Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Weisheit. Predigt über Psalm 111, 10
IST DER ANFANG DER WEISHEIT
Von der Weisheit hören wir da. Das ist offenbar eine große Sache. Beginnen wir mit einigen Klärungen! Weisheit ist mehr, ist etwas Anderes und Besseres als Gescheitheit. Es ist Mancher gescheit und ist doch gar nicht weise. Weisheit ist aber auch mehr und etwas Besseres als Wissenschaft, wie man sie aus Büchern, in der Schule oder in Vorträgen sich aneignen kann. Ihr könnt es mir glauben: ich komme ja von der Universität und weiß ein wenig davon, daß es Gelehrte, Menschen voll Wissenschaft gibt, die doch gar keine Weisen sind. Weisheit ist aber auch mehr und Besseres als Schlauheit. Es war schon Mancher in gewisser Situation sehr schlau, um dann doch gerade in seiner ganzen Schlauheit gar nicht weise, sondern sehr dumm zu sein.
Was ist Weisheit? Weisheit ist Lebenskunde, man könnte auch sagen: Lebenskunst. Kunde und Kunst kommt von Können. Und das ist wohl die größte Kunde und die schwerste Kunst: leben zu können! Aus seinem Leben nicht ein Durcheinander zu machen, das ins Unheil führt, sondern etwas Rechtes! Wer richtig leben kann, der ist ein Weiser. Aber wie kommt man dazu: zu dieser Weisheit und also dazu, leben zu können?
Man hört wohl sagen, dazu müsse man nur alt werden. Glaubt es nicht! Ich bin ein ziemlich alter Mann, aber eben darum weiß ich: damit wird man nicht weise, daß man alt wird. Alter schützt vor Torheit |122 nicht. Man hört auch, es seien die Erfahrungen, die den Menschen weise machten. Aber du liebe Zeit, was haben wir alle schon für Erfahrungen gemacht, und sind wir etwa dadurch weise geworden? Was haben die Völ146ker Europas und der Welt in den letzten fünfzig Jahren erfahren! Sind sie dadurch weiser geworden? Noch etwas: Einige von euch haben vielleicht-schon einmal das Wort «Psychologie» gehört. So nennt man eine Wissenschaft vom menchlichen Seelenleben, von der Manche sehr fest glauben, daß man, wenn man sie verstehe und anzuwenden wisse, weise, lebenskundig werde. Ich will nichts gegen diese schöne Wissenschaft sagen, aber gerade daß man durch sie weise und also lebenskundig werde, kann ich nach dem, was ich bei sehr eingehend mit dieser Sache beschäftigten Menschen wahrgenommen habe, unmöglich zugeben. Nein: «Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Weisheit», haben wir gehört. Aber eben: was ist das eigentlich, die Weisheit, die Lebenskunde? Wie hängt sie zusammen mit der Furcht des Herrn? Darüber wollen wir nun ein wenig nachdenken.
Laßt mich einsetzen mit der Erinnerung an eine Geschichte aus dem Alten Testament. Ihr habt gewiß alle schon den Namen des Königs
Einmal dies, daß Salomo darin weise wurde und schon weise war, daß er nicht wie so viele junge (aber auch genug ältere und alte) Männer meinte, schon weise zu sein, sondern sich nicht genierte, zu bekennen: «Ich bin noch ein Kind und weiß weder aus noch ein», und also Gott bat: Gib mir Weisheit! Wer nicht weiß und zugibt, daß er ein solches Kind, ja ein rechter Kindskopf ist — wer meint, er habe schon begriffen, verstanden, eingesehen, der ist ganz bestimmt nicht weise. «Da sie sich für weise hielten, sind sie zu Narren geworden» [
Salomo wurde und war weiter darin weise, daß er sich etwas wünschte, was er nicht für sich, sondern für Andere brauchte. König sollte er ja sein, regieren sollte er ja, und eben darauf waren seine ganzen Gedanken ausgerichtet. Er verstand sein Leben als einen Dienst, den er nicht sich selbst, sondern seinem Volk, dem Volke Gottes, zu leisten hatte. Und so war seine einzige Frage die, wie er diesen Dienst recht tun, wie er ein richtiger König werden möchte: kein fünftes Rad am Wagen, kein |124 Schmarotzer, keine von jenen vornehmen Zierpuppen, wie man sie in den Schaufenstern unserer Kleidergeschäfte sieht, sondern ein Mensch im vollen Sinn des Wortes, d. h. aber Einer, der verantwortlich unter, mit und an seinen Mitmenschen und für sie zu handeln willig und bereit ist.
