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        <title type="volume" n="vol-12">Predigten 1954–1967</title>
        <title type="content">Predigt: Psalm 34,6 (Himmelfahrt): "Blicket auf zu Ihm!"</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Psalm 34,6 (Himmelfahrt): "Blicket auf zu Ihm!", 10. Mai 1956</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/12011 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1954–1967, hrsg. v. Stoevesandt, Hinrich (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2003, S. 39–47.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/12011</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1954–1967</title>
          <title type="text">Predigt: Psalm 34,6 (Himmelfahrt): "Blicket auf zu Ihm!"</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Stoevesandt, Hinrich</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2003</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 39-47</biblScope>
          <!--position within a volume-->
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.12, Predigten 1954-1967, 1956</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Karl Barth: Blicket auf zu ihm! [Predigt über Psalm 34,6], in: ders., Den Gefangenen Befreiung. Predigten aus den Jahren 1954-59, Zollikon 1959, S. 38–47 Seitenumbrüche im Text entstammen dieser Edition</bibl>
        <bibl xml:id="B" type="source">B (Weitere Vorlage): Karl Barth: Blicket auf zu ihm! [Predigt über Psalm 34,6] (Basler Predigten 20, Nr. 1), Basel 1956/1957 </bibl>
        <bibl xml:id="C" type="source">C (Weitere Vorlage): Barth, Karl, Predigt: Ps 34,6 (Himmelfahrt): "Blicket auf zu Ihm!", 10. Mai 1956. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/2085">KBA 1637.1</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1956-05-10">10. Mai 1956</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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      <div type="sermon">
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      <div type="opener">
      <head type="header">BLICKET AUF ZU IHM!</head>
      <epigraph>
        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.34.6">Psalm 34,6</ref>
        <quote>Blicket auf zu Ihm, so strahlt euer Angesicht, und ihr müßt nicht zu Schanden werden!</quote>
        </cit>
      </epigraph>

      <dateline>
                        <date when="1956-05-10">10. Mai 1956</date> (Himmelfahrt), <placeName ref="kbga-places-989">Strafanstalt Basel</placeName>
         </dateline>
        <div type="prayer">
          <p>Herr, unser Gott! Unser Vater durch deinen Sohn, der unser Bruder wurde!</p>
          <p>Du rufst uns: Kehret wieder, Menschenkinder! Empor die Herzen! Suchet, was droben ist! So hast du uns auch an diesem Morgen zusammengerufen. Hier sind wir: ein Jeder mit seinem Leben, das nicht ihm, sondern dir gehört und ganz in deiner Hand ist — ein Jeder mit seinen großen und kleinen Sünden, für die nur bei dir Vergebung ist — ein Jeder mit seinem Kummer, den nur du in Freude verwandeln kannst — aber auch ein Jeder mit seiner eigenen stillen Hoffnung: du <pb xml:id="p040" ed="pga"/> möchtest dich doch auch als sein allmächtiger, guter und gnädiger Gott erweisen.</p>
          <p>Wir wissen wohl, daß nur Eines dich freuen und dir Ehre machen kann: ein ernstliches Bitten um deinen Geist, ein ernstliches Suchen nach deiner Wahrheit, ein ernstliches Begehren nach deinem Beistand und deiner Leitung. Wir wissen aber, daß auch das nur dein Werk in uns sein kann. Herr, wecke du uns auf, so sind wir wach!</p>
          <p>So gib denn, daß auch in dieser Stunde Alles recht geschehe: unser Beten und Singen, unser Reden und Hören, unsere Abendmahlsfeier. Gib das Allen, die heute den Tag der Him<pb ed="A" n="39" break="no"/>melfahrt unseres Herrn Jesus Christus miteinander begehen wollen: auch den kranken Menschen in den Spitälern, auch den verwirrten Menschen in der <orgName ref="kbga-actors-8782">Friedmatt</orgName><note xml:id="n01">Psychiatrische Universitätsklinik in <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName>.</note>, auch den vielen, vielen Menschen, die es vielleicht nur nicht wissen, daß in Wahrheit auch sie Gefangene, Kranke, Verwirrte sind — die vielleicht noch nie vernehmen durften, daß du ihr Trost, ihre Zuversicht, ihr Erretter bist. Laß ihnen und uns dein Licht aufgehen: durch Jesus Christus, unseren Herrn. </p>
