Er ist's. Predigt über 5. Mose 8, 18
Wollte Gott, ich könnte dieses «Er ist’s!» jetzt so aussprechen und ihr könntet es jetzt so hören, daß das «heller als tausend Sonnen»1 vor uns stehen und unsere Augen blenden würde, daß wir zunächst gar nichts Anderes mehr wahrnehmen könnten, — um sie uns dann ganz neu zu öffnen und sehend zu machen, so daß wir wahrnehmen könnten, dürften, müßten: die Ewigkeit Gottes und uns selbst von ihr umfangen und erfüllt — Gottes Wege und, mit ihnen vereint, unsere Menschenwege — Gottes Wahrheit und, in sie aufgenommen, das, was wir für Wahrheit halten — Gottes Leben und, von ihm getragen, unser Menschenleben!
Aber ob ich es nun in dieser Stunde gut oder schlecht sage und ob ihr es jetzt besser oder weniger gut versteht: davon ist die Rede, das ist für uns alle bereit, das wartet auf uns alle, das dürften und könnten wir jetzt alle ergreifen: «Er ist’s, der dir Kräfte gibt». Nicht du selbst gibst sie dir. Kein Mensch kann sie dir geben. Auch die besten Verhältnisse, auch die Erfüllung deiner höchsten Wünsche könnten sie dir nicht verschaffen. Er ist’s, der dir Kräfte gibt.
Das Wort steht in einem der schönsten und bewegendsten Kapitel des Alten Testamentes. Ich möchte euch herzlich einladen, wenn ihr wieder allein seid, eure Bibel aufzuschlagen und es (es ist das
Aber lassen wir dieses Wort nun einfach ganz unmittelbar zu uns gesagt sein. Denn nicht wahr, in irgend einem Sinn gilt es ja sicher für uns alle, daß der Weg, von dem wir in dem nun zu Ende gehenden Jahr und in all den Jahren, die ihm vorangingen, herkommen, auch so ein Weg war, wie er in jenem Kapitel beschrieben ist: ein Weg «durch eine große |106 furchtbare Wüste, wo es Feuerschlangen gibt und Skorpione und dürres Land, in welchem kein Wasser ist» [
«Gedenke des Herrn, deines Gottes!» Also nicht so im allgemeinen: an Gott! Es geht uns ja immer wieder so, daß wir, wenn wir das Wort «Gott» aussprechen oder hören, an irgend ein ge125waltiges Allgemeines denken: an ein Höchstes oder Tiefstes, ein Letztes, ein Jenseitiges. Aber seht, dieses Höchste und vielleicht Jenseitige könnte auch bloß ein uns gewaltig zwingendes und beherrschendes Schicksal sein. Vielleicht auch irgend ein majestätisches Geheimnis hoch über den Sternen oder ein solches, das in unseren Herzen leben mag. Es könnte aber ebensogut auch eine menschliche Erfindung sein. Daß dieser «Gott», dieser Gott im Allgemeinen, uns Kräfte gebe, das dürfte eine ganz und gar unsichere Sache sein. Woher nähme er sie? Wie käme er dazu, der Herr — und wie dazu, dein Gott zu sein? Ja, und wenn er dein Gott wäre, so könnte das etwas ganz Furchtbares sein; denn dieser «Gott» könnte auch ein böser Herr, könnte auch dein, könnte auch unser aller schlimmster Feind sein.
Der Herr, dein Gott — das ist der Gott, der einen Namen, der auch ein Gesicht, der auch einen Charakter hat. Und seinem Namen, seinem Gesicht und seinem Charakter ist mit aller Bestimmtheit zu entnehmen, daß er zwar ein strenger, aber auch ein guter, ein hilfreicher, ein treuer — wie wir ihn als Kinder genannt haben und noch nennen dürfen: ein |107 «lieber» Gott ist. Er ist ein Gott, der es nicht nötig hat, der es auch für uns nicht nötig macht, daß wir uns zuerst eine Meinung, eine Ansicht von ihm machen, eine Theorie über ihn bilden. Er ist nämlich der Gott, der uns längst gesagt hat und immer wieder sagt und sagen läßt, wie und was wir von ihm zu denken haben. Und eben das hat er uns merkwürdigerweise damit gesagt, daß er uns eröffnet hat, was und wie er von uns denkt. Er könnte wohl gering, verächtlich, ablehnend von uns denken. Er tut das nicht: er denkt hoch von uns! Etwa weil wir so feine Leute sind? Nein, obwohl wir Menschen gar keine feinen Leute sind! Vielleicht weil er uns braucht? Nein, er braucht uns nicht; er könnte es wohl ohne uns machen. Aber weil es ihm zu Herzen geht, 126 daß wir ihn brauchen, bitter, unvermeidlich nötig haben. Vielleicht nur so beiläufig und von oben herab, wie ein großer Herr sich einmal mit einem kleinen Mann abgeben mag? Keine Rede, er tut es so, daß er sich selber ganz und gar für uns eingesetzt und dahingegeben, sich ein für allemal mit uns verbündet und kompromittiert hat. Er ist der Gott der Weihnacht: der Gott, von dem wir nun wieder haben singen dürfen: «Er ist ein Kindlein worden arm, daß er unser sich erbarm»2. Das ist sein Höchstes und Tiefstes, sein Letztes und Jenseitiges, darin ist er ewig und allmächtig und herrlich, darin ist er der Herr: daß er sich unser erbarmt. Und indem er sich deiner und meiner erbarmt, ist er dein Gott und mein Gott. Indem er das tut, ist es gar kein besonderes Kunststück, sondern das Natürlichste von der Welt, an ihn zu glauben, auf ihn zu hoffen und ihn (und darum auch unseren Nächsten!) zu lieben. Er, dieser Gott, ist’s, der dir Kräfte gibt.
