<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xml:id="kbga-texts-12016">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-12">Predigten 1954–1967</title>
        <title type="content">Alle! Predigt über Römer 11, 32</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Alle! Predigt über Römer 11, 32, 22. September 1957</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/12016 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1954–1967, hrsg. v. Stoevesandt, Hinrich (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2003, S. 81–89.</title>
      </titleStmt>
      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
        </availability>
        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/12016</idno>
      </publicationStmt>
      <sourceDesc>
        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
        <bibl type="pga" xml:id="pga">
          <title type="volume">Predigten 1954–1967</title>
          <title type="text">Alle! Predigt über Römer 11, 32</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Stoevesandt, Hinrich</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2003</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 81-89</biblScope>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">16</biblScope>
        </bibl>
        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
        <bibl type="asp" xml:id="asp">
          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.12, Predigten 1954-1967, 1957</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Karl Barth: Alle! Predigt über Römer 11,32, in: ders., Den Gefangenen Befreiung, Zollikon 1959, S. 92–102 Seitenumbrüche im Text entstammen dieser Edition</bibl>
        <bibl xml:id="B" type="source">B (Weitere Vorlage): Karl Barth: Alle! [Predigt über Römer 11,32] (Basler Predigten Jg. 21, Nr. 6), Basel 1957/1958 </bibl>
        <bibl xml:id="C" type="source">C (Weitere Vorlage): Barth, Karl, Alle! Predigt über Römer 11, 32, 22. September 1957. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/6376">KBA 743.2</ref>. </bibl>
        <!-- we should provide more types: <bibl type="not-found-in-kba"></bibl> <bibl type="not-in-kba"></bibl>  -->
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
    <profileDesc>
      <creation>
        <date type="creation" when="1957-09-22">22. September 1957</date>
      </creation>
      <langUsage>
        <language ident="ger">German</language>
      </langUsage>
      <textClass>
        <keywords>
          <term>sermon</term>
        </keywords>
      </textClass>
    </profileDesc>
    <revisionDesc>
      <change when="2026-08-25T09:04:36+02:00">teiHeader was automatically produced from the database 2026-08-25T09:04:36+02:00</change>
    </revisionDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div type="sermon">
      <pb xml:id="p081" ed="pga"/>
      <div type="opener">
      <head type="header">ALLE!</head>
      <epigraph>
        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.11.32">Römer 11,32</ref>
        <quote>Gott hat Alle eingeschlossen in den Ungehorsam, um sich Aller zu erbarmen!</quote>
      </cit>
      </epigraph>
      <dateline>
                        <date when="1957-09-22">22. September 1957</date>, <placeName ref="kbga-places-989">Strafanstalt Basel</placeName>
                    </dateline>
        <div type="prayer">
          <p>Herr unser Gott, du willst, daß die Menschen, und so heute auch wir in diesem Hause, dein tröstendes und mahnendes Wort hören, dich anrufen, dich loben. Es ist deine unverdiente Freundlichkeit, daß du es so haben willst. Denn was sind wir vor dir und für dich? Aber du hast uns gerufen, und wir haben deinen Ruf gehört. Und da sind wir nun zusammengekommen: deine Geschöpfe in all der Schwachheit, Dunkelheit und Widerspenstigkeit, die in uns ist — deine Kinder, die du liebst, auch wenn wir dich kaum und sicher gar nicht recht lieben — deine Gemeinde, die hier wie überall in der Welt eine wunderliche Schar ist, in der du aber dennoch gegenwärtig sein, mit der du dennoch etwas anfangen willst.</p>
          <p>Und nun warten wir, ganz und gar auf dich angewiesen, auf dich: auf deinen guten, heiligen Geist und seine Gaben. Mache du diese Stunde hell, dir wohlgefällig und für uns hilfreich und fruchtbar! Laß es von dir her geschehen, daß, was wir hier menschlich beten, reden, singen, Kraft und Wahrheit habe, aus unseren Herzen komme und uns wieder zu Herzen gehe! Sei du jetzt unser Meister, unser Lehrer, ein starker, gütiger Herr über Alles, was in dieser Stunde in einem Jeden von uns vorgehen mag!</p>
          <p>Im Namen deines lieben Sohnes, in welchem du auch uns deine freie Gnade erwiesen hast und immer wieder offenbar machen willst, beten wir zu dir, wie er uns vorgebetet hat: Unser Vater …</p>
          <div type="closer">
                            <salute>Amen! 
