Alle! Predigt über Römer 11, 32
Ihr habt sicher sofort gemerkt, daß das ein nicht so ganz leicht zu verstehendes Wort ist. Und ich gestehe euch offen, daß ich selbst, nachdem ich in einem nun schon ziemlich langen Leben immer wieder im Römerbrief des
Um sich Aller zu erbarmen! Mit diesem Zweiten wollen wir anfangen. Denn das ist so etwas wie ein Berg, den man nicht erklettern kann, auch nicht in Gedanken, auch nicht in einer Predigt, sondern von dem man eigentlich nur herunterkommen kann. Auch der Apostel Paulus hätte das Erste: daß Gott Alle eingeschlossen hat in den Ungehorsam, nicht sagen können, wenn er nicht zuerst und vor allem das Zweite gewußt und bedacht hätte: daß Gott sich Aller erbarmt. Es bleibt uns schon nichts Anderes übrig: auch wir müssen mit diesem Zweiten anfangen.
Wir müßten ja Weihnacht und Karfreitag und Ostern vergessen haben, müßten Jesus Christus beiseite lassen, wenn wir es anders halten wollten. Wer ihn kennt, der weiß, daß man ihn 94 nicht nur nicht beiseite lassen kann, sondern daß wir in unserem ganzen Denken und Leben immer nur bei ihm, mit ihm, d. h. aber damit anfangen können (wie mit dem Buchstaben A als dem Anfang des Alphabets!): daß Gott sich Aller erbarmt hat, erbarmt und erbarmen will und wird, daß Gottes Wollen und Vollbringen bestimmt und regiert ist durch sein Erbarmen. Darüber hat er selbst uns eben in Jesus Christus Bescheid gesagt, und das nicht nur mit Worten, sondern mit seiner größten, gewaltigsten Tat: indem er selbst sich in diesem seinem lieben Sohn für uns dahingegeben hat, ein Mensch, unser Bruder geworden ist. Das ist die Tat und in dieser Tat das Wort von Gottes Erbarmen über Alle. Daran dürfen und sollen wir uns halten, damit immer wieder neu anfangen.
Daß Gott sich unser erbarmt, heißt einfach: daß er trotzdem zu uns Ja sagt, daß er es trotzdem mit uns halten, trotzdem unser Gott sein |83 will. Trotzdem: weil wir das nämlich nicht verdient haben, weil er — so sollte man denken — eigentlich zu uns allen Nein sagen müßte. Er sagt aber nicht Nein, sondern Ja. Er ist nicht gegen uns, sondern für uns. Das ist Gottes Erbarmen.
Es ist aber im Unterschied zum Erbarmen auch der freundlichsten Menschen ein allmächtiges, und zwar ein allmächtig errettendes, hilfreiches, ein Licht, Frieden und Freude bringendes, ein solches Erbarmen, bei dem wir nicht zu befürchten haben, daß es eine Grenze haben, daß es da einen Vorbehalt geben möchte. Es ist ein Ja, in welchem keine Dunkelheit ist, bei dem wir nicht zu besorgen haben, daß es plötzlich doch wieder ein Nein sein möchte.
Und es ist Gottes Erbarmen, eben weil es sein und kein menschliches Erbarmen ist, ein solches, das — in unserem Text liegt darauf der Nachdruck — uns allen zugewendet ist. Im Römerbrief des
Aber laßt uns einen Augenblick innehalten: Weil es laut Gottes heiligem Wort, das er in Jesus Christus gesprochen hat, so ist, daß er sich Aller erbarmt, darum darf und darum soll ein Jeder von euch — nicht mir, aber Ihm das nachsprechen: Ich bin auch Einer von diesen Allen. Und also hat sich Gott auch meiner erbarmt, erbarmt er sich auch meiner und wird er sich auch meiner erbarmen. Das wäre die große Sünde, wenn Einer von euch jetzt denken würde: Das geht mich nicht an. Meiner hat Gott sich nicht erbarmt, will und kann er sich nicht erbarmen. |84 Oder gar: Das habe ich nicht nötig! Das begehre ich nicht! Das wäre die große Sünde, die wir jetzt nicht begehen wollen. Gott erbarmt sich Aller, also auch meiner und also auch deiner. Und also darf und soll auch ich, darfst und sollst auch du von seinem Ja, das er zu allen Menschen und auch zu uns gesprochen hat, leben: heute, jetzt und hier leben!