Er gibt dir Kräfte! Eine Kraft ist eine Ausrüstung, eine Fähigkeit, eine Freiheit, etwas zu können. Und nun ist es unser menschliches Elend, daß wir so Vieles können sollten, was wir nicht können, daß wir so viele Kräfte brauchten, die wir nicht haben. Es braucht Kraft zum Leben — und es braucht wohl noch mehr Kraft zum Sterben, wobei ich jetzt |108 nicht nur an das denke, was zuletzt mit uns geschehen wird, sondern an das Schwachwerden und Vergehen, das schon durch unser ganzes Leben hindurchgeht, das schon mit unserer Geburt begonnen hat. Es braucht Kraft, jung zu sein, und dann erst recht zum Älter- und Altwerden. Es braucht Kraft, um in den Enttäuschungen des Lebens und im Unglück nicht bitter zu werden, nicht zu verzweifeln, und es braucht erst recht Kraft dazu, wenn es uns gut geht, im Glück, nicht übermütig, eitel und dumm zu werden. Es braucht Kraft dazu, den Versuchungen, die wir 127 alle kennen, zu widerstehen, und es braucht vielleicht noch mehr Kraft dazu, indem man ihnen widersteht, kein selbstgerechter, liebloser Pharisäer zu werden. Es braucht sicher Kraft dazu, gefangen zu sein, wie ihr hier in diesem Hause. Aber glaubt es mir, es braucht auch Kraft, und vielleicht noch größere, dazu, frei zu sein und von seiner Freiheit den rechten Gebrauch zu machen. Es braucht Kraft dazu, mit dem Mitmenschen, der einem vielleicht auf die Nerven geht und zuwider lebt, auszukommen, und vielleicht noch mehr Kraft dazu, mit sich selber auszukommen, sich selber von Tag zu Tag und von Jahr zu Jahr auszuhalten. Es braucht Kraft zu dem, was ich vorhin das Natürlichste von der Welt genannt habe: zum Glauben, der eine fröhliche Hoffnung und der in der Liebe kräftig ist [vgl.
Ja, das kann ich nun freilich nicht beschreiben, wie er das tut! Wie sollte man das beschreiben können, wenn es geschieht, daß Gott uns schenkt, was sein ist, was ihm gehört? Das ist sicher: er gibt uns die Kräfte, die wir brauchen, hinein in unsere, in deine und meine menschliche Schwachheit: gerade da und dort, wo wir mit unserem Latein am Ende sind. Es wird darum immer etwas Unerwartetes sein, wenn das geschieht. Er gibt sie uns dann immer für die nächste, vor uns liegende Wegstrecke. Er gibt sie uns dann aber jedesmal mit der Verheißung, daß er sie uns wieder geben, daß er uns weitere, größere, jedenfalls immer wieder die nötigen Kräfte auch für die nächste Zu128kunft geben |109 wird. Und er gibt sie uns immer mit der Folge, daß wir irgendwo gerade das können, was wir zuvor nicht konnten. Er gibt uns gewiß nicht Alles auf einmal, aber immer wieder dies und das für dieses Mal bis zum nächsten. Nicht so, daß du jetzt ein Kraftmeier würdest, aber auch nicht so, daß du ein Schwächling bleibst, der nur eben zappeln, die Hände verwerfen, nur eben (es wird uns noch oft genug passieren!) auf die Nase fallen kann. Er gibt sie dir so, daß du in aller Bescheidenheit, aber auch in aller Bestimmtheit ein Mensch werden darfst, der in Demut mutig seinen Weg geht, der in Dankbarkeit stark sein darf: darum stark, weil es Gottes allmächtige Gnade ist, für die er danken darf.