                            </salute>
                        </div>
        </div>
          
          <salute>
            <pb ed="A" n="93"/> <pb rend="noPipe" xml:id="p082" ed="pga"/> Meine lieben Bruder und Schwestern!</salute>
      </div> 
      <div type="main">
        <p>Ihr habt sicher sofort gemerkt, daß das ein nicht so ganz leicht zu verstehendes Wort ist. Und ich gestehe euch offen, daß ich selbst, nachdem ich in einem nun schon ziemlich langen Leben immer wieder im Römerbrief des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> gelesen habe, mit so Vielem, was darin, was in der Bibel überhaupt steht, und so auch mit diesem Wort noch lange nicht fertig geworden bin. Es gibt mir immer neu zu denken. Eines aber ist sicher, daß gerade in diesem Wort wie in einer ganz harten Schale ein wunderbarer, kostbarer Kern verborgen ist. Und nun gebe Gott, daß ich euch wenigstens etwas davon zeigen darf, was das heißt: daß Gott Alle in den Ungehorsam eingeschlossen hat, um sich Aller zu erbarmen!</p>
        <p rend="margin-top">
                        <hi rend="italic">Um sich Aller zu erbarmen!</hi> Mit diesem Zweiten wollen wir anfangen. Denn das ist so etwas wie ein Berg, den man nicht erklettern kann, auch nicht in Gedanken, auch nicht in einer Predigt, sondern von dem man eigentlich nur herunterkommen kann. Auch der Apostel <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> hätte das Erste: daß Gott Alle eingeschlossen hat in den Ungehorsam, nicht sagen können, wenn er nicht zuerst und vor allem das Zweite gewußt und bedacht hätte: daß Gott sich Aller erbarmt. Es bleibt uns schon nichts Anderes übrig: auch wir müssen mit diesem Zweiten anfangen.</p>
        <p>Wir müßten ja Weihnacht und Karfreitag und Ostern vergessen haben, müßten Jesus Christus beiseite lassen, wenn wir es anders halten wollten. Wer ihn kennt, der weiß, daß man ihn <pb ed="A" n="94"/> nicht nur nicht beiseite lassen kann, sondern daß wir in unserem ganzen Denken und Leben immer nur bei ihm, mit ihm, d. h. aber damit anfangen können (wie mit dem Buchstaben A als dem Anfang des Alphabets!): daß Gott sich Aller erbarmt hat, erbarmt und erbarmen will und wird, daß Gottes Wollen und Vollbringen bestimmt und regiert ist durch sein Erbarmen. Darüber hat er selbst uns eben in Jesus Christus Bescheid gesagt, und das nicht nur mit Worten, sondern mit seiner größten, gewaltigsten Tat: indem er selbst sich in diesem seinem lieben Sohn für uns dahingegeben hat, ein Mensch, unser Bruder geworden ist. Das ist die Tat und in dieser Tat das Wort von Gottes Erbarmen über Alle. Daran dürfen und sollen wir uns halten, damit immer wieder neu anfangen.</p>
        <p>Daß Gott sich unser erbarmt, heißt einfach: daß er trotzdem zu uns Ja sagt, daß er es trotzdem mit uns halten, trotzdem unser Gott sein <pb xml:id="p083" ed="pga"/> will. Trotzdem: weil wir das nämlich nicht verdient haben, weil er — so sollte man denken — eigentlich zu uns allen Nein sagen müßte. Er sagt aber nicht Nein, sondern Ja. Er ist nicht gegen uns, sondern für uns. Das ist Gottes Erbarmen.</p>
        <p>Es ist aber im Unterschied zum Erbarmen auch der freundlichsten Menschen ein allmächtiges, und zwar ein allmächtig errettendes, hilfreiches, ein Licht, Frieden und Freude bringendes, ein solches Erbarmen, bei dem wir nicht zu befürchten haben, daß es eine Grenze haben, daß es da einen Vorbehalt geben möchte. Es ist ein Ja, in welchem keine Dunkelheit ist, bei dem wir nicht zu besorgen haben, daß es plötzlich doch wieder ein Nein sein möchte.</p>
