3. April 1949

Gespräch in der Casa Locarno [I]

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GESPRÄCH IN DER CASA LOCARNO [I]

1949

Vom 30. März bis 11. April 1949 verbrachte Barth in Begleitung von Arthur und Martha Frey1 einen Urlaub im Hotel Reber au Lac in Locarno-Muralto2, um sich dort von den Strapazen einer vorangegangenen Grippe und einem kleinen operativen Eingriff zu erholen.3 Von dort aus besuchte er am 3. April im hoch über Locarno gelegenen Ortsteil Monti die «Casa Locarno», ein vom Ökumenischen Rat eingerichtetes ökumenisches Erholungsheim, das zugleich als Begegnungsstätte diente.4 Von dort anwesenden Gästen war er um ein Gespräch über |145 den zuvor in Thun und Bern gehaltenen Vortrag «Die Kirche zwischen Ost und West»5 gebeten worden; der inzwischen gedruckt vorliegende Text war den Teilnehmern zugänglich gemacht worden.

Von dem Hergang des Gesprächs und der offenbar sehr angenehmen Atmosphäre, in der es stattgefunden hatte, gab Barth der erst später nach Locarno reisenden Charlotte von Kirschbaum folgenden Bericht:

Gestern, Sonntag Abend, waren Arthur [Frey] und ich in der Casa Locarno, die wir nun gründlich erlebt haben. Die Leute sind dort wirklich gut untergebracht und nett beieinander. Von Deutschen: Fausel,6 Maas-Heidelberg,7 Linz vom Rheinland,8 ein Berliner Superintendent9 u. A., drei Franzosen, ein schottisches Ehepaar, eine Ungarin etc. – Arthur hatte sie mit 5 Exemplaren «Kirche zwischen Ost und West» versorgt. Sie hatten sie Alle gelesen und konnten mir nun ihre Fragen stellen. Arthur meinte, ich hätte eine gute Stunde gehabt. Das kam wohl besonders davon her, dass Fausel das Gespräch so gut und sinnvoll einleitete. […] Um 10 Uhr fuhren wir dann wieder zu Tal […].10

146 Nach einer kurzen Schilderung des mit einigen Gesprächsteilnehmern eingenommenen Nachtessens, das sich hinzog, bis «alle Stühle schon auf den Tischen standen», resümierte Barth den Abend: «Es haben eben Alle Freude gehabt aneinander.»11

Wenige Wochen später veröffentlichte der Nachrichtendienst der «Pressestelle der Evangelischen Kirche der Rheinprovinz» ein Protokoll des Gesprächs in der Casa Locarno12, das auf einer Mitschrift von Heinrich Fausel beruht.13 Dieses wird im Folgenden abgedruckt.

Die Kirche zwischen Ost und West
Das Gespräch

Die Bedenken und Einwände, die wir gegen das Barthsche Referat zu erheben hatten, brachte der Gesprächsführer zum Ausdruck.14 Er führte aus:

[Fausel:]

Es ist wichtig, festzustellen, dass das Gespräch nicht im politischen, sondern im kirchlichen Raum, nicht von irgend einer Ideologie, sondern vom Boden der Heiligen Schrift aus geführt wird. Es handelt sich um das Problem, das Sie, Herr Professor, selbst in Ihrem Buch «Rechtfertigung und Recht»15 behandelt haben. Sind in |147 der Vergangenheit Gott und Mensch, Himmel und Erde, ewiges und irdisches Reich in der kirchlichen und theologischen Betrachtung und im praktischen Handeln auseinandergerissen worden, so dass Gott im Himmel wohnte und dem Menschen die Erde zufiel, so ist es unerbittlich klar geworden, dass Himmel und Erde dem einen Herrn gehören, dass die Kirche mitten in dieser Welt steht und zu stehen hat, dass da, wo die Rechtfertigung verkündigt wird, das heißt, die Wiederaufnahme des Menschen in den Bund Gottes, auch ein Widerschein und Abglanz der Freiheit und Gerechtigkeit, die Gott ihm schenkt, in seinem Leben sichtbar werden muss, das heißt in der Bürgergemeinde, im Staat, in der Politik, in der Wirtschaft, im Zusammenleben der Völker, in den großen Fragen von Krieg und Frieden. Wir begrüßen es deshalb, dass Sie uns in Ihrem Vortrag zurufen: die Kirche darf als Kirche in ihrem gesamten Urteilen und Handeln in dieser Welt sich furchtlos in der Hand ihres Herrn geborgen wissen, auch im Machtkampf der Titanen. Die Kirche hat aber diesen Kampf nicht mitzukämpfen, sondern sie hat aufzubauen, sich um die Gerechtigkeit und die Freiheit und damit auch um die Menschlichkeit zu bemühen. Sie hat dem Westen wie dem Osten gegenüber den Anspruch Gottes zu erheben und den Glauben an ihn zu verkündigen.

