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        <title type="volume" n="vol-12">Predigten 1954–1967</title>
        <title type="content">Predigt:  (Abendgottesdienst): "Mitten unter euch - euer Gott - mein Volk!"</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt:  (Abendgottesdienst): "Mitten unter euch - euer Gott - mein Volk!", 7. Oktober 1956</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/12013 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1954–1967, hrsg. v. Stoevesandt, Hinrich (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2003, S. 55–63.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/12013</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1954–1967</title>
          <title type="text">Predigt:  (Abendgottesdienst): "Mitten unter euch - euer Gott - mein Volk!"</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Stoevesandt, Hinrich</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2003</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 55-63</biblScope>
          <!--position within a volume-->
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.12, Predigten 1954-1967, 1956</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Karl Barth: Mitten unter euch - euer Gott - mein Volk! [Predigt über 3. Moses 26,12], in: ders., Den Gefangenen Befreiung. Predigten aus den Jahren 1954–59, Zollikon 1959, S. 59–68 Seitenumbrüche im Text entstammen dieser Edition</bibl>
        <bibl xml:id="B" type="source">B (Weitere Vorlage): Karl Barth: Predigt über 3. Mose 26,12, in: ders., Die Menschlichkeit Gottes (Theologische Studien 48), Zollikon 1956, S. 28–35 </bibl>
        <bibl xml:id="C" type="source">C (Weitere Vorlage): Barth, Karl, Predigt:  (Abendgottesdienst): "Mitten unter euch - euer Gott - mein Volk!", 7. Oktober 1956. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/2087">KBA 1638.1</ref>. </bibl>
        <!-- we should provide more types: <bibl type="not-found-in-kba"></bibl> <bibl type="not-in-kba"></bibl>  -->
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        <date type="creation" when="1956-10-07">7. Oktober 1956</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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    <div type="sermon">
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    <div type="opener">
      <head type="header">MITTEN UNTER EUCH — EUER GOTT — MEIN VOLK!</head>
        <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Lev.26.12">3. Mose 26,12</ref>
          <quote>Ich werde mitten unter euch wandeln und will euer Gott sein, und ihr sollt mein Volk sein.</quote>
        </cit>
                    </epigraph>
        <dateline>
                        <date when="1956-10-07">7. Oktober 1956</date>, <placeName ref="kbga-places-999">Bruderholzkapelle Basel</placeName><note xml:id="n01">Provisorischer Gottesdienstraum auf dem <placeName ref="kbga-places-579">Bruderholz</placeName>, der Stadtgegend
          («Quartier») in <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName>, wo <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> seit dem <date when="1955-10-01">1.10.1955</date> wohnte.</note>
                    </dateline>
          <head type="event">Abendgottesdienst</head>

        <div type="prayer">
          <p>Herr unser Gott! Du weißt, wer wir sind: Menschen mit gutem und Menschen mit schlechtem Gewissen — zufriedene und unzufriedene, sichere und unsichere Leute — Christen aus Überzeugung und Gewohnheitschristen — Gläubige und Halbgläubige und Ungläubige.</p>

          <p>
                            <pb rend="noPipe" xml:id="p056" ed="pga"/> Und du weißt, wo wir herkommen: aus dem Kreis von Verwandten, Bekannten und Freunden oder aus großer Einsamkeit — aus ruhigem Wohlstand oder aus allerhand Verlegenheit und Bedrängnis — aus geordneten oder aus gespannten oder zerstörten Familienverhältnissen — aus dem engeren Kreis oder vom Rande der christlichen Gemeinde.</p>