        <p>Und es ist Gottes Erbarmen, eben weil es sein und kein menschliches Erbarmen ist, ein solches, das — in unserem Text liegt darauf der Nachdruck — uns allen zugewendet ist. Im Römerbrief des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> bedeutet das: den Juden <hi rend="italic">und</hi> den Heiden, d. h. <pb ed="A" n="95"/> denen, die Gott nahe oder wenigstens näher sind, <hi rend="italic">und</hi> denen, die ihm fern sind, und also den sogenannten Frommen <hi rend="italic">und</hi> den sogenannten Ungläubigen, den sogenannten Guten <hi rend="italic">und</hi> den sogenannten Bösen: Allen. Gott erbarmt sich Aller: eines Jeden in seiner Weise, aber eines Jeden. Es ist wirklich so, wie es in einem Volkslied heißt, das ihr vielleicht auch schon gehört habt: «Gott verläßt die Wüsten nicht!»<note xml:id="n01">Dritte Strophe des oberaargauischen Volksliedes «Chumm, mir wei ga Chirseli gwinne!»: <q rend="block">
                                <lg>
                                    <l xml:space="preserve">Bi nid rych uff dieser Ärde,</l>
                                    <l xml:space="preserve">bi nid hübsch von Angesicht,</l>
                                    <l xml:space="preserve">’s mueß mer doch o eini wärde,</l>
                                    <l xml:space="preserve">Gott verlaht die Wüeschte nid.</l>
                                </lg>
                            </q>
               </note> Nein, wirklich auch sie nicht. Wie es in den Gleichnissen vom verlorenen Schaf, vom verlorenen Groschen und vom verlorenen Sohn [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.15">Lk. 15</ref>] beschrieben ist, so verhält es sich mit Gottes Erbarmen.</p>
        <p>Aber laßt uns einen Augenblick innehalten: Weil es laut Gottes heiligem Wort, das er in Jesus Christus gesprochen hat, so ist, daß er sich Aller erbarmt, darum darf und darum soll ein Jeder von euch — nicht mir, aber Ihm das nachsprechen: Ich bin auch Einer von diesen Allen. Und also hat sich Gott auch meiner erbarmt, erbarmt er sich auch meiner und wird er sich auch meiner erbarmen. Das wäre die große Sünde, wenn Einer von euch jetzt denken würde: Das geht mich nicht an. Meiner hat Gott sich nicht erbarmt, will und kann er sich nicht erbarmen. <pb xml:id="p084" ed="pga"/> Oder gar: Das habe ich nicht nötig! Das begehre ich nicht! Das wäre die große Sünde, die wir jetzt nicht begehen wollen. Gott erbarmt sich Aller, also auch meiner und also auch deiner. Und also darf und soll auch ich, darfst und sollst auch du von seinem Ja, das er zu allen Menschen und auch zu uns gesprochen hat, leben: heute, jetzt und hier leben!</p>
        <p>Aber halt, noch einen Augenblick! Weil es laut des Wortes, das Gott in Jesus Christus gesprochen hat, so ist, daß er sich Aller erbarmt, darum dürfen und müssen wir in unseren Herzen auch das nachsprechen: Zu diesen Allen, derer Gott sich erbarmt, gehören auch dieser Mann und jene Frau dort, gehört auch der andere Mensch da neben mir, da vorne oder da hinten, auch der Mensch, an den ich nicht so gern denke wie an mich <pb ed="A" n="96"/> selber: der Mensch, der mir vielleicht etwas angetan hat oder sonst nicht gefällt, den ich wohl gar für meinen Feind halten muß und dem ich wiederum feind bin. Gott hat sich Aller erbarmt, auch dieses anderen Menschen. Sein Ja gilt auch ihm. Und das wäre noch einmal und in schlimmerer Form die große Sünde, die wir nicht begehen wollen: wenn wir irgend Jemand ausnehmen möchten von diesem Ja Gottes, von seinem Erbarmen. Das geht nicht. Wir dürfen und sollen mit jedem Anderen in Gedanken, Worten und Taten leben als mit Einem, dessen Gott sich auch erbarmt hat. Es heißt ja nicht nur: Herr, erbarme dich meiner! sondern: Herr, erbarme dich unser, unser aller! So hat die christliche Kirche von Anfang an gebetet, und nur so können auch wir wahrhaft beten.</p>