Aber müsste die Kirche nicht, weil sie von der Rechtfertigung aus um das Recht besorgt ist, zu viel größerer Wachsamkeit aufgerufen werden? Müsste sie nicht angesichts so vieler beunruhigender Parallelen zwischen dem Dritten Reich und dem östlichen Reich zu erhöhter Alarmbereitschaft aufgefordert werden? Diese Wachsamkeit muss vielleicht nicht zu einem neuen «Barmen» oder «Dahlem»16 führen. Aber müsste ihr Ruf nicht doch eine eindringliche Warnung sein vor der Gleichgültigkeit, ja vor jener fatalistischen Haltung, in der sich viele mit den Tatsachen im Osten und dem Fortschritt der kommunistischen Idee und seiner politischen Machtergreifung abzufinden scheinen: «Der Russe kommt doch eines Tages!», «der Osten hat nun |148 einmal die größere Vitalität», «niemand kann die weltgeschichtliche Stunde des Ostens aufhalten»? Und müsste man den Westen nicht andererseits ebenso eindringlich warnen vor dem Vertrauen auf die militärische oder wirtschaftliche Macht, «auf Rosse und Wagen» [vgl. Ps. 20,7] und Atombomben? Müssen wir nicht auch eine viel größere Mitverantwortung für die Kirche des Ostens übernehmen? Wenn es im Vortrag heißt: «Mögen unsere Brüder im Osten das Ihrige tun»,17 haben wir da nicht zu fragen, ob sie das überhaupt allein tun können, ob ihre Schultern nicht zu schwach sind, ob wir nicht für sie reden müssen, wenn sie selbst nicht reden können? Wenn die Christenheit eine Brücke zwischen Ost und West zu schlagen hat, müssen wir dann nicht als eine Kirche mit den Brüdern im Osten generell handeln und füreinander einstehen?

Weiter: Stellt der Gigant im Osten vielleicht nur einen politischen Machtfaktor dar, dem wir als Bürger des ewigen Reichs mit einer gewissen Gelassenheit gegenüberstehen dürfen? Ist er nicht auch Exponent eines ganz bestimmten Glaubens an das Diesseits und seine Kräfte, dem wir zu widerstehen haben? Können wir mit der Entschuldigung, die wir in Gesprächen mit Kommunisten, denen wir die Grausamkeiten des Ostens vorhalten: «Wo gehobelt wird, da fallen Späne»,18 vorbringen, die Verschleppung und Hinmordung von Millionen rechtfertigen? Haben wir hier nicht ein rückhaltloses «Nein und niemals!» zu sprechen, und zwar nicht nur im Privatgespräch, sondern laut und weithin hörbar vor der Gemeinde und vor der Welt?

Weiter: Dürfen wir schweigen, wenn uns in der Frage der Erziehung der Jugend die Spuren desselben Staatsanspruches schrecken wie im Dritten Reich? Damals hat man uns mit allen möglichen Gründen das Recht des Staates auf die Erziehung zu begründen versucht, und |149 dann hat er mit hartem Griff die ganze Erziehung an sich gerissen. Erleben wir nicht gerade auf dem Schulgebiet heute im Osten dieselben Ansätze und sehen wir nicht dort die gleiche Entwicklung voraus? Mit einem Wort: Müsste die Predigt von der Rechtfertigung in der Sorge um die irdische Gerechtigkeit die Kirche nicht ganz anders auf den Plan rufen zur Demaskierung der östlichen Ideologie und zum Widerstand gegen den dort erhobenen totalen Anspruch?

Barth:

Ich möchte zunächst meine dankbare Zustimmung zu dem theologischen Ansatz des Gesprächs und zu seinem Standort im Problem Rechtfertigung und Recht erklären. Hier ist wirklich ein echtes und fruchtbares Gespräch möglich. Es geht nicht um ein politisches, sondern um ein kirchliches Gespräch. Allem, was über die erhöhte Alarmbereitschaft gesagt worden ist, stimme ich in jedem Wort zu. Bedenken Sie aber bitte, dass ich zu Schweizern gesprochen habe. In Deutschland wäre in mancher Hinsicht anders zu sprechen gewesen. Der Schweizer kennt den geschilderten Fatalismus nicht. Da liegt darum auch nicht seine Versuchung. Auch von der in Deutschland scheinbar wieder zur Macht kommenden Spekulation über die politischen Möglichkeiten und dem Kampf der Giganten spricht man bei uns anders. Man spricht zwar auch bei uns von der Atombombe, aber im Übrigen hält die Schweiz ihre Armee in Ordnung, um ihre Grenzen zu schützen.

Was die Brüder im Osten angeht, so fragen Sie, ob wir das Recht haben, ihnen allein die Lasten der Entscheidung aufzubürden. Das wollte ich nicht. Ich wollte den Leuten im Osten etwas abladen und den Schweizern sagen: Lasst sie mit eurer Kritik in Ruhe und hört auf, sie zu fragen, warum sie scheinbar so wenig tun. Wir können ihnen ja ihre Entscheidungen nicht abnehmen. Tun wir unsere Pflicht in unserer eigenen Sache. Es handelt sich im Grund für jeden um das hic et nunc (um das Hier und Heute). Verflucht seien die allgemeinen Wahrheiten! Die Lage ist nirgendwo dieselbe. Das einzig Wirksame, was wir für die Brüder im Osten leisten können, ist die Fürbitte.

Was unser Verhältnis zum Kommunismus angeht, so muss das Wort «wo gehobelt wird, da fallen Späne» als Rechtfertigung unmenschlicher Handlungen entschieden zurückgewiesen werden. – Bei den Gesprächen mit den Kommunisten kommt erfahrungsgemäß nicht viel heraus. Für sie sind wir bei allen Gesprächen nur eine Figur |150 auf dem Schachbrett. Sie haben ja nicht nur einen Katechismus («Das Kapital» von Karl Marx19), sondern sie haben auch ein Exerzierreglement im Leibe. Bei allen meinen Begegnungen mit den Kommunisten in Ungarn, in der Ostzone, in Basel20 war es menschlich reizend. Es handelte sich oft um Typen, die aus christlichen Familien kamen, um bescheidene, exemplarisch lebende Leute. Aber es ist leichter, mit Jesuiten als mit Kommunisten zu disputieren; denn hier sind uns bestimmte Grenzen gesetzt.

Was die Methode im Osten angeht, so war sie grundanders als im Dritten Reich. Es war nicht das langsame Anfahren wie in Deutschland, wobei die Partei ihre wahre Gesinnung und ihre Ziele erst im Krieg offenbarte. Im Osten war plötzlich alles da. Die Partei hatte in wenigen Sprüngen ihr Ziel erreicht. Wäre es weise, etwa den Ungarn die Geschichte von 1933 zu erzählen? Kennen wir die wirkliche Lage in Ungarn? Ich habe bei meiner Reise in den Osten21 den Respekt vor dem fremden Gewissen gelernt und mich immer wieder gefragt: wie würde ich selbst unter diesen Umständen handeln? Wir können hier nur zurückhaltend lauschen, lesen und hören. Man wird mit dem Ratgeben sehr bescheiden.

Ein Gesprächspartner:

Wie denken Sie über den Fall Mindszenty? 22

151 [Barth]:

Ich habe mich von unseren reformierten Brüdern in Ungarn unterrichten lassen. Zweifellos ist Mindszenty ein großer Kämpfer, der es verstanden hat, den größten Teil der ungarischen Nation hinter sich zu bringen. Man hat ihn ja auch den «letzten Calvinisten Ungarns» genannt.23 Auch viele Reformierte waren begeistert von ihm. Doch ist Mindszenty nach meiner Überzeugung primär Politiker. Was er tat, war nicht der Appell an das christliche Gewissen, sondern an den alten ungarischen Geist. Er ist kein Märtyrer des Evangeliums. Warum ist der Vatikan nicht ganz anders für ihn eingetreten? Warum hat der Papst keine konkrete Widerlegung der gegen ihn erhobenen Vorwürfe gefunden?24 Warum hat er nur das gesagt, was in den demokratischen Zeitungen auch stand? Fürchtete er ein Schisma in Ungarn? Aber die Möglichkeit, Mindszenty später zum großen Heiligen zu machen, besteht ja immer noch.