Aber halt, noch einen Augenblick! Weil es laut des Wortes, das Gott in Jesus Christus gesprochen hat, so ist, daß er sich Aller erbarmt, darum dürfen und müssen wir in unseren Herzen auch das nachsprechen: Zu diesen Allen, derer Gott sich erbarmt, gehören auch dieser Mann und jene Frau dort, gehört auch der andere Mensch da neben mir, da vorne oder da hinten, auch der Mensch, an den ich nicht so gern denke wie an mich 96 selber: der Mensch, der mir vielleicht etwas angetan hat oder sonst nicht gefällt, den ich wohl gar für meinen Feind halten muß und dem ich wiederum feind bin. Gott hat sich Aller erbarmt, auch dieses anderen Menschen. Sein Ja gilt auch ihm. Und das wäre noch einmal und in schlimmerer Form die große Sünde, die wir nicht begehen wollen: wenn wir irgend Jemand ausnehmen möchten von diesem Ja Gottes, von seinem Erbarmen. Das geht nicht. Wir dürfen und sollen mit jedem Anderen in Gedanken, Worten und Taten leben als mit Einem, dessen Gott sich auch erbarmt hat. Es heißt ja nicht nur: Herr, erbarme dich meiner! sondern: Herr, erbarme dich unser, unser aller! So hat die christliche Kirche von Anfang an gebetet, und nur so können auch wir wahrhaft beten.
Das ist es, was in Kürze von Gottes Erbarmen zu sagen ist. Das ist die Höhe, von der wir unter allen Umständen herkommen dürfen.
Eben von dieser Höhe gilt es nun aber auch hinunterzusteigen in die Tiefe des Ersten, das wir gehört haben: um sich Aller zu erbarmen, hat Gott Alle eingeschlossen in den Ungehorsam.
Eingeschlossen! Über die nächste Bedeutung dieses Wortes will ich in diesem Haus, in welchem es so viele verschlossene Türen gibt, kein einziges Wort verlieren. Der Mensch kann noch ganz anders und viel schlimmer eingeschlossen sein, als ihr es hier seid. Eingeschlossen vielleicht in ein Leid, das ihn betroffen hat und das nun aus seinem Herzen und Leben nicht mehr weichen will! Eingeschlossen in einen Kummer, Zorn und Haß, den er gefaßt und vielleicht mit Recht gefaßt hat, gegen Menschen, die ihm ein Unrecht, etwas Böses oder Ungeschicktes ange|85tan haben! Eingeschlossen in eine fatale Neigung oder Gewohnheit, die ihm vielleicht schon von Jugend an anhaftet! Eingeschlossen in die Not einer körperlichen Krank97heit wie die Menschen da drüben in den Spitälern! Ein großer Teil der heutigen Menschheit ist eingeschlossen in das gegenseitige Mißtrauen, in die bittere Feindschaft zwischen West und Ost, zwischen der sogenannten «freien Welt» und der Welt des sogenannten Sozialismus. Und wir alle mögen uns wohl eingeschlossen vorkommen in die große, wirklich drohende Sorge vor einem kommenden dritten Weltkrieg und vor den Bomben, mit denen die Menschen einander dabei zu bewerfen gedenken. Schließlich noch etwas ganz Einfaches, das ich auch gleich zuerst hätte nennen können: wir alle sind eingeschlossen in die Grenzen unseres einzigen, so kurzen Lebens, in die Grenzen unserer Geburt und unseres Todes, der einmal kommen wird.
