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        <title type="volume" n="vol-27">Predigten 1915</title>
        <title type="content">Predigt: Jesaia 53,10-12 (Karfreitag)</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Jesaia 53,10-12 (Karfreitag), 2. April 1915</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/27015 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1915, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1996, S. 132–141.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1915</title>
          <title type="text">Predigt: Jesaia 53,10-12 (Karfreitag)</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Schmidt, Hermann</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1996</date>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.27, Predigten 1915, sermon 261</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Jes 53,10-12 (Karfreitag), 2. April 1915. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1707">KBA 1244</ref>. </bibl>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, den <date when="1915-04-02">2. April 1915</date>, Vormittag</dateline>
          <head type="event">Karfreitag</head>
          <epigraph>
          <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.53.10 Jes.53.12">Jesaja 53,10–12</ref>
          <quote>Der Herr wollte ihn also zerschlagen mit Krankheit. Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben bat, so wird er Nachwuchs sehen und langes Leben haben, und des Herrn Sache wird durch ihn siegen. Aus der Mühsal seiner Seele stillt er Durst und Hunger, durch sein Leiden bringt mein Knecht Vielen Gerechtigkeit, und er trägt ihre Schuld. Darum will ich ihm eine große Menge zur Beute geben, und er soll die Starken zum Raube haben, darum daß er sein Leben in den Tod gegeben hat und den Übeltätern gleich gerechnet ist und Vieler Sünden getragen hat und für die Übeltäter gebeten.</quote>
                        </cit>
          </epigraph>
          <salute>Liebe Freunde!</salute>
        </div>
        <div type="main">
          <p>Der Karfreitag ist ein Siegestag, ein Freudentag. Zum Karfreitag paßt es schlecht, ein düsteres, schwermütiges Gesicht zu machen und schwarze Kleider zu tragen, als ob da um einen Toten zu klagen wäre. Wir sind zwar — wohl die Meisten — von Jugend an an solche Karfreitage gewohnt Und ich muß euch gestehen, daß ich durch meine Karfreitagspredigten in früheren Jahren auch dazu beigetragen habe, euch diesen Tag düster und schwermütig zu machen. Ich habe auch da zuweilen so dringend geredet von der tiefen Not Jesu am Kreuz, von der großen, schweren Schuld der Menschen, die da offenbar wird, und von der unerreichbar hohen und edlen Gesinnung, die Jesus da gezeigt hat und hinter der wir Menschen so weit zurückbleiben. Da seid ihr gewiß oft recht traurig und niedergeschlagen aus der Kirche gegangen und habt dann bei euch gedacht: ja, das liegt wohl am Karfreitag, da muß es wohl so hart und streng und trüb zugehen. Und dann freuten wir uns alle auf den Ostertag, wo man endlich wieder von der Freude und vom Leben reden darf. Denkt, ich könnte jetzt nicht mehr so vom Sterben Jesu reden wie andere Jahre, und wenn ich manchmal doch noch so davon rede, daß das Schwere und Traurige daran euch den stärksten Eindruck macht, dann ist’s gleichsam nicht meine Absicht, und ich möchte davon frei werden. Warum soll ich’s euch nicht sagen, daß mich gerade der <pb xml:id="p133" ed="pga"/> Krieg auch zu einer anderen Auffassung und inneren Stellung gegenüber dem Kreuze Christi geführt hat?</p>
          <p>Ich<note xml:id="n01">Hier setzt im Manuskript die Handschrift von Frau <persName ref="kbga-actors-26">Nelly Barth</persName> ein. <persName ref="kbga-actors-5816">J. Fähler</persName> hat von ihr erfahren, daß <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> damals unter einer Grippe litt und deswegen seine Gattin zum Diktat zu Hilfe rief.</note> sehe jetzt in diesem Ereignis viel deutlicher die erlösende Gnade Gottes wirksam als sein Urteil über uns, das uns niederschmettert, und sein strenges Gesetz, das uns arme, unvollkommene Menschen nach unerreichbaren Höhen wandern heißt. Gottes Gnade, das ist die Offenbarung seiner Güte gegen uns, seines guten, freundlichen Willens gegen das Menschengeschlecht, seiner Herrlichkeit und Liebe, mit der er uns seine Welt eröffnet und uns das Leben schenkt. Es ist mir jetzt viel klarer geworden, wie Karfreitag und Ostern eng zusammengehören und wie darum schon der Karfreitag recht verstanden ein Freudentag ist, an dem wir von nichts Anderem reden sollten als von der Liebe Gottes. Das Wort Gottes sollte gerade heute gar nichts Anderes in uns wecken und schaffen als Seligkeit. Denn das ist ja das Wunderbare, daß Jesus uns durch sein Sterben selig macht — nicht ängstlich und nicht verwirrt, nicht niedergeschlagen, nicht pessimistisch — selig! Und aus dieser Seligkeit, die er uns gibt, muß dann wieder Alles fließen, <choice>
            <sic ed="pga">war</sic>
            <corr resp="mt" type="misprint">was</corr></choice>
            wir brauchen: Selbsterkenntnis, Reue, Einsicht, guter Wille, tapfere Taten und tapfere Worte für Gott, Bruderliebe, Gerechtigkeit und Wahrheit in der Welt, froher, fester Kampf gegen das Böse und schließlich Sieg über Sieg der Sache Gottes im Großen und im Kleinen, bei dir und bei mir, hier im Dorf und in der Welt draußen. Das Reich Gottes kommt, wo die Freude an Gott in den Menschen Überhand nimmt, und diese Freude an Gott strömt nirgends so kräftig wie vom Kreuze Christi her. Wollt ihr mir’s verzeihen, wenn ich euch bisher lange nicht deutlich genug darauf hingewiesen habe? Wollt ihr nun mit mir weiterwandern, lernend an den wunderbaren Taten Gottes? Haben wir nicht alle vieles gelernt seit dem letzten Karfreitag? Wie sollten wir nicht gerade auch in der tiefsten Lebensfrage gelernt haben und lernen wollen? An der Bibel liegt es nicht, wenn wir bisher nicht recht gesehen haben, daß im Kreuze Christi die Liebe Gottes viel größer ist als das Traurige und Schreckliche, was es uns freilich auch zu sagen hat.</p>
          <p>Hört, wie freudig der Prophet in unserem Text im Leiden des Gottesknechtes zuletzt einfach eine große Erlösungs- und Freiheits- und <pb xml:id="p134" ed="pga"/> Lebensbotschaft erkennt und verkündigt! Da klingt die Klage über sein trauriges Los und über die Schuld der Menschen daran nur noch eben nach, und Alles muß sich auflösen in Jubel und Dankbarkeit über das, was Gott durch dieses Leiden getan hat. Unsterblichkeit und ewiges Leben hat der Gemarterte und der Geplagte, der Mann der Schmerzen und der Verachtung! Im fruchtbaren Boden keimt und treibt die lebendige Gottessaat, die er, der Einsame und Verstoßene, ausgeworfen. Seine Qual wird zu Brot für die Hungrigen und zu Wasser für die Dürstenden. Sein Leiden schafft Gerechtigkeit und Umkehr. Ihm erliegen die zahllosen Scharen derer, die fern und fremd, bös und trotzig und doch trostlos und ohne Gott ihre eigenen Wege gingen. Den Gewalten des Bösen nimmt er ihre Stärke und stellt sie in Gottes Dienst; denn nachdem sie sich an ihm haben auswirken und austoben dürfen, hat er sie überwunden und ihnen ihren teuflischen Sinn genommen. Die Heuchler und die Feiglinge und die Charakterlosen, die Geldmenschen und die Säbelraßler und die Unwahrhaftigen und die Toren — er trägt ihre Schuld. Sie alle sind gewesen, sie sind nicht mehr. Gottes Knecht hat den neuen Menschen geschaffen. Wollen wir nicht glauben an den neuen Menschen, der auf <placeName ref="kbga-places-405">Golgatha</placeName> über die alte Welt triumphiert hat?<note xml:id="n02">Ende der Handschrift von Frau <persName ref="kbga-actors-26">Nelly Barth</persName>.</note>
