Predigt: Psalm 34,6 (Himmelfahrt): "Blicket auf zu Ihm!"
Blicket auf zu Ihm! Daran erinnert uns der Tag der Himmelfahrt: daß wir eingeladen und aufgefordert sind, daß es uns erlaubt und geboten ist, daß wir als Christen dazu die Freiheit haben, daß das aber auch der Gehorsam ist, der von uns als Christen erwartet ist: daß wir aufblicken zu Ihm, zu Jesus Christus, der für uns gelebt hat, gestorben und auferstanden ist, der als Heiland für uns alle eintritt wie ein ältester Bruder für seine viel jüngeren Geschwister, der aber eben als solcher auch deren Vorbild und Meister ist.
Er ist droben, im Himmel, wir drunten, auf Erden. Wenn wir das Wort «Himmel» hören, dann denken wir wohl alle an das große Blau oder auch Grau über uns mit seinem Sonnenschein, seinen Wolken und seinem Regen, und noch höher: an die unendliche Welt der Gestirne. Wir mögen auch jetzt daran denken. Aber seht, in der Sprache der Bibel |41 ist dieser «Himmel» eigentlich doch nur das Zeichen eines noch viel Höheren. Es gibt eben einen Weltbereich, der droben, über der Erde, über 40 uns Menschen ist, in den wir nicht hineinsehen, den wir nicht begreifen, nicht betreten, geschweige denn beherrschen können, indem er nur eben hoch über uns ist. Der Himmel ist in der Sprache der Bibel der Ort, die Wohnung, der Thron Gottes. Und so ist er das Geheimnis, von dem wir Menschen auf der Erde von allen Seiten umgeben sind. Er, Jesus Christus, ist dort. Er ist in der Mitte dieses Geheimnisses über uns. Von allen Menschen er ganz allein ist dahin gegangen, um gerade dort und von dorther — vom Throne Gottes her also — unser und aller Menschen Heiland und Herr zu sein. Darum: Blicket auf zu Ihm!
«Aufblicken» allein würde es nicht tun. «Kopf hoch!» pflegt man wohl zu einem betrübten Menschen zu sagen. Ihr mögt wohl dieses «Kopf hoch!» auch schon gehört haben. Aber eben damit ist es so eine Sache. Da droben, über uns, als Himmel, könnte uns ja auch ein großes, hartes Spiegelbild unseres ganzen menschlichen Elends begegnen: Noch einmal das Unrecht, das Menschen uns angetan haben mögen, und das Unrecht, das wir selber Anderen angetan haben, noch einmal — Alles unendlich vergrößert und gewissermaßen verewigt — unsere große Schuld und unsere innere und äußere Lebensnot, was man das «Schicksal» nennt, und schließlich der Tod — das alles könnte das Geheimnis da droben sein, das der Himmel! Er wäre dann so etwas wie eine finstere Wolkenwand, vielleicht auch wie eines jener Kerkergewölbe wie die, in denen man in früheren Jahrhunderten die Gefangenen zu verwahren pflegte, oder gar wie ein Sargdeckel, unter dem wir lebendig begraben dalägen. Nein, lieber nicht da hinaufblicken, nicht wahr? Nein, da denkt man dann besser nicht daran, daß so etwas «über uns» sein könnte! Aber was hülfe es uns, nicht daran zu denken, wenn es nun doch so wäre? Und es könnte Alles noch viel schlimmer sein, wenn etwa Gott selbst so wäre 41 wie dieser Himmel: ein heiliges Wesen, das uns verdientermaßen böse ist — oder ein finsterer Tyrann, der als solcher des Menschen Feind ist — oder vielleicht auch ein gleichgültiger Gott, der uns nun eben, wir wüßten nicht warum, unter diese Wolkenwand, dieses Kerkergewölbe, diesen Sargdeckel versetzt hätte. Viele Menschen — gewissen dunklen Augenblicken und wohl auch Jahren wir alle — denken so vom Himmel und dann auch von Gott. Nein, «Aufblicken» allein und als solches tut es wirklich nicht.