          <div type="closer">
                            <salute>Amen.</salute>
                        </div>
        </div>


          <salute>Meine lieben Brüder und Schwestern!</salute>
      </div>
      <div type="main">
        <p>
                        <hi rend="italic">Blicket auf zu Ihm</hi>! Daran erinnert uns der Tag der Himmelfahrt: daß wir eingeladen und aufgefordert sind, daß es uns erlaubt und geboten ist, daß wir als Christen dazu die Freiheit haben, daß das aber auch der Gehorsam ist, der von uns als Christen erwartet ist: daß wir aufblicken zu Ihm, zu Jesus Christus, der für uns gelebt hat, gestorben und auferstanden ist, der als Heiland für uns alle eintritt wie ein ältester Bruder für seine viel jüngeren Geschwister, der aber eben als solcher auch deren Vorbild und Meister ist.</p>
        <p>Er ist droben, im <hi rend="italic">Himmel</hi>, wir drunten, auf Erden. Wenn wir das Wort «Himmel» hören, dann denken wir wohl alle an das große Blau oder auch Grau über uns mit seinem Sonnenschein, seinen Wolken und seinem Regen, und noch höher: an die unendliche Welt der Gestirne. Wir mögen auch jetzt daran denken. Aber seht, in der Sprache der Bibel <pb xml:id="p041" ed="pga"/> ist dieser «Himmel» eigentlich doch nur das Zeichen eines noch viel Höheren. Es gibt eben einen Weltbereich, der <hi rend="italic">droben</hi>, über der Erde, über <pb ed="A" n="40"/> uns Menschen ist, in den wir nicht hineinsehen, den wir nicht begreifen, nicht betreten, geschweige denn beherrschen können, indem er nur eben hoch über uns ist. Der Himmel ist in der Sprache der Bibel der Ort, die Wohnung, der Thron Gottes. Und so ist er das Geheimnis, von dem wir Menschen auf der Erde von allen Seiten umgeben sind. Er, Jesus Christus, ist <hi rend="italic">dort</hi>. Er ist in der Mitte dieses Geheimnisses über uns. Von allen Menschen er ganz allein ist dahin gegangen, um gerade dort und von dorther — vom Throne Gottes her also — unser und aller Menschen Heiland und Herr zu sein. Darum: <hi rend="italic">Blicket auf zu Ihm</hi>!</p>
        <p>«Aufblicken» allein würde es nicht tun. «Kopf hoch!» pflegt man wohl zu einem betrübten Menschen zu sagen. Ihr mögt wohl dieses «Kopf hoch!» auch schon gehört haben. Aber eben damit ist es so eine Sache. Da droben, über uns, als Himmel, könnte uns ja auch ein großes, hartes Spiegelbild unseres ganzen menschlichen Elends begegnen: Noch einmal das Unrecht, das Menschen uns angetan haben mögen, und das Unrecht, das wir selber Anderen angetan haben, noch einmal — Alles unendlich vergrößert und gewissermaßen verewigt — unsere große Schuld und unsere innere und äußere Lebensnot, was man das «Schicksal» nennt, und schließlich der Tod — das alles könnte das Geheimnis da droben sein, das der Himmel! Er wäre dann so etwas wie eine finstere Wolkenwand, vielleicht auch wie eines jener Kerkergewölbe wie die, in denen man in früheren Jahrhunderten die Gefangenen zu verwahren pflegte, oder gar wie ein Sargdeckel, unter dem wir lebendig begraben dalägen. Nein, lieber nicht da hinaufblicken, nicht wahr? Nein, da denkt man dann besser nicht daran, daß so etwas «über uns» sein könnte! Aber was hülfe es uns, nicht daran zu denken, wenn es nun doch so wäre? Und es könnte Alles noch viel schlimmer sein, wenn etwa Gott selbst so wäre <pb ed="A" n="41"/> wie dieser Himmel: ein heiliges Wesen, das uns verdientermaßen böse ist — oder ein finsterer Tyrann, der als solcher des Menschen Feind ist — oder vielleicht auch ein gleichgültiger Gott, der uns nun eben, wir wüßten nicht warum, unter diese Wolkenwand, dieses Kerkergewölbe, diesen Sargdeckel versetzt hätte. Viele Menschen — gewissen dunklen Augenblicken und wohl auch Jahren wir alle — denken so vom Himmel und dann auch von Gott. Nein, «Aufblicken» allein und als solches tut es wirklich nicht.</p>