Immerhin: Alles, was ich da genannt habe, sind Türen, hinter denen wir eingeschlossen sind, aber solche, die sich auch einmal öffnen könnten und die schon jetzt ihre Spältchen haben, durch die man hinausblicken kann. Sogar über die harte Tatsache, daß wir einmal sterben müssen, kann sich der Mensch bekanntlich wenigstens in Gedanken hinwegsetzen.
Hinter einer Türe aber sind wir alle fest und endgültig und ohne von uns aus hindurchblicken zu können, eingeschlossen: Gott hat uns alle eingeschlossen in den Ungehorsam. Was heißt das? Was ist das für ein Einschließen?
Es besteht darin, daß Gott in seinem unfehlbaren Wissen weiß und in seinem irrtumslosen Wort sagt, wer und was wir alle sind — in Wahrheit und im tiefsten Sinn: Ungehorsame. Nicht nur Ungehorsame gegen Eltern und Lehrer und Vorgesetzte, wie wir es in unserer Jugend oft genug waren, oder Ungehorsame gegen die menschliche Sitte und Gesetzgebung oder auch Ungehorsame gegen unser Gewissen. Das waren und sind wir freilich auch. Aber das sind wir nicht alle gleichmäßig und auch nicht ganz und gar und auch nicht endgültig. Gott weiß 98 und sagt aber, und das ist sein «Einschließen», daß wir vor ihm und gegen ihn Ungehorsame sind. Was heißt das? Es bedeutet nicht notwendig, daß Einer ein Gottesleugner ist, der geradezu denkt und sagt: es gibt keinen Gott. Ich glaube, es gibt nur ganz wenige solche ausgesprochene Gottesleugner, und die das sind, sind vielleicht nicht einmal immer die |86 Schlimmsten. Gott ungehorsam sein heißt aber: daß wir ihn, ob wir an ihn glauben oder nicht glauben, einen guten Mann sein lassen, dem gegenüber wir uns in unserem Herzen, in unseren Gedanken, in unserem Leben vorbehalten, unseren eigenen Weg zu gehen. Gott ungehorsam sein, heißt in seinem innersten Herzen und dann auch mit seinem Leben sagen: es gibt keinen Gott
[vgl.
Und nun liegt wieder aller Nachdruck darauf, daß es Alle sind, die Gott eingeschlossen hat in den Ungehorsam. Alle, auch mich, der euch hier die Sonntagspredigt hält? Ja, auch mich. Auch die Braven oder doch Bräveren unter euch? Ja, auch sie. Auch die Brävsten, die es in der Welt schon gegeben hat und noch geben mag? Ja, sie auch! Gott weiß es, und Gott sagt es: Alle, Jeden in seiner Weise, aber Jeden.
Wir müssen wieder einen Augenblick innehalten. Weil auch 99 das uns alle angeht, darum soll sich jetzt Keiner von uns heimlich davor behüten und Keiner an Andere denken wollen, die das mehr angehen möchte als ihn, Keiner sich selbst für eine Ausnahme oder wenigstens für eine halbe oder Viertels-Ausnahme halten. Meine Brüder und Schwestern, es hängt Alles daran, daß man gerade hier nicht an ein Entschlüpfen denkt. Nicht nur darum, weil man hier nicht entschlüpfen kann, sondern weil es uns nicht gut wäre, wenn wir hier entschlüpfen würden. Unser Friede und unsere Freude, die ganze Aussicht auf unser zeitliches und ewiges Heil steht und fällt damit, daß wir das nicht ableugnen, sondern bekennen, daß wir dagegen nicht aufmucken, sondern gerade das wahr sein lassen: Gott hat auch mich und dich eingeschlossen in den Ungehorsam.
Er tut das nicht, um uns zu erniedrigen, klein zu machen und bloßzustellen. Nochmals: Gott ist nicht gegen, sondern für uns. Der Heiland |87 ist, wie ein großer Gottesmann mit Recht gesagt hat, kein Kaputtmacher.2 Es sind, wenn ich es so ausdrücken darf, schon die Arme seiner ewigen Liebe, die er gegen uns ausbreitet, indem er uns einschließt in den Ungehorsam. Gerade das tut er ja, um sich Aller zu erbarmen. Denn indem er uns alle einschließt in den Ungehorsam, hält er uns alle beieinander wie ein Hirte seine Herde, hält er uns in Ordnung, am Zügel und bei der Stange, stellt er uns genau an den Ort, wo sein Erbarmen am Werk und offenbar ist, versammelt er uns zu seiner Gemeinde, versetzt er uns in die Gemeinschaft mit unserem Herrn Jesus Christus.
Denn damit hat er ja Jesus Christus zu unserem Heiland gemacht, daß er ihn, seinen eigenen, seinen lieben und gehorsamen Sohn als einen Ungehorsamen an unsere Stelle treten und an unserer Stelle sterben ließ. Er hat ihn, wie wieder
Von daher zum Schluß einige Fragen und gleich auch Antworten:
Du möchtest Mut, neuen Lebensmut fassen? Ja, das darfst du und das sollst du auch. Der reelle Lebensmut ist aber der Mut der Demut solcher Menschen, welche, eingeschlossen in den Ungehorsam, des göttli|88chen Erbarmens teilhaftig und dessen gewahr geworden sind. Solche Menschen werden und sind mutige Menschen.
Du möchtest recht haben? Ja, wir möchten alle recht haben, und du sollst auch recht bekommen: von Gott und vor Gott recht bekommen, auch wenn du vor den Menschen unrecht hast, auch wenn dein eigenes Gewissen dir unrecht gibt. Du wirst aber merken, daß du von Gott recht bekommst und hast — in dem Augenblick, wo du es zugibst (aber ohne Vorbehalt und aufrichtig zugibst!), daß du vor ihm, gerade vor Gott, im Unrecht bist.
Du möchtest in die Höhe, so richtig wieder in die Höhe kommen? Ja, du darfst und du sollst es. Nur muß ich eine Gegenfrage stellen: Bist du schon einmal so recht in der Tiefe gewesen, nicht nur in der Tiefe irgend eines äußeren oder inneren Elends, sondern in der Tiefe, wo der Mensch einsehen muß, daß er sich selbst nicht mehr helfen, daß auch kein anderer 101 Mensch ihm helfen kann — in der Tiefe, wo es außer Gottes Erbarmen keine, gar keine Hilfe gibt? In dieser Tiefe bist du von Gottes Erbarmen schon erreicht, schon gefunden, und daß Gottes Erbarmen dich in die höchste Höhe tragen wird, das wirst du dann auch sehen und erfahren dürfen.
Endlich: Du möchtest Freude haben. Ja, das möchten wir alle, das dürfen und sollen wir auch. Die rechte, die dauerhafte, die wirkliche Freude fängt aber ganz still, unscheinbar und verborgen damit an, daß du nicht mehr, nichts Anderes sein willst als Einer von den Allen, die Gott eingeschlossen hat in den Ungehorsam, um sich ihrer aller zu erbarmen. Sie fängt also damit an, daß wir uns beides, Gottes Erbarmen und Gottes Einschließen, ohne Widerspruch und ohne Widerstand gefallen lassen.
- Nr. 55: «Womit soll ich dich wohl loben» von
L. A. Gotter , Strophen 1–4 - Nr. 264: «Mir ist Erbarmung widerfahren» von
Ph. Fr. Hiller , Strophen 1–4 (= EKG 277, Str. 1,2,4,5) - Nr. 217: «Die Gnade unsres Herrn Jesus Christus»
(2.Kor. 13,13)