        <p>Das ist es, was in Kürze von Gottes Erbarmen zu sagen ist. Das ist die Höhe, von der wir unter allen Umständen herkommen dürfen.</p>
        <p rend="margin-top">Eben von dieser Höhe gilt es nun aber auch hinunterzusteigen in die Tiefe des Ersten, das wir gehört haben: um sich Aller zu erbarmen, <hi rend="italic">hat Gott Alle eingeschlossen in den Ungehorsam</hi>.</p>
        <p>Eingeschlossen! Über die nächste Bedeutung dieses Wortes will ich in diesem Haus, in welchem es so viele verschlossene Türen gibt, kein einziges Wort verlieren. Der Mensch kann noch ganz anders und viel schlimmer eingeschlossen sein, als ihr es hier seid. Eingeschlossen vielleicht in ein Leid, das ihn betroffen hat und das nun aus seinem Herzen und Leben nicht mehr weichen will! Eingeschlossen in einen Kummer, Zorn und Haß, den er gefaßt und vielleicht mit Recht gefaßt hat, gegen Menschen, die ihm ein Unrecht, etwas Böses oder Ungeschicktes ange<pb xml:id="p085" ed="pga" break="no"/>tan haben! Eingeschlossen in eine fatale Neigung oder Gewohnheit, die ihm vielleicht schon von Jugend an anhaftet! Eingeschlossen in die Not einer körperlichen Krank<pb ed="A" n="97" break="no"/>heit wie die Menschen da drüben in den Spitälern! Ein großer Teil der heutigen Menschheit ist eingeschlossen in das gegenseitige Mißtrauen, in die bittere Feindschaft zwischen West und Ost, zwischen der sogenannten «freien Welt» und der Welt des sogenannten Sozialismus. Und wir alle mögen uns wohl eingeschlossen vorkommen in die große, wirklich drohende Sorge vor einem kommenden dritten Weltkrieg und vor den Bomben, mit denen die Menschen einander dabei zu bewerfen gedenken. Schließlich noch etwas ganz Einfaches, das ich auch gleich zuerst hätte nennen können: wir alle sind eingeschlossen in die Grenzen unseres einzigen, so kurzen Lebens, in die Grenzen unserer Geburt und unseres Todes, der einmal kommen wird.</p>
        <p>Immerhin: Alles, was ich da genannt habe, sind Türen, hinter denen wir eingeschlossen sind, aber solche, die sich auch einmal öffnen könnten und die schon jetzt ihre Spältchen haben, durch die man hinausblicken kann. Sogar über die harte Tatsache, daß wir einmal sterben müssen, kann sich der Mensch bekanntlich wenigstens in Gedanken hinwegsetzen.</p>
        <p>Hinter einer Türe aber sind wir alle fest und endgültig und ohne von uns aus hindurchblicken zu können, eingeschlossen: Gott hat uns alle eingeschlossen in den Ungehorsam. Was heißt das? Was ist das für ein Einschließen?</p>
        <p>Es besteht darin, daß Gott in seinem unfehlbaren Wissen weiß und in seinem irrtumslosen Wort sagt, wer und was wir alle sind — in Wahrheit und im tiefsten Sinn: Ungehorsame. Nicht nur Ungehorsame gegen Eltern und Lehrer und Vorgesetzte, wie wir es in unserer Jugend oft genug waren, oder Ungehorsame gegen die menschliche Sitte und Gesetzgebung oder auch Ungehorsame gegen unser Gewissen. Das waren und sind wir freilich auch. Aber das sind wir nicht alle gleichmäßig und auch nicht ganz und gar und auch nicht endgültig. Gott weiß <pb ed="A" n="98"/> und sagt aber, und das ist sein «Einschließen», daß wir vor ihm und gegen ihn Ungehorsame sind. Was heißt das? Es bedeutet nicht notwendig, daß Einer ein Gottesleugner ist, der geradezu denkt und sagt: es gibt keinen Gott. Ich glaube, es gibt nur ganz wenige solche ausgesprochene Gottesleugner, und die das sind, sind vielleicht nicht einmal immer die <pb xml:id="p086" ed="pga"/> Schlimmsten. Gott ungehorsam sein heißt aber: daß wir ihn, ob wir an ihn glauben oder nicht glauben, einen guten Mann sein lassen, dem gegenüber wir uns in unserem Herzen, in unseren Gedanken, in unserem Leben vorbehalten, unseren eigenen Weg zu gehen. Gott ungehorsam sein, heißt in seinem innersten Herzen und dann auch mit seinem Leben sagen: es gibt keinen Gott 
          [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.14.1">Ps. 14,1</ref>]. Und das ist es, was wir beständig tun. Das ist der Ungehorsam, ist der Aufruhr, die Rebellion und Revolution, mit der wir das ganz Unmögliche unternehmen — ungefähr so etwas wie offenbar die Besteigung der <placeName ref="kbga-places-1014">Eigernordwand</placeName>. Wer aber Unmögliches unternimmt, der macht sich unmöglich und kann darum nur zugrunde gehen. Daß wir das tun, daß wir so dran sind, daß wir solche Eigerwandbesteiger sind, das weiß Gott von uns, und das sagt er uns auch, und das ist die Türe, die keinen Spalt hat und an der man vergeblich rüttelt. Dagegen, daß wir solche Ungehorsame sind, gibt es keinen Widerspruch. Das ist so wahr, wie es wahr ist, daß Gott Gott ist und daß wir wir sind.</p>
        <p>Und nun liegt wieder aller Nachdruck darauf, daß es Alle sind, die Gott eingeschlossen hat in den Ungehorsam. Alle, auch mich, der euch hier die Sonntagspredigt hält? Ja, auch mich. Auch die Braven oder doch Bräveren unter euch? Ja, auch sie. Auch die Brävsten, die es in der Welt schon gegeben hat und noch geben mag? Ja, sie auch! Gott weiß es, und Gott sagt es: Alle, Jeden in seiner Weise, aber Jeden.</p>
        <p>Wir müssen wieder einen Augenblick innehalten. Weil auch <pb ed="A" n="99"/> das uns alle angeht, darum soll sich jetzt Keiner von uns heimlich davor behüten und Keiner an Andere denken wollen, die das mehr angehen möchte als ihn, Keiner sich selbst für eine Ausnahme oder wenigstens für eine halbe oder Viertels-Ausnahme halten. Meine Brüder und Schwestern, es hängt Alles daran, daß man gerade hier nicht an ein Entschlüpfen denkt. Nicht nur darum, weil man hier nicht entschlüpfen kann, sondern weil es uns nicht gut wäre, wenn wir hier entschlüpfen würden. Unser Friede und unsere Freude, die ganze Aussicht auf unser zeitliches und ewiges Heil steht und fällt damit, daß wir das nicht ableugnen, sondern bekennen, daß wir dagegen nicht aufmucken, sondern gerade das wahr sein lassen: Gott hat auch mich und dich eingeschlossen in den Ungehorsam.</p>
        <p>Er tut das nicht, um uns zu erniedrigen, klein zu machen und bloßzustellen. Nochmals: Gott ist nicht gegen, sondern für uns. Der Heiland <pb xml:id="p087" ed="pga"/> ist, wie ein großer Gottesmann mit Recht gesagt hat, kein Kaputtmacher.<note xml:id="n02">Diesen Ausspruch von <persName ref="kbga-actors-48">J. Chr. Blumhardt</persName> (1805–1880) zitiert <bibl corresp="kbga-bibls-1590">
                                <persName ref="kbga-actors-851">Fr. Zündel</persName>, <hi rend="italic">Pfarrer Joh. Christoph Blumhardt. Ein Lebensbild</hi> Zürich/Heilbronn 1880 S. 238,</bibl> in folgender Form: «Glaubt doch nicht, daß der Heiland als der große Kaputmacher kommen will!»; — Vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-1591">
                                J. Chr. Blumhardt, <hi rend="italic">Blätter aus Bad Boll für seine Freunde</hi>, 1. Jg., Stuttgart 1873, S. 200</bibl>: «Dazu mag ich die gläubige Welt ansehen, wie ich will, so lassen sie, weil die bösen Menschen doch nicht glauben wollen, den Heiland lieber einen Kaputmacher sein, der eben jetzt Alles mit Gerichten in den Abgrund schmettere, denn einen Seligmacher, den’s nach dem Herzen treibe, etwa wieder neue Hebel vermittelst des nun eben doch sonst verheißenen Geistes zur Rettung Vieler anzusetzen. Solche Alle thun freilich nichts für eine Wiederkehr des heiligen Geistes.»
