Predigt: Römer 6,23 (Ostersonntag): "Tod - aber Leben!"
Habt ihr es recht gehört? Tod — aber Leben! Wenn wir in diesen Tagen uns gegenseitig «gute Ostern» oder «frohe Ostern» wünschen, dann wollen wir bedenken: es geht um diese große Sache: Tod — aber Leben. Das sind zwei Worte, die in der Bibel auch an anderen Stellen gewaltig nebeneinander stehen. Etwa im zweiten Timotheusbrief (
Beachten wir das Wort «aber»! Tod und Leben sind nicht einfach zwei Worte, Begriffe, Ideen, sondern was damit beschrieben wird, ist ein Weg, eine Geschichte, geschehen in unserem Herrn Jesus Christus, am Ostermorgen, in seiner Auferstehung von den Toten. Damals ein für allemal, damals in ihm geschehen, aber schon damals für uns, so daß, was dort in ihm geschah, auch unsere Geschichte ist: Tod — aber Leben, ewiges Leben! Und darum: «Wir wissen, daß wir aus dem Tode ins Leben hinübergegangen sind.»
Beachten wir auch die Reihenfolge! Es heißt nicht: Leben, aber dann Tod! Es heißt nicht: aus dem Leben hinüber in den Tod! 168 Ja, das wäre freilich unser Fahrplan. Zuerst jung sein, dann älter und alt werden, ein wenig glücklich sein und so oft auch unglücklich, ein bißchen |139 Gutes tun und noch viel mehr Böses, endlich und zuletzt aber sterben und dann verwesen auf irgend einem Friedhof oder in alle Lüfte zerstreut werden im Krematorium. Das ist unser Fahrplan — der Fahrplan Gottes aber sieht anders aus. Mit Tod und Grab fing die Ostergeschichte an, dann aber kam das Aber!, dann hieß es: Vorwärts!, und das auf einer Einbahnstraße, auf der es keine Umkehr gab, hinein ins Leben, ins ewige Leben. Wie es in einem unserer Osterlieder heißt:
Der Sünde Sold ist Tod. Mit diesem Anfang der Ostergeschichte werden wohl auch wir jetzt anfangen müssen.
«Der Sünde Sold» heißt da der Tod. Es könnte auch heißen: der Lohn, das Entgelt, das Gehalt, das die Sünde denen ausbezahlt, die in ihrem Dienst stehen, die für sie arbeiten. Merkwürdig, wie beim Militär der Fourier erscheint da die Sünde — oder wie in einem Geschäft der Arbeitgeber oder sein Kassier, der seine Arbeiter und Angestellten auszahlt: Da hast du, was dir nach Fug und Recht gehört, was du mit deiner Leistung verdient hast. Stimmt die Rechnung? Schau sie dir genau an! Nicht wahr, sie stimmt ganz genau: das ist es, was du verdient hast, da hast du es: den Tod, nicht mehr, nicht weniger, nichts Anderes.
Aber was ist das für ein Fourier oder Arbeitgeber: die Sünde, 169 die da so gewaltig auszahlt? Wir mögen jetzt wohl an alles das denken, was der Mensch verkehrt, verdreht, dumm, selbstsüchtig, ungütig, bösartig anstellt, denkt, redet und tut. In dem allem wird die Sünde in der Tat sichtbar wie in seinen Früchten ein Baum. Aber das alles ist noch nicht die Sünde selbst, deren Sold der Tod ist. Sie ist nicht nur das Bösartige, |140 das wir tun. Sie ist das Böse in uns: das Böse, das wir sind. Wollen wir es unseren Hochmut oder unsere Faulheit, oder wollen wir es die Lüge nennen, in der wir leben? Nennen wir es diesmal ganz einfach den großen Trotz, in welchem wir alle Gottes und unserer Mitmenschen, aber auch unsere eigenen Feinde sind und immer wieder werden müssen. Dieser Trotz in uns allen ist die Sünde und ist der Herr und Meister, dem wir dienen, für den wir arbeiten und der uns dafür mit dem Tode bezahlt. Einen anderen Lohn als diesen hat dieser Herr und Meister uns nicht zu bieten, einen anderen haben wir auch nicht verdient. Diesen Lohn aber bleibt er uns — und da gibt es keinen Widerspruch — nicht schuldig.
Und was ist der Tod als der Lohn, mit dem die Sünde uns bezahlt? Wir müssen auch hier ein wenig über das hinausdenken, was uns zunächst einfallen mag, wenn wir das Wort «Tod» hören. Es geht nicht nur darum, daß wir einmal sterben müssen. Der Tod ist etwas viel Größeres und Gefährlicheres. Er ist das große Nein, das wie ein schwerer, dunkler Schatten über unserem Menschenleben steht, ihm in allen seinen Bewegungen folgt, das Urteil nämlich, welches lautet: Du Mensch, dein Leben, oder was du für dein Leben hältst, hat keinen Sinn, weil es kein Recht hat und darum auch keinen Bestand haben kann. Dein Leben ist ein abgelehntes, ein verworfenes Leben: ein solches, das für Gott, für deinen Mitmenschen und auch für dich selbst keinen Wert hat. «Tod» heißt: daß dieses Nein über uns gesprochen ist. «Tod» heißt: daß wir nur 170 vergehen und verderben, zu Staub und Asche werden können. Das ist der Tod, den uns die Sünde bezahlt. Dieses Nein, dieses Urteil steht auf unserem Lohnzettel. Und wenn wir einmal werden sterben müssen, dann wird das auskommen und sichtbar werden: der Sünde Sold ist Tod.
Nun, eben das ist unsere Geschichte. Man kann wohl auch sagen: die ganze Weltgeschichte ist eine einzige Darstellung dessen, daß der Sünde Sold Tod ist. Aber lassen wir jetzt die Weltgeschichte beiseite. Man versteht sie ja ohnehin am besten, wenn man an seine eigene Lebensgeschichte denkt. Und da gilt es bei uns allen ganz klar: der Sünde Sold ist Tod.
Nun paßt aber gut auf: Seht, darum lag Jesus Christus am Anfang der Ostergeschichte als ein Toter im Grab — darum hat er gelitten, darum ist er gekreuzigt worden, darum gestorben und darum begraben worden, |141 weil er diese unsere Geschichte seine Geschichte sein lassen wollte, weil er unsere Sünde auf sich nahm, als hätte er sie begangen, und sich dazu stellte und hergab, um von der Sünde den Lohn, den sie bezahlt, an unserer Stelle in Empfang zu nehmen. Das ist es, was er gewollt und was er getan hat. Darum fing die Ostergeschichte damit an, daß Jesus Christus als ein Toter im Grabe lag. Wir alle lagen dort. Der Lohn unserer Sünde ist dort ausbezahlt worden. Unser Tod hat sich dort an unserer Stelle ereignet. Das Nein, das uns gilt und trifft, ist da gewaltig über Ihn, über diesen Einen, der kein Sünder war, den Tod nicht verdient hatte, hereingebrochen und an Ihm bis zum bitteren Ende vollzogen worden.
Aber die Gnadengabe Gottes ist ewiges Leben. Wir sprachen vom schlimmen Anfang der Ostergeschichte. Das ist ihr herrliches Ziel, ihr wunderbares Vorwärts!, das die Einbahnstraße, auf der diese Geschichte verlief und auf die in dieser Geschichte 171 auch wir versetzt sind: der Weg, auf dem wir mit der Sünde auch den Tod, der der Sünde Sold ist, nicht mehr vor uns, sondern nur noch hinter uns haben können.
Ewiges Leben: dahin ging dort die Reise, und dahin geht, weil die Ostergeschichte auch für uns geschah, auch unsere Reise. Nicht zurück, liebe Brüder und Schwestern, nicht wieder hinein in ein Leben, in dem doch wieder im Dienst der Sünde, unseres bösen Trotzes gearbeitet würde und doch wieder der Tod als Lohn der Sünde in Empfang zu nehmen wäre. Nein, hinein, hinüber ins ewige Leben! Ewiges Leben ist das Menschenleben, zu dem Gott Ja gesagt hat, und zwar ein für allemal, unbedingt und vorbehaltlos ein Ja gesagt hat, an dem nichts mehr zu ändern ist. Ewiges Leben ist das mit Gott, in seinem hellen Licht gelebte, durch sein eigenes Leben genährte und gespeiste Menschenleben. Ewiges Leben ist das in den Dienst Gottes und darum sofort auch in den Dienst der Anderen, der Mitmenschen versetzte Menschenleben, mit dem dann gewiß auch dem, der es leben darf, aufs beste gedient ist. Ewiges Leben ist starkes und nicht mehr schwaches, freudiges und nicht mehr trauriges, wahres und nicht mehr verlogenes Leben. Ewiges Leben ist, weil es von Gott kommt und von ihm erhalten wird, unzerstörbares Menschenleben: ein Leben, das über sein natürliches Ende im Sterben hinaus, das nun eben nicht mehr Tod sein kann und wird, dauernd Bestand hat.
