Der es mit uns hält. Predigt über Lukas 2,7
Laßt mich sofort mit der Hauptsache beginnen: Wer ist der, der da als der erste Sohn der
131 Und nun will ich die Antwort für diesmal ganz einfach so geben: Der da geboren wurde, ist der, der es mit dir hält — und mit mir auch — und mit uns allen. Ich sage nicht: Einer, der das tut, sondern ich sage: der, der es mit uns hält. Denn so, wie er das tut: ganz ohne an sich selbst zu denken und in höchster Macht, tut es nur Einer, nur Dieser, eben Er, der damals geboren wurde.
Laßt es mich jetzt ganz persönlich sagen: Er hält es mit dir — und mit dir — und mit dir! Wenn ich es jetzt so sage, so soll also ein Jeder von euch denken: es geht gerade mich an. Also: Er hält es mit dir. Nicht wahr, das möchtest du doch gerne haben: daß es Jemand so richtig mit dir hielte? Danach sehnst du dich im Grunde, das wünschest du dir. Du kannst nicht sein ohne einen Mitmenschen. Und nun fragst du dich: 158 Wer kann und will der sein, der es so richtig mit mir hält? Und dann ist dir sicher schon die weitere Frage aufgestiegen: Gibt es überhaupt so einen, oder ist da vielleicht Keiner, der mir das sein und tun will? Bin ich vielleicht Allen gleichgültig? Gehen sie alle an mir vorüber wie der Priester und der Levit im Gleichnis [
Und nun die Weihnachtsbotschaft: Dieser Andere, der es mit dir hält und dir hilft, lebt und ist da. Er ist der, der damals geboren wurde. Tu die Augen, die Ohren, das Herz auf: du darfst es sehen, hören, erfahren, daß er da ist und daß er es wirklich mit dir hält, wie sonst Keiner das tun kann: ganz und für immer gerade mit dir!
Und er hält es mit dir ohne Hintergedanken: ohne an sich selber zu denken. Du hast dich vielleicht vorhin gefragt: Ist es so schlimm? Dieser oder jener Mensch möchte ja doch da sein, der es mit mir hält. Ja, das mag wohl sein. Aber ist da nicht ein Schatten zwischen dir und ihm, und wenn er der liebste Mensch wäre? Er hält es vielleicht mit dir, solange es ihn selbst freuen kann — vielleicht daraufhin, daß du es auch mit ihm halten solltest — vielleicht weil es ihm selbst wohltut. Du spürst aber: im Grunde, eigentlich, denkt er doch zuerst an sich selber, hält er |132 es nicht mit mir, ist er sich selbst der Nächste. Und wenn du das gemerkt hast, dann war deine Einsamkeit auch wieder und erst recht da.
159 Aber nun die Weihnachtsbotschaft: Der damals geboren wurde, der hält es mit dir, ohne an sich selber zu denken. Ganz und gar ohne das. Er will wirklich nichts von dir. Er will nur dich selber.
Und mit größter Macht hält er es mit dir. Es könnte ja sein: es wäre da schließlich doch Jemand, der es aufrichtig mit dir hielte. Aber das wird auch im besten Fall doch nur ein Mensch sein, der nicht größere Macht hat, als ein Mensch sie eben haben kann. Er möchte dir wohl helfen, und ein Stück weit tut er es wohl auch. Aber, nicht wahr, im tiefsten Grunde kann dir doch jeder andere Mensch nur ganz wenig und zuletzt gar nicht helfen. Ein naheliegendes Beispiel: da sitzest du, und da stehe ich vor dir. Und von Herzen gern möchte ich es mit dir halten, und das magst du auch wohl spüren, magst es mir wohl auch glauben, und es könnte ja sein, daß ich dich jetzt ein ganz klein bißchen trösten, dir damit ein klein wenig Freude machen könnte, daß ich dir von der Weihnacht erzähle. Aber gesteh dir’s nur ganz offen: richtig und wirklich helfen kann ich dir nicht. Dein Leben zurecht bringen kann ich nicht. Dich retten kann ich nicht. Das kann kein Mensch für den anderen tun. In diesem kräftigen Sinn kann Keiner es mit dem Anderen halten.
133 Aber jetzt die Weihnachtsbotschaft: Der damals geboren wurde, der ist ja nicht nur der Sohn der
Das also ist der, der damals geboren wurde: dein und mein und unser aller Heiland: der erste Sohn der Maria, von dem es doch in einem anderen Wort der Bibel heißt: Er ist der Erstgeborene der ganzen Schöpfung [
Wir hören nun freilich noch etwas Anderes, auf das wir auch achten müssen. Es heißt nämlich, daß
Die Herberge damals war wohl so etwas wie das, was wir heute ein bescheidenes oder auch besseres Hotel nennen würden, ein schönes, vielleicht auch nicht allzu schönes Haus mit Fremdenzimmern, Eßsaal und Aufenthaltsräumen, wozu wohl heute auch eine große Garage gehören würde. Jedenfalls ein wohnlicher Ort, wo man sich aufhalten und ausruhen und bequem verpflegen konnte. Eben an diesem guten, wohnlichen Ort war leider kein Platz für das Kind, das damals geboren werden sollte — kein Platz für diesen Gast. Es waren wohl zu viele andere, bessere Leute da. Schade! Schade für diese Herberge 161 nämlich! Nun konnte eben Jesus Christus nicht dort, sondern nur ganz anderswo geboren werden.
