Predigt: Philipper 4,5-6 (Akademischer Weihnachtsgottesdienst)): "Der grosse Dispens"
Mir hat ein guter Freund in
Feiern! Wenn wir das Wort in seiner ursprünglichen Bedeutung nehmen, wie sie noch in dem schönen Wort «Feierabend» anklingt, meint es: Urlaub, Ferier, aufhören dürfen mit allem Betrieb und allem Getriebe, mit allem Geläufe, Getue und Krampf, zur Ruhe kommen dürfen. In diesem Sinn sollen, dürfen, wollen wir Weihnacht feiern. Wobei wir uns gleich merken wollen: Feiern der Weihnacht kann kein bloß vorübergehendes Geschehen sein, sondern nur ein solches, das hineingeht in unsere Herzen, in uns selbst, in unser Leben, um von uns Besitz zu ergreifen, um zu bleiben, das kein Aufhören kennt, das ein Aufatmen bedeutet, das nicht abgelöst wird von einem Keuchen, eine Befreiung vom Getriebe, die durchhält.
Dieses «Feiern» meint dasselbe, was wir vorhin von
Sorgen: das heißt sich selber so ernst nehmen, daß man meint, die großen, ernsten Fragen des Lebens selber beantworten und lösen zu können — die große Schwere des Lebens und alle die kleinen Lasten wie
Lasten und Fragen unseres Lebens, ja, die gibt es. Wir würden alle so gern glücklich sein, wahrscheinlich darum, weil wir alle irgendwie unglücklich sind. Das ist eine Frage unseres Lebens! Eine andere ist die: Was ist meine und was ist deine Lebensaufgabe? Werden wir ihr gerecht? Oder: Was mache ich für eine Figur in meiner Umgebung, komme ich auch zur Geltung, empfange ich von meinen Mitmenschen, was |99 mir gebührt? Oder: Wie mache ich es nur mit dem oder jenem Mitmenschen, wie kann ich ihn aushaken, und wie kann ich ihm etwa auch helfen? Oder: Was ist es überhaupt mit dem Menschsein? Kann man es ertragen, hat es einen Sinn, ein Mensch zu sein? Eine sehr ernste Frage, und wem sie noch nie zur Frage wurde, der gehe zu
Und nun hören wir zu allen diesen Fragen, bis und mit der letzten: Sorget euch um nichts! Das ist der große Dispens. Das besagt nicht, daß diese Fragen nicht schwere und echte Fragen wären. Es besagt aber: Du bist entlassen aus dem Zwang, 116 in allen diesen Fragen von dir aus antworten und disponieren zu wollen. Es ist gar nicht deine Sache, dir selber das Glück zu verschaffen, und es ist gar nicht deine Sache, dir selber eine Lebensaufgabe zu stellen, und noch weniger, zu entscheiden, ob du ihr gerecht werdest oder nicht! Laß das! Und höre auch auf, dir Gedanken zu machen über die Grenzen deiner Arbeit und über ihre Güte! Weiter: mit deinem Mitmenschen sollst du gar nicht «fertig» werden, weder mit dem, was an ihm auszusetzen, noch mit dem, was für ihn zu sagen ist! Und endlich: ob das Menschsein einen Sinn hat, das auszumachen ist nicht deine Sache, und dein ewiges Heil und Unheil zu erlangen, steht erst recht nicht in deinen Händen!
Sorget euch um nichts! Das heißt: Feierabend haben, aufhören und aufatmen dürfen, endlich zur Ruhe kommen, endlich und endgültig Ferien haben!
Du fragst vielleicht: Was hat das alles mit der Weihnacht zu tun? Mit der Feier der Weihnacht? Liebe Freunde, sehr viel, geradezu Alles! Denn wenn dieses Feiern wirklich dieses «um nichts Sorgen» ist, wenn es also echtes, wirkliches Feiern ist, dann ist es genau das Feiern, das uns durch die Botschaft des Wortes erlaubt und geboten ist. Wäre es nicht das Feiern der Weihnacht, dann könnte es eine ganz üble Sache sein: Sache einer törichten und böswilligen Blindheit für den Ernst und für die Schwere des Lebens, Sache eines willkürlichen und sträflichen Leichtsinns, existentialistischer Schabernack oder auch Sache einer müden, unverantwortlichen Skepsis. Gott behüte uns vor solchem «Feiern», das nur eine andere Form eigenmächtigen Sorgens ist! Wir sind auch davon dispensiert!
100 Die Einladung zum rechten Feiern, das mit Sorgen nichts zu tun hat, kommt damit und davon, daß der Herr nahe ist. Der Herr, dessen Geburt die Engel den Hirten von
Dieser Herr ist nahe. Nicht irgend eine der Tröstungen der Religionen ist uns nahe, sie sind wahrlich noch einmal ein Zeichen davon, daß der Mensch sich nicht selber trösten kann. Und auch nicht die Kirche mit ihrer alten oder neuen Lehre und Theologie oder auch mit ihren Ordnungen und Einrichtungen, mit ihren Traditionen ist uns als solche nahe. Sie hat nicht als Zeuge von sich selber, sondern nur als Zeuge von dem Herrn Wert: von dem Herrn, der nicht tot, sondern lebendig ist, der nicht gegangen oder vergangen ist, sondern der kommt, und zwar jetzt kommt, und nicht nur zu Anderen, sondern zu dir und mir: «Siehe, Ich stehe vor der Tür und klopfe an!» [
Daß dieser Herr nahe ist, das ist das Geheimnis des großen Dispenses. Wie der Frühlingssturm Eis und Schnee auftaut oder wie das Feuer den Holzstoß in Flammen setzt, so macht das allen unseren Sorgen ein Ende, so fegt es sie alle fort. Wir brauchen nicht zu sorgen, weil für uns gesorgt ist, weil wir rechtmäßig davon befreit sind, weil es Unrecht wäre, wenn wir dennoch sorgen wollten.
118 Ihr fragt mich: Aber was bleibt uns, wenn wir uns nicht sorgen? Da regt sich eine andersartige Sorge, nämlich ein stolzer, trotziger Wider|101stand, still und doch sehr heftig, als wäre das Beste und Heiligste im Menschen verletzt. Wir sind merkwürdige Gesellen. Wir reden von unseren Sorgen, wir leiden an ihnen, aber wenn der Dispens laut wird, wenn das Wort ertönt: Sorget nicht!, dann wird es offenbar, daß wir unsere Sorgen (und in ihnen uns selber) hochhalten und schätzen, ja lieben und pflegen. Ich werde nie vergessen, wie ich einmal von einer alten Freundin angerufen wurde und sie mir ihr Leid klagte — sie hat viel gelitten an Asthma und an Schwermut — und ich sie damit zu trösten versuchte, daß ich ihr ein altes Kinderverslein aufsagte: «Der lieb Gott het recht an mi denkt / Und het mer hit vyl Fraide gschenkt / Er b’hietet und segnet mi: / s’isch hitte luschtig gsi»3, da fuhr sie heftig auf: «Nai, der lieb Gott hett nit an mi denkt, nai, s’isch hitte nit luschtig gsi!» — Ihre Sorge war ihr zu lieb, als daß sie sie hätte hergeben können (es kann freilich auch sein, daß ich nicht das rechte Wort des Trostes für sie gefunden habe).
Aber könnte nicht auch etwas Richtiges und Wichtiges in diesem Widerstand gegen das Nicht-Sorgen sein? Nehmen wir einmal an, wir würden uns den großen Dispens gefallen lassen. Was dann? Wo doch die Schatten der Fragen und Lasten, die unser Herr auf sich genommen hat, auch wenn die Sorge um sie geschmolzen und verbrannt sein sollte wie jener Holzstoß, noch da sind? Sind wir verurteilt, die Hände in den Schoß zu legen und nichts zu tun? Könnten wir so unser Leben aushalten, wäre das ein ehrliches, ein menschenwürdiges Leben? Müßte es nicht neue Sorge bedeuten, in dieser Haltung zu verharren?
Nein, darum kann es freilich nicht gehen. Durch die Nähe des Herrn, durch die die Türe zum Sorgen verschlossen wird, wird 119 unerwartet eine andere Türe aufgetan, wird uns ein neuer Boden unter die Füße gelegt, auf dem wir Besseres tun dürfen und tun sollen als sorgen.
120 Also doch nur beten? Ja, nur beten! Hast du es etwa schon versucht, nicht aus Gewohnheit, sondern weil der Herr nahe ist und weil du es als sein Bruder, als seine Schwester, als Gottes Kind wagen darfst und wagen sollst, bittend und flehend im Gebet Alles vor Gott zu bringen? Wer das versucht und getan hat, der weiß, daß solches Beten, nur Beten, auch stille, rüstige, stetige Arbeit einschließt. Der hat keine Sorge, daß Beten zu wenig sein könnte, der tut vielmehr, gerade indem er betet, auch in seinem Leben, Denken, Reden und Tun die seinem Beten entsprechenden Schritte: kleine, anspruchslose, unscheinbare, aber bestimmte Schritte, und zwar in aller Bedrängnis muntere, ja lustige |103 Schritte, mit denen er wohl auch, ganz ohne es zu wollen, ohne es vorauszusehen und zu wollen, ein wenig Licht für Andere in dieser dunklen Welt sein und verbreiten darf.
Laßt uns in diesem Sinn fröhliche Weihnacht feiern! Wir sollen und dürfen, wir können es aber auch, wir haben alle Anlaß dazu: Der Herr ist nahe! Warum also sollten wir nicht fröhlich feiern?
- Nr. 113: «Lobt Gott, ihr Christen, allzugleich» von
N. Herman , Strophen 1–4 (= EKG 21, Str. 1–3,6) - Nr. 118: «Freut euch, freut euch all insgemein» von
A. Lobwasser , Strophen 1–4 - Nr. 115: «Vom Himmel hoch, da komm ich her» von
M. Luther , Strophe 12 (= EKG 16, Str. 15)