          <p>Nun aber stehen wir alle vor dir: in aller Ungleichheit darin uns gleich: daß wir alle vor dir und auch untereinander im Unrecht sind — daß wir alle einmal sterben müssen — daß wir alle ohne deine Gnade verloren wären — aber auch darin, daß deine Gnade uns allen verheißen und zugewendet ist in deinem lieben Sohn, unserem Herrn Jesus Christus.</p>
          <p>Wir sind hier beieinander, um dich damit zu preisen, daß wir dich zu uns reden lassen. Daß dies geschehe in dieser Stunde, in der wir den Sonntag hinter uns und die Arbeit der Woche vor uns haben, darum bitten wir dich, indem wir dich im Namen und mit den Worten deines Sohnes, unseres Herrn, anrufen: Unser Vater …!</p>
        </div>

          <salute>
                        <pb ed="A" n="60"/> Liebe Gemeinde, liebe Brüder und Schwestern!</salute>
      </div>
      <div type="main">
        <p>Das hat nach dem Zeugnis des Alten Testamentes Gott zu seinem Volk Israel gesagt: «Ich werde mitten unter euch wandeln und will euer Gott sein, und ihr sollt mein Volk sein.» Und da wäre nun viel zu sagen darüber, was das für dieses Volk, aus dem unser Herr Jesus Christus hervorgegangen ist, bedeutet hat und bis auf diesen Tag bedeutet. Das ist sicher, daß die Geschichte Israels eben in Jesus Christus zu ihrem Ziel gekommen ist und daß sich in ihm auch dieses Wort erfüllt hat. Indem es sich aber in ihm erfüllte, ist es zum Posaunenstoß geworden, der in die ganze Welt hinausgegangen ist. So dürfen wir damit rechnen, daß es auch uns, gerade uns, angeht. — Ich will versuchen, es euch kurz zu erklären.</p>
        <p rend="margin-top">Das Erste: «<hi rend="italic">Ich werde mitten unter euch wandeln</hi>.» <hi rend="italic">Wandeln</hi> heißt: in einer bestimmten Richtung unterwegs sein, von einem Ort zum anderen ab- und zugehen. So etwa wie der Milchmann oder der Brief<pb xml:id="p057" ed="pga" break="no"/>träger oder der Mann, der die Stromzähler kontrolliert, von einem Haus zum anderen, kreuz und quer durch unsere Straßen geht. Das Wort wird in der Bibel in der Tat in der Regel dann verwendet, wenn es darum geht, das Tun und Lassen von Menschen zu beschreiben, von denen es dann wohl heißen kann, daß ihr «Wandel» ein Gott wohlgefälliger oder auch nicht wohlgefälliger, ein guter oder böser gewesen sei. Das Wort wird aber merkwürdigerweise gelegentlich auch auf Gott angewendet. So lesen wir gleich am Anfang der Bibel, daß Gott in der Kühle des Abends in jenem Garten wandelte [<ref type="can" subtype="bible" target="Gen.3.8">Gen. 3,8</ref>]. So heißt <pb ed="A" n="61"/> es nun hier: «Ich werde mitten unter euch wandeln.» Wir lernen daraus: Gott ist nicht unbeweglich. Er ist kein starres Wesen. Er ist nicht so etwas wie der Gefangene seiner Ewigkeit. Nein, Gott ist auf dem Weg. Gott kommt und geht. Gott ist der Held einer Geschichte. Gott wandelt: er ist der <hi rend="italic">lebendige</hi> Gott.</p>
        <p>«<hi rend="italic">Unter euch</hi>», heißt es. Also: die Orte, wo er wandelt, wo er ab- und zugeht, wo er der lebendige Gott ist, sind die Straßen, auf denen auch wir wandeln, unsere Straßen, auf denen die Autos fahren und das Tram, Linie 15 und 16, und auf denen wir selbst unsere Wege gehen. Seine Orte — das sind unsere Häuser mit ihren Eßzimmern und Wohnzimmern, Schlafzimmern und Küchen, unsere Gärten, unsere Arbeitsstätten, unsere Vergnügungsorte und gewiß auch das Zwinglihaus<note xml:id="n02">Gemeindehaus mit Gottesdienstraum, zugehörig zur St. Elisabethengemeinde, zu deren Parochie das <placeName ref="kbga-places-579">Bruderholz</placeName> damals gehörte.</note> und warum nicht auch diese Kapelle hier auf dem <placeName ref="kbga-places-579">Bruderholz</placeName>? Gott ist eben nicht abwesend, nicht anderswo als wir. Er lebt wohl im Himmel, aber auch auf der Erde, auch in <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName>, auch auf dem <placeName ref="kbga-places-579">Bruderholz</placeName>, auch unter und mit uns. Er ist der allzeit und überall <hi rend="italic">nahe</hi> Gott.</p>