152 Ein anderer:

Ist denn das Vorgehen gegen die bulgarischen Pfarrer nicht ein Angriff gegen die Religion gewesen?25

[Barth]:

Es ist darauf hinzuweisen, dass die bulgarische Regierung hartnäckig behauptet, die Pfarrer haben spioniert. Merkwürdigerweise stellten sich auch der Mufti, der Rabbi und die orthodoxe Kirche auf die Seite der Regierung.

Ein anderer:

Sie nennen die Sowjetunion nicht antichristlich, sondern achristlich.26 Ist diese Unterscheidung berechtigt?

[Barth]:

Der Marxismus ist eindeutig auf wirtschaftliche Fragen gerichtet, nicht auf die programmatische Bekämpfung des Christentums als solches. In diesem Sinn ist der Sowjet-Marxismus harmloser als Hitler, bei dem man im Blick auf die Ausrottung der ganzen jüdischen Rasse viel eher von einer antichristlichen Tendenz reden könnte.

Ein Bruder aus dem Osten:

Russische Offiziere inspizieren in Berlin Religionsunterricht. Einer stellte dabei die Frage an die Lehrer, wie er denn Naturwissenschaft und Religion vereinigen könnte. Für ihn wären das unvereinbare Gegensätze. Der Berliner Schulkampf wird durch die SED geführt. Es werden atheistische Junglehrer gesucht. Bezahlung und Beförderung richten sich nach ihrem Aktivismus. Es ist genau so wie 1933. Die Russen fürchten die Jugendarbeit, die Männerarbeit und alles andere, was nach lebendiger Gemeinde aussieht. Sind das nicht ausgesprochene religionsfeindliche Gefühle?

Barth:

Wir unterscheiden uns in der Einschätzung dessen, was geschieht. Das alles sind vom Marxismus her gesehen sekundäre Phänomene. Vorläufig hat die Kirche noch Raum. Ist sie der wirtschaft|153lichen Entwicklung im Weg, wird sie durch den Fortgang der Entwicklung in Abgang kommen, und es mag dabei auch hier und dort nachgeholfen werden. Die Kirche nimmt sich zu ernst und zu tragisch, wenn sie sich selbst als erstes Angriffsobjekt empfindet. Das echte Antichristentum ist etwas Seltenes. Das läuft nicht alle Tage umher. Wir haben es meines Erachtens hier nicht mit dem Teufel, sondern mit der bloßen nackten Welt zu tun.

Ein anderer:

Sie reden von unserer christlichen Aufgabe als der Haltung der positiven Neutralität und des Aufbaues. Wie denken Sie sich das?

Barth:

Ja, hier stehen wir vor dem großen Problem der Mitte, und ich muss Ihnen sagen, dass wir hier mit leeren Händen dastehen als ein armer Haufe der Christen, erst in den Anfängen. Die «Gemeinde» wäre hier die Wirklichkeit, welche auf alle diese Fragen antworten müsste, die Gemeinde der Brüder unter dem einen Herrn, und dann könnte es ab und zu auch zu einem kleinen Ausblick in die Bürgergemeinde kommen. Ich kann nur den Kopf schütteln über die großen kirchlichen Programme. Wir müssen ganz anders in die Demut gehen. Es kann ja auch sein, dass die Christenheit abnehmen muss. Als ich das in Amsterdam sagte, fragte mich ein amerikanischer Journalist, ob ich das wirklich glaube? Als ich es bejahte, war er fassungslos.27 Aber wir sind die kleine Herde [vgl. Lk. 12,32]. Wir haben zu viel auf dem hohen Ross gesessen. Wir müssen von unten anfangen. Hätte es in Deutschland in der Zeit nach 1945 christliche Gemeinden gegeben, was für eine Macht des Aufbaus wäre das gewesen! Und erst in der Begegnung solcher Gemeinden mit dem Kommunismus würde die Sache interessant werden.

Ein Teilnehmer:

Wir müssen also Gemeinden haben, die Wohnungen bauen für ihre Flüchtlinge, in denen Arbeitgeber und Arbeitnehmer im Betriebsrat zusammensitzen?

Barth:

Ja.

Ein anderer:

Aber steht nicht hinter dem Bösen und Unheimlichen, das in der Welt geschieht, immer der Antichrist?

Barth:

Es gibt eine arme, eine dumme, eine böse Welt, aber sie ist noch lange nicht der Antichrist. Würde man hinter allem gleich den |154 Antichrist sehen, dann käme die Welt aus der Daueraufregung überhaupt nicht heraus, wie in Deutschland. Damit nimmt man sich zu wichtig. Wer mit dem «Antichrist» arbeitet, kommt ins Phantasieren, in den Dampf der Dämonologie hinein. Wir dürfen nicht immer in den Abgrund der Höllentiefe starren; der Schmutz auf der Straße ist schlimm genug.

Ein anderer:

Im ersten Weltkrieg gab es 1½ Millionen russische Kriegsgefangene in Deutschland. An denen hätten wir eine missionarische Aufgabe gehabt. Das russische Volk ist mit dem Evangelium noch nicht recht in Berührung gekommen. Müsste jetzt nicht eine Ostmission vorbereitet werden? Müsste nicht die Bibel ins Russische übersetzt werden?

Barth:

Was die Russen zu sehen bekommen müssen, das ist das Faktum der christlichen Gemeinde.

