kann, und legst es gar nicht mehr darauf ab, etwas zu zeigen, weder ein nettes Benehmen noch Tüchtigkeit noch hohe Ansichten. Sondern jetzt kommt’s dir darauf an und nur darauf: zu sein, was du bist, hervortreten zu lassen, was in dich hineingelegt ist, im Kleinen und Großen zu beweisen, daß du ein entschiedener Mensch bist. Und dies Kleine und Große kommt wirklich, und du brauchst nicht zu raten und zu zaudern: Gottes Gesetz ist in deinem Herzen und Sinn geschrieben, und du hast nichts zu tun, als es da recht brav abzulesen. Das schafft Gottes Geist in dir.

Und das Größte schafft er: es wird keiner den anderen noch ein Bruder den anderen lehren und sagen: erkenne den Herrn, sondern sie sollen mich alle kennen, beide, klein und groß! Was will Gott? O, noch einmal: er will uns selbst, er will unsere Person und jeden für sich und jeden aus sich selbst heraus. Man nennt Pfingsten oft das Gründungsfest der christlichen Kirche. Und es ist ja wahr: da ist die Gemeinschaft der Gläubigen fest zusammengetreten zu gemeinsamem Hoffen, Lieben und Arbeiten. Aber wenn wir unter dem Wort Kirche eine Anstalt verstehen wollen, die die Menschen durch Predigt und Glockenläuten und Orgelspiel erst auf Gott aufmerksam machen müßte, dann könnte man Pfingsten gerade so gut die Auflösung der Kirche nennen. Denn der Geist schafft gerade eigenes Leben. Der Geist braucht und schafft wohl Gemeinschaft, weil er ein Geist der Liebe ist, er braucht aber keine Lehre, keine besonderen Leute, die die Anderen auf Gott und auf die Liebe erst hinweisen müssen. Wenn wir jetzt noch eine solche Veranstaltung haben und wohl auch nötig haben, so wollen wir uns gerade am Pfingstfest sagen, daß das nicht etwas Herrliches ist, sondern ein Anzeichen davon, wie wenig Geist wir noch haben, wie zaghaft wir noch sind im einfachen Jasagen Gott gegenüber. Aus diesem einfachen Ja quillt ein Leben, das einmal keinen Pfarrer mehr nötig haben wird — Gott sei Dank —, das nur noch Brüder kennen wird, die einander kennen und miteinander den großen Gott, dessen Kinder sie sind. Die Wahrheit lehrt man nicht, die hat man. Zur Liebe fordert man nicht auf, die ist da. Über Gott hält man keine Predigten, er predigt selber. Wie die Blümlein ohne Pfarrer so lustig wachsen. Wie die Sterne ohne Predigt ihre wun|216dersame Bahn gehen. Das ist der Gehorsam, den Gott will, und der, den sein Geist schafft.

Du glaubst nicht an solche Freiheit, an solch inneres Leben, an solch eigenes Werden und Wachsen? Warum nicht? Willst du die Entscheidung für Gott wieder rückgängig machen? Willst du den großen Gott doch nicht so ganz ernst nehmen? Willst du den Glauben an ihn doch wieder verklauseln mit klugen Wenn und Abers? Willst du dem heiligen Geist doch nicht so viel vertrauen? Ja, du hast wohl recht, wenn du auf dich und mich siehst und wie die Leute sind in unserem Dorf und anderwärts und auf das, was in dieser Pfingstzeit in der Welt vorgeht. Du hast wohl recht: wenn wir auf alles das sehen, dann ist Alles, was wir gesagt, Träumerei und Unsinn. Dann hätten wir heute von Allem das Gegenteil sagen müssen, hätten sagen müssen, es sei doch gut, daß Gott die Menschheit durch schwere Gerichte in Furcht und Zittern erhalte, hätten von Grundsätzen und Idealen reden müssen, durch die die Menschheit und wir damit langsam gedoktert und gebessert werden, hätten die Kirche und die Pfarrer lobpreisen müssen, durch die die Verbesserung besorgt und geleitet werde. Aber das haben wir nun alles nicht gesagt und wollen dabei bleiben, so wahr es ist, wenn man will. Es ist wahr, aber Pfingsten, der heilige Geist redet nicht davon. Der heilige Geist kennt keine Schwierigkeiten und Hindernisse, weil er auch nicht auf die Menschen, nicht auf die Welt, sondern auf Gott hinsieht. Und bei Gott sieht er nur eines: Vergebung der Sünden, Nichtgedenken an unsere Missetat. Ja, so groß und schwer und kompliziert sie sein mag, das ist eben das Wunderbare, sie ist nicht vor Gott. Gott hat vergeben. In Christus hatten schon die Apostel und haben wir die Gewißheit, daß Gott es gut meint mit uns trotz Allem, über Alles hinweg. Für Gott ist Alles, was uns hindert, kein Hindernis. Sieh, aus deiner Gewißheit kommt der heilige Geist, der so trotzig und freudig redet von dem neuen Bund, dem neuen Gehorsam. Die alte, die ewige Liebe Gottes schafft diesen neuen Bund, diesen neuen Gehorsam. Wenn du zweifeln willst, mußt du daran zweifeln, daß Gott vergeben hat, daß von ihm aus, von seiner Seite aus Alles, Alles in Ordnung ist. Warum willst du daran zweifeln? Warum solltest du nicht gerade so gut glauben? Laß die Entscheidung geschehen sein! Bleibe bei deinem: Ja! Tritt nicht wieder heraus aus dem Willen Gottes, aus dem dir schon so viel Freude und Kraft zugeströmt ist. Dann siehst du auf einmal, wie wahr und möglich das al|217les ist, was der Geist dir verheißt. Und siehst wie der Prophet Jeremia getrost in die Zukunft deines Lebens hinein und in die Zukunft der Menschheit mit der stillen, sicheren Aussicht: Es kommt die Zeit!

Amen.
Lieder:
  • Nr. 146: «Komm, Schöpfer Geist», Übertragung des Hymnus «Veni creator spiritus» nach A. E. Fröhlich (1844) (= GERS [1952] 177 mit einer abweichenden und einer zusätzlichen Strophe) 🎵
  • Nr. 147: «O heiliger Geist, o heiliger Gott» von A. E. Fröhlich (= GERS [1952] 186, 2 Strophen, die dritte aus GERS (1891) fehlt, steht aber im Aargauer Gesangbuch von 1844 📖) 🎵

Sachfußnoten

1
Tagesbericht (vom 21. Mai) in: Basler Nachrichten, Jg. 71, Nr. 255, 22.5.1915, Sp. 1f. 📖 Zum Bruch des Dreibundvertrags durch Italien werden klassische Autoren zitiert. Bei Machiavelli heißt es: «Ein kluger Herrscher kann und soll sein Wort nicht halten, wenn ihm dies zum Schaden gereicht und die Gründe, aus denen er es gab, hinfällig geworden sind … Auch wird es einem Fürsten nie an guten Gründen fehlen, um seinen Wortbruch zu beschönigen.» Friedrich der Große sagt: «Übrigens räume ich ein, daß es Notlagen gibt, in denen ein Fürst nicht umhin kann, seine Verträge und Bündnisse zu brechen.» Die Zeitung resümiert: «Unter dem Segen solcher Anschauungen seufzt und stöhnt heute Europa.»↩
2
Vgl. das Lied «Gib dich zufrieden und sei stille / in dem Gotte deines Lebens» von P. Gerhardt (GERS [1952] 277; EG 371) 🎵.↩
3
Im Mskr. hier wohl irrtümlich: «… nicht zwingen».↩