42 Aufblicken zu Jesus Christus aber — das tut es! Er ist da droben. Er ist in der Mitte jenes hohen Geheimnisses. Er ist im Himmel. Wer ist Jesus Christus? Er ist der Mann, in welchem Gott seine Liebe nicht nur ausgesprochen, nicht nur an die Wand gemalt, sondern ins Werk gesetzt hat. Er ist der Held, der unser Elend, der unser und aller Menschen Unrecht, unsere Schuld und unsere Lebensnot, unser Schicksal und schließlich auch unseren Tod in göttlicher Macht auf sich genommen und überwunden hat, so daß das alles nun nicht mehr über uns, sondern unter uns — in Wahrheit zu unseren Füßen ist. Er ist der Sohn Gottes, der ein Mensch wie wir, der unser Bruder wurde, damit wir als seine Brüder mit ihm Kinder seines Vaters sein dürften, damit wir alle mit Gott verbunden und alles dessen, was Gott gehört, teilhaftig sein dürfen: teilhaftig der strengen Güte und der gütigen Strenge dieses Vaters, teilhaftig des ewigen Lebens schließlich, für das er seine Kinder bestimmt und das er ihnen zugedacht hat. Dieser Jesus Christus, dieser Mann, dieser Held, dieser Sohn Gottes ist im Himmel. Und so wie Er ist Gott. Im Angesicht dieses seines Sohnes begegnet uns das des Vaters im Himmel.
Blicket auf zu Ihm! Und das will nun sagen: Laßt ihn sein, der Er — da droben, über uns, im Himmel — ist! Laßt es einfach wahr sein und gelten, daß eben er da droben und von 42 dort oben her für euch da ist und lebt! Haltet euch daran, daß er in seiner ganzen Macht für euch eintritt — aber eben darum auch daran, daß ihr nicht euch selbst, sondern Ihm gehört! Sagt jetzt einfach Ja dazu, daß er recht hat und daß er es auch mit euch recht machen will — ja mit uns allen schon recht gemacht hat. Sollte das zuviel gesagt sein: mit uns allen schon recht gemacht? Auch mit den tief elenden, schwer betrübten, völlig verbitterten Menschen? Ja! Auch mit den ganz argen Sündern? Ja! Auch mit den Gottlosen — oder die wenigstens meinen, sie seien Gottlose, wie vielleicht der Eine oder Andere auch in diesem Haus, der an diesem Morgen nicht hieherkommen wollte? Ja, ja: Jesus Christus hat es auch mit diesen Menschen, mit uns allen schon recht gemacht, will es mit uns allen und so auch mit ihnen wieder und wieder recht machen. Zu Jesus Christus aufblicken heißt: sein Recht gelten und es dabei sein Bewenden haben lassen, daran nun einmal nicht mehr rütteln, daß er recht hat. Daran erinnert uns die Himmelfahrt: daß wir eingeladen sind, in diesem Sinn zu Ihm aufzublicken — ich brauche jetzt ein anderes, bekannteres Wort: an Ihn zu glauben.
43 Blicket auf zu Ihm, so strahlt euer Angesicht! Was für eine Ankündigung! Was für eine Zusage und Verheißung! Menschen, ganz gewöhnliche Menschen mit strahlenden Gesichtern! Nicht Engel im Himmel, sondern Leute auf Erden! Nicht irgendwelche glückliche Einwohner einer fernen schönen Insel, nein, Leute hier in
Seht, wenn ein Mensch, wenn Einer von uns tut, wie er jetzt ge43heißen ist, und also zu Ihm, zu Jesus Christus aufblickt, dann widerfährt ihm eine Veränderung, neben der die größte Revolution eine kleine Sache ist, die darum unmöglich verborgen bleiben kann. Sie besteht ganz schlicht darin, daß, wer zu Ihm aufblickt, an Ihn glaubt, hier auf Erden, hier in Basel, hier in diesem
44 Liebe Brüder und Schwestern, warum strahlt unser Angesicht nun eigentlich nicht? Nicht wahr, wenn es das täte, würde uns 44 wohl sein, wir würden dann Allem zum Trotz recht, gerne und zufrieden leben. Eben weil es uns wohl wäre, würde ja unser Angesicht strahlen. Aber hier gibt es noch Wichtigeres zu bedenken. Wenn jenes Licht, wenn die Freude, das Lachen der Kinder Gottes nach außen käme und sichtbar würde, dann würden ja vor allem die Anderen um uns her das wahrnehmen. Und denkt ihr nicht auch, daß das eine ganz bestimmte Wirkung auf sie haben müßte und würde? Ein Zeichen davon würde es ihnen doch sein, daß es noch etwas Anderes, Besseres gibt, als was sie für gewöhnlich zu sehen bekommen. Mut würde ihnen das geben, Zuversicht und Hoffnung würde ihnen das einflößen. Es würde ihnen wohltun, wie uns in dieser letzten Woche die Sonne wohlgetan hat nach dem langen Winter. Warum wohltun? Weil ein solch strahlendes Gesicht der auf die Erde fallende Widerschein vom Himmel, von Jesus Christus, ein Abglanz von Gott dem Vater selbst wäre. Der würde auch den anderen Menschen wie uns selbst — wir und sie warten doch darauf, etwas davon zu sehen — wohltun.