Sachfußnoten

1
Der freundschaftlich mit Barth verbundene Arthur Frey (1897–1955) war seit 1933 Herausgeber des «Schweizerischen Evangelischen Pressedienstes» und seit 1941 Verwaltungsratspräsident der Evangelischen Buchhandlung Zollikon (Evangelischer Verlag); er war seit 1924 mit Martha, geb. Maag, verheiratet.↩
2
Das an der Viale Verbano 55 gelegene Hotel Reber au Lac war eines der renommiertesten Hotels in Locarno. Es war 1886 eröffnet und in den 1920er Jahren erweitert und modernisiert worden (vgl. A. Meili, Umbau Hotel Reber au Lac, Locarno, in: Das Werk. Architektur und Kunst / L’oeuvre. Architecture et Art, Jg. 16 [1929], H. 3, S. 76f. 📖). 2006 wurde es geschlossen und abgerissen.↩
3
Über seine Grippe in der zweiten Februarhälfte schrieb Barth an seinen Sohn Christoph, sie habe ihn «für 14 Tage außer Gefecht gesetzt», und: «Der Paragraph über ‹Gott und das Nichtige› hat darunter gelitten, wahrscheinlich weil das Nichtige selbst sich dagegen sträubte, eingehender beleuchtet zu werden» (Brief vom 14.4.1949 [KBA 9249.81]). –Vom 16. bis 18. März lag Barth dann in der Klinik Sonnenrain in Basel, deren Leiter, Prof. Dr. Fritz Suter, ihn wegen einer Phimose operierte (vgl. Taschenkalender Barth, Eintrag vom 16.3.1949; zu Fritz Suter vgl. A. L. Vischer, Professor Dr.med. Fritz Suter [1870–1961], in: Basler Stadtbuch 1963, S. 98–104 [https://www.baslerstadtbuch.ch/stadtbuch/1963/1963_1149.html; zuletzt aufgerufen am 28.1.2024] 📖). Charlotte von Kirschbaum «durfte» ihn schon am dritten Tag «heimholen» und «rückte unter den strengen Augen des Professors […] wieder ganz in den Stand der Krankenpflegerin» (Brief Ch. von Kirschbaums an Ernst Wolf vom 22.3.1949 [KBA 98828.320]).↩
4
Die 1923 erbaute Villa, 400m über dem Lago Maggiore gelegen, ist heute ein privat geführtes Hotel↩
5
K. Barth, Die Kirche zwischen Ost und West. Vortrag, gehalten in der Stadtkirche in Thun und im Münster in Bern am 6. Februar 1949, Zollikon-Zürich 1949 📖 (wieder abgedruckt in: ders., Der Götze wackelt. Zeitkritische Aufsätze, Reden und Briefe von 1930 bis 1960, hrsg. von K. Kupisch, Berlin 1961, S. 124–143 📖).↩
6
Heinrich Fausel (1900–1967), 1927 Pfarrer in Heimsheim, 1946 Ephorus des Evangelischen Seminars Maulbronn.↩
7
Hermann Maas (1877–1970), ab 1915 Pfarrer an der Heiliggeistkirche in Heidelberg, 1933 Mitglied im Pfarrernotbund, als lebenslanger Freund Martin Bubers ein früher Mitgestalter des christlich-jüdischen Dialogs.↩
8
Siehe unten, Anm. 13.↩
9
Nach Barths Taschenkalender, Eintrag vom 3.4.1949, handelte es sich um Helmut Hitzigrath (1891–1950; 1926 Pfarrer in Berlin-Moabit, 1941 verhaftet, 1946 Superintendent des Kirchenkreises Berlin Stadt II). – Die weiteren Personen konnten nicht ermittelt werden.↩
10
Brief Barths an Ch. von Kirschbaum vom 4.4.1949 (KBA 9272.308). – Charlotte von Kirschbaum war zu diesem Zeitpunkt in Bièvres, wo sie eine Reihe von «Referaten über das biblische Zeugnis von der Frau» hielt, die in überarbeiteter Form erschienen in: Ch. von Kirschbaum, Die wirkliche Frau, Zollikon-Zürich 1949, S. 7–71 📖; Zitat dort S. [5]. Sie reiste danach über Basel nach Locarno und traf dort am 6. April 1949 ein.↩
11
Brief Barths vom 4.4.1949 (Anm. 10)↩
12
[Fr. Linz], Die Kirche zwischen Ost und West. Das Gespräch, in: Nachrichtendienst der «Pressestelle der Evangelischen Kirche der Rheinprovinz», Jg. 4, Nr. 11 vom Juni 1949, S. 119f. 📖 – In der vorangehenden Ausgabe war – schon mit einem Hinweis auf das Gespräch – eine Zusammenfassung des Vortrags erschienen: ders., Die Kirche zwischen Ost und West. Ein Gespräch mit Karl Barth, in: a.a.O., Jg. 4, Nr. 9/10 vom Mai 1949, S. 81f. 📖↩
13
Friedrich Linz (1885–1966; Pfarrer in Düsseldorf, 1950 Landespressepfarrer im Rheinland), der in Locarno anwesend war, schrieb in einem Brief an Barth vom 9.9.1949 von der «Wiedergabe des Gesprächs […] nach dem Protokoll von Bruder Fausel» (KBA 9349.607).↩
14
Vgl. zum Umfang der ersten Frage Linz, Die Kirche zwischen Ost und West. Ein Gespräch mit Karl Barth (Anm. 12), S. 81 📖: «Wir hatten einen Sprecher bestellt, der unsere Einwände in einem einleitenden Referat zusammenfaßte.»↩
15
K. Barth, Rechtfertigung und Recht (ThSt[B] 1), Zürich 1938 📖; wieder abgedruckt in:ders., Rechtfertigung und Recht. Christengemeinde und Bürgergemeinde. Evangelium und Gesetz, Zürich 1998, S. 5–45 📖.↩
16
Gemeint sind die beiden grundlegenden Reichsbekenntnissynoden des Jahres 1934 und ihre Erklärungen: die in Wuppertal-Barmen vom 29.–31. Mai mit der dort verabschiedeten «Barmer Theologischen Erklärung» und die in Berlin-Dahlem vom 19./20. Oktober mit dem dort erlassenen Kirchlichen Notrecht. An beiden Synoden und Texten war Barth teils maßgeblich beteiligt. Vgl. V.u.kl.A. 1934–1935, S. 264–301 📖 und S. 528–549 📖.↩
17
Vgl. Barth, Die Kirche zwischen Ost und West (Anm. 5), S. 29f. 📖: «Die christliche Kirche kann von daher nicht gegen den Westen, nicht gegen den Osten sein. Sie kann von daher nur zwischen beide hineintreten. Wobei es freilich nicht anders sein kann, als daß sie hier im Westen – mögen unsere Brüder im Osten das Ihrige tun! – nachdrücklicher für das eintreten muß, was nun eben hier im Westen übersehen und vergessen sein dürfte, was darum hier im Westen zu sagen und zu hören nötig ist.»↩
18
Deutsches Sprichwort, mit dem ausgesagt wird, dass bei der Durchführung einer eigentlich sinnvollen Sache Verluste oder ‹Kollateralschäden› einkalkuliert und hingenommen werden müssen.↩
19
K. Marx, Das Kapital, in: ders. / Fr. Engels, MEW 23–25, Berlin[-Ost] 1962–1964 📖.↩
20
Es handelt sich um Begegnungen während der Ungarnreise im Frühjahr 1948, mit den Vertretern der sowjetischen Besatzungsmacht und der SED in Berlin im Sommer 1947 und mit Vertretern der «Bewegung Freies Deutschland», in der sich Charlotte von Kirschbaum engagierte, 1944/45 in Basel.↩
21
Gemeint ist die Ungarnreise vom 22. März bis 5. April 1948; vgl. oben, S. 23–33.↩
22
József Mindszenty (1892–1975), ab 1945 römisch-katholischer Erzbischof von Esztergom und Fürstprimas von Ungarn, ab 1946 Kardinal, galt als Symbolfigur der ungarischen Opposition und wurde, nachdem man ihn 1948 verhaftet hatte, im Februar 1949 zu lebenslanger Haft verurteilt. Bis dahin war es zu schweren körperlichen Misshandlungen Mindszentys gekommen, und seine Verurteilung löste ein weltweites Presseecho aus (vgl. G. Adriányi, Die Ostpolitik des Vatikans 1958–1978 gegenüber Ungarn. Der Fall Kardinal Mindszenty [Studien zur Geschichte Ost- und Ostmitteleuropas, Bd. 3], Herne 2003, S. 24–26 📖). Zu Barths eigener Stellungnahme zum «Fall Mindszenty» vgl. auch den Offenen Brief An die «Basler Nachrichten» vom 1.12.1949, in: O.Br. 1945–1968, S. 195–199, dort S. 198 📖.↩
23
Vgl. schon K. Barth, Reformierte Kirche hinter dem «eisernen Vorhang», in: ders., Christliche Gemeinde im Wechsel der Staatsordnungen. Dokumente einer Ungarnreise, Zollikon-Zürich 1948, 55–58, dort S. 57 📖: «Es kann ihr [der reformierten Kirche in Ungarn] nicht leicht fallen, aus den Reihen ihrer eigenen Glieder den Vorwurf zu hören, daß sie ‹lau› sei und daß der einzige echte Calvinist in Ungarn heute – der römisch-katholische Erzbischof sei!»↩
24
Zur Reaktion des Vatikans auf die Verhaftung Mindszentys vgl. Adriányi (Anm. 22), S. 24 📖: «Der Hl. Stuhl antwortete zunächst auf die Verhaftung des Kardinals mit einem Dekret der Konstistorialkongregation vom 28. Dezember [1948], in dem er über alle bei der Gefangennahme und Festhaltung des Primas beteiligten die ‹excommunicatio Sedi Apostolicae specialiter reservata› aussprach. Pius XII. wandte sich dann am 2. Januar 1949 in dem Apostolischen Brief ‹Acerrimo maerore› an den ungarischen Episkopat. In diesem protestierte er feierlich gegen die Gefangennahme des Primas, die nicht nur die Religion, sondern auch die menschliche Würde beleidige, rühmte dessen Bekennermut und Kampf für die Freiheit der Kirche und forderte die Bischöfe auf, sich einig und unerschütterlich für die Kirche einzusetzen und ihre Pflichten als Oberhirten zu erfüllen, auch wenn sie ihr Leben aufopfern müssten.» – Ein ausführliches Urteil Barths über diese Reaktion findet sich in einem Brief an Käthe Seifert vom 15.2.1949 (KBA 9249.49), wo es abschließend heißt: «Und in solcher Situation – es geht um einen Kardinal, also um einen Papstwähler – weiß er [der Papst] nichts Besseres zu tun als zu ‹trauern› und zu ‹protestieren›, lässt er diesen Kardinal (nicht einmal von Fürbitte für ihn oder dergleichen ist die Rede) einfach im Stich, statt ihm mit denjenigen Beweisen zu Hilfe zu kommen, die es, wenn seine Sache sