Predigt: Epheser 2,5: "Durch Gnade seid ihr gerettet"
Ich lese jetzt ein Wort aus dem Brief des Apostels
Seht, um das zu hören, sind wir an diesem Sonntagmorgen hier beieinander: «Durch Gnade seid ihr gerettet.» Alles Andere, was wir hier miteinander tun, unser Beten und Singen, kann ja nur eine Antwort sein auf dieses Wort, das Gott zu uns redet. Um das der Menschheit zu bezeugen: «Durch Gnade seid ihr gerettet», haben die Propheten und die Apostel das merkwürdige Buch geschrieben, das man die Bibel nennt. Eben das steht nur in diesem Buch, nur in der Bibel: nicht im
Mir hat einmal Einer gesagt: Ich brauche nicht in die Kirche zu gehen, ich brauche auch nicht in der Bibel zu lesen, ich weiß schon, was in der Kirche gesagt wird und was in der Bibel steht: «Tue recht und scheue niemand!» Laßt mich dazu Folgendes sagen: Wenn es darum gehen würde, das zu verkündigen, dann wäre ich ganz gewiß nicht hiehergekommen, denn dafür wäre mir meine Zeit zu schade, und die eure könnte es euch dann auch sein! «Tue recht und scheue niemand!» — um das zu sagen, braucht es keine Propheten und Apostel, keine Bibel, keinen Jesus Christus, auch keinen Gott. Das kann nämlich ein Jeder sich selber sagen. Dafür ist es dann allerdings 30 auch nicht gerade etwas Neues, Besonderes und Interessantes, nichts, was irgend einem Menschen helfen könnte und würde. Ich bin noch keinem begegnet, der dieses Sprüchlein gesagt und dazu gelacht hätte, sondern in der Regel ma|34chen die Leute, die das sagen, ein ziemlich mürrisches Gesicht, dem man es nur zu gut anmerkt, daß ihnen dieses Wort wirklich nicht hilft, sie nicht tröstet, ihnen durchaus keine Freude macht.
Hören wir jetzt, was in der Bibel steht und was wir als Christen miteinander vernehmen dürfen: «Durch Gnade seid ihr gerettet.» Seht, das kann man sich nicht selber sagen. Das kann auch kein Mensch dem anderen sagen. Das kann uns allen nur von Gott gesagt werden. Jesus Christus ist nötig dazu, daß das wahr ist, und Propheten und Apostel sind nötig, um dar weiterzugeben. Und damit wir es uns nun untereinander mitteilen können, dazu bedarf es dessen, daß wir hier als Christen zusammenkommen. Dafür ist das nun etwas wirklich Neues, und zwar etwas immer wieder ganz Neues und Besonderes: das Interessanteste, was es gibt, das Hilfreichste nicht nur, sondern das Einzige, das dem Menschen überhaupt helfen kann.
«Durch Gnade seid ihr gerettet.» Wie merkwürdig, daß das zu uns gesagt sein soll, daß wir das hören dürfen! Wer sind denn schon «wir»? Laßt es mich einmal offen aussprechen: große Sünder sind wir alle miteinander. Versteht mich recht: ich sage das genau so von mir wie von euch. Ich will mich gerne als den größten Sünder unter euch allen bekennen, aber ihr dürft euch wirklich auch nicht ausschließen! Sünder: das sind Menschen, welche nach dem Urteil Gottes und vielleicht auch ihres eigenen Gewissens ihren Weg gründlich verfehlt und verloren haben, die nicht nur ein bißchen, sondern ganz und gar schuldig, über und über verschuldet und verloren sind — nicht nur in der Zeit, sondern endgültig, ewig verloren. 31 Solche Sünder sind wir. Und Gefangene sind wir. Glaubt es nur: es gibt eine Gefangenschaft, die schlimmer ist als die in diesem Hause, Mauern, die viel dicker, und Türen, die viel fester sind als die, hinter denen ihr hier verschlossen seid. Wir alle — die draußen und ihr hier — sind Gefangene unseres eigenen Trotzes, unserer verschiedenen Begierden, unserer mannigfachen Angst, unseres Mißtrauens und in tiefstem Grunde: Gefangene unseres Unglaubens. Und Leidende sind wir Menschen auch alle. Und am meisten leiden wir alle an uns selber, an unserem Leben, das ein Jeder für sich und dann auch für die Anderen zu einem schweren Leben macht. Wir leiden an seiner Sinnlosigkeit. Wir leiden im Schatten des Todes und des ewigen Gerichtes, dem wir entgegengehen. Und es ist eine ganze Welt von Sünde und Gefangenschaft und Leiden, in deren Mitte wir unser Leben zubringen.
35 Und nun hört: Mitten in das alles hinein kommt wie von oben das Wort: «Durch Gnade seid ihr gerettet.» Gerettet, das heißt nicht nur: so ein bißchen ermutigt, getröstet und erleichtert, sondern heißt: herausgerissen wie ein Stück Holz aus einem brennenden Feuer [vgl.
Das ist so, weil Jesus Christus unser Bruder und weil er durch sein Leben und Sterben unser Retter geworden ist, unsere Errettung vollzogen hat. Er ist das Wort Gottes an uns. Und dieses Wort lautet: «Durch Gnade seid ihr gerettet.»