            </p>
          <p>Ihr kennt die Strophe aus dem Lied <bibl corresp="kbga-songs-59" type="song">«Ein feste Burg ist unser Gott» von <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName></bibl>, in dem es heißt: 
            <q rend="block">
                            <lg>
              <l>Der Fürst dieser Welt,</l>
              <l>wie sau’r er sich stellt,</l>
              <l>tut er uns doch nicht,</l>
              <l>das macht, er ist gericht’t;</l>
              <l>ein Wörtlein kann ihn fällen.<note xml:id="n03">Aus <bibl corresp="kbga-songs-59" type="song">Strophe 3 des Liedes 157 (GERS [1952] 342,3; EG 362,3)</bibl>.</note>
                                </l>
                            </lg>
                        </q>
            </p>
          <p>Seht, das ist im Tode Christi geschehen. Er ist das Gericht über alles Böse, über die ganze Welt der Lüge, der Ungerechtigkeit, der Gewalt, über den Teufel. Was gerichtet ist, das gilt nicht mehr, das hat keine Kraft mehr, das ist verurteilt, Schein und Schatten zu sein. Ist das nicht eine Freudenbotschaft? Als Christus verurteilt und zum Tode gebracht wurde, da mußte das Böse gleichsam aus seinem letzten, verborgensten Schlupfwinkel hervor und ans Licht treten. Das war nicht nur so ein gewöhnlicher Fall von Lüge, Haß und Verblendung, wie wir sie auch <pb xml:id="p135" ed="pga"/> etwa sonst erleben, wo man sagen könnte: es mangelt an besserer Erziehung und Aufklärung, an besseren Gesetzen und Verhältnissen. Da bleibt uns gar keines mehr übrig von jenen Löchlein des Selbstbewußtseins, aus denen wir Steine werfen könnten nach anderen Leuten und in denen sich zugleich der Teufel verbirgt, der uns selber in den Krallen behalten möchte. Nein, da wird es sonnenklar, daß wir es einfach sehen müssen: Mitten drin in unserer wohlgeordneten Menschenwelt, in unserem stolzen, guten Menschenwesen, mitten drin in dem, was wir für unser Bestes hielten, sitzt ja der Feind, der Feind der Wahrheit, der Feind des Rechtes, der Feind der Liebe, der Feind Gottes, unser Feind, mit dem wir doch einfach nicht gemeinsame Sache machen können, weil er nicht zu uns gehört. Sieh, wie sie den Willen Gottes tun wollen, wie sie eifern für ihren Tempel, für das, was fromm und recht ist; und was steckt in ihrer Frömmigkeit und Rechtschaffenheit, was kommt dabei heraus? Eine große Selbstsucht, eine große Angst vor dem lebendigen Gott, der eben nicht in steinernen Mauern und papierenen Büchern wohnt, sondern Geist und Wahrheit ist, und darum ein großer Haß gegen sein lebendiges Wort und darum die Kreuzigung seines Gesandten. Ist das nicht eine Freude, zu sehen, wie da das Böse aus seinem schönen, erbaulichen Dunkel ans Licht getrieben wird?</p>