               </note> Es sind, wenn ich es so ausdrücken darf, schon die Arme seiner ewigen Liebe, die er gegen uns ausbreitet, indem er uns einschließt in den Ungehorsam. Gerade das tut er ja, um sich Aller zu erbarmen. Denn indem er uns alle einschließt in den Ungehorsam, hält er uns alle beieinander wie ein Hirte seine Herde, hält er uns in Ordnung, am Zügel und bei der Stange, stellt er uns genau an den Ort, wo sein Erbarmen am Werk und offenbar ist, versammelt er uns zu seiner Gemeinde, versetzt er uns in die Gemeinschaft mit unserem Herrn Jesus Christus.</p>
        <p>Denn damit hat er ja Jesus Christus zu unserem Heiland gemacht, daß er ihn, seinen eigenen, seinen lieben und gehorsamen Sohn als einen Ungehorsamen an unsere Stelle treten und an unserer Stelle sterben ließ. Er hat ihn, wie wieder <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> in einem anderen, ebenfalls nicht leicht verständlichen Wort <pb ed="A" n="100"/> gesagt hat: für uns zur Sünde gemacht [<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.21">2.Kor. 5,21</ref>]. Und darin war ihm Jesus Christus gehorsam, daß er sich gerade dagegen nicht auflehnte, sondern Solches sich gefallen ließ. Daraus folgt aber: Um zu ihm zu gehören, um des ewigen Erbarmens, das Gott uns in ihm erwiesen hat, um unserer Errettung durch ihn teilhaftig zu sein und sich freuen zu dürfen, um in der Kraft dieses Erbarmens, dieser Errettung leben zu dürfen, bleibt uns nichts übrig, als uns das auch widerfahren zu lassen: von Gott eingeschlossen zu sein in den Ungehorsam.</p>
        <p rend="margin-top">Von daher zum Schluß einige Fragen und gleich auch Antworten:</p>
        <p>Du möchtest Mut, neuen Lebensmut fassen? Ja, das darfst du und das sollst du auch. Der reelle Lebensmut ist aber der Mut der Demut solcher Menschen, welche, eingeschlossen in den Ungehorsam, des göttli<pb xml:id="p088" ed="pga" break="no"/>chen Erbarmens teilhaftig und dessen gewahr geworden sind. Solche Menschen werden und sind mutige Menschen.</p>
        <p>Du möchtest recht haben? Ja, wir möchten alle recht haben, und du sollst auch recht bekommen: von Gott und vor Gott recht bekommen, auch wenn du vor den Menschen unrecht hast, auch wenn dein eigenes Gewissen dir unrecht gibt. Du wirst aber merken, daß du von Gott recht bekommst und hast — in dem Augenblick, wo du es zugibst (aber ohne Vorbehalt und aufrichtig zugibst!), daß du vor ihm, gerade vor Gott, im Unrecht bist.</p>
        <p>Du möchtest in die Höhe, so richtig wieder in die Höhe kommen? Ja, du darfst und du sollst es. Nur muß ich eine Gegenfrage stellen: Bist du schon einmal so recht in der Tiefe gewesen, nicht nur in der Tiefe irgend eines äußeren oder inneren Elends, sondern in der Tiefe, wo der Mensch einsehen muß, daß er sich selbst nicht mehr helfen, daß auch kein anderer <pb ed="A" n="101"/> Mensch ihm helfen kann — in der Tiefe, wo es außer Gottes Erbarmen keine, gar keine Hilfe gibt? In dieser Tiefe bist du von Gottes Erbarmen schon erreicht, schon gefunden, und daß Gottes Erbarmen dich in die höchste Höhe tragen wird, das wirst du dann auch sehen und erfahren dürfen.</p>
        <p>Endlich: Du möchtest Freude haben. Ja, das möchten wir alle, das dürfen und sollen wir auch. Die rechte, die dauerhafte, die wirkliche Freude fängt aber ganz still, unscheinbar und verborgen damit an, daß du nicht mehr, nichts Anderes sein willst als Einer von den Allen, die Gott eingeschlossen hat in den Ungehorsam, um sich ihrer aller zu erbarmen. Sie fängt also damit an, daß wir uns beides, Gottes Erbarmen und Gottes Einschließen, ohne Widerspruch und ohne Widerstand gefallen lassen.</p>
