10. April 1955

Predigt: Johannes 14,19 (Ostern): "Ich lebe und ihr werdet leben"

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ICH LEBE, UND IHR WERDET LEBEN
Herr, unser Gott! Hier sind wir, um vor dir und miteinander Ostern zu feiern: den Tag, an dem du deinen lieben Sohn, unseren Herrn Jesus Christus, offenbart hast als den lebendigen Heiland, der alle unsere Sünden und mit ihnen unser ganzes menschliches Elend und den Tod dazu auf sich genommen, an unserer Stelle gebüßt und erlitten und ein für allemal überwunden und abgetan hat.
Wir wissen wohl, wie es um uns steht, und du weißt es noch viel |18 besser. Aber da kommen wir und danken dir für die Freiheit, die wir haben, von uns weg und auf dich zu sehen, der du Solches für die Welt und auch für uns alle getan hast.
Laß uns jetzt aufrichtig reden und hören — damit es dein wahres Wort sei, das uns in dieser Stunde regiert, bewegt und erfüllt — damit es uns alle tröste, ermutige und ermahne — damit unser armes Lob auch dir gefallen dürfe!
Laß das unter uns geschehen, aber auch überall sonst zu Stadt und Land, in der Nähe und in der Ferne: wo immer Menschen sich heute versammeln, um die Verheißung der Auferstehung und des Lebens zu vernehmen und zu ergreifen! Sieh dein Volk in Gnaden an!
Amen.
Johannes 14,19
Ich lebe, und ihr werdet leben.
20 Meine lieben Brüder und Schwestern!

Ich lebe. Jesus Christus hat das gesagt und sagt es jetzt auch zu uns: Ich lebe.

Laßt mich zur Erklärung dieser zwei Wörtlein beginnen mit der Erinnerung an ein anderes Wort aus seinem Munde: «Wo Zwei oder Drei unter euch versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen» [Mt. 18,20]. Wir sind hier versammelt in Seinem Namen — nicht in unserem eigenen also. Nicht weil es uns freut, mit ihm zu tun zu haben, aber indem es ihn freut, mit uns zu tun zu haben. Nicht weil wir für ihn sind, aber indem er für uns ist. Nicht weil wir es verdient hätten, daß er zu uns gehört, aber weil er es sich Alles hat kosten lassen, daß wir zu ihm gehören dürfen. Indem er in die Welt gekommen ist und gerufen hat: «Kommet her zu mir Alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken» [Mt. 11,28] — und indem er das nicht nur als ein Wort gesagt hat, sondern indem dieser sein Ruf die mächtige Tat seines ganzen Lebens und Sterbens gewesen ist. Indem er mit diesem Ruf und mit dieser Tat eine Gemeinde auf Erden geschaffen hat, in der er für alle Zeit und überall der Herr, der Hirte und der Lehrer ist. Indem er heute und hier nun auch uns zu seiner Gemeinde versammelt hat. Da dem so ist, ist er jetzt und hier mitten unter uns, bezeugt und sagt er uns eben damit: Ich lebe. Er ist nicht im Grabe, er ist auferstanden, wie wir es vorhin aus dem Evangelium gehört haben. Er selbst sagt es uns: Vergeßt alles Andere und haltet euch daran, aber daran ganz fest: Ich lebe.

19 Es ist klar, wenn er das sagt, dann bedeutet das mehr, etwas Anderes und Besseres, als wenn ich euch sagen wollte: Ich lebe, oder wenn Einer von euch das sagen würde. Was ist schon unser Leben, verglichen mit dem seinigen? Es liegt freilich Alles an unserem Leben. Ich lebe — darauf folgt ja unmittel21bar: und ihr werdet leben! Es geht also, indem er uns sagt: «Ich lebe», um die Errettung unseres Lebens — darum, daß unser Leben frei, heilig, gerecht, herrlich werde. Aber eben um das zu verstehen, müssen wir zunächst das Erste hören, in welchem dann dieses Zweite eingeschlossen ist: Ich lebe — ein ganz anderes, mit eurem, mit unserem Leben nicht zu vergleichendes Leben!