        <p>
                        <pb rend="noPipe" xml:id="p042" ed="pga"/> Aufblicken <hi rend="italic">zu Jesus Christus</hi> aber — das tut es! <hi rend="italic">Er</hi> ist da droben. <hi rend="italic">Er</hi> ist in der Mitte jenes hohen Geheimnisses. <hi rend="italic">Er</hi> ist im Himmel. Wer ist Jesus Christus? Er ist der Mann, in welchem Gott seine Liebe nicht nur ausgesprochen, nicht nur an die Wand gemalt, sondern ins Werk gesetzt hat. Er ist der Held, der unser Elend, der unser und aller Menschen Unrecht, unsere Schuld und unsere Lebensnot, unser Schicksal und schließlich auch unseren Tod in göttlicher Macht auf sich genommen und überwunden hat, so daß das alles nun nicht mehr über uns, sondern unter uns — in Wahrheit zu unseren Füßen ist. Er ist der Sohn Gottes, der ein Mensch wie wir, der unser Bruder wurde, damit wir als seine Brüder mit ihm Kinder seines Vaters sein dürften, damit wir alle mit Gott verbunden und alles dessen, was Gott gehört, teilhaftig sein dürfen: teilhaftig der strengen Güte und der gütigen Strenge dieses Vaters, teilhaftig des ewigen Lebens schließlich, für das er seine Kinder bestimmt und das er ihnen zugedacht hat. Dieser Jesus Christus, dieser Mann, dieser Held, dieser Sohn Gottes ist im Himmel. Und so wie Er ist Gott. Im Angesicht dieses seines Sohnes begegnet uns das des Vaters im Himmel.</p>
        <p>Blicket auf <hi rend="italic">zu Ihm!</hi> Und das will nun sagen: Laßt ihn sein, der Er — da droben, über uns, im Himmel — ist! Laßt es einfach wahr sein und gelten, daß eben er da droben und von <pb ed="A" n="42"/> dort oben her für euch da ist und lebt! Haltet euch daran, daß er in seiner ganzen Macht für euch eintritt — aber eben darum auch daran, daß ihr nicht euch selbst, sondern Ihm gehört! Sagt jetzt einfach Ja dazu, daß er recht hat und daß er es auch mit euch recht machen will — ja mit uns allen schon recht gemacht hat. Sollte das zuviel gesagt sein: mit uns allen schon recht gemacht? Auch mit den tief elenden, schwer betrübten, völlig verbitterten Menschen? Ja! Auch mit den ganz argen Sündern? Ja! Auch mit den Gottlosen — oder die wenigstens meinen, sie seien Gottlose, wie vielleicht der Eine oder Andere auch in diesem Haus, der an diesem Morgen nicht hieherkommen wollte? Ja, ja: Jesus Christus hat es auch mit diesen Menschen, mit uns allen schon recht gemacht, will es mit uns allen und so auch mit ihnen wieder und wieder recht machen. Zu Jesus Christus aufblicken heißt: sein Recht gelten und es dabei sein Bewenden haben lassen, daran nun einmal nicht mehr rütteln, daß er recht hat. Daran erinnert uns die Himmelfahrt: daß wir eingeladen sind, in diesem Sinn zu Ihm aufzublicken — ich brauche jetzt ein anderes, bekannteres Wort: an Ihn zu glauben.</p>

        <p>
                        <pb rend="noPipe" xml:id="p043" ed="pga"/> Blicket auf zu Ihm, <hi rend="italic">so strahlt euer Angesicht!</hi> Was für eine Ankündigung! Was für eine Zusage und Verheißung! Menschen, ganz gewöhnliche Menschen mit strahlenden Gesichtern! Nicht Engel im Himmel, sondern Leute auf Erden! Nicht irgendwelche glückliche Einwohner einer fernen schönen Insel, nein, Leute hier in <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName>, hier in diesem Hause! Nicht irgendwelche besonderen Leute unter uns, nein, wir, Jeder von uns! Kann es so gemeint sein? Ja, so ist es gemeint. Aber ist es denn auch so? Ja, so und nicht anders ist es: Blicket auf zu Ihm, so strahlt euer Angesicht!</p>
        <p>Seht, wenn ein Mensch, wenn Einer von uns tut, wie er jetzt ge<pb ed="A" n="43" break="no"/>heißen ist, und also zu Ihm, zu Jesus Christus aufblickt, dann widerfährt ihm eine Veränderung, neben der die größte Revolution eine kleine Sache ist, die darum unmöglich verborgen bleiben kann. Sie besteht ganz schlicht darin, daß, wer zu Ihm aufblickt, an Ihn glaubt, hier auf Erden, hier in <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName>, hier in diesem <placeName ref="kbga-places-989">Haus</placeName> ein Kind Gottes heißen und sein darf
          [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.3.1">1.Joh. 3,1</ref>]. Das ist eine innere Veränderung, die nun aber doch unmöglich bloß innerlich sein und bleiben kann, die vielmehr, indem sie geschieht, gewaltig nach außen drängt. Ihm geht ein großes, helles, dauerndes Licht auf. Und eben dieses Licht hat seinen Widerschein in seinem Gesicht, in seinen Augen, in seinem Benehmen, in seinen Worten und Verhaltungsweisen. Einem solchen Menschen ist eben mitten in seinem Kummer und Leid, allem seinem Seufzen und Murren zuwider eine Freude gemacht: keine billige und oberflächliche, sondern eine tiefe, keine vorübergehende, sondern eine bleibende Freude. Und eben sie macht ihn selbst, auch wenn er immer noch traurig sein und dran sein mag, zu einem Menschen, dem man es anmerkt, daß er im Grunde ein fröhlicher Mensch ist. Sagen wir es ruhig: er hat etwas zum Lachen bekommen und kann dieses Lachen auch dann nicht ganz verbeißen, wenn es ihm im übrigen gar nicht zum Lachen ist: kein böses, sondern ein gutes, kein höhnisches, sondern ein liebes und tröstliches Lachen, auch kein diplomatisches Lachen, wie es neuerdings in der Politik üblich geworden ist, sondern ein aufrichtiges, aus seinem tiefsten Herzen kommendes Lachen. Solches Licht, solche Freude, solches Lachen widerfährt den Menschen, die zu Ihm aufblicken. Von dort, von Ihm her strahlt ihr Angesicht. Sie machen es nicht, daß es das tut. Aber sie können es auch nicht verhindern, daß das geschieht. Indem sie zu Ihm aufblicken, strahlt ihr Angesicht.</p>

        <p>
                        <pb rend="noPipe" xml:id="p044" ed="pga"/> Liebe Brüder und Schwestern, warum strahlt unser Angesicht nun eigentlich nicht? Nicht wahr, wenn es das täte, würde uns <pb ed="A" n="44"/> wohl sein, wir würden dann Allem zum Trotz recht, gerne und zufrieden leben. Eben weil es uns wohl wäre, würde ja unser Angesicht strahlen. Aber hier gibt es noch Wichtigeres zu bedenken. Wenn jenes Licht, wenn die Freude, das Lachen der Kinder Gottes nach außen käme und sichtbar würde, dann würden ja vor allem die Anderen um uns her das wahrnehmen. Und denkt ihr nicht auch, daß das eine ganz bestimmte Wirkung auf sie haben müßte und würde? Ein Zeichen davon würde es ihnen doch sein, daß es noch etwas Anderes, Besseres gibt, als was sie für gewöhnlich zu sehen bekommen. Mut würde ihnen das geben, Zuversicht und Hoffnung würde ihnen das einflößen. Es würde ihnen wohltun, wie uns in dieser letzten Woche die Sonne wohlgetan hat nach dem langen Winter. Warum wohltun? Weil ein solch strahlendes Gesicht der auf die Erde fallende Widerschein vom Himmel, von Jesus Christus, ein Abglanz von Gott dem Vater selbst wäre. Der würde auch den anderen Menschen wie uns selbst — wir und sie warten doch darauf, etwas davon zu sehen — wohltun.</p>
        <p>Wir müßten uns über das Einfache klar sein, liebe Freunde: Wir sind eigentlich nicht dazu auf der Welt, um uns selbst, sondern um den Anderen wohlzutun. Es ist aber im Grunde das Einzige, womit wir anderen Menschen wohltun können, eben dies, daß wir ihnen einen Widerschein und Abglanz des Himmels, des Herrn Jesus Christus, Gottes selbst und also ein strahlendes Gesicht zu sehen geben. Warum tun wir das nicht? Warum bleiben wir ihnen gerade das schuldig: das Einzige, womit wir einander helfen könnten? Warum sind die Gesichter, die wir einander zeigen, im besten Fall überlegene, ernste, fragende, sorgenvolle, vorwurfsvolle Gesichter — im weniger guten Fall aber Grimassen oder auch tote Masken, so richtige Basler Fasnachtsmasken? Warum strahlt unser Gesicht nicht?</p>
        <p>
                        <pb ed="A" n="45"/> Ich will dazu nur Eines sagen: es könnte sehr wohl anders sein. Wir könnten durchaus solche Leute sein, die sich mit strahlenden Gesichtern begegnen. Wir könnten durchaus solche richtig wohltuenden Leute sein: wir hier heute! Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit
          [<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.3.17">2.Kor. 3,17</ref>] für Jeden, dem Anderen wohlzutun. «Wer an mich glaubt (heißt es an einer anderen Stelle der Schrift, Jesus Christus selbst sagt es dort), von dessen Leibe werden Ströme lebendigen Wassers aus <pb xml:id="p045" ed="pga"/> gehen» [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.7.38">Joh. 7,38</ref>]. Im Aufblick zu Ihm geschieht das. Zu Ihm hat noch Keiner aufgeblickt, ohne daß das geschehen wäre<note xml:id="n02">Original: «… ohne daß das nicht geschehen wäre»; «nicht» vom Hrsg. gestrichen.</note>. Und es hat sich noch Keiner ein bißchen daran gewöhnt, das zu tun, ohne daß es um ihn herum ein bißchen hell wurde. Die dunkle Erde, auf der wir leben, ist da noch immer hell geworden, wo Einer, Mehrere, Viele, das Einfache taten: wo sie zu Ihm aufblickten, wo sie an Ihn glaubten.</p>
        <p rend="margin-top">Blicket auf zu Ihm, so strahlt euer Angesicht, <hi rend="italic">und ihr müßt nicht zu Schanden werden</hi>. Ich habe eben von der «dunklen» Erde gesprochen. Wenn man die Zeitung liest, wenn man um sich blickt, und vor allem wenn man in sein eigenes Herz und Leben hineinschaut, sieht man wohl: sie ist tatsächlich eine dunkle Erde, eine Welt, vor der und in der man Angst haben kann [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.16.33">Joh. 16,33</ref>]. Warum Angst? Weil wir alle unter der Drohung stehen, wir könnten, ja wir müßten eigentlich zu Schanden werden, was dann nicht nur hieße, daß wir dies und jenes verfehlten und verpaßten, sondern daß unser ganzes Leben mit Allem, was wir denken, wollen und ausrichten, in Wahrheit, d. h. in Gottes Gericht und Urteil, ein verfehltes, ein ehrloses, ein verlorenes Leben sein möchte. Das ist die große Drohung. Und eben unter dieser Drohung schwankt der Boden unter unseren Füßen, verfinstert sich die Luft, wird die von Gott so schön geschaffene Erde eine dunkle Erde. Wir müßten eigentlich zu Schanden werden.</p>
        <p>
                        <pb ed="A" n="46"/> Aber jetzt hören wir gerade das Gegenteil: ihr müßt nicht zu Schanden werden! Ich wollte wohl, liebe Brüder und Schwestern, ich könnte euch jetzt auffordern, insgesamt aufzustehen und im Chor mit mir zu sagen: Wir müssen nicht zu Schanden werden! Und ein jeder Einzelne müßte es nachsagen, und dann wollte ich als Letzter es auch von mir selber sagen: ich muß nicht zu Schanden werden! Darum geht es: wir müssen tatsächlich nicht, ich muß tatsächlich nicht zu Schanden werden, im Aufblick zu Ihm ganz bestimmt nicht. Gewiß nicht darum, weil wir es nicht verdient hätten! Und nun auch nicht etwa darum, weil unsere Gesichter, wenn wir zu Ihm aufblicken, strahlende Gesichter werden. Es muß und wird uns aber, wenn uns das widerfährt, eben dies ein Zeichen dafür sein, daß wir nicht zu Schanden werden müssen: dar<pb xml:id="p046" ed="pga" break="no"/>um, weil es ja daran offenbar werden wird, daß die Verbindung zwischen Gott und uns hergestellt ist. Und das ist die Kraft dieser Verbindung: daß, was bei Ihm im Himmel wahr ist und gilt, was Jesus Christus für uns getan hat, daß, was durch Ihn geschehen ist: eines jeden Menschen Errettung, Rechtfertigung und Bewahrung, auch da drunten und nun gerade für uns, die zu Ihm aufblicken, wahr ist und gilt. Das heißt dann aber: der Vater läßt uns, seine Kinder, nicht zu Schanden werden. Und so kann es uns, seinen Kindern, unmöglich widerfahren, daß wir zu Schanden werden. Das dürfen wir wissen, daran dürfen wir uns halten, damit dürfen wir leben: im Aufblick zu Ihm ohne Angst mit strahlendem Angesicht. Sage es jetzt ein Jeder in seinem Herzen nach: «Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiß nicht, was Er dir Gutes getan hat: der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen, der dein Leben vor dem Verderben erlöst und dich krönt mit Gnade und Barmherzigkeit» [<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.103.2 Ps.103.4">Ps. 103,2–4</ref>]. Indem wir uns das sagen, wollen wir nachher miteinander zum Abendmahl gehen. </p>
        </div>
        <div type="closer">
                    <salute>Amen. 
                    </salute>
                </div>
        <div type="prayer">
          <p><pb ed="A" n="47"/> Herr unser Gott! Wir danken dir, daß alles so ist, wie wir es jetzt mit unseren schwachen Worten zu sagen und mit unseren schwachen Ohren zu hören versucht haben. Unser Lob deines Namens kann darum kein Ende nehmen, weil deine Gnade und Wahrheit keine Grenze hat und immer noch größer und herrlicher ist, als wir es je aussprechen und fassen werden. Mache du selbst den Anfang deines Geistes fruchtbar in unseren Herzen und in unserem Leben: in Allem, was wir heute und morgen denken, reden und tun werden! Gib du selbst es uns, daß wir treu umgehen mit dem, was uns von dir zukommt, und so unsere Zeit, solange wir solche haben, nützen zu ihrer Erfüllung, zu deiner Ehre und zu unserem Heil!</p>
          <p>Erbarme dich unser auch fernerhin — unser und aller Menschen: unserer Angehörigen, aller Leidenden, Angefochtenen, Geprüften, der Behörden dieser Stadt und unseres Landes und ihrer Beamten, der Lehrer und ihrer Schüler, der Richter, der Angeklagten und der Verurteilten, der Pfarrer und ihrer Gemeinden, der Missionare und derer, denen sie deine Wahrheit verkündigen dürfen, der Evangelischen in Spanien und Südamerika und derer, die sie aus Unverstand bedrücken. Wo du nicht baust durch dein Wort, da wird in Kirche und Welt umsonst gebaut. So gib deinem Wort freien Lauf zu vielen, <pb xml:id="p047" ed="pga"/> zu allen Menschen in der Leuchtkraft und Heilskraft und Siegeskraft, die es hat, wo es in der Macht deines Geistes recht ausgerichtet und vernommen wird! Unser Vater …!</p>
        </div>
        <div type="songs">
          <head>Lieder:</head>
          <listBibl type="songs" rend="simple">
            <bibl corresp="kbga-songs-15" type="song">Nr. 336: «Jesus Christus herrscht als König» von <persName ref="kbga-actors-2192">Ph. Fr. Hiller</persName>, Strophen 1,3,6,11 (= EKG 96, Str. 1,3,7,10)</bibl>
            <bibl corresp="kbga-songs-16" type="song">
                            Nr. 47: «Du meine Seele, singe» von <persName ref="kbga-actors-131">P. Gerhardt</persName>, Strophen 1–5 (= EKG 197, Str. 1–4,8)</bibl>
          </listBibl>
        </div>


          <!--<item><ref type="pub" subtype="bib1-ein1936" target="b0336">Nr. 336</ref>: «Jesus Christus herrscht als König» von <persName ref="kbga-actors-2192">Ph. Fr. Hiller</persName>, Strophen 1, 3, 6,
11 (= <bibl><title level="m">EKG</title> 96, Str. 1, 3, 7, 10</bibl>)</item>
          <item><ref type="pub" subtype="bib1-ein1909" target="b0047">Nr. 47</ref>: «Du meine Seele, singe» von <persName ref="kbga-actors-131">P. Gerhardt</persName>, Strophen 1-5 (= <bibl><title level="m">EKG</title> 197, Str.
1-4, 8</bibl>)</item>-->

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