        <p>«Ich werde <hi rend="italic">mitten</hi> unter euch wandeln» — auch das will bemerkt sein. Gott wandelt als der Mittelpunkt, als die Quelle und der Ursprung, auch als das Ziel aller unserer Lebensgeschichten. Sie geschehen, indem in ihrer innersten Mitte zuerst und im Grunde seine Geschichte, die Geschichte Gottes, geschieht. Wir leben, indem Er lebt. Seiner Hände Werk sind wir. Das verbindet uns mit ihm, und das verbindet auch unser Leben, das ja ein so vielfach zerstreutes ist, zu einer Einheit, das verbindet uns auch untereinander: daß er mitten unter uns wandelt, daß wir wie Punkte in einem Kreis sind, dessen Mitte er ist. Also: Gott ist nicht am Rande; Gott ist auch nicht nur, wie manche Gelehrte heute zu <pb xml:id="p058" ed="pga"/> sagen pflegen, die Grenze<note xml:id="n03">Vermutlich eine — zugespitzte — Anspielung auf das damals eben erschienene Werk von <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Basler Kollegen <bibl corresp="kbga-bibls-1589">
                                <persName ref="kbga-actors-76">F. Buri</persName>: <hi rend="italic">Dogmatik als Selbstverständnis des christlichen Glaubens</hi>, Bd. 1, Bern/Tübingen 1956</bibl>. Vgl. dort etwa S. 134: «Das Innewerden der Grenzen des Wissens ist es, was uns den Zugang zum Wesen des Glaubens eröffnet. Insofern als in der auf diese Grenzen des Wissens stoßenden philosophischen Besinnung bereits ein Transzendenzbezug stattfindet, handelt es sich schon in ihr um Glauben…» — S. 253f.: «Diesem Schicksal [sc. zur ‹<foreign xml:lang="lat">fabrica idolorum</foreign> zu werden] kann die Annahme einer natürlichen oder allgemeinen Offenbarung nur entgehen, wenn streng daran festgehalten wird, daß Offenbarung für Wissen inhaltlich völlig negativ ist und bleiben muß, daß sie nie etwas anderes als ein Nichts darstellen kann. Offenbarung darf für Wissen nur — wie die Gottesidee in <persName ref="kbga-actors-216">Kants</persName> transzendentaler Dialektik — einen Grenzbegriff darstellen. Darin wird das visiert, was nicht gegenständlich werden kann, was aber als Grenze der Gegenständlichkeit doch ist — nur so, daß es selber nicht gegenständlich werden kann. Dieses Offenbarwerden seiner Grenze — und nichts anderes — ist für Wissen Offenbarung. Dieses Nichts darf als Grenze nicht selber wieder Gegenstand des Wissens werden — auch nicht eines Wissens angeblich höherer Art.» — Vgl. ferner <bibl corresp="kbga-bibls-1589">
                                a.a.O., S. 110, 120, 128</bibl>.</note>. Ja, daß wir fromm sind und an ihn glauben, das möchte eine Sache sein, die sehr <pb ed="A" n="62"/> am Rande unseres Lebens stattfindet, während unsere Mitte ganz woanders ist. Daß es in <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName> auch eine reformierte Kirche gibt, das mag für die, die im Wirtshaus und anderwärts miteinander reden, das mag für unsere Zeitungen eine Sache sein, die weit draußen am Rande ihres Interesses liegt. Aber wir reden jetzt nicht von unserer Frömmigkeit und diesmal auch nicht von der Kirche, sondern von Gott selber. Er ist nicht am Rand. Er ist uns näher, als wir uns selber sind. Er kennt uns auch besser, als wir uns selber kennen. Er macht es auch besser mit uns, als wir es beim besten Willen und Verstand machen könnten. So geht auch sein Wandeln uns alle an. So ist er bei aller Verschiedenheit der Menschen und der menschlichen Situationen hier und dort, für Diese und Jene, jetzt so und jetzt so der <hi rend="italic">eine</hi> Gott.</p>
        <p>Weil er dieser lebendige, dieser nahe und eben: dieser eine Gott ist, darum wandelt er, ob wir es wissen und merken und ob wir es so haben wollen oder nicht, wirklich mitten unter uns allen: unter den Alten und unter den Jungen, unter den Kranken und unter den Gesunden, unter den Geschäftigen und unter den Besinnlichen, unter den Guten und unter den Bösen. Weil er der <hi rend="italic">allmächtige</hi> Gott ist, darum wird er nicht müde und matt
          [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.40.28">Jes. 40,28</ref>], darum läßt er sich aber auch nicht aufhalten und zurückweisen. Daß doch nur ja niemand meine, daß er ihn <pb xml:id="p059" ed="pga"/> aufhalten oder zurückweisen könne! Weil er der <hi rend="italic">heilige</hi> Gott ist, darum läßt er sich nichts vormachen, läßt er sich nicht abfertigen, wie wir einander wohl abzufertigen pflegen, darum wird man nicht fertig mit ihm, wie wir mit gewißen Menschen oder Meinungen oder auch mit unserem Schicksal fertig werden können. Und weil er der <hi rend="italic">gnädige</hi> Gott ist, darum läßt er sich nicht verärgern, nicht verbittern, in seiner Liebe nicht irre machen. Ich erinnere an eine Strophe aus dem Lied «Sollt ich meinem Gott nicht singen», die man in unserem neuen Gesangbuch — ich weiß wirklich <pb ed="A" n="63"/> nicht, aus welchem Grunde — weggelassen hat, die lautet:</p> <q rend="block">
          <lg>
                            <l xml:space="preserve">Wie ein Vater seinem Kinde</l>
            <l xml:space="preserve">niemals ganz sein Herz entzeucht,</l>
            <l xml:space="preserve">ob es gleich bisweilen Sünde</l>
            <l xml:space="preserve">tut und aus den Schranken weicht,</l>
            <l xml:space="preserve">also hält auch mein Verbrechen</l>
            <l xml:space="preserve">mir mein frommer Gott zugut;</l>
            <l xml:space="preserve">will mein Fehlen mit der Rut’</l>
            <l xml:space="preserve">und nicht mit dem Schwerte rächen.<note xml:id="n04"><bibl corresp="kbga-songs-20" type="song">Strophe 8 des Liedes «Sollt ich meinem Gott nicht singen» (1653) von P. Gerhardt (EKG 232)</bibl>; Textfassung hier nach dem älteren <bibl corresp="kbga-bibls-1087"><hi rend="italic">Gesangbuch für die Evangelisch-Reformirte Kirche der deutschen Schweiz</hi>, 1891, Nr. 3.</bibl></note></l>
          </lg>
</q>
<p>Genau so ist es. Genau so hält es Gott als der gnädig mitten unter uns wandelnde Gott: ob wir arbeiten oder ruhen, ob wir vergnügt oder traurig sind, ob wir wachen oder schlafen, in diesem Jahr 1956 und bestimmt auch im nächsten Jahr, in der Zeit und erst recht in der Ewigkeit, wo wir ihn, den Lebendigen, den Nahen, den Einen sehen werden von Angesicht zu Angesicht.</p>
        <p rend="margin-top">Ich komme zum Zweiten: «<hi rend="italic">Und will euer Gott sein</hi>», heißt es. Das will sagen: Ich will als der lebendige, nahe, eine, als der allmächtige, der heilige, der gnädige Gott, der ich bin, <hi rend="italic">der</hi> sein, der gerade euch <hi rend="italic">meint</hi>, gerade euch in seinen ewigen Gedanken trägt, gerade euch liebt, aber auch gerade euch anfordert zum Gehorsam und zu seinem Dienst, der nämlich gerade euch brauchen kann und will — der gerade mit euch, wohlverstanden, gerade heute, jetzt, in diesem Augenblick mit euch <hi rend="italic">redet</hi>.</p>
        <p>Weiter: Ich will der sein, der als der Schöpfer des Himmels und der Erde, als der Herr aller Menschen, als der ewige König und Sieger, als der, der das erste Wort hat und das letzte behält, gerade euch <hi rend="italic">gehört</hi>, so <pb xml:id="p060" ed="pga"/> daß ihr zu mir sagen dürft: Unser Vater! Unser Gott! und ein Jeder für sich: Mein Vater! Mein Gott! Gerade für euch habe ich ja mich selbst dahingegeben in meinem eigenen Sohn. Und so will ich <hi rend="italic">für euch</hi> Gott sein — und also für euer Dasein, für eure Ängste und Sorgen und Peinlichkeiten, für eure Sünden und für euer Sterben, aber auch für eure Auferweckung von den Toten, für euer zeitliches und ewiges Leben.</p>
        <p>
                        <pb ed="A" n="64"/> Noch weiter: Ich will der sein, der es einfach mit euch <hi rend="italic">hält</hi>, der für euch Partei ergreift, der mit euch solidarisch ist unter allen Umständen und gegen Alles, was euch quält, wenn nötig gegen die ganze Welt, gegen alle Menschen — ja, aber vor allem auch gegen euch selber! Denn ist es nicht so, daß des Menschen schlimmster Feind immer er selber ist? Und daß wir keinen Parteigänger und Helfer nötiger haben als den, der es auch so ist? der gerade, weil er für uns ist, auch gewaltig gegen uns auftritt? Gott ist dieser — dieser allein echte Helfer und Parteigänger. Man kann es ja auch so ausdrücken: Gott will der sein, der mit göttlichem Ernst, in göttlicher Vollkommenheit zu uns <hi rend="italic">Ja sagt</hi>. Eben Gottes Ja ist aber ein heiliges und heilsames Ja, das auch ein Nein in sich schließt: zu all dem an und in uns nämlich, zu dem er um seinet- und um unserer selbst willen durchaus Nein sagen muß. So geht es uns mit ihm wohl wie mit dem Arzt, der einem bekanntlich auch Arzneien und Pillen zu schlucken geben kann und muß, die man nicht gerne schluckt. Ich werde nie vergessen, wie ich als kleiner Bub jahrelang jeden Morgen ein Gläslein Fischtran trinken mußte. Es war schrecklich — aber es hat mir offenbar gut getan. Der Arzt kann uns wohl auch ins Krankenhaus schicken, wo es auch nicht eben lustig ist. Oder die Sache kann auf eine kleine oder auch große Operation hinauslaufen: sehr unangenehm, aber auch sehr nötig und heilsam! So steht es mit dem Ja Gottes und dem darin enthaltenen Nein, das uns nicht gefallen will. Es bleibt doch dabei: Gott ist der, der auch mit seinem Nein Ja zu uns sagt — ein volles, ein unbeschränktes, ein mit keinem Fragezeichen versehenes Ja — ein Ja voll Wille und Kraft, uns zu erretten, uns zu tragen, uns auf die Füße zu stellen, uns frei und froh zu machen. Das also heißt: Ich will euer Gott sein. Kurz zusammengefaßt ganz schlicht: Ich will <hi rend="italic">euer Gutes</hi> sein — euer Gutes gegen alles Böse, euer Heil gegen alles Un<pb ed="A" n="65" break="no"/>heil, euer Friede gegen allen Streit. So will ich, indem ich mitten unter euch wandle, euer Gott sein.</p>
        <p rend="margin-top">
                        <pb rend="noPipe" xml:id="p061" ed="pga"/> Ich komme zum Dritten und Letzten: «<hi rend="italic">Und ihr sollt mein Volk sein</hi>« — indem ich nämlich mitten unter euch wandle, indem ich euer Gott sein will, sollt ihr <hi rend="italic">das</hi>, sollt <hi rend="italic">ihr mein Volk</hi> sein. Das ist vielleicht von Allem das Unbegreiflichste und Höchste, gerade weil es nun so direkt von <hi rend="italic">uns</hi> gesagt ist: ihr — mein Volk! Denn, nicht wahr, das können wir uns auf keinen Fall selber anmaßen, das können wir uns auch in keiner Weise verdienen und verschaffen: sein, Gottes Volk zu sein. Eben das wird uns aber da gesagt, eben das sollen und dürfen wir uns da sagen lassen und annehmen: Ihr sollt mein Volk sein! — Wir wollen auch das Wort für Wort wohl überlegen.</p>
        <p>«<hi rend="italic">Ihr</hi>» — ja wirklich ihr sollt mein Volk sein — nämlich ihr, wie ihr seid, nicht als künftige Heilige oder Engel, sondern: Ihr mit eurem vergänglichen Leben und Wirken, hinter das einmal, früher oder später, auf dem «<placeName ref="kbga-places-990">Hörnli</placeName>»<note xml:id="n05">Der Friedhof am <placeName ref="kbga-places-990">Hörnli</placeName> ist der Basler Stadtfriedhof.</note> draußen der Schlußpunkt gesetzt werden wird! Ihr mit euren ach so kurzen Gedanken, die nach allen Seiten davonflattern wie aufgeregte Hühner! Ihr mit euren so unzureichenden Worten, mit denen ihr niemals sagen könnt, was ihr eigentlich meint und was gesagt werden müßte! Ihr mit euren vielen großen und kleinen Lügen, ihr mit euren feinen und groben Härten, ihr mit euren Schlaffheiten und manchmal auch Lumpereien, ihr mit euren Aufregungen und Depressionen! Ihr Sterbenden, ihr ohne mich ganz und gar Verlorenen! <hi rend="italic">Ihr, ihr</hi> sollt mein Volk sein.</p>
        <p>«<hi rend="italic">Mein</hi> Volk». Will sagen: Ihr sollt Leute sein, die in mir ihren Herrn und Richter, aber auch ihren Vater und Erbarmer haben — sollt Leute sein, die mich fürchten, die mich lieben, die mich anrufen, die jeden Morgen neu zu mir umkehren und mein Angesicht suchen [vgl.