142 Ewiges Leben ist aber Gottes Gnadengabe. Es ist also nicht auch wieder ein Sold, ein Lohn, ein Entgelt, ein Gehalt, wie der Tod der Sold der Sünde ist. Ewiges Leben ist nichts, was Gott uns schuldig wäre — ist nichts, was wir verdient hätten — ist keine Auszahlung für gut geleistete Dienste. Ewiges Leben steht auf keinem Lohnzettel, wie der Tod auf dem Lohnzettel der Sünde steht. Gott ist eben nicht wie die Sünde ein großer 172 Fourier oder Arbeitgeber oder Kassier mit einer Abrechnung in der Hand. Gott rechnet nicht ab. Ein ganz großer und vornehmer Herr ist Gott, der es sich vorbehalten hat, der daran seine Freude hat, die er sich nicht nehmen läßt, einfach zu schenken, einfach Gnade zu üben nach seinem Wohlgefallen. So schenkt er ewiges Leben. So ist Menschenleben als ewiges Leben seine ganz freie, seine Gnadengabe.
Wohlverstanden, das war das Ziel der Ostergeschichte, der Geschichte Jesu Christi, wie der Tod als der Sünde Sold ihr Anfang war. In der Auferstehung Jesu Christi von den Toten geschah, kam Gottes Gnadengabe, das ewige Leben in die Welt. Ihn, seinen lieben Sohn, ihn, seinen getreuen und gehorsamen Knecht, ihn, der sich dazu hergab, unsere Sünde zu der seinigen zu machen und unseren Tod an unserer Stelle zu sterben — ihn hat Gort aus dem Tode erweckt und aus dem Grab herausgerufen. Er war es, den Gott dort überkleidete mit ewigem Leben. Aber nun merkt wohl, meine lieben Brüder und Schwestern: ihn dazu, damit in ihm wir — ja wahrlich wir alle samt und sonders — der Gnadengabe des ewigen Lebens teilhaftig würden. Damit also in wunderbarer Umkehrung seine Geschichte die unsrige werde wie vorher unsere die seine. Das ist es, was in der Ostergeschichte, indem sie zu ihrem Ziel kam, geschehen ist. Das war das große Aber und Vorwärts!, in dessen Kraft unsere Sünde und damit auch unser Tod zur Vergangenheit gemacht wurde. Das war und ist das helle Licht, von dem schon die Schöpfungsgeschichte redet. «Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht» [
143 Was bleibt uns, da dem so ist? Uns bleibt wirklich nur übrig: wahrzunehmen, anzunehmen, es zu Herzen zu nehmen, es gelten zu lassen, daß dem wirklich so ist: Gottes Gnadengabe, das ewige Leben in Jesus Christus, unserem Herrn. Wißt ihr, wem wir gleichen würden, wenn wir das nicht wahrnehmen, nicht annehmen und gelten lassen wollten? Wir würden dann einem dummen Manne gleichen, der etwa in diesen Tagen sagen würde: Der Frühling ist noch nicht da, die Kirschbäume blühen ja noch nicht, es regnet ja auch noch, es wird auch immer wieder ein wenig kalt, und wer weiß, ob es nicht noch einmal schneien wird? Wäre das nicht wirklich ein dummer Mann? Oder ich könnte auch ein noch schlimmeres Bild brauchen: Habt ihr neulich in der Zeitung gelesen, daß man auf den
- Nr. 157: «Christ ist erstanden» (12. Jahrhundert)
- Nr. 158: «Erschienen ist der herrlich Tag» von
N. Herman , Strophen 1–5 - Nr. 387: «Wir stehn im letzten Kampf und Strauß» von
Chr. Blumhardt , Strophen 1 und 2