          <p>Sieh da den <persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName>, den römischen Statthalter [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.15.1 Mk.15.15">Mk. 15,1–15</ref> par.]! Wenn es einen Staat gab, in dem Ordnung und Recht walteten, so war es der Staat der Römer. Und was weiß dieser Staat mit Jesus anzufangen? Was die menschlichen Regenten und Politiker denken und tun, geht in so ganz andere Richtung als das, was der lebendige Gott denkt und tut. Da gilt Interesse und Macht und Gesetz und Zwang. Was hat Jesus damit zu tun? Was soll Pilatus mit Jesus machen? Er kann über ihn den Kopf schütteln; er kann ihn im Verdacht haben, er sei ein Unruhestifter; er kann den Frommen und Gerechten recht geben darin, daß solche Leute für die Ordnung in der Welt gefährlich seien; er kann ihn schließlich, achselzuckend, ohne Überzeugung und ohne Verständnis dem Tode preisgeben. Ist das nicht eine Freude, zu sehen, wie es da an den Tag kommt: die Ordnung in der Welt ist eben etwas Anderes als die Ordnung Gottes. Die Gerechtigkeit der Welt ist so gerecht, daß sie die Gerechtigkeit Gottes nicht einmal verstehen, geschweige denn anerkennen und fördern kann.</p>
          <p>Seht da den <persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.14.10 Mk.14.11">Mk. 14,10f.</ref> par.] und den <persName ref="kbga-actors-1814">Petrus</persName> [vgl. <pb xml:id="p136" ed="pga"/> <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.14.66 Mk.14.72">Mk.  14,66–72</ref> par.]: das waren Jesu Jünger und Freunde, die hatten lange mit ihm gelebt in vertrautestem Umgang. Was gibt es Schöneres als solche Bande der Neigung und Freundschaft von Mensch zu Mensch? Und nun geht der Eine hin und verrät seinen Meister um 30 Silberlinge, und der Andere verleugnet ihn zu drei Malen. So stark und sicher und treu ist das, was wir unter uns Menschen Achtung, Neigung, Freundschaft, Liebe nennen. Ist es nicht eine Freude, zu sehen, wie sich der Teufel auch hier nicht mehr verstecken darf?</p>
          <p>Seht auch die Leute von <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName> mit ihrem Geschrei: Kreuzige, kreuzige ihn! [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.15.13 Mk.15.14">Mk. 15,13f.</ref> par]. Des Volkes Stimme ist Gottes Stimme, sagt man.<note xml:id="n04">Der Gedanke «<foreign xml:lang="lat">Vox populi vox Dei</foreign>» ist belegt bei <persName ref="kbga-actors-1406">Seneca</persName> und geht laut <bibl corresp="kbga-bibls-2429">
                                Büchmann, S. 486</bibl>, auf <persName ref="kbga-actors-4246">Hesiod</persName> zurück.</note> Und es ist etwas Wahres daran: das gemeine Volk weiß oft besser, was recht ist, als seine Regenten und Gelehrten. Aber wie weit langt es mit diesem Besserwissen? Kreuzige ihn!, ruft das gemeine Volk, und das war sicher kein schlechteres und dümmeres Volk, als wir auch sind. Ist es nicht eine Freude, wie auch aus diesem Schlupfwinkel das Böse an den Tag muß?</p>
          <p>Eine Freude!? Wundert es euch, daß ich das alles eine Freude nenne, diese Entdeckung des Feindes an Orten, wo man ihn gar nicht vermutet hätte? Nicht wahr, ihr versteht mich: ich meine nicht die Schadenfreude, die sich selbstgerecht über jene Menschen erhebt; ich meine nicht die Freude am Bösen, die sich daran ergötzt, überall Schlechtigkeiten zu entdecken, um dann mit Fingern darauf zu zeigen. Nein, nein — denn das sind ja nicht Andere, die dort Christus ans Kreuz bringen, das sind <hi rend="italic">wir</hi> selbst, das ist <hi rend="italic">unsere</hi> Welt; was sie denken und tun, denken und tun <hi rend="italic">wir</hi>; die Schlupflöcher mit den schönen Namen, in denen sich ihr wahres Wesen verbarg, sind <hi rend="italic">unsere</hi> Schlupflöcher. Und wenn’s nun klar wurde am Karfreitag, wie der Feind der Menschheit in ihnen, unter ihnen, mitten drin in ihrer Herrlichkeit wohnte, so erkennen wir zugleich <hi rend="italic">unseren</hi> Feind. Ist das nicht eine Freude, ist das nicht die Morgenröte der anbrechenden Erlösung? Wir leiden ja doch gerade darunter, daß wir das Böse nicht sehen. O wenn wir es sehen würden, wir wären frei davon. Wenn wir es sehen würden, ein Schauer würde uns packen, wir würden uns sagen: das kann und will ich ja nicht sein, damit kann ich ja nichts zu schaffen haben. Der Gottesfunke in unserer Seele<note xml:id="n05">Die Vorstellung vom «Seelenfünklein» (<foreign xml:lang="lat">scintilla animae</foreign>) bzw. vom göttlichen Lichtfunken in der Seele findet sich in der Gnosis, im Neuplatonismus und in vielen Spielarten der Mystik; vgl. z.B. <bibl corresp="kbga-bibls-2447">
