20. Juli 1958

Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Weisheit. Predigt über Psalm 111, 10

120
DIE FURCHT DES HERRN
IST DER ANFANG DER WEISHEIT
Heiliger und barmherziger Gott! Wie groß ist deine Güte, daß du uns auch diesen Tag erleben lassest und uns hier zusammenbringst, um dich anzurufen und dein tröstliches und mahnendes Wort zu hören.
Was sind wir Menschen vor dir? Wieviel Einbildung, Härte und Lüge ist in unseren Gedanken, Worten und Taten! Und darum hier |121 und auf der ganzen Erde wieviel Verirrung und Verwirrung, wieviel Leid und Not!
Aber über dem allem ist dein väterliches Herz offen für uns und bleibt deine Hand stark, uns zu halten, zu führen, zu befreien. Du vergissest und verstoßest keinen von uns. Du bist uns allen nahe. Du rufst nach uns allen.
Laß uns das auch an diesem Sonntag-Morgen merken! Sieh du selbst zum Rechten, daß, was wir hier tun mit Beten und Singen, Predigen und Hören, nicht umsonst geschehe, sondern dir zur Ehre und zu unser aller Erweckung, Erleuchtung und Erhebung — um Jesu Christi willen, in dessen Namen wir dich anreden: Unser Vater …!
Amen.
Psalm 111,10
Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Weisheit
145 Meine lieben Brüder und Schwestern!

Von der Weisheit hören wir da. Das ist offenbar eine große Sache. Beginnen wir mit einigen Klärungen! Weisheit ist mehr, ist etwas Anderes und Besseres als Gescheitheit. Es ist Mancher gescheit und ist doch gar nicht weise. Weisheit ist aber auch mehr und etwas Besseres als Wissenschaft, wie man sie aus Büchern, in der Schule oder in Vorträgen sich aneignen kann. Ihr könnt es mir glauben: ich komme ja von der Universität und weiß ein wenig davon, daß es Gelehrte, Menschen voll Wissenschaft gibt, die doch gar keine Weisen sind. Weisheit ist aber auch mehr und Besseres als Schlauheit. Es war schon Mancher in gewisser Situation sehr schlau, um dann doch gerade in seiner ganzen Schlauheit gar nicht weise, sondern sehr dumm zu sein.

Was ist Weisheit? Weisheit ist Lebenskunde, man könnte auch sagen: Lebenskunst. Kunde und Kunst kommt von Können. Und das ist wohl die größte Kunde und die schwerste Kunst: leben zu können! Aus seinem Leben nicht ein Durcheinander zu machen, das ins Unheil führt, sondern etwas Rechtes! Wer richtig leben kann, der ist ein Weiser. Aber wie kommt man dazu: zu dieser Weisheit und also dazu, leben zu können?

Man hört wohl sagen, dazu müsse man nur alt werden. Glaubt es nicht! Ich bin ein ziemlich alter Mann, aber eben darum weiß ich: damit wird man nicht weise, daß man alt wird. Alter schützt vor Torheit |122 nicht. Man hört auch, es seien die Erfahrungen, die den Menschen weise machten. Aber du liebe Zeit, was haben wir alle schon für Erfahrungen gemacht, und sind wir etwa dadurch weise geworden? Was haben die Völ146ker Europas und der Welt in den letzten fünfzig Jahren erfahren! Sind sie dadurch weiser geworden? Noch etwas: Einige von euch haben vielleicht-schon einmal das Wort «Psychologie» gehört. So nennt man eine Wissenschaft vom menchlichen Seelenleben, von der Manche sehr fest glauben, daß man, wenn man sie verstehe und anzuwenden wisse, weise, lebenskundig werde. Ich will nichts gegen diese schöne Wissenschaft sagen, aber gerade daß man durch sie weise und also lebenskundig werde, kann ich nach dem, was ich bei sehr eingehend mit dieser Sache beschäftigten Menschen wahrgenommen habe, unmöglich zugeben. Nein: «Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Weisheit», haben wir gehört. Aber eben: was ist das eigentlich, die Weisheit, die Lebenskunde? Wie hängt sie zusammen mit der Furcht des Herrn? Darüber wollen wir nun ein wenig nachdenken.