Salomo wurde und war weiter auch darin weise, daß er wünschte, ihm möchte gegeben werden, zwischen Gut und Böse unterscheiden zu können: zwischen dem, was oben, und dem, was unten ist, zwischen dem, was zuerst, und dem, was nachher kommt, zwischen dem, was unter allen Umständen geschehen darf und muß, und dem, was unter keinen Umständen geschehen kann und darf. Es versteht sich nicht von selbst, daß der Mensch so zu unterscheiden weiß. Aus sich selber weiß er es bestimmt nicht. Um sein Leben im Dienst der Anderen zu leben, um dazu tauglich zu sein, müßte er das aber wissen. Wie sollte er ihnen sonst dienen können? Wüßte er es nicht, dann könnte und würde er auch in seiner Umgebung nur Schaden und Verbrechen anrichten. Gerade darum wird der Mensch immer wieder leere Hände ausstrecken müssen. Gerade darum wird er eben nur bitten können. Salomo war darin weise, daß er Gott eben darum bat: um das rechte Unterscheidenkönnen. Aber dazu, schon zu diesem Anfang der Weisheit, schon zu der Einsicht: darauf kommt es an, das habe ich nötig! braucht es die Furcht des Herrn. Wer den Herrn nicht fürchtet, der wird auch in die|125ser Hinsicht ganz anders dran sein. Entweder er wird nach jener Unterscheidung gar nicht fragen und «rechter Hand, linker Hand, Alles vertauscht»2, Gut und Böse beständig verwechselnd, wie ein Berauschter seines Weges dahintaumeln. Oder er wird seiner Sache, seiner Meinungen über Gut und Böse nur zu sicher, steif wie 150 ein Lineal, ein richtiger Pharisäer, links und rechts urteilend und verurteilend nach seinem eigenen Kopf, seine Straße ziehen. Eines so schlimm wie das Andere! Wer den Herrn fürchtet, der möchte es wohl allen Ernstes wissen — er möchte es aber von Gott wissen, wie er recht zu unterscheiden habe. Der wendet sich also an Gott, daß er ihm das beibringe!
Und nun noch ein Letztes von
126 Aber was ist das eigentlich: die Furcht des Herrn, die der Weisheit Anfang ist?
151 Es gibt viel falsche Furcht, mit der man die Furcht des Herrn ja nicht verwechseln soll, die man denn auch besser einfach Angst nennen würde: Angst vor bösen, gefährlichen Leuten — Angst vor Gespenstern — Angst vor dem Tod — Angst vor der Atombombe — Angst vor den Russen — und schließlich Angst vor sich selbst, weil man nicht aus noch ein weiß und gerade das nicht zugeben will! Merkt wohl: alle solche Furcht ist nicht der Anfang, sondern vielmehr das Ende aller Weisheit. Mit der Furcht des Herrn hat sie nichts, gar nichts zu tun, so gewiß wir es in allen jenen Ängsten ja gar nicht mit Gott, dem wirklichen Herrn, sondern nur mit allerlei kleinen, scheinbaren Herren zu tun haben. Allen diesen Ängsten gegenüber dürfen und sollen wir uns an das Wort des Evangeliums halten, daß wir uns nicht fürchten sollen [
Es gibt aber auch eine falsche, bloß scheinbare Furcht vor Gott, mit der die Furcht des Herrn erst recht nicht zu verwechseln ist, eine Furcht, die man auch wieder besser nur eine Angst nennen würde: Die Angst vor Gott, weil er so groß und stark ist und wir so klein und schwach sind. Oder die Angst vor Gott, weil er uns verklagen möchte wie ein überlebensgroßer Staatsanwalt und verurteilen wie ein überlebensgroßer, himmelhoher Strafgerichtspräsident. Oder Angst vor Gott, weil er uns zum Schluß für immer in die Hölle stecken könnte! Das alles hat mit der Furcht des Herrn nichts, gar nichts zu tun. Als ich ein kleiner Bub war, hatte ich eine gutmeinende, aber etwas törichte Sonntagsschullehrerin, die es für richtig hielt, uns Kindern eine genaue Beschreibung der Hölle und der dort auf die Bösen wartenden ewigen Strafen zu geben. Natürlich hat uns das interessiert und wohl auch ziemlich aufgeregt. Aber die Furcht des Herrn und damit den 152 Anfang der Weisheit hat auf diese Weise bestimmt keines von uns damaligen Kindern gelernt. Wenn man so über Gott denkt, wird man ja auch sicher durch das Hintertürlein entrinnen und sich damit trösten können, es möchte wohl Alles nicht ganz so schlimm sein. Auch gegen solche falsche Gottesfurcht heißt es im Evangelium: Fürchtet euch nicht! Und die Weisheit ist bestimmt das Ende auch aller solcher falscher Gottesfurcht.
Was ist die rechte Furcht des Herrn?
127 Laßt mich zurückkommen auf den
Es geht schon um eine richtige Entdeckung, wenn ein Mensch plötzlich vor all dem stehen darf als vor einer Tatsache wie
Die rechte Furcht des Herrn ist das Staunen, die Verwunderung, aber auch das Erschrecken, das Entsetzen, das über die Menschen kommt, die die Entdeckung machen, daß Gott sie, mich und dich, von Ewigkeit her nicht gehaßt und bedroht, sondern geliebt und erwählt, daß er sich ihnen, mir und dir, verbündet hat, daß er ihr, dein und mein Helfer war, lange ehe wir es wußten, und daß er das sein und bleiben will. Die Furcht des Herrn kommt aus der Entdeckung, daß der hohe, der ewige Gott seinen lieben Sohn für uns, für dich und mich, dahingegeben, unsere ganze Schuld, unser ganzes Elend auf sich und so von uns weggenommen, daß er uns diesen seinen Sohn, unseren Herrn Jesus Christus, zum Bruder gemacht hat, um deswillen wir ihn unseren Vater und uns seine Kinder nennen dürfen. Die Furcht des Herrn kommt aus der Entdeckung: das habe ich nicht verdient, das ist mir durch die lautere, freie |128 Güte Gottes widerfahren ohne und gegen Alles, was ich verdient hätte. Die Furcht des Herrn kommt aus der Entdeckung, daß es zwischen Gott und mir so steht, daß ich das wirklich nicht gewußt, daß ich es vielleicht einmal von weitem so läuten gehört, aber dann wieder vergessen und dahingelebt habe, als ob es nicht so wäre und mich nichts anginge. Und dann kommt die Furcht des Herrn aus der Entdeckung, daß es höchste Zeit sein möchte, vom Schlaf zu erwachen, aufzustehen und als die Menschen weiter zu leben, die wir in Wirklichkeit sind: die von Gott Geliebten und Erwählten, die Brüder und Schwestern Jesu Christi, die durch Ihn von unserer Sünde und aus unserem Elend Befreiten. Die Furcht 154 des Herrn kommt aus der Entdeckung: Gott ruft uns zu sich, und sein Ruf ist stark genug, daß wir aufwachen und aufstehen müssen und als seine Kinder zu leben beginnen dürfen und können. Sie ist schon eine richtige Furcht, ein richtiges Erschrecken und Entsetzen, aber ein solches, das mit der blöden Angst, von der wir vorhin redeten, nichts zu tun hat, die vielmehr schon voll stillen, heimlichen Jubels ist. Sie ist die Furcht, die aus der Dankbarkeit kommt. Diese Furcht des Herrn ist der Anfang der Weisheit: der Anfang, mit dem wir alle anfangen dürfen. Jeder, auch der schlechteste, auch der törichteste Mensch darf da einfach anfangen: heute, morgen, alle Tage, darf ein Lebenskundiger, ich hätte beinahe gesagt: ein Lebenskünstler, ein ganz kleiner
Und nun bleibt mir, liebe Brüder und Schwestern, nur noch eines übrig: euch alle zu fragen, ob ihr die Entdeckung auch schon gemacht, aus der ganz selbstverständlich die Furcht des Herrn folgt als der Anfang der Weisheit? Was würdet ihr mir antworten? Eines aber ist sicher: es ist niemand unter uns, der diese Entdeckung nicht machen, und also niemand, der die Furcht des Herrn nicht kennenlernen, niemand, dem sie nicht zum Anfang der Weisheit werden könnte und dürfte, und also niemand, dem es versagt sein müßte, leben zu können in dieser Zeit für die Ewigkeit. Verlaßt euch darauf: niemand! So gewiß Jesus Christus für uns alle gestorben und auferstanden ist!
- Nr. 47: «Du meine Seele, singe» von
P. Gerhardt , Strophen 1–5 (= EKG 197, Str. 1–4,8) - Nr. 18: «Steh auf in deiner Macht, o Gott» (nach Ps. 68), Strophen 3 und 4
- Nr. 59: «Großer Gott, wir loben dich» von
I. Franz , Strophen 6 und 7