                                <persName ref="kbga-actors-4280">M. A. Schmidt</persName>, Art. «Eckehart», in: RGG<hi rend="sup">3</hi> II, Sp. 305.</bibl>
                        </note> würde hell <pb xml:id="p137" ed="pga"/> aufleuchten und alles das in uns und um uns verbrennen, was nicht göttlich ist. Aber wir sehen nicht: wir sehen wohl das offenbare Verbrechen, die groben Fehler und Laster, und bemühen uns, sie zu meiden, aber wir sehen den Feind nicht, den viel gefährlicheren Feind, der in dem steckt, was von Allen anerkannt und geliebt und gefördert und gelobt wird: in unseren Tugenden, in unserem <term ref="kbga-terms-807">Christentum</term>, in unserem Wohlstand, in unserer Kultur, in unserer Bildung, in unserer Gerechtigkeit. Wir gehen unseren Weg und fühlen wohl dumpf, daß etwas nicht in Ordnung ist, daß wir eigentlich alle leiden an einer geheimen Krankheit, aber nirgends können wir sie greifen. Wir sind unbefriedigt vom Leben, wir schütteln den Kopf über uns selbst, über die Welt und die Menschen, und dann trösten wir uns doch wieder, uns und Andere damit, daß ja getan werde, was man könne, daß doch recht viel Löbliches und Gutes da sei in uns und um uns. Und nach diesem Trost kommt doch wieder die dumpfe Unruhe, und wir wittern: irgendwo steckt ein Feind, der Feind, der uns schadet, bedroht, vergiftet, verbittert, den Atem nimmt. Was soll aus uns werden, was soll das Leben, wenn immer dieser Feind da ist? Oder ist’s nicht so? Seht einander an! Geht in die Häuser! Fragt einander! Wieviel glückliche Menschen, wieviel gute Gewissen, wieviel Sonnenschein, wieviel wirkliche Lebensfreude und Lebensruhe ist unter uns zu finden — trotz allem Guten, das wir haben und tun?! Und nun muß gerade dieser verborgene Feind an den Tag, darf sich nicht mehr verstecken in jenen schönen Schlupflöchern und Burgen, muß sich zeigen, wo er ist und wie er ist und wer er eigentlich ist. Das ist der große Triumph von <placeName ref="kbga-places-405">Golgatha</placeName>. Denn wenn der Feind des Lebens, der Menschheit, der Feind Gottes sich erst einmal zeigt, so ist er auch geschlagen.</p>
          <p>Ich möchte etwas vom Krieg sagen. Im Krieg, so schrecklich er ist und so merkwürdig das klingen mag, ist eine große Freude verborgen: die Freude, daß der Feind sichtbar wird. Wenn die Menschen sich vom Geld regieren lassen, wenn sie sich mit Gewalt Recht verschaffen wollen, wenn sie ihr Interesse über die Liebe stellen, wenn ihnen ihre Ehre mehr wert ist als die Gerechtigkeit, dann — was dann? Dann müssen die <pb xml:id="p138" ed="pga"/> Menschen irgendeinmal oder immer wieder mit Schützengräben und 42-cm-Geschützen<note xml:id="n06">Der deutsche Mörser mit dem Kaliber 42 cm und einer Reichweite von 14 km, gebaut von der Firma Krupp, wurde die «Dicke Berta» genannt. Eine Abbildung bringt die <bibl corresp="kbga-bibls-2446">
                                <hi rend="italic">Brockhaus Enzyklopädie</hi>, Bd. VIII, Mannheim 1989<hi rend="sup">19</hi>, S. 409.</bibl>
               </note> und Unterseebooten und Torpedos und Fliegerbomben einander zu Leibe gehen, dann muß das Blut fließen stromweise, dann müssen die Witwen und Waisen ihr Leid zum Himmel schreien, dann müssen die Völker einander hassen und aushungern und zu Grunde richten. Da hilft ihnen keine Wohlfahrt und keine Kultur, keine Bildung und kein <term ref="kbga-terms-807">Christentum</term>, keine Kunst und keine Tugenden. Da muß der Tod Gewalt haben über Allem. Da muß Krieg sein. Über diese Folgen erschrecken wir jetzt und reden sentimental von den armen Menschen, die es trifft, und bedauern uns selbst im Voraus für den Fall, daß es uns auch noch treffen sollte. Warum wollen wir uns nicht lieber freuen, daß wir jetzt, durch diese Folgen geweckt, einmal den Feind sehen können, der uns tatsächlich immer beunruhigt und plagt, der uns höhnisch lachend hintereinander und abwechselnd und miteinander die «kleinen» Übel der Friedenszeit und die «großen» Übel der Kriegszeit, die Übel im Safenwiler Leben — und die Übel in deinem und meinem Charakter bereitet!</p>
          <p>O wenn wir ihn einmal <hi rend="italic">sehen</hi>, dann hat er keine Kraft mehr, dann hört das alles auf mit den Übeln des Lebens, den großen und den kleinen. Und jetzt können wir ihn sehen. Aber der Krieg ist ja nur ein Abbild des Kreuzes Christi. Hier wie dort entsteht eine große Klarheit: die Klarheit darüber, daß uns alles Gute und vielleicht Vortreffliche, das wir haben mögen in unserem Wesen und in unserem Charakter, das wir tun mögen in unserem Leben, in unserer Welt, daß uns das alles nichts hilft, daß wir mit dem allem und trotz dem allem zu den größten, entsetzlichsten Sinnlosigkeiten im Stande sind, daß uns trotz dem allem das wahrhaftige Leben verschlossen ist, — wenn uns das Eine fehlt. Was ist das Eine? Wo ist der Feind? Wir haben uns von Gott abgewandt. Wir waren in der Heimat des Lebens und haben sie verlassen, um in die Wüste zu laufen, wo es nur Sand und Steine gibt. Wir waren an der Quelle der Wahrheit und der Seligkeit und sind davongerannt, um uns selber löchrige Brunnen zu graben [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jer.2.13">Jer. 2,13</ref>]. Wir konnten mit ihm leben, dem wir gehören und der unsere Lebensluft ist, und wir haben nun uns <pb xml:id="p139" ed="pga"/> selbst so lieb bekommen, daß wir ihn ganz vergessen haben. Ja, wir haben auch alles mögliche Gute, das von Gott kommt und uns an Gott erinnert, haben Familie und Vaterland und Wohlstand und Zivilisation und gute Tugenden und Eigenschaften, und den Staat, die Schule, das <term ref="kbga-terms-807">Christentum</term> und den Fortschritt. Wir haben es, aber wir haben es wie Kinder, die mit leeren Konservenbüchsen spielen, wir haben nichts davon als die Erinnerung: da wäre etwas, was eigentlich göttlich ist. Merken wir es, daß wir das alles eben nur mit Gott haben können, wenn es uns ein Segen sein soll? Daß es uns zum Fluch wird, wenn wir es ohne Gott haben und brauchen wollen, daß wir es dann zu nichts Anderem brauchen können, als um uns vor Gott zu verstecken, uns damit gegen Gott zu wehren, wie sich <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> und <persName ref="kbga-actors-2841">Eva</persName> im Paradies hinter den Bäumen Gottes versteckt haben [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.3.8">Gen. 3,8</ref>]? Seht, nun sagt uns das Kreuz Christi, nun sagt uns der Krieg: so geht’s zu, so muß es zugehen ohne Gott, da, wo die Menschen den inneren Grund und Halt, die innere Wahrheit ihres Lebens verloren haben.</p>
          <p>Meine Freunde, das ist keine Strafpredigt, die da vom Kreuze Christi an uns ertönt, das ist das Wort von der Versöhnung [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.19">2.Kor. 5,19</ref>]. Unser Leben darf wieder Leben mit Gott, Leben aus Gott sein, wird wieder Leben aus Gott, so lautet dieses Versöhnungswort. Denn da wird uns nicht unsere Schuld, die Schuld der Menschheit vorgehalten, da wird unsere Schuld aufgehoben und hinweggetragen und auf die Seite gebracht durch die Erweisung einer wunderbaren Güte. Nicht wird uns da strenge gesagt: euch fehlt Gott!, nein, Gott kommt einfach in seiner Herrlichkeit und füllt aus, was uns fehlt, schenkt uns sich selber, legt uns vor die Füße die sel’ge Heimat, läßt vor uns aufsprudeln die Quellen des wahrhaftigen Lebens, läßt wieder wehen seinen Lebensodem. Denn größer und stärker als all das Böse, das sich auf <placeName ref="kbga-places-405">Golgatha</placeName> offenbart und bloßgestellt hat, ist doch der Gehorsam und die Liebe, die Christus dort unter der Last der menschlichen Sünde bewiesen hat. Seht, der Glaube und die Liebe und die Hoffnung, das Dulden und Fürbitten und Warten Christi am Kreuz, das alles funkelt jetzt so hell von Gott her in unsere Seele, daß wir einfach nicht bleiben können bei unserem bisherigen Leben ohne Gott, in unserem bisherigen Wesen, an dem wir so gar keine Freude und kein Genügen hatten, in unserer bisherigen Welt, die so voll war von Leid und Unrecht. Es zeigt uns etwas ganz Anderes, nämlich die Majestät und Herrlichkeit Gottes sternen <pb xml:id="p140" ed="pga"/> hoch über unserem Menschenwesen und zugleich seine ewige Liebe, dem doch kein Menschenkindlein gleichgültig und verloren ist, der uns alle im vollsten Ernst als die Seinigen betrachtet und zu sich zieht trotz unserer Zweifelhaftigkeit, Unart und Steckköpfigkeit<note xml:id="n07">= Starrköpfigkeit.</note>.</p>
          <p>Und mit Gott wird uns da mit einem Schlag der neue Mensch bekannt, der Mensch, der wir eigentlich sind, wenn aller falsche Schein von uns abgefallen. Das <hi rend="italic">warst</hi> du!, sagt uns Christus, und das war eure Welt!, und sieht auf seine Feinde hin. Und das <hi rend="italic">bist</hi> du!, ertönt jetzt die Stimme, und jetzt dürfen wir ihn selber ansehen, und das <hi rend="italic">ist</hi> eure Welt, ihr Menschen! Dort <hi rend="italic">waren</hi> die Lügen, das Unrecht, der Hochmut, die Gleichgiltigkeit, hier <hi rend="italic">ist</hi> die Wahrheit, die Gerechtigkeit, der Weg, die Wahrheit und das Leben [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.14.6">Joh. 14,6</ref>] — der Mensch, wie er ist. O, wie gehen uns nun die Augen auf! Nun, wo wir Gott wieder haben und Gottes sind, merken wir, wo es uns fehlte, nun verstehen wir, wie unser ganzes Leben ein Spiel mit leeren Hülsen und Büchsen war. Und das verstehen wir nun, nicht unter Bitterkeit und Seufzen, sondern als eine rechte Freudenerkenntnis, gerade weil unsere Lage so furchtbar ernst und gefährlich war. Natürlich kann man doch nicht sein ohne Gott, den Lebensgrund und Lebensquell, denn natürlich ist doch ein Leben ohne die innere Wahrheit, die er gibt, kein Leben. Das kann ja nicht anders sein, aber eben darum können wir nicht mehr in diesem Leben sein. Natürlich muß doch aus solcher Gottesferne der Hochmut hervorwachsen und die Selbstgerechtigkeit, der Geldhunger und der Machtdünkel, der Haß und der Konkurrenzneid und daraus dann wieder die Kreuzigung Christi und der europäische Krieg. Das ist die innere Gesetzmäßigkeit des Bösen, die nicht anders sein kann. Aber das alles ist doch nun eben nicht mehr. Dieser Zusammenhang des Todes liegt hinter uns als etwas, das abgetan ist. Wo die Sünde mächtig geworden ist, da ist die Gnade umso mächtiger geworden [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.20">Röm. 5,20</ref>]. Wo das Dunkel gewaltig war, da strahlte umso heller das Licht und hat das Dunkel überwunden. Wo der europäische Krieg und seine unsäglichen Opfer aufs deutlichste die Verkehrtheit unserer sozialen und staatlichen Verhältnisse an den Tag stellte, da hat das Evangelium vom Reiche Gottes auch ganz anders zu leuchten begonnen. Wo Christus von der tiefen, tiefen Schuld der Menschheit ans Kreuz geschlagen stirbt, da ist erst recht die Liebe Got<pb xml:id="p141" ed="pga" break="no"/>tes in die Menschheit hineingetragen. Versteht ihr nun, warum uns das mit tiefer, stiller Freude erfüllen muß, was auf <placeName ref="kbga-places-405">Golgatha</placeName> geschehen ist und was jetzt in den schweren Leiden der Völker geschieht? Weil da das Ende des bösen, das Ende des alten Menschen und der alten Welt angebrochen ist. Und das Ende des Bösen ist da, weil es da gerichtet, in seinem tiefsten Wesen und seiner ganzen Ausdehnung erkannt und bloßgestellt ist. Und erkannt ist es da, weil da gerade eine wunderbare Güte offenbar geworden ist und offenbar wird in Jesus und seinem Evangelium, vor der alle Menschengüte, aber auch alle Menschenschwachheit klein werden müssen. Und diese wunderbare Güte kann sich uns offenbaren in Jesus, weil Jesus getrieben und getragen war von der Liebe Gottes. Ist das nicht ein rechter Freudentag, der Karfreitag, gerade dies Jahr, in dieser dunklen Zeit, der uns Solches zu sagen hat?</p>
          <p>Da leuchtet die Wahrheit auf und triumphiert über allen Schein. Da bricht das wahrhaftige Leben auf mitten aus all unserem unvollkommenen, unbefriedigten, verknorzten Wesen. Da wird der Grund unseres Daseins und Wesens wieder sichtbar. Da ist die Rückkehr der Menschheit, deine und meine Rückkehr zu unserem Ursprung, zu dem, was wir eigentlich sind, nach all den Schwindeleien und Torheiten, in denen wir uns bewegten. Da steht Gottes Welt weit offen, die Welt der Wahrheit und der Gerechtigkeit. Und das alles für uns. Nichts kann uns mehr hindern, nichts mehr uns trennen von dem, was Gott uns da gibt. Unsere Schuld? Er trägt unsere Schuld. Unsere Sünde? Sie ist nicht mehr. Unsere Fehler und Laster? Unsere «Verhältnisse» und «Probleme»? Was sind sie, wenn Gott uns sein Leben schenkt? — Und wir? Was haben wir bei dem allem zu tun? Nur dankbar zu sein für die Freude, die Gott uns macht. Dankbar sein ist Alles.</p>
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        <div type="closer">
          <salute>Amen.</salute>
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        <div type="songs">
            <head>Lieder:</head>
          <listBibl type="songs">
            <bibl corresp="kbga-songs-84" type="song">Nr. 112: «O Haupt voll Blut und Wunden» von <persName ref="kbga-actors-131">P. Gerhardt</persName>, Strophen 1-3 (= GERS [1952] 148,1-3; EG 85,1.2.4)</bibl>
            <bibl corresp="kbga-songs-26" type="song">Nr. 132: «Jesus lebt, mit ihm auch ich» von <persName ref="kbga-actors-1000">Chr. F. Gellert</persName>, Strophen 1-3.5.6 (= GERS [1952] 169,1-3; EG 115,1-3)</bibl>
            <!--<item><ref type="pub" subtype="bib1-ein1920" target="b0112">Nr. 112</ref>: «O Haupt voll Blut und Wunden» von P. Gerhardt, Strophen 1-3
(<bibl><title level="m">GERS [1952]</title> 148, 1-3</bibl>; <bibl><title level="m">EG</title> 85, 1.2.4</bibl>)</item>
            <item><ref type="pub" subtype="bib1-ein1923" target="b0132">Nr. 132</ref>: «Jesus lebt, mit ihm auch ich» von Chr. F. Gellert, Strophen 1-3 (<bibl><title level="m">GERS
[1952]</title> 169, 1-3</bibl>; <bibl><title level="m">EG</title> 115, 1-3</bibl>)</item>-->
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