Ich lebe. Wenn Jesus Christus das sagt, dann heißt das: Ich lebe als ein wahrer Mensch mein Gottesleben. Wir müssen das ganz ernst, ganz wörtlich verstehen: ich lebe das Leben des ewigen, des allmächtigen Gottes, der Himmel und Erde geschaffen hat und der die Quelle und die Fülle alles Lebens ist. Was heißt das? Etwa: Ich lebe dieses mein reiches, herrliches Gottesleben, um es für mich zu haben, zu behalten und zu genießen, so wie ein reicher Mensch sein Vermögen zu haben, zu behalten und zu genießen pflegt? Oder vielleicht so: daß ich es euch als etwas höchst Seltsames und Kostbares von weitem zeige, damit ihr es bestaunen mögt? Oder vielleicht so, daß ich euch gelegentlich ein kleines Almosen daraus spende? Nein, meine Brüder und Schwestern, so ist es mit dem Leben Gottes nun eben nicht bestellt. So nicht mit dem Leben Gottes, der von Ewigkeit zu Ewigkeit gerade nicht nur für sich, sondern in dem ganzen Reichtum seines Lebens unser Gott sein will und ist.

Ich lebe: wenn Jesus Christus das sagt, dann heißt das: Ich lebe dieses mein Gottesleben für euch. Ich lebe es ganz und gar, indem ich euch liebe, indem ich ohne euch gar nicht Gottes Sohn sein, dieses mein Gottesleben gar nicht haben will — indem ich es vielmehr ohne Vorbehalt und Rücksicht für euch einsetze, hergebe, für euch drangebe und dahingebe. Indem ich nämlich an eure Stelle trete: an die Stelle, die euch zukommt — indem ich selbst werde, was ihr seid (nicht nur Einige von euch, sondern ihr Menschen alle!): ein Verurteilter, ein 22 Gefangener, ein Sträfling, der den Tod erleiden muß. Ich tue das aber, damit durch dieses mein für euch dahingegebenes mächtiges Gottesleben das Dunkel und die Verwirrung, der Kummer und die Angst und die Verzweiflung, die Sünde und die Schuld eures kleinen, bösen, traurigen Menschenle|20bens weggenommen, eben durch die Macht des Gotteslebens, in welchem ich an eure Stelle trete, weggeschwemmt, damit euer Tod durch mein Gottesleben in den Tod gegeben und vernichtet werde ein für allemal. So, in dieser Dahingabe, in dieser euch errettenden Macht lebe ich mein Leben, mein Gottesleben.

Ich lebe. Das heißt, wenn Jesus Christus es sagt: Ich lebe als der wahre Sohn Gottes mein Menschenleben — ja, das Leben eines schwachen, eines einsamen, eines versuchten, eines in Schande sterbenden Menschen wie ihr, ganz und gar euresgleichen. Wie das? Etwa so, daß ich es dann doch wieder besser haben möchte als Andere? Etwa so, daß ich mich dagegen auflehne, ein solcher Mensch zu sein? Oder daß ich mich in stummem, verbissenem Trotz damit abzufinden versuche, das nun eben sein zu müssen? Nein, nicht so! Dann würde ich ja nicht wahrhaftig euresgleichen, euer Nächster, euer Bruder sein wollen — gerade nicht der Nächste, nicht der Bruder des ganz bedürftigen Menschen. Dann würde ich den ja vielmehr verlassen und verraten. Ich wollte dann nicht der Mensch sein, der vom Erbarmen Gottes lebt. Ich wollte dann also gar nicht wahrer Mensch und dann sicher auch nicht Gottes Sohn sein.

Ich lebe. Wenn Jesus Christus das sagt, dann heißt das: Ich lebe mein Menschenleben, ohne zu widersprechen und zu widerstehen, als euer eigenes, wie es nun einmal ist. Ich lebe es als der, der es annimmt, eure und der ganzen Welt Torheit und Bosheit, euren Jammer und euer Elend nun gerade auf mich geladen zu finden. Ich lebe es, indem ich diese Last im Gehorsam gegen Gott, der sie mir auferlegt, trage, eben damit aber 23 auch aufhebe — indem ich in meiner Person euer Menschenleben mit Allem, was dazu gehört, wandle, umkehre, erneuere, taufe, indem ich aus eurem Verderben Errettung mache, aus eurer Sünde Gerechtigkeit, aus eurem Tod Leben. Damit in mir ihr alle wiedergeboren werdet zu neuen Menschen, die in Hoffnung Gott die Ehre geben, statt ihre eigene zu suchen! Damit ihr in meiner Person zu Menschen werdet, an denen Gott Wohlgefallen hat. So, indem ich es euch zugut so erhebe, lebe ich mein Leben, mein Menschenleben, mein Leben als euresgleichen.

Also: Ich lebe als der, der so lebt: in der Dahingabe meines Gotteslebens in eurem Dienst und in der Erhebung meines Menschenlebens zum Dienste Gottes. Als der, der so lebt, ist Jesus Christus am Ostermorgen |21 den Seinigen offenbar geworden. Eben als Dieser ist er jetzt und hier in unserer Mitte und sagt er zu uns: Ich lebe.