           <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.27.8">Ps. 27,8</ref>] dürfen. Noch mehr: Leute, die meine Zeugen sind, vor den Anderen nämlich, die von mir noch nichts wissen, <pb ed="A" n="66"/> wissen können, wissen wollen, ihr das Licht der Welt [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.14">Mt. 5,14</ref>]! Ihr Leute, die mit mir zusammenleben, in meiner Hut und in meinem Dienst stehen dürfen! So und als solche Leute sollt ihr <hi rend="italic">mein</hi> Volk sein.</p>
        <p>«Mein <hi rend="italic">Volk</hi>»; wir wollen auch das nicht übersehen. Also nicht ein Sandhaufen von lauter Einzelnen: hier Einer in seinem Haus und dort Einer auf seinem Balkon, hier Einer mit seiner Frau und dort ein Anderer mit seinen Kindern, hier Einer mit dem, was ihm nützlich scheint, <pb xml:id="p062" ed="pga"/> und dort Einer mit dem, was ihm Spaß macht. Nicht so, sondern weil und indem ihr durch mich zusammengerufen und zusammengehalten seid, soll es gelten: «Wir als die von einem Stamme stehen auch für einen Mann»<note xml:id="n06">Schlußzeilen der <bibl corresp="kbga-songs-21" type="song">
                                5. Strophe des Liedes 327 «Herz und Herz vereint zusammen» (1735/1753) von <persName ref="kbga-actors-441">N. L. Graf von Zinzendorf</persName> (EKG 217)</bibl>.</note>, sollen ein Volk von Brüdern und Schwestern sein, die sich aneinander halten, die einander vielleicht ein wenig, vielleicht auch kräftig helfen dürfen, die sich eben damit (vielleicht mit Worten, vielleicht auch ohne Worte) auch untereinander Zeugen dafür sein können, daß ich lebe, mitten unter euch wandle, euer aller Gott bin: ihr mein <hi rend="italic">Volk!</hi>
            </p>
        <p>Ist das nicht wirklich das Unbegreiflichste und Höchste von Allem, was wir gehört haben, daß wir Gottes Volk sein sollen? Ich bin froh, daß ich das nicht erfunden habe und also auch nicht zu verantworten und zu begründen brauche, sondern euch einfach darauf aufmerksam machen darf: Gott selbst hat es so (von uns!) gesagt, und Gott selbst sagt es so (von uns!) bis auf diesen Tag. Daraufhin darf und muß ich es euch auch sagen: Ja, ihr sollt mein Volk sein. Wir wollen das, wir wollen auch alles Vorangehende als Gottes Wort hören und uns gesagt sein lassen und mit nach Hause nehmen und vielleicht vor dem Einschlafen noch ein bißchen darüber nachdenken: Ich werde mitten unter euch wandeln. Ich will euer Gott sein. Ihr sollt mein Volk sein.</p>
        <p rend="margin-top">Ich komme zum Schluß. Ich habe versucht, euch dieses Wort <pb ed="A" n="67"/> auszulegen als Gottes in Jesus Christus erfülltes Wort. Im Licht seiner Wahrheit gelesen und gehört, verstanden und beherzigt, hat dieses Wort unendliche Kraft. Es heißt ja dann nicht bloß: Ich werde mitten unter euch wandeln, sondern: Ich <hi rend="italic">wandle</hi> mitten unter euch. Und nicht nur: Ich will euer Gott sein, sondern: Ich <hi rend="italic">bin</hi> euer Gott. Und nicht nur: Ihr sollt mein Volk sein, sondern: Ihr <hi rend="italic">seid</hi> mein Volk. Spürt ihr die Kraft dieses Wortes — die Kraft dessen, in dem es erfüllt, in dem es heutige Gegenwart ist? Wie dem auch sei: weil es das in Jesus Christus erfüllte Wort Gottes ist, darum darf ich, darum dürft aber auch ihr dessen ganz gewiß sein, ohne Sorge und ohne Zweifel, daß sich Alles ganz genau so verhält, wie ich es euch jetzt zu sagen versucht habe.</p>