Laßt mich einsetzen mit der Erinnerung an eine Geschichte aus dem Alten Testament. Ihr habt gewiß alle schon den Namen des Königs Salomo gehört und von der Weisheit, die diesen Mann auszeichnete. Nun, eben von ihm wird im dritten Kapitel des ersten Königsbuches erzählt, er habe, als er noch ganz jung war, in der Stadt Gibeon einen Traum gehabt. Kein Geringerer als Gott selbst sei ihm erschienen und habe zu ihm gesagt: «Tue eine Bitte! Was soll ich dir geben?» Nicht wahr, das klingt wie in einem Märchen und war doch eine ganz ernsthafte Sache! Daraufhin habe nämlich der junge Salomo nicht etwa gesagt: Gib mir Reichtum, Ehre, Sieg über meine Feinde, ein langes Leben!, sondern so habe er Gott geantwortet: Ich soll nun dieses großen Volkes Israel König sein und bin doch noch ein Kind und weiß weder aus noch ein! Also gib mir ein verständiges Herz zu dem, was ich zu tun habe! Gib mir, daß ich unterscheiden kann, was gut und was böse ist! 147 Gib mir die Einsicht, das Recht zu verstehen! Und das habe Gott gefallen, daß Salomo um solches bat, und er habe ihm versprochen: «Siehe, Ich gebe dir ein weises und verständiges Herz, daß deinesgleichen vor dir nicht gewesen ist und deinesgleichen nach dir nicht erstehen wird.» Darüber hinaus wolle er ihm auch geben, was er nicht erbeten hatte: Reichtum und Ehre: «daß deinesgleichen keiner sein soll unter den Königen, dein |123 ganzes Leben lang». Da sei Salomo erwacht aus seinem Traum, sei nach Jerusalem gezogen, habe Gott ein Opfer dargebracht und für seine Diener ein großes Fest veranstaltet [1.Kön. 3,5–15]. — Das ist die Geschichte von Salomo: wie er der weise, der lebenskundige Salomo wurde! Was lernen wir aus dieser Geschichte?

Einmal dies, daß Salomo darin weise wurde und schon weise war, daß er nicht wie so viele junge (aber auch genug ältere und alte) Männer meinte, schon weise zu sein, sondern sich nicht genierte, zu bekennen: «Ich bin noch ein Kind und weiß weder aus noch ein», und also Gott bat: Gib mir Weisheit! Wer nicht weiß und zugibt, daß er ein solches Kind, ja ein rechter Kindskopf ist — wer meint, er habe schon begriffen, verstanden, eingesehen, der ist ganz bestimmt nicht weise. «Da sie sich für weise hielten, sind sie zu Narren geworden» [Röm. 1,22]. Der ist weise, der weiß, daß er, ob jung oder alt, ein Kind ist, das nicht aus noch ein weiß. Der ist weise, der dazu steht: «Ich kann allein nicht gehen, nicht einen Schritt.»1 So steht es eben mit der Weisheit: keiner hat sie. Keiner ist schon weise: in seinem Kopf nicht und in seinem Herzen erst recht nicht. Alle können es nur werden. Alle können und sollen Weisheit bekommen, aber Alle können und sollen sie wirklich nur bekommen als solche, die leere Hände nach ihr ausstrecken, damit sie ihnen gegeben werde. Es braucht die Furcht des Herrn zu diesem Anfang aller Lebenskunde. Wer den Herrn nicht 148 fürchtet, der verrät sich sicher schon damit, daß er meint, ihm brauche keiner etwas zu sagen, weil er selbst Bescheid wisse, sich selbst zu raten wisse. Man solle ihn nur machen und seinen Weg gehen lassen! So denkt und redet, wer den Herrn nicht fürchtet. Wer ihn fürchtet, der streckt seine Hände aus, um Einsicht und Verstand, um Weisheit und also Lebenskunde, weil er sie noch gar nicht hat, zu empfangen, sich schenken zu lassen.