Der Herr, dein Gott, tut das, er gibt dir die Kräfte, die du brauchst und nicht hast: so gewiß er der Erbarmer ist, so gewiß er sich unser aller in der Krippe von
So gedenke nun auch du des Herrn, deines Gottes! Meine lieben Freunde, wir sind alle miteinander — ich auch, und ich will gerne sagen: ich vor allem — wunderliche Kunden des lieben Gottes. Will sagen: Leute, die es immer wieder nicht merken, daß er es ist, der uns Kräfte gibt — Leute, die immer wieder so gar nicht aufmerksam darauf sind, so gar nicht dankbar und so gar nicht willig, mit leeren Händen zu empfangen, was er uns gibt, was er allein hat, allein geben kann und geben will: die Kräfte, die wir brauchen und die wir so gar nicht haben. Ja, wir sind alle solche wunderliche Kunden des lieben Gottes. Aber bei diesem Geständnis dürfen wir es nun nicht bewenden lassen.
Gedenke des Herrn, deines Gottes! Das heißt: Wache auf aus 129 dem Schlaf deiner großen Gedankenlosigkeit! Wache auf aus den schönen und weniger schönen Träumen der vielen anderen Gedanken, die dir durch den Kopf gehen! Wache auf zu der Einsicht und Erkenntnis: Er, er ist es, der dir Kräfte gibt. Wenn du dazu aufwachst, dann muß und wird dich ja die Frage überfallen: Wie konnte ich ihn vergessen? Wie konnte ich nur alles Andere wichtiger nehmen wollen als ihn? Wie konnte ich mich selbst so in die Mitte aller Dinge rücken? Wie konnte ich nur Alle und Alles an meinen Wünschen und Urteilen messen? Wie wenn ich die Sternwarte von
Was gilt’s: Wenn du das tust — jedes Mal, wenn du des Herrn, deines Gottes, gedenkst, beginnen die Kräfte, die er gibt — wie das Wasser aus dem Felsen unter dem Stab des Mose [vgl.
Ihr möchtet mich fragen, ob man das kann und wie man das kann: des Herrn gedenken. Zwei Antworten auf diese Frage zum Schluß:
Die eine ist die: des Herrn gedenken ist gewiß eine Sache, 130 die man wie alles Gute einmal anfangen und nicht nur anfangen, sondern auch wiederholen, die man üben muß. Und wenn ihr mich fragt: wie fängt man das an, wie wiederholt und wie übt man das?, so kann ich euch wohl daran erinnern: eben dazu hält man sich zur christlichen Gemeinde, die es ja auch hier, auch in diesem Hause gibt. Ich bin hier einmal bei einer Diskussion gefragt worden: was eigentlich «die Kirche» sei? Ich könnte jetzt die allereinfachste Antwort geben: Die Kirche ist unser gemeinsamer Versuch, des Herrn, unseres Gottes zu gedenken. Zur Übung darin hält und hört man die Predigt. Um das zu tun, feiern wir, wie es ja an der Weihnacht auch hier wieder geschehen ist, das Abendmahl, in welchem es gewissermaßen leibhaftig wird, daß er es ist, der uns speist und tränkt und also Kräfte gibt. Um dessen zugedenken, singen wir (mit Sinn und Verstand!) die Lieder unseres Gesangbuches. Und eben dazu dürfen, können, sollen wir in der Bibel lesen. Etwa den
Aber eben — und damit komme ich zu meiner zweiten Antwort: auch im Gottesdienst, auch bei der Predigt, auch wenn man das Gesangbuch, auch wenn man die Bibel in der Hand hat und liest, auch dann ist es gewiß nicht so, daß man nun einfach von sich aus im Stande wäre, des Herrn zu gedenken. Es wird nichts daraus, es wäre denn, er selber gebe uns die 131 Kraft gerade dazu! Daß er uns gerade diese Kraft gebe, darum werden wir ihn über Alles hinaus, was wir selbst dazu tun können, bitten müssen. Wir dürfen ihn aber gerade um diese Kraft bitten. Und als Letztes sage ich euch jetzt ganz zuversichtlich — ihr braucht es nicht nur zu glauben, ihr dürft es wissen, daß es so ist: der Herr, unser Gott, hat noch Keinen unerhört gelassen, der ihn um die Kraft gebeten hat, seiner zu gedenken. Amen.
- Nr. 27: «Nun jauchzt dem Herren, alle Welt» (nach Ps. 100) von
D. Denicke , Strophen 1–6 - Nr. 48: «Sollt ich meinem Gott nicht singen» von
P. Gerhardt , Strophen 1,2,10 (= EKG 232, Str. 1,2,11) - Nr. 44: «Nun danket alle Gott» von
M. Rinckart , Strophe 3