</div>
<div type="closer">
                    <salute>Amen.</salute>
                </div>
        <div type="prayer">
          <p>Herr, unser Hirte! Wir danken dir für dein ewig neues, wahres und kräftiges Wort. Es tut uns leid, daß wir es so oft nicht hören oder in <pb xml:id="p063" ed="pga"/> unserem Stumpfsinn oder Mutwillen verkehrt hören. Wir bitten dich, es uns — und uns in ihm — zu erhalten. Wir leben von deinem Wort. Wir hätten ohne sein Licht keinen Boden unter den Füßen. Wir sind darauf angewiesen, daß du wieder und wieder mit uns redest. Wir vertrauen darauf, daß du das tun willst und wirst, wie du es bisher getan hast.</p>
          <p>In der Zuversicht auf dich dürfen wir uns jetzt zur Ruhe begeben und morgen unser Tagewerk neu aufnehmen. In der Zuversicht auf dich denken wir aber auch an alle anderen Menschen in diesem Quartier, in dieser Stadt, in unserem Land und in allen Ländern. Du bist auch ihr Gott. Säume nicht und höre nicht auf, dich auch ihnen als ihr Gott zu erweisen — vor allem <pb ed="A" n="68"/> den Armen, den Kranken und Geisteskranken, den Gefangenen, den Betrübten und Verirrten, dazu allen, die im Staat, in der Wirtschaft, in der Schule, im Gericht besondere Verantwortungen im Dienst der Gemeinschaft zu tragen haben — dazu den Pfarrern dieser Gemeinde und aller Gemeinden hier und anderwärts.</p>
          <p>Herr, erbarme dich unser! Du hast es reichlich getan. Wie sollten wir zweifeln? Du wirst es reichlich wieder tun.</p>
          <div type="closer">
                        <salute>Amen.</salute>
                    </div>
        </div>
      <div type="songs">
        <head>Lieder:</head>
        <listBibl type="songs" rend="simple">
          <bibl corresp="kbga-songs-3" type="song">Nr. 39: «Mein ganzes Herz erhebet dich» (nach Ps. 138), Strophen 1–3</bibl>
          <bibl corresp="kbga-songs-22" type="song">Nr. 208: «Ach bleib mit deiner Gnade» von <persName ref="kbga-actors-1409">J. Stegmann</persName>, Strophen 1–6</bibl>
          <bibl corresp="kbga-songs-23" type="song">Nr. 214: «Es segne uns der Herr» von <persName ref="kbga-actors-865">H. Annoni</persName></bibl>
        </listBibl>
      </div>
        <!--
          <item><ref type="pub" subtype="bib1-ein1909" target="b0039">Nr. 39</ref>: «Mein ganzes Herz erhebet dich» (nach <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.138">Ps. 138</ref>), Strophen 1-3</item>
          <item><ref type="pub" subtype="bib1-ein1930" target="b0208">Nr. 208</ref>: «Ach bleib mit deiner Gnade» von J. Stegmann, Strophen 1-6</item>
          <item><ref type="pub" subtype="bib1-ein1930" target="b0214">Nr. 214</ref>: «Es segne uns der Herr» von H. Annoni</item>
          -->
    </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