Salomo wurde und war weiter darin weise, daß er sich etwas wünschte, was er nicht für sich, sondern für Andere brauchte. König sollte er ja sein, regieren sollte er ja, und eben darauf waren seine ganzen Gedanken ausgerichtet. Er verstand sein Leben als einen Dienst, den er nicht sich selbst, sondern seinem Volk, dem Volke Gottes, zu leisten hatte. Und so war seine einzige Frage die, wie er diesen Dienst recht tun, wie er ein richtiger König werden möchte: kein fünftes Rad am Wagen, kein |124 Schmarotzer, keine von jenen vornehmen Zierpuppen, wie man sie in den Schaufenstern unserer Kleidergeschäfte sieht, sondern ein Mensch im vollen Sinn des Wortes, d. h. aber Einer, der verantwortlich unter, mit und an seinen Mitmenschen und für sie zu handeln willig und bereit ist. Salomo war ein Mensch, der begriff, daß er selber gerade nur als Mitmensch ein richtiger, wahrer Mensch sein könne. Er begriff aber auch, daß er gerade dazu, seinen Mitmenschen ein Mitmensch zu sein, ein weises und verständiges Herz nötig habe. Er begriff weiter, daß er ein solches Herz nicht habe, sondern es gerade nur empfangen, geschenkt bekommen könne. Darum also hat er gebeten. Und gerade darin wurde er weise und war es schon. So also steht es mit der Weisheit! Es braucht aber die Furcht des Herrn zu diesem Anfang. Wer den Herrn nicht fürchtet, der wird ganz anders denken und reden. Etwa so: Was brauche ich für mich? Wie komme ich durch? 149 Was ist mir angenehm? Was dünkt mich fein und lustig? So fragt, wer den Herrn nicht fürchtet, der Unweise. Umgekehrt: Wer den Herrn fürchtet, der hat das Gebot in den Ohren: «Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen und deinen Nächsten wie dich selbst!» [Lk. 10,27], der findet sich ganz von selbst in den Dienst dieses Nächsten gestellt und vor die Frage: Wie kann ich ihm wirklich und am besten dienen?

Salomo wurde und war weiter auch darin weise, daß er wünschte, ihm möchte gegeben werden, zwischen Gut und Böse unterscheiden zu können: zwischen dem, was oben, und dem, was unten ist, zwischen dem, was zuerst, und dem, was nachher kommt, zwischen dem, was unter allen Umständen geschehen darf und muß, und dem, was unter keinen Umständen geschehen kann und darf. Es versteht sich nicht von selbst, daß der Mensch so zu unterscheiden weiß. Aus sich selber weiß er es bestimmt nicht. Um sein Leben im Dienst der Anderen zu leben, um dazu tauglich zu sein, müßte er das aber wissen. Wie sollte er ihnen sonst dienen können? Wüßte er es nicht, dann könnte und würde er auch in seiner Umgebung nur Schaden und Verbrechen anrichten. Gerade darum wird der Mensch immer wieder leere Hände ausstrecken müssen. Gerade darum wird er eben nur bitten können. Salomo war darin weise, daß er Gott eben darum bat: um das rechte Unterscheidenkönnen. Aber dazu, schon zu diesem Anfang der Weisheit, schon zu der Einsicht: darauf kommt es an, das habe ich nötig! braucht es die Furcht des Herrn. Wer den Herrn nicht fürchtet, der wird auch in die|125ser Hinsicht ganz anders dran sein. Entweder er wird nach jener Unterscheidung gar nicht fragen und «rechter Hand, linker Hand, Alles vertauscht»2, Gut und Böse beständig verwechselnd, wie ein Berauschter seines Weges dahintaumeln. Oder er wird seiner Sache, seiner Meinungen über Gut und Böse nur zu sicher, steif wie 150 ein Lineal, ein richtiger Pharisäer, links und rechts urteilend und verurteilend nach seinem eigenen Kopf, seine Straße ziehen. Eines so schlimm wie das Andere! Wer den Herrn fürchtet, der möchte es wohl allen Ernstes wissen — er möchte es aber von Gott wissen, wie er recht zu unterscheiden habe. Der wendet sich also an Gott, daß er ihm das beibringe!

Und nun noch ein Letztes von Salomo. Er wurde und war auch darin weise, daß er sich so ausschließlich gerade nur dieses Eine wünschte: ein verständiges Herz für seinen Dienst. So steht es mit der Weisheit, daß der Mensch in ihr gesammelt wird, konzentriert und einfältig, ganz und gar ausgerichtet auf das Eine, was not tut [vgl. Lk. 10,42]. Alles Andere, was ihm gut, heilsam, lustig erscheinen und auch sein mag, wird für ihn eingeschlossen, gewissermaßen verborgen sein in dieses Eine. Wir hörten, wie Salomo auf diesem Weg in keiner Weise zu kurz kam, wie er dazu erhielt, was er doch nicht erbeten hatte. Er erhielt es in Fülle, gerade weil er nicht darum gebeten hatte! Er hat sorglos nur um das Eine gebeten: um ein verständiges Herz, um das rechte Unterscheidenkönnen, das er zu seinem Dienst als König brauchte. Und das eben war seine Weisheit. Aber es braucht die Furcht des Herrn zu solchem Anfang der Weisheit und also der Lebenskunde. Wie sollte, wer den Herrn nicht fürchtet, wissen, daß Eines und nur Eines not tut? Wie sollte er nicht der Meinung sein, unruhig nach Diesem und Jenem, möglichst Allem greifen zu müssen, um nur ja nicht zu kurz zu kommen? Wer den Herrn fürchtet, der sucht und wünscht nicht Vieles, sondern einfältig das Eine: ganz getrost, daß er in und mit diesem Einen ganz bestimmt Alles bekommen und haben werde.

126 Aber was ist das eigentlich: die Furcht des Herrn, die der Weisheit Anfang ist?

151 Es gibt viel falsche Furcht, mit der man die Furcht des Herrn ja nicht verwechseln soll, die man denn auch besser einfach Angst nennen würde: Angst vor bösen, gefährlichen Leuten — Angst vor Gespenstern — Angst vor dem Tod — Angst vor der Atombombe — Angst vor den Russen — und schließlich Angst vor sich selbst, weil man nicht aus noch ein weiß und gerade das nicht zugeben will! Merkt wohl: alle solche Furcht ist nicht der Anfang, sondern vielmehr das Ende aller Weisheit. Mit der Furcht des Herrn hat sie nichts, gar nichts zu tun, so gewiß wir es in allen jenen Ängsten ja gar nicht mit Gott, dem wirklichen Herrn, sondern nur mit allerlei kleinen, scheinbaren Herren zu tun haben. Allen diesen Ängsten gegenüber dürfen und sollen wir uns an das Wort des Evangeliums halten, daß wir uns nicht fürchten sollen [Mt. 10,26. 28 u. ö.]. Die Weisheit, die aus der Furcht Gottes kommt, ist das Ende aller dieser Ängste.

Es gibt aber auch eine falsche, bloß scheinbare Furcht vor Gott, mit der die Furcht des Herrn erst recht nicht zu verwechseln ist, eine Furcht, die man auch wieder besser nur eine Angst nennen würde: Die Angst vor Gott, weil er so groß und stark ist und wir so klein und schwach sind. Oder die Angst vor Gott, weil er uns verklagen möchte wie ein überlebensgroßer Staatsanwalt und verurteilen wie ein überlebensgroßer, himmelhoher Strafgerichtspräsident. Oder Angst vor Gott, weil er uns zum Schluß für immer in die Hölle stecken könnte! Das alles hat mit der Furcht des Herrn nichts, gar nichts zu tun. Als ich ein kleiner Bub war, hatte ich eine gutmeinende, aber etwas törichte Sonntagsschullehrerin, die es für richtig hielt, uns Kindern eine genaue Beschreibung der Hölle und der dort auf die Bösen wartenden ewigen Strafen zu geben. Natürlich hat uns das interessiert und wohl auch ziemlich aufgeregt. Aber die Furcht des Herrn und damit den 152 Anfang der Weisheit hat auf diese Weise bestimmt keines von uns damaligen Kindern gelernt. Wenn man so über Gott denkt, wird man ja auch sicher durch das Hintertürlein entrinnen und sich damit trösten können, es möchte wohl Alles nicht ganz so schlimm sein. Auch gegen solche falsche Gottesfurcht heißt es im Evangelium: Fürchtet euch nicht! Und die Weisheit ist bestimmt das Ende auch aller solcher falscher Gottesfurcht.

Was ist die rechte Furcht des Herrn?

