Predigt: Lukas 2,10-11: "Euch ist heute der Heiland geboren"
Jetzt haben wir die Weihnachtsgeschichte gehört: vom Kaiser
Vielleicht hat der Eine oder der Andere nicht so ganz zugehört — wie es ja vorkommt —, so daß die Geschichte an ihm vorbeigezogen ist wie ein Wölklein oder ein Räuchlein. Ob ich sie für ihn noch einmal lesen soll? Man könnte sie wohl zweimal, ja hundertmal lesen! Aber wir wollen es für diesmal gut sein lassen!
Oder ist vielleicht ein Anderer oder eine Andere da, der oder die geglaubt hat, ich erzähle ein schönes Märchen, das nichts zu tun hat mit dem wirklichen Leben? Zu schön, um wahr zu sein? Was soll ich ihm sagen? Soll ich mit ihm disputieren? Das könnte gern ein anderes Mal geschehen! Jetzt haben wir Besseres zu tun.
Vielleicht hat auch der Eine oder der Andere, wie er die Geschichte hörte, an längst vergangene Tage aus seiner Jugendzeit denken müssen, als er noch in die Sonntagsschule gegangen ist und die Geschichte dort vielleicht auch schon gehört 11 hat, und an den Weihnachtsbaum und die Äpfel und das Zuckerwerk, und wie es so schön war damals und wie das alles nun vorbei ist und nicht wiederkommt? Was soll ich dazu sagen? Soll ich ein ernstes Gesicht machen und antworten: «Ja, jetzt kommt es nicht auf die Weihnachtsbäume an und nicht auf wehmütige Weihnachtsgefühle, sondern auf die Weihnachtsgeschichte?» Ich will auch das jetzt nicht sagen.
11 Ich wollte euch nur zeigen: ihr lieben Freunde, so machen wir es mit dieser Geschichte, mit der Geschichte, die doch unser aller Geschichte ist und die ja so viel wichtiger und so viel wahrer und so viel ernsthafter ist als alle Geschichten in Geschichtsbüchern und Romanen und als Alles, was durch Zeitungen und Radio geht! So machen wir es: ein bißchen Zerstreutheit, ein bißchen Unglaube und ein bißchen Weihnachtsgefühl. Wir — nicht nur ihr, wir alle und ich selber ganz sicher mit eingeschlossen: so machen wir es!
Bis der Engel des Herrn kommt und uns Bescheid gibt! Der Engel des Herrn ist ganz gewiß heute nacht auch durch die Straßen und die Häuser und über die Plätze von Basel gegangen. Er war da auch für die, die einsam und traurig oder vielleicht auch nur zu lustig und dumm den Heiligen Abend gefeiert haben. Er ist auch da für alle die, die jetzt noch schlafen und vielleicht etwas auszuschlafen haben, und er wird auch heute morgen durch die Kirchen von
Aber wir wollen jetzt nicht an Andere denken, sondern an uns selber: der Engel des Herrn ist ganz bestimmt auch hier unter uns, um mit uns zu reden und von uns gehört zu werden. Und ich bin dazu da, um euch zu sagen, daß er da ist und redet, und um mit euch zusammen zu lauschen und mich zu besinnen auf das, was er uns sagen will.
12 Ein Engel: das ist ein Bote, der eine Nachricht bringt. Ihr könnt ganz einfach an einen Briefträger denken, der euch eine Nachricht zuträgt. Der Engel des Herrn ist der Bote Gottes mit der Nachricht von der Weihnachtsgeschichte. Und seht: wenn er sie bringt, dann ist es vorbei mit der Zerstreuung und mit dem Unglauben und auch vorbei mit den schönen Gefühlen, denn der Engel des Herrn kommt direkt von Gott zu uns! Ich habe in diesen Tagen ein Bild gesehen, auf dem er senkrecht vom Himmel herabstürzt auf die Erde, fast wie ein Blitz.1 Das ist ein Bild, aber es ist schon wahr: wenn der Engel des Herrn die Nachricht bringt, dann schlägt es ein, dann wird es wahr: die Klarheit des Herrn umleuchtete sie [
Und nun wollen wir versuchen, etwas von dem zu hören und zu verstehen, was der Engel des Herrn den Hirten gesagt hat und jetzt zu uns sagt. «Euch ist heute der Heiland geboren.» In diesen drei Worten: euch — heute — der Heiland ist die ganze Weihnachtsbotschaft enthalten. Wir wollen eines nach dem anderen hören!
Euch ist heute der Heiland geboren, sagt der Engel des Herrn. Da ist gleich ganz Wichtiges zu vernehmen.
Einmal das: Es ist mit der Nachricht von der Geburt des Kindes zu
Und zum Anderen: Es ist mit dieser Nachricht von der Geburt des Kindes zu Bethlehem auch anders, als wenn uns in einem Lehrbuch etwas mitgeteilt wird. Der Engel des Herrn war nicht ein Professor, wie ich es bin. Ein Professor würde vielleicht gesagt haben: Den Menschen ist der Heiland geboren. Ach ja, den Menschen so im allgemeinen, und dann denkt man: ich werde nicht dazu gehören, es werden andere Men|13schen sein. So wie man im Kino oder im Theater andere Menschen zu sehen bekommt, die nicht wir sind! — Der Engel des Herrn aber zeigt auf die Hirten, und er zeigt auf uns. Seine Nachricht ist eine Anrede: Euch ist heute der Heiland geboren! Euch: ungefragt, wer wir sind, ob wir die Nachricht verstehen oder nicht, ob wir gute und fromme Menschen sind oder nicht. Ihr seid gemeint! Ihr seid die, für die das geschehen ist! — Seht, die Weihnachtsgeschichte geschieht nicht ohne uns; wir sind in dieser Geschichte drin.
Und endlich: es ist mit dieser Nachricht von der Geburt des Kindes zu
Euch — heute! sagt der Engel des Herrn. Als der Heiland geboren wurde, da hieß es heute! Da brach mitten in der Nacht ein neuer Tag |14 an. Er selber war und ist die Sonne dieses Tages und die Sonne aller Tage. Der neue Tag, das ist nicht nur der Weihnachtstag, der ist unser Lebenstag.
Heute, das bedeutet nicht nur: damals, nicht «Laßt hören aus alter Zeit …!»4 Nein, der Engel des Herrn sagt uns heute dasselbe wie damals den Hirten. Wir leben in dem neuen Tag, den Gott gemacht hat. Wir dürfen es hören, daß es in unseren menschlichen Verhältnissen und Beziehungen, in unseren Lebensgeschichten und sogar in der Weltgeschichte einen 15 neuen Anfang gegeben hat und daß das Traurige, die Schuld und die Angst von gestern wohl noch da ist, aber gnädig zugedeckt, weil uns der Heiland geboren ist, so daß uns das alles nicht mehr schaden kann. Wir dürfen es hören, daß wir neuen Mut fassen und uns zusammennehmen und einen neuen Anlauf wagen und Zuversicht haben dürfen. Das verstehen wir nicht aus uns heraus, wohl aber sagt es uns der Engel des Herrn. Weil der Heiland geboren ist, darum ist ein neues Heute angebrochen!
Heute: das heißt nun freilich auch: nicht erst morgen! Sicher auch morgen! Der damals geboren wurde, der stirbt nicht mehr, der lebt und regiert in Ewigkeit. Trotzdem: wir wollen nicht spekulieren auf morgen. Man weiß ja, was das für Leute sind, die sagen «Morgen, morgen, nur nicht heute…»5. Ich will nichts sagen gegen die Baselbieter, aber das Wort «Mer wei luege!«6 ist ein gefährliches Wort. Ob wir morgen auch noch da sind? Der Heiland gewiß, aber wir? Und ob wir auch morgen das Wort noch gesagt bekommen und hören und noch frei sind, es aufzunehmen? Das haben wir nicht in der Hand. — Mir ist gerade gestern ein Wort von
Das ist es, was der Engel des Herrn uns mit seinem Heute zu sagen hat.
Und nun heißt es: Euch heute der Heiland! Das ist der Kern der Weihnachtsgeschichte: Euch ist heute der Heiland geboren! Dazu müßte man Vieles sagen, ich will jetzt aber nur etwas herausgreifen:
16 Wovon redet dieser Name: Heiland? — Der Heiland, das ist der, der uns Heil bringt und also das, was uns hilft und heilsam ist. Er ist der Helfer, der Befreier, der Erretter, wie kein Mensch8, sondern wie nur Gott es für uns sein kann und ist: der Befreier, der Helfer, der Erretter aus aller Not, in der wir verloren wären ohne ihn. Nun aber sind wir nicht verloren, denn Er ist da als der Heiland.
Und der Heiland, das ist der, der uns das Heil umsonst bringt, gratis, ohne unser Verdienst und ohne unser Zutun und ohne daß uns nachher eine Rechnung gestellt wird. Sondern so, daß wir nur die Hand auszustrecken und es anzunehmen brauchen und als die Beschenkten dankbar zu sein.
Der Heiland, das ist der, der das Heil Allen bringt, ohne Vorbehalt und Ausnahme, ganz einfach, weil wir alle ihn nötig haben und weil Er der Sohn Gottes ist, der unser aller Vater ist. Indem er ein Mensch geworden ist, ist er unser aller Bruder geworden. «Euch ist heute der Heiland geboren», sagt der Engel des Herrn.
Das also ist die Weihnachtsgeschichte. Seht, wir können das alles nicht hören, ohne daß es uns widerfährt, daß wir von uns wegblicken dürfen, von uns selber und von unserem Leben und Allem, was uns beschäftigen und beschweren mag. Da ist Er, unser großer Gott und Hei|16land, und da sind wir, und nun gilt es: gerade Er gerade für mich, für uns. Wir können seine Geschichte nicht hören, ohne unsere Geschichte mitzuhören, ohne von der großen Veränderung, welche mit uns geschehen ist, ein für allemal, zu hören und von der großen Freude, die uns damit bereitet ist, und von dem großen Zuruf, der damit ergeht in unser Leben hinein, so daß wir uns aufmachen und den Weg antreten dürfen, den Er uns weist.
Und jetzt? Sollen wir jetzt fortfahren, wie wir es eingangs überlegt haben: in der Zerstreuung, in unserem Unglauben, 17 vielleicht in ein paar schönen Weihnachtsgefühlen? Oder sollen wir jetzt aufmerken und aufstehen, uns aufmachen und umkehren? Der Engel des Herrn zwingt niemand — und ich kann es erst recht nicht. Ein gezwungener Hörer der Weihnachtsgeschichte und ein gezwungenes Mittun in dieser Geschichte, die ja unsere eigene Geschichte ist, das wäre nichts. Es geht um ein freies Hören und um ein freies Mittun in dieser Geschichte.
Und nun möchte ich nur noch darauf hinweisen, daß es heißt: «bei dem Engel war die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden unter den Menschen des Wohlgefallens» [
- Nr. 119: «Fröhlich soll mein Herze springen» von
P. Gerhardt , Strophen 1–4 (= EKG 27, Str. 1–3,5) - Nr. 113: «Lobt Gott, ihr Christen, allzugleich» von
N. Herman , Strophen 1–4 (= EKG 21, Str. 1–3,6) - Nr. 114: «Gelobet seist du, Jesu Christ» von
M. Luther , Strophen 1–4 und 7
Schriftlesung: