Predigt: Matthäus 11,12
Das ist nun gewiß ein Wort Jesu, das Viele von uns in diesem Augenblick zum ersten Mal gehört haben. Und kein Pfarrer darf es uns übelnehmen, wenn es uns unbekannt und fremdartig vorkommt. Denn es ist wirklich, obwohl es in allen unseren Bibeln steht, ein fremdartiges, außerordentliches Wort. Man kann von ihm nicht sagen, daß es für alle Zeiten und Lebenslagen wahr und gut sei. Es ist nicht gesundes Hausbrot für alle Tage, sondern starke Speise für besondere Zeiten. Denn |23 auch das Gottesreich kennt «gewöhnliche» Zeiten, lange Tage, Wochen, Jahre und Jahrhunderte, wo scheinbar gar nichts oder fast nichts sich rührt und bewegt, Zeiten des Wartens und Reifens und Welkens — und dann wieder besondere Zeiten, wo etwas fertig wird und etwas Neues anfängt, wo die Ernte in die Scheunen gebracht und das Unkraut verbrannt [vgl.
Es war eine besondere Zeit «von den Tagen
Die Stürmer! Es braucht jetzt etwas Anderes als sonst: nicht bloß stille Arbeiter und Dulder und Beter, sondern Stürmer: Menschen, die mit Klugheit den einzigartigen Moment wahrnehmen, die es merken: jetzt ist eine Gelegenheit da, die es zu ergreifen gilt. Menschen, die den Willen haben, einen Entschluß zu fassen und auszuführen, die sich nicht fürchten, ihre Seele packen zu lassen von den mächtigen Kräften des nahenden Gottesreichs. Menschen, die sich nicht bedenken, sich herausreißen zu lassen aus allerhand bequemen Stimmungen und Gedanken und Gewohnheiten, etwas dranzugeben, selbst wenn es etwas sehr Liebes wäre, sich selber zu opfern, wenn es sein muß, weil es ein Ziel gibt, das unendlich viel mehr gilt als Alles, was wir haben und verlieren können. Menschen, die mit kühner Rücksichtslosigkeit nur noch auf den Ruf hören: die neue Welt, die Gotteswelt ist da; die nicht mehr im Tal sein wollen, sondern auf dem Berg, die fortan vom Berg aus sehen und beten und denken wollen, die fortan die Bedenken des gesunden Menschenverstandes, der Klugheit, der Vorsicht nicht mehr gelten lassen wollen, sondern nur noch die eine Wahrheit, daß Gott unser Vater ist, wir aber alle Brüder [vgl.
Die besondere Zeit fordert ganz besondere Menschen, und nur besondere Menschen sind fähig, die Früchte zu pflücken, die jetzt reif ge|26worden sind, die Saat auszuwerfen, die jetzt gesät worden ist. Wohl denen, die jetzt besondere Menschen werden unter dem ungeheuren Eindruck der Taten Gottes und um dieser Taten Gottes würdig zu sein. Wohl denen, die sich jetzt hingeben, die jetzt zugreifen, die jetzt still werden und lieben können. Wohl denen, die sich jetzt von Allem abwenden können, was nicht Gott ist, die sich jetzt lösen können von allem noch so Schönen, was sie unten halten [will], um sich ganz zu verpflichten und zu binden an die Kräfte der Freiheit und des Lebens, die sie nach oben reißen wollen. Selig sind, die jetzt arm sind im Geist, die nichts Anderes denken und wollen, denn ihrer ist das Himmelreich [vgl.
Und das fragt er nun auch uns. Denn auch wir leben jetzt in einer besonderen Zeit. Ein Menschheitssonntag ist jetzt angebrochen, furchtbar und doch herrlich, wie er lange nicht mehr dagewesen ist und lange nicht mehr so wiederkehrt. Und nun redet Gott in außerordentlicher Weise mit uns, und das Himmelreich tritt uns wieder einmal greifbar nahe. Und durch die gewaltigen und erschütternden Vorgänge der Zeit, die wir erleben, tönt wiederum die klare, suchende, werbende Stimme des Gottessohnes von
Denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Es ist besondere Zeit, weil es Notzeit ist. In der Not kommt immer Gott zu uns, um wieviel mehr in so gewaltiger Not, wie die Menschheit sie jetzt durchmacht. Geld und Gut, Leib und Leben sind in große Unsicherheit geraten. Millionen von Menschen sind ihrer Habe und Heimat beraubt, Millionen Anderen ist das liebste, treuste Herz, das sie auf Erden hatten, genommen. Millionen Andere sind in den Urzustand des menschlichen Lebens zurückgeworfen, wo der Mensch unter freiem Himmel lebte und mit den Mitmenschen kämpfte wie das wilde Tier, ärger, grausamer als das wilde Tier. In solcher Not müssen uns sicher Gott und sein himmlisches Reich näher kommen als je zuvor. Von selber fließen unsere Gedanken aus dem Graus der Erde zu dem, der der Vater des Lichtes [vgl.
Ist das nicht das Himmelreich, das nahe herbeigekommen ist? Ja, es ist etwas daran, es ist ein Stück Himmelreich, daß wir jetzt Gottes Macht wieder einmal spüren in unserer Ohnmacht. Daß uns jetzt einmal so viele Torheiten gewaltig aus der Hand geschlagen sind und wir wieder einmal wissen, auf was es eigentlich ankommt. Daß uns deutlicher geworden ist als je, wo wir Zuflucht und Seligkeit haben und wo nicht. Wer jetzt ein Stürmer des Himmelreichs würde! Wenn wir jetzt den faulen Trost aufgeben wollten, daß die Not uns vielleicht nicht bis an den Hals gehen wird! Wenn wir jetzt durchdringen würden zu der Erkenntnis: Gleichviel, ob die Not leichter oder schwerer ist, es ist dunkel in dieser Welt, Herr, ich kann allein nicht gehen5, hilflos sehne ich mich nach dir! Wenn uns die Not dazu brächte zu beten, wie wir noch nie gebetet haben, Gott zu suchen, wie wir ihn noch nie gesucht haben, eins zu werden mit seinem gnädigen Willen über uns, wie es Jesus in größter Not geworden ist [vgl.
Aber, meine Freunde, die Stürmer des Himmelreichs, wenn wir jetzt wirklich solche sind, werden dabei nicht stehen bleiben und sich beruhigen können, den gefunden zu haben, der über dem Getümmel steht und in dem wir jetzt in herzlichem Vertrauen Halt und Freudigkeit finden können. Sie wären nicht die Wahren, wenn sie nicht weiterstürmen müßten nach höheren Zielen, nicht weitergreifen nach anderen, noch |29 köstlicheren Gaben Gottes. Diese Zeit ist eine Zeit großer Aufgaben. Ich denke jetzt vor allem an die kriegführenden Völker, aber auch an uns. Was gibt ihnen jetzt da draußen den Mut, zu vertrauen und zu warten und durchzuhalten in ihrer furchtbaren Not? Das Bewußtsein, daß jetzt eine Zeit großer Pflichten ist. Ihre Pflichten helfen ihnen ihre Sorgen tragen, wie es uns ja auch im täglichen Leben geht. Wir wissen, was wir als Christen vom Krieg und Kriegführen zu denken haben, aber darum ist’s doch wahr, daß es etwas Wundervolles, etwas Göttliches ist um dieses einmütige Einstehen all dieser Millionen für die Gemeinschaft ihres Vaterlandes. Um dieses Einstehen nicht mit billigen Worten, sondern mit der Tat, mit Leben und Gut und Blut. Darin ist auch ein Stück Himmelreich, wie da auf einmal alle kleinen selbstischen Interessen, alle noch so großen Gegensätze schweigen und zurücktreten mußten, weil es galt und gilt zu handeln, weil alle nichts mehr wollen als sich einsetzen für ihre Brüder, für ihr Volk, für ihr Vaterland. Eine frische, herbe, gesunde Luft atmen sie jetzt da draußen, eine Luft von Entschlossenheit, Ernst und Opferwilligkeit sondergleichen. Daran sollten wir viel mehr denken, wenn wir über die fremden Völker jetzt reden, sonst verstehen wir sie nicht, sonst tun wir ihnen Unrecht. Freilich dürfen wir dann nicht parteiisch sein6, müssen anerkennen, daß dieses große Stück Himmelreich nicht etwa nur bei einem Volk sich findet, sondern wirklich überall. Von allen Völkern bis hinunter zu den Serben, die man bei uns ganz mit Unrecht verachtet7, hört man, daß sie von diesem ernsten, freudigen, starken Geist erfüllt sind.
Wir stehen neben den Ereignissen, wir Schweizer. Wir segnen uns, daß wir von den Kriegsstürmen bis jetzt verschont sind. Das ist ganz recht, aber entgeht uns nicht vielleicht dabei das Gute, das jene jetzt im Sturm und unter bitteren Leiden gewinnen und von dem ihnen sicher |30 nach dem Krieg etwas erhalten bleiben wird? Ich glaube, es gibt viele nachdenkliche Menschen in unserem Lande, die im Stillen denken, es hätte auch uns gut getan, wenn der Sturm uns gepackt und geschüttelt hätte wie die Anderen, damit wir gezwungen würden, das Kleine fahren zu lassen und das Große zu ergreifen: die Gemeinschaft und den rechten Brudersinn und das Verzichten und Drangeben des eigenen Wohles um des Ganzen willen! Wir wollen das nicht wünschen. Aber wenn es Gottes Wille ist, daß wir durch diese Zeit hindurchgehen, ohne daß unsere Herzen und Gewissen auf die furchtbare Probe gestellt werden, wie es jetzt den Deutschen, den Franzosen und allen anderen widerfährt, so ist es doch sicher nicht sein Wille, daß das Stück Himmelreich, das jenen jetzt so nahe kommt, uns fremd bleibe. Es kommt auch uns nahe. Wollen wir denn darauf warten, daß Gott auch uns in die Schule des Leides und der Not nehme, um uns zu großen Gedanken und großem Tun endlich zu zwingen? Warum wollen wir uns nicht als Zuschauer und gerade als Zuschauer des ungeheuren Ringens da draußen sagen lassen, wie erbärmlich der Schlafzustand war, in dem auch wir uns befanden, jeder auf seinem Weg? Wie das wahre Leben nicht ein knickeriges, behutsames, ängstlich schleichendes Dasein sein darf, sondern ein Heldentum, ein Sich-einsetzen-und-drangeben-Können, ein Leben in tiefem Ernst, der geradeaus sieht, und in heller Freude, die nach oben sieht? O wenn wir doch jetzt stürmen wollten auf dieses höhere Leben, von dem jetzt die Welt voll ist, um auch daran Teil zu haben, um auch solche Menschen zu werden, wie sie jetzt draußen zu tausenden und lausenden sind, aber mit besseren, edleren Zielen denn als Mord und Zerstörung. Die Tage werden sicher wieder kommen, wo auch dieses Stück Himmelreich wieder verschwinden und die Welt wieder voll sein wird von Feigheit und Krämergeist und Kleinlichkeit. Jetzt weht Heldengeist auf der Erde. Selig die von uns, die unseren Friedenszustand nicht vertrödeln und verplempern in Gedankenlosigkeit und Geschwätz, sondern [ihn benutzen,] um als Stürmer auch etwas an uns zu reißen von diesem Heldengeist der heutigen Zeit.
Aber noch dürfen und können wir nicht innehalten, auch hier nicht, wenn es uns wahrhaft um das Himmelreich zu tun ist. Gott zeigt uns mehr als das, ja wer nicht mehr als das sieht, der hat das Eigentliche, die Hauptsache noch nicht gesehen, die Gott uns jetzt zeigen will. Der ist kein Stürmer des Himmelreichs, meine Freunde, der sich jetzt dabei be|31ruhigen kann, daß er in der Unruhe der Welt den Frieden Gottes habe. Und der ist kein Stürmer des Himmelreichs, der jetzt sein Herz erhebt an dem gewaltigen Zug von Entschlossenheit und Tatkraft, der jetzt durch die Welt geht, und auch wohl selber das Seine tut in Liebe zu Volk und Vaterland. Kein Stürmer, wie Jesus sie haben wollte. Gott hat uns noch viel Größeres zu sagen an diesem Menschheitssonntag, und das Gottesreich, das uns jetzt nahe kommt, ist mehr und schöner als Alles, was wir bis jetzt genannt haben.
Unsere Zeit ist eine besondere Zeit, weil sie eine Jesuszeit sondergleichen ist. Das Gottesreich ist ja doch nicht ein unbestimmter Gottesfriede und nicht ein unbestimmtes Heldentum, sondern das Gottesreich ist der Sieg Jesu, der Gottesfriede und Heldentum zugleich ist im Geist und in der Wahrheit. Und ein solcher geschieht jetzt, einen solchen können wir jetzt stürmend an uns reißen, wenn wir die Augen offen und den Willen bereit haben, anzunehmen, was auf uns wartet. Ja, ein Sieg Jesu, so merkwürdig es scheinen mag. Oder war das nicht ein Sieg Jesu, als er, ans Kreuz geschlagen von der ganzen Welt, verlassen von seinen besten Freunden, Gott verherrlichte und für seine Peiniger um Vergebung bat [
Anders als diese ganze Welt voll Verbrechen und Entsetzen ist jetzt schließlich nur Einer, nämlich der Geist Jesu, der verborgen in all den |32 Millionen lebt, den sie jetzt unterdrücken und verleugnen müssen und den sie doch nicht zum Schweigen bringen, nicht als Kriegsgott anbeten können. Wieder ist er ans Kreuz geschlagen, wieder ist er ein einsamer Fremdling in der Welt, verachtet und verstoßen, ohne Gestalt noch Schöne [
Und nun, meine Freunde, stehen wir noch einmal vor der Frage, ob wir das Himmelreich als rechte Stürmer an uns reißen wollen. Die Klarheit Gottes ist nun wieder einmal da; ob sie auch für uns da ist? Leuchtend hebt sich vom dunklen Himmel der Zeitereignisse das Bild unseres Meisters ab; ob dieses Bild nun hineinleuchtet in unsere Seele? Gewaltig erhebt sich alles Göttliche, was in uns schlummert, und ruft es hinaus, ob wir es wollen oder nicht: der da, der Mann am Kreuz, mit seiner Botschaft von dem Gott, der aller Menschen Vater ist, mit seiner Botschaft vom Vergeben und Tragen und Friedestiften, mit seiner Botschaft von der Alleingewalt des Geistes — der hat Recht, und wir mit unserem Wahn haben Unrecht und beweisen es, indem wir uns jetzt im Krieg gegenseitig vernichten. Werden wir diesem Göttlichen in uns, das sich nach Jesus ausstreckt, nachgeben? Nun braucht’s scharfe Augen! nun braucht’s einen fröhlichen Willen! nun braucht’s ein starkes Herz! nun braucht’s Stürmer, die rücksichtslos zugreifen und nehmen, was zu nehmen ist. Und diesmal haben wir Schweizer, wir armen Schweizer, die wir von Gottes Sturm verschont sind, [es] nicht schwerer, sondern leichter als die Anderen. Unverwim durch Not und Haß und andere Aufregung dürfen wir jetzt unverwandt auf Gott selber schauen und auf den, den er uns gesandt hat, in dem allein Leben und Unsterblichkeit ist. Werden wir die Stürmer sein, die es jetzt braucht, die die Anderen nachher so nötig haben werden, wir, denen es so leicht gemacht ist?
33 Was für ein Sonntag voll Sonne und Seligkeit und Kraft würde das sein, meine Freunde, wenn wir heute — an diesem großen, besonderen Heute, das wir jetzt erleben dürfen — zu Stürmern des Himmelreichs werden würden. Was für andere Werktage würden dann folgen, wenn wir jetzt zugreifen, wo uns das Gottesreich so nahe gekommen ist? Seht, dann kann uns Gott weiterführen von einer Offenbarung zur anderen, bis sich einmal die Erde unter uns verwandelt in die neue Erde und der Himmel über uns in den neuen Himmel [vgl.
- Nr. 297: «O Durchbrecher aller Bande» von
G. Arnold (= GERS [1952] 306; EG 388)