134 Aber wie ist das heute, hier, jetzt, bei uns? Geboren zu werden braucht der Heiland nicht mehr. Er ist ein für allemal geboren. Aber einkehren möchte er bei uns Menschen, mit denen er es so treulich und mächtig hält, deren Heiland er doch ist. Wie steht es aber mit unseren verschiedenen Herbergen? Das Rathaus oder das Casino3 oder die Universität oder das Münster könnten doch wohl solche Herbergen sein. So auch die vielen Privathäuser und Wohnungen, Wirtshäuser und Geschäfte im großen und im kleinen
Wie aber, wenn auch in diesen Herbergen kein Platz für ihn wäre? Weil da lauter besser situierte, besser beschäftigte, besser wissende Leute sein möchten, die für ihn keinen Platz haben — Leute, die gar nicht merken, wer da einkehren will, daß er gerade der ist, der es mit ihnen hält und den sie samt und sonders bitter nötig haben? Wie ist es, wenn ihm dann die Türen aller dieser unserer Herbergen verschlossen bleiben und wenn dann da drinnen, weil er bei uns nicht einkehren kann, Alles, Alles beim Alten bleibt? Vielleicht auch in diesem Haus, auch in der Zelle, in der gerade du wohnst? Wie, wenn er dann weitergehen sollte an ganz andere Orte, zu ganz anderen Leuten — weit weg, vielleicht nach
Es gibt gewiß auch eine Weihnachtsbotschaft an die Herbergen und für die Menschen, die da wohnen: «Siehe, Ich stehe vor der Tür und |135 klopfe an. Wenn Jemand meine Stimme hören wird und mir auftun, zu dem werde ich eingehen und Abendmahl mit ihm halten und er mit mir» [
Aber mit dieser Frage möchte ich jetzt nicht schließen. Denn zum Glück ist da noch ein Drittes zu bedenken. Daß der Heiland keinen Platz fand in der Herberge, das hat ihn ja nun doch nicht gehindert, anderswo — ganz anderswo! — geboren zu werden. Von einer Krippe hören wir da. Wir befinden uns offenbar in einem Stall oder an einem Futterplatz im Freien, jedenfalls gerade nicht an einem schönen wohnlichen Ort, wo man als Mensch gern sein mochte, weil es da behaglich, gemütlich und bequem oder doch menschenwürdig aussah. Nein, das war ein Ort, verglichen mit dem die Zellen in diesem Hause wahrscheinlich noch luxuriös zu nennen wären, in der Nachbarschaft der Tiere, wie so viele Maler es dargestellt haben: Ochse und Esel in der nächsten Nähe! An diesem dunklen Ort ist Jesus Christus geboren worden, wie er denn auch an einem ganz ähnlichen, noch viel dunkleren Ort gestorben ist. Da, in der Krippe, im Stall, beim Vieh geschah es, daß der Himmel sich öffnete über der finsteren Erde, daß Gott Mensch wurde, um ganz und gar mit uns und für uns zu sein. Da geschah es, daß wir diesen Mitmenschen, diesen Nächsten, diesen Freund, 163 diesen Bruder bekamen. Da geschah es. Und Gott sei Dank, daß die Eltern und das Kind, die in der Herberge keinen Platz fanden, nun gerade diesen anderen Ort bekamen und hatten, wo das geschehen konnte und geschehen ist.
Und Gott sei Dank, daß es, wenn es jetzt um das Einkehren des Heilandes geht bei uns, auch in unserem Leben noch einen solchen ganz anderen Ort gibt, wo der Heiland nicht erst fragt, nicht nur draußen steht und anklopft, sondern einfach einkehrt, wo er heimlich schon eingekehrt ist und nur darauf wartet, daß wir ihn erkennen und uns seiner Gegenwart freuen. Was ist das für ein Ort in unserem Leben? Denk jetzt nicht an irgend etwas, wie du meinst, Nobles, Schönes oder doch Rechtes in deinem Leben und Tun, in welchem du dich dem Heiland allenfalls empfehlenswert und empfangsbereit darstellen könntest! Nicht so: der Ort, wo der Heiland bei uns einkehrt, hat mit dem Stall von
Und eben da kehrt Jesus Christus bei uns ein, mehr noch: da ist er bei uns allen schon eingekehrt. Ja, Gott sei Dank für diesen dunklen Ort, für diese Krippe, für diesen Stall auch in unserem Leben! Da drunten brauchen wir ihn, und eben da kann er auch uns brauchen, Jeden von uns. Da sind wir ihm gerade die Rechten. Da wartet er nur darauf, daß wir ihn sehen, 164 ihn erkennen, an ihn glauben, ihn lieb haben. Da begrüßt er uns. Da bleibt uns schon gar nichts Anderes übrig, als ihn wieder zu begrüßen und willkommen zu heißen. Schämen wir uns nicht, da drunten dem Ochsen und Esel ganz nahe zu sein! Gerade da hält er es ganz fest mit uns allen. An diesem dunklen Ort will und wird er mit uns und dürfen wir mit ihm Abendmahl feiern. Und das ist es ja, was wir nachher mit ihm und miteinander tun dürfen.
- Nr. 118: «Freut euch, freut euch all insgemein» von
A. Lobwasser , Strophen 1 und 2
Nr. 118, Strophen 3 und 4
- Nr. 125: «Jauchzet, ihr Himmel» von
G. Tersteegen (Strophenauswahl nicht angegeben)