              </div>
              <div type="closer">
                    <salute>Amen. </salute>
                </div>

        <div type="prayer">
          <p>Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist! Nun laß uns nicht auseinandergehen, ohne daß dein gütiges und strenges Wort uns begleite: einen Jeden an seinen Ort — hinein in seine besonderen Erfahrungen, Anliegen, Sorgen und Erwartungen — hinein in diesen ganzen Sonntag und in die vor uns liegende Woche! Sei und bleibe du gegenwärtig und wirksam in diesem Hause, bei Allen, die hier wohnen! Wehre du allen bösen Geistern, die uns oft zu stark sind! Erhalte du uns das Licht, das uns so oft wieder verlöschen will!</p>
          <p>Wir bitten dich um dasselbe für Alle, die sich an diesem Tag hier <pb xml:id="p089" ed="pga"/> und anderwärts in deinem Namen versammeln, und für die Welt, die ein mutiges, klares und fröhliches christliches Zeugnis so nötig hat. Deiner Treue befehlen wir besonders auch unsere Angehörigen an. Wir bitten dich um Weisheit für die <pb ed="A" n="102"/> Mächtigen dieser Erde, die da in deinem Auftrag für Recht und Frieden sorgen sollten — um Nüchternheit für die, die Tag für Tag unsere Zeitungen schreiben — um Liebe und Beständigkeit für alle Eltern und Lehrer — um heitere Verträglichkeit in allen Familien und Häusern — um offene brüderliche Herzen und Hände für die Armen und Verlassenen — um Erleichterung und Geduld für die Kranken — um die Hoffnung des ewigen Lebens für die Sterbenden.</p>
          <p>Und wir danken dir, daß wir das alles vor dir ausbreiten dürfen: vor dir, der du ja viel besser weißt als wir, was wir brauchen und was deiner schwachen Kirche und der armen verwirrten Welt zum Besten dient — vor dir, der du helfen kannst und willst, weit hinaus über unser Bitten und Verstehen.</p>
          <p>Wir sind in deiner Hand. Wir beugen uns unter dein Gericht, und wir rühmen deine Gnade.</p>
          <div type="closer">
                        <salute>Amen.</salute>
                    </div>
        </div>
        <div type="songs">
          <head>Lieder:</head>
          <listBibl type="songs" rend="simple">
            <bibl corresp="kbga-songs-27" type="song">Nr. 55: «Womit soll ich dich wohl loben» von <persName ref="kbga-actors-1363">L. A. Gotter</persName>, Strophen 1–4</bibl>
            <bibl corresp="kbga-songs-28" type="song">Nr. 264: «Mir ist Erbarmung widerfahren» von <persName ref="kbga-actors-2192">Ph. Fr. Hiller</persName>, Strophen 1–4 
              (= EKG 277, Str. 1,2,4,5)</bibl>
            <bibl corresp="kbga-songs-29" type="song">Nr. 217: «Die Gnade unsres Herrn Jesus Christus» 
              (2.Kor. 13,13)</bibl>
          </listBibl>
        </div>
        <!--
          <item><ref type="pub" subtype="bib1-ein1910" target="b0055">Nr. 55</ref>: «Womit soll ich dich wohl loben» von <persName ref="kbga-actors-1363">L. A. Gotter</persName>, Strophen 1-4</item>
          <item><ref type="pub" subtype="bib1-ein1933" target="b0264">Nr. 264</ref>: «Mir ist Erbarmung widerfahren» von <persName ref="kbga-actors-2192">Ph. Fr. Hiller</persName>, Strophen 1-4
(= <bibl><title level="m">EKG</title> 277, Str. 1, 2, 4, 5</bibl>)</item>
          <item><ref type="pub" subtype="bib1-ein1931" target="b0217">Nr. 217</ref>: «Die Gnade unsres Herrn Jesus Christus» 
            (<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.13.13">2.Kor. 13,13</ref>)</item>-->
        
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