Und nun das Zweite, das in diesem Ersten eingeschlossen ist: Und ihr werdet leben. In unseren Bibeln wird dieses Wort wiedergegeben in der Form: «Und ihr sollt auch leben!» Aber seht, es geht hier gerade nicht nur um ein Sollen, zu dessen Erfüllung wir bloß eingeladen und aufgefordert würden, um dann eventuell zu leben, eventuell auch nicht zu leben. Uns wird hier nicht bloß eine Chance gegeben, eine Offerte gemacht. Ihr werdet leben — das ist eine Verheißung, d. h. die Anzeige unserer Zukunft, die auf unsere Gegenwart in dem «Ich lebe» folgt wie 2 auf 1, wie B auf A, wie der Donner auf den Blitz. Wer das hört: Ich lebe, der hört sofort auch: und ihr werdet leben. Das will sagen: ihr seid solche, die nicht in ihrer Sünde und in ihrer Schuld, sondern, weil sie von meinem Leben herkommen, in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit ihre Zukunft haben. Also nicht in der Traurigkeit, sondern in der 24 Freude, also nicht in der Gefangenschaft, sondern in der Freiheit, also nicht im Tode, sondern im Leben. Ihr seid solche, die von dieser Gegenwart in meinem Leben her diese Zukunft und nur diese haben.

Laßt mich noch etwas erklären, auf was es jetzt für uns ankommt, nachdem wir gehört haben: Ich lebe, und indem darauf unmittelbar folgt: und ihr werdet leben.

Es kommt für uns jetzt darauf an, daß wir uns steif daran halten: Er, Jesus Christus, sein Leben ist unsere Gegenwart. Also nicht unsere Vergangenheit, nicht der große Schatten, der von gestern her unser Heute verdunkelt, also nicht alles das, was wir uns selbst und was wir wohl auch anderen Menschen mit Recht oder Unrecht vorzuhalten haben, also nicht die Welt mit ihren Anklagen und wir mit unseren Gegenanklagen, also nicht einmal der verdiente Zorn Gottes gegen uns, geschweige denn unser Murren gegen ihn, geschweige denn unser heimlicher Gedanke: es möchte vielleicht gar kein Gott sein. Mit anderen Worten: nicht wir selbst, wie wir heute dran sind oder dran zu sein meinen. Nein, Er, Jesus Christus, sein Leben ist heute, ist unsere Gegenwart: sein für uns dahingegebenes Gottesleben und sein, unser in ihm erhobenes Menschenleben. Das gilt, das zählt, das ist wahr. Von da aus geht der Weg, geht die Reise weiter in die Zukunft. Und das ist die Zukunft von dieser Gegenwart her: ihr werdet leben.

22 Es kommt jetzt darauf an, daß wir uns von Ihm für diese Reise beschenken, ausrüsten, speisen und tränken lassen. Meine Brüder und Schwestern: wir alle können uns nicht selber helfen, können das Leben nicht aus uns selber hervorbringen, können uns gar nichts nehmen. Was der Mensch sich nehmen will und nimmt, das wird immer wieder Sünde und Tod sein. Wir haben es aber auch gar nicht nötig, uns irgend etwas nehmen zu müssen. Wir können und dürfen uns ja Alles geben lassen, 25 was schon für uns da ist. Es ist für uns alle Alles bereit, Alles in Ordnung gebracht, was in Unordnung war. Wir brauchen die Ordnung, die schon da, die schon aufgerichtet ist, bloß stehen und gelten zu lassen. Wir brauchen bloß zu sehen, was vor unseren Augen — und bloß zu hören, was uns laut und deutlich gesagt ist. Wir brauchen unsere Hände bloß zu öffnen und auszustrecken, statt sie immer wieder in den Sack zu stecken oder zu Fäusten zu ballen. Wir brauchen auch unseren Mund bloß aufzutun, um zu essen und zu trinken, statt, wie wir es als kleine Kinder wohl getan haben, unsere Zähne zusammenzubeißen. Wir brauchen bloß vorwärts zu laufen statt wie die Narren rückwärts.

Es kommt jetzt darauf an, daß wir die gewiß ganz kleine Wurzel von Zuversicht, von Ernst, von Freudigkeit wachsen lassen, die vielleicht gerade an diesem Ostermorgen in unseren Herzen und Gewissen, in unseren Gedanken und Absichten und Meinungen Boden sucht. Es ist ja doch nicht möglich, daß Jesus Christus uns sagt: Ich lebe, und daß dann nicht die Antwort irgendwo in uns aufsteigt: Ja, du lebst, und weil du lebst, werde ich, darf ich, will ich auch leben. Ich, für den du als wahrer Gott ein wahrer Mensch geworden bist — ich, für den du gestorben und auferstanden bist — ich, für den du Alles, wirklich Alles, was ich für Zeit und Ewigkeit nötig habe, vollbracht hast.

Es kommt jetzt Alles darauf an, daß niemand unter uns sich für ausgeschlossen, sich für zu groß oder für zu gering oder für einen Gottlosen hält. Es kommt jetzt Alles darauf an, daß ein Jeder von uns sich vielmehr für einen Solchen hält, der da eingeschlossen, dem im Leben unseres Herrn Erbarmen widerfahren ist und dem zugute das in seiner Auferstehung von den Toten am Ostermorgen offenbar gemacht ist. Es kommt jetzt Alles darauf an, daß wir uns in aller 26 Demut, aber auch mit großem Mut für solche halten, die in Ihm wiedergeboren sind zu einer lebendigen Hoffnung [vgl. 1.Petr. 1,3]: Wir werden leben.

23 Ich komme zum Schluß: Wir dürfen nachher zum Abendmahl gehen. Das Abendmahl ist schlicht das Zeichen dessen, wovon wir nun gesprochen haben: daß er, Jesus Christus, in unserer Mitte ist — der Mann, in welchem Gott selbst sein Leben für uns dahingegeben und in welchem unser Leben zu Gott erhoben ist. Und das Abendmahl ist das Zeichen, daß wir von Ihm als von unserem Anfang her aufbrechen dürfen in unsere Zukunft: in die Zukunft, in der wir leben werden, und daß wir uns zu diesem Aufbruch von Ihm stärken, speisen und tränken lassen dürfen. Von einem Brot und aus einem Kelch, wie Er selber Einer ist: der Eine für uns alle! Meine lieben Brüder und Schwestern, ich möchte niemand von euch bedrängen und bedrücken mit dem, was ich hinzufügen möchte: Wollen wir jetzt nicht alle — alle, die wir hier sind — miteinander zum Abendmahl gehen? Das Abendmahl ist für Alle, so gewiß der lebendige Jesus Christus selbst für Alle ist, so gewiß wir alle in Ihm nicht getrennt sind, sondern zusammengehören, Brüder und Schwestern sind: wir alle arme Sünder, wir alle reich durch seine Gnade!

Amen.
Herr unser Gott, unser Vater in Jesus Christus, deinem Sohn, unserem Bruder! Wir danken dir dafür, daß Alles so ist, wie wir es jetzt wieder zu sagen und zu hören versucht haben. Es tut uns leid, daß wir so oft blind und taub waren für das Licht deines Wortes. Und es tut uns leid um all das Verkehrte, was 27 das in unserem Leben zur Folge hatte. Und weil wir wohl wissen, daß wir ohne dich immer wieder in die Irre gehen würden, bitten wir dich, daß du nicht aufhörest, uns durch deinen Heiligen Geist anzurühren, zu erwecken, uns aufmerksam, demütig und tapfer zu machen.
Das bitten wir nicht nur ein Jeder für sich selbst, sondern ein Jeder auch für die Anderen, für Alle, die in diesem Hause sind, für alle Gefangenen in der Welt, auch für alle an Leib oder Seele Leidenden und Kranken, für alle Besitzlosen und Vertriebenen, auch für alle die, deren Betrübnis und Not uns verborgen, dir aber nicht verborgen sind. Wir bitten es auch für unsere Angehörigen, für alle Eltern, Lehrer und Kinder, für die Männer, die im Staat, in der Verwaltung, im Gericht ein Amt haben und verantwortlich sind, für die Prediger und Missionare deines Evangeliums.
Hilf ihnen und uns allen, zu tragen, was zu tragen ist, aber auch das Rechte zu denken, zu sagen und zu tun und vor allem: zu glau|24ben, zu lieben und zu hoffen in dem Vermögen, das du ihnen und uns dazu geben willst! Unser Vater …!
Lieder:
  • Nr. 160: «Gelobt sei Gott im höchsten Thron» von M. Weiße, Strophen 1–4 🎵
  • Nr. 160 Strophen 5 und 6
  • Nr. 167: «Wach auf, mein Herz, die Nacht ist hin» von L. Laurenti, Strophen 1,6,7,8 (= EKG 88, Str. 1,7,8,9) 🎵

Schriftlesung: Matthäus 28,1–10