Wir müßten uns über das Einfache klar sein, liebe Freunde: Wir sind eigentlich nicht dazu auf der Welt, um uns selbst, sondern um den Anderen wohlzutun. Es ist aber im Grunde das Einzige, womit wir anderen Menschen wohltun können, eben dies, daß wir ihnen einen Widerschein und Abglanz des Himmels, des Herrn Jesus Christus, Gottes selbst und also ein strahlendes Gesicht zu sehen geben. Warum tun wir das nicht? Warum bleiben wir ihnen gerade das schuldig: das Einzige, womit wir einander helfen könnten? Warum sind die Gesichter, die wir einander zeigen, im besten Fall überlegene, ernste, fragende, sorgenvolle, vorwurfsvolle Gesichter — im weniger guten Fall aber Grimassen oder auch tote Masken, so richtige Basler Fasnachtsmasken? Warum strahlt unser Gesicht nicht?
45 Ich will dazu nur Eines sagen: es könnte sehr wohl anders sein. Wir könnten durchaus solche Leute sein, die sich mit strahlenden Gesichtern begegnen. Wir könnten durchaus solche richtig wohltuenden Leute sein: wir hier heute! Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit
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Blicket auf zu Ihm, so strahlt euer Angesicht, und ihr müßt nicht zu Schanden werden. Ich habe eben von der «dunklen» Erde gesprochen. Wenn man die Zeitung liest, wenn man um sich blickt, und vor allem wenn man in sein eigenes Herz und Leben hineinschaut, sieht man wohl: sie ist tatsächlich eine dunkle Erde, eine Welt, vor der und in der man Angst haben kann [vgl.
46 Aber jetzt hören wir gerade das Gegenteil: ihr müßt nicht zu Schanden werden! Ich wollte wohl, liebe Brüder und Schwestern, ich könnte euch jetzt auffordern, insgesamt aufzustehen und im Chor mit mir zu sagen: Wir müssen nicht zu Schanden werden! Und ein jeder Einzelne müßte es nachsagen, und dann wollte ich als Letzter es auch von mir selber sagen: ich muß nicht zu Schanden werden! Darum geht es: wir müssen tatsächlich nicht, ich muß tatsächlich nicht zu Schanden werden, im Aufblick zu Ihm ganz bestimmt nicht. Gewiß nicht darum, weil wir es nicht verdient hätten! Und nun auch nicht etwa darum, weil unsere Gesichter, wenn wir zu Ihm aufblicken, strahlende Gesichter werden. Es muß und wird uns aber, wenn uns das widerfährt, eben dies ein Zeichen dafür sein, daß wir nicht zu Schanden werden müssen: dar|46um, weil es ja daran offenbar werden wird, daß die Verbindung zwischen Gott und uns hergestellt ist. Und das ist die Kraft dieser Verbindung: daß, was bei Ihm im Himmel wahr ist und gilt, was Jesus Christus für uns getan hat, daß, was durch Ihn geschehen ist: eines jeden Menschen Errettung, Rechtfertigung und Bewahrung, auch da drunten und nun gerade für uns, die zu Ihm aufblicken, wahr ist und gilt. Das heißt dann aber: der Vater läßt uns, seine Kinder, nicht zu Schanden werden. Und so kann es uns, seinen Kindern, unmöglich widerfahren, daß wir zu Schanden werden. Das dürfen wir wissen, daran dürfen wir uns halten, damit dürfen wir leben: im Aufblick zu Ihm ohne Angst mit strahlendem Angesicht. Sage es jetzt ein Jeder in seinem Herzen nach: «Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiß nicht, was Er dir Gutes getan hat: der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen, der dein Leben vor dem Verderben erlöst und dich krönt mit Gnade und Barmherzigkeit» [
- Nr. 336: «Jesus Christus herrscht als König» von
Ph. Fr. Hiller , Strophen 1,3,6,11 (= EKG 96, Str. 1,3,7,10) - Nr. 47: «Du meine Seele, singe» von
P. Gerhardt , Strophen 1–5 (= EKG 197, Str. 1–4,8)