Ihr kennt wohl alle die Geschichte von dem Reiter, der bei Nacht und Nebel, ohne es zu wissen, über den gefrorenen
36 Aber nun ist ja das Andere noch viel wichtiger und ist erst das Eigentliche, was wir jetzt hören dürfen: «Durch Gnade seid ihr gerettet.» Also: wir sind am Ufer, der
Aber eben weil wir in Jesus Christus und nicht anders gerettet sind, darum durch Gnade. Das bedeutet: Wir haben es nicht verdient, gerettet zu sein; was wir verdient hätten, wäre etwas ganz Anderes. Wir können uns das auch nicht verschaffen. Man las in diesen Tagen in der Zeitung, daß man sich nächstens sogar einen künstlichen Mond verschaffen werde. Aber daß wir gerettet sind, das können wir uns nicht verschaffen. Und darauf, daß er gerettet ist, kann Keiner von uns stolz sein, sondern da kann Jeder nur in großer Demut die Hände falten und dankbar sein wie ein Kind. Und es wird auch nie eine Sache sein, die wir ha|37ben, daß wir gerettet sind, sondern eine, die wir immer wieder zu empfangen, nach der wir immer wieder 34 leere Hände auszustrecken haben werden. «Durch Gnade seid ihr gerettet», das heißt: da gilt es immer wieder von uns selber wegzuschauen dorthin, wo das wahr ist: auf Gott und auf den Mann am Kreuz. Das will immer wieder geglaubt und im Glauben ergriffen sein. Glauben aber bedeutet das: auf Gott und auf Jesus Christus schauen und uns darauf verlassen, daß da, da, die Wahrheit ist für uns, für unser Leben, für das Leben aller Menschen.
Ist es nicht schade, daß wir gerade dagegen in unserem Herzen irgendeine tiefe Auflehnung haben? Ja, wir haben das nicht gerne, daß es heißt: durch Gnade, ganz allein durch Gnade gerettet sein. Wir haben es nicht gerne, daß der liebe Gott uns wirklich gar nichts schuldig ist, daß wir ganz und gar nur von seiner Güte leben können, daß für uns nur die große Demut übrig bleibt, nur die Dankbarkeit eines beschenkten Kindes. Wir schauen eben nicht gern von uns selber weg, möchten uns viel lieber (wie die Schnecke in ihr eigenes Haus) zurückziehen und bei uns selbst sein. Mit einem Wort: wir glauben eben nicht gerne. Wo doch gerade durch Gnade und also mit dem Glauben, wie ich ihn jetzt kurz beschrieben habe, das Leben, das wirkliche Leben anfangen würde: die Freiheit, die Sorglosigkeit des Herzens, die Freude tief innen, auch die Liebe zu Gott und zum Nächsten und eine große gewisse Hoffnung! Wo doch gerade durch Gnade, gerade mit dem Glauben Alles in unserem Leben so ganz einfach werden dürfte!
Liebe Brüder und Schwestern, wie sind wir jetzt dran? Daran ist nichts zu ändern: der helle Tag ist angebrochen. Die Sonne Gottes scheint hinein in unser aller dunkles Leben, auch wenn wir uns die Augen zuhalten. Seine Stimme vom Himmel ertönt, auch wenn wir uns die Ohren verstopfen. Das Brot des Lebens [vgl.
Ich will jetzt dazu nur noch Eines sagen: das alles vielleicht darum, weil wir noch nie so recht gebetet haben, daß es bei uns selbst, auf unserer Seite, anders werden möchte. Merkt wohl: daß Gott Gott ist, ein nicht nur mächtiger, sondern gnädiger, ein lieber Gott, daß er es gut mit uns meint und macht, daß Jesus Christus für uns gestorben ist, damit wir frei seien, daß wir durch Gnade, daß wir in Ihm gerettet sind — darum brauchen wir nicht zu beten, denn das ist so ohne unser Zutun, auch ohne unser Gebet. Aber daß wir das glauben, annehmen, gelten lassen, daß wir anfangen, damit zu leben, daß das wahr ist auch für uns und daß wir das nicht nur in unserem Kopf und mit den Lippen, sondern mit unserem Herzen und mit unserem ganzen Leben glauben, so daß auch die anderen Menschen etwas davon zu merken bekommen, und daß endlich und zuletzt unser ganzes Dasein eingetaucht werde in die große Gotteswahrheit: «Durch Gnade seid ihr gerettet» — ja, darum will gebetet sein. Es hat noch nie ein Mensch umsonst darum gebetet. Denn wenn Einer darum betet, dann ist auch schon die Erhörung da, dann fängt ja eben damit schon der Glaube an. Aber eben weil noch Keiner darum umsonst gebetet hat, darum 36 kann und darf es auch Keiner unterlassen, eben darum zu bitten wie ein Kind: daß er glauben dürfe, daß Gottes Wahrheit — ja, diese schreckliche, vielmehr diese herrliche Wahrheit — heute schon als ein kleines, aber dann doch wohl immer größer werdendes Licht scheine: «Durch Gnade seid ihr gerettet.» Bittet darum, daß ihr das glauben dürft, so wird es euch gegeben werden! Suchet das, so werdet ihr es finden, klopfet an an diese Pforte, so wird euch aufgetan [vgl.
So, meine lieben Freunde, das ist es, was ich euch von der guten Botschaft als Gottes Wort heute sagen konnte und durfte.
- Nr. 6: «Ich erhebe mein Gemüte» (nach Ps. 25), Strophen 1–4
- Nr. 363: «Licht, das in die Welt gekommen» von
R. Stier , Strophen 1–4 - Nr. 44: «Nun danket alle Gott» von
M. Rinckart , Strophe 3