127 Laßt mich zurückkommen auf den 111. Psalm, den ich euch am Anfang vorgelesen habe. Es ist merkwürdig und überaus wichtig: dieser Psalm, der zuletzt von der Furcht des Herrn redet, fängt an mit den Worten: «Hallelujah! Ich will dem Hern danken von ganzem Herzen!» [V. 1], und er fährt fort: «Er hat ein Gedächtnis seiner Wunder gestiftet; gnädig und barmherzig ist der Herr. Er gab Speise denen, die ihn fürchten; er gedenkt auf ewig seines Bundes» [V. 4f.]. Und dann heißt es da weiter: «Die Werke seiner Hände sind Treue und Recht; verläßlich sind alle seine Gebote!» [V. 7] und weiter, unmittelbar vor unserem Textwort: «Er hat seinem Volk Erlösung gesandt: hat seinen Bund auf ewig bestellt!» [V. 9]. Eben darauf folgt dann das Wort von der Furcht des Herrn. So also steht es mit dieser: sie kommt, sie entsteht, wenn ein Mensch entdeckt, daß Gott Dieser ist und das tut, was wir in diesem Psalm hören.

Es geht schon um eine richtige Entdeckung, wenn ein Mensch plötzlich vor all dem stehen darf als vor einer Tatsache wie Columbus, der, als er nach Indien gelangen wollte, auf einmal auf den Kontinent Amerika stieß. Das habe ich nicht erwartet, das habe ich nicht gewußt, das hat mir noch niemand gesagt, darauf wäre ich von mir aus nie gekommen: daß Gott Dieser ist und das tut. Salomo stand vor dieser Tatsache, vor 153 dem Guten, dem Herrlichen, das Gott an seinem Volk, an seinem Vater David und zuletzt an ihm selber getan hatte. Angesichts dieser wunderbaren Tatsache fürchtete er den Herrn. Und in dieser Furcht des Herrn wurde er der weise Salomo.

Die rechte Furcht des Herrn ist das Staunen, die Verwunderung, aber auch das Erschrecken, das Entsetzen, das über die Menschen kommt, die die Entdeckung machen, daß Gott sie, mich und dich, von Ewigkeit her nicht gehaßt und bedroht, sondern geliebt und erwählt, daß er sich ihnen, mir und dir, verbündet hat, daß er ihr, dein und mein Helfer war, lange ehe wir es wußten, und daß er das sein und bleiben will. Die Furcht des Herrn kommt aus der Entdeckung, daß der hohe, der ewige Gott seinen lieben Sohn für uns, für dich und mich, dahingegeben, unsere ganze Schuld, unser ganzes Elend auf sich und so von uns weggenommen, daß er uns diesen seinen Sohn, unseren Herrn Jesus Christus, zum Bruder gemacht hat, um deswillen wir ihn unseren Vater und uns seine Kinder nennen dürfen. Die Furcht des Herrn kommt aus der Entdeckung: das habe ich nicht verdient, das ist mir durch die lautere, freie |128 Güte Gottes widerfahren ohne und gegen Alles, was ich verdient hätte. Die Furcht des Herrn kommt aus der Entdeckung, daß es zwischen Gott und mir so steht, daß ich das wirklich nicht gewußt, daß ich es vielleicht einmal von weitem so läuten gehört, aber dann wieder vergessen und dahingelebt habe, als ob es nicht so wäre und mich nichts anginge. Und dann kommt die Furcht des Herrn aus der Entdeckung, daß es höchste Zeit sein möchte, vom Schlaf zu erwachen, aufzustehen und als die Menschen weiter zu leben, die wir in Wirklichkeit sind: die von Gott Geliebten und Erwählten, die Brüder und Schwestern Jesu Christi, die durch Ihn von unserer Sünde und aus unserem Elend Befreiten. Die Furcht 154 des Herrn kommt aus der Entdeckung: Gott ruft uns zu sich, und sein Ruf ist stark genug, daß wir aufwachen und aufstehen müssen und als seine Kinder zu leben beginnen dürfen und können. Sie ist schon eine richtige Furcht, ein richtiges Erschrecken und Entsetzen, aber ein solches, das mit der blöden Angst, von der wir vorhin redeten, nichts zu tun hat, die vielmehr schon voll stillen, heimlichen Jubels ist. Sie ist die Furcht, die aus der Dankbarkeit kommt. Diese Furcht des Herrn ist der Anfang der Weisheit: der Anfang, mit dem wir alle anfangen dürfen. Jeder, auch der schlechteste, auch der törichteste Mensch darf da einfach anfangen: heute, morgen, alle Tage, darf ein Lebenskundiger, ich hätte beinahe gesagt: ein Lebenskünstler, ein ganz kleiner Salomo werden. «Einsichtig handelt, wer danach (nach dieser Furcht des Herrn) tut», lautet die Fortsetzung unseres Textwortes. Und mehr noch: «Sein Ruhm bleibt ewig bestehen!» [V. 10]. Er lebt schon in diesem Leben über seinen Tod hinaus. Er darf jetzt und hier schon anfangen, ewig zu leben.

Und nun bleibt mir, liebe Brüder und Schwestern, nur noch eines übrig: euch alle zu fragen, ob ihr die Entdeckung auch schon gemacht, aus der ganz selbstverständlich die Furcht des Herrn folgt als der Anfang der Weisheit? Was würdet ihr mir antworten? Eines aber ist sicher: es ist niemand unter uns, der diese Entdeckung nicht machen, und also niemand, der die Furcht des Herrn nicht kennenlernen, niemand, dem sie nicht zum Anfang der Weisheit werden könnte und dürfte, und also niemand, dem es versagt sein müßte, leben zu können in dieser Zeit für die Ewigkeit. Verlaßt euch darauf: niemand! So gewiß Jesus Christus für uns alle gestorben und auferstanden ist!

Amen.
129155 Herr unser Gott, unser lieber Vater in Jesus Christus! Ja, das, wovon wir jetzt geredet und gehört haben, kann und mag jetzt und sofort uns allen einleuchten und eingehen. Aber daß das wirklich geschieht, das kannst nur du schaffen. Und daß du das tuest, darum bitten wir dich: daß du uns entdecken lassest, wer du bist und was du tust — daß du die Furcht vor dir in uns erweckest, die aus der Dankbarkeit kommt — daß diese rechte Furcht vor dir uns zum Anfang der Weisheit werde — daß wir also unsere Köpfe erheben und richtig leben dürfen und können. Nur du kannst uns das geben. So gib es uns, du unser treuer Gott!
Und nun bitten wir dich weiter, daß du dich in deiner großen und mächtigen Gnade all der Menschen annehmest, die in diesem Hause leben — und so ihrer Angehörigen — und so aller Anderen, die betrübt, angefochten und versucht sind — und so aller Armen, Kranken und Geisteskranken, aller Einsamen und Verlassenen — so derer, die in dieser Stadt und in unserem Land zu regieren, zu verwalten, zu urteilen, zu unterrichten, die Zeitungen zu schreiben haben — so der Mächtigen und der Völker im Osten und im Westen: daß sie sich nicht zum Krieg reizen, sondern auf den Frieden bedacht sein möchten — so endlich der christlichen Kirchen hier und in der ganzen Welt, unserer evangelischen, aber auch der katholischen Kirche und aller anderen Gemeinschaften: daß sie alle ordentlich, unverdrossen und fröhlich dir, deinem Wort und so den Menschen dienen möchten.
Herr, was würde aus uns ohne dich — und was aus all dem, was wir Menschen hier und überall in so viel Schwachheit und Verkehrtheit versuchen und tun? Auf dich allein hoffen wir. Herr, erbarme dich unser! Amen.
Amen.

    Lieder:

  • Nr. 47: «Du meine Seele, singe» von P. Gerhardt, Strophen 1–5 (= EKG 197, Str. 1–4,8) 🎵
  • Nr. 18: «Steh auf in deiner Macht, o Gott» (nach Ps. 68), Strophen 3 und 4 🎵
  • Nr. 59: «Großer Gott, wir loben dich» von I. Franz, Strophen 6 und 7 🎵

Sachfußnoten

1
Aus Strophe 1 des Liedes «So nimm denn meine Hände» von J. von Hausmann (1826–1901) 🎵.↩
2
Aus dem Studentenlied «Auf dem Heimwege» von Heinrich von Mühler (1813–1874), Strophe 1 🎵:
Grad aus dem Wirtshaus nun komm ich heraus!
Straße, wie wunderlich siehst du mir aus!
Rechter Hand, linker Hand, beides vertauscht!
Straße, ich merk es wohl, du bist berauscht.
In: Zofinger-Liederbuch. Ein schweizerisches Studenten-Liederbuch, herausgegeben von der Zofingia (Deutsche Sektionen), Bern 19266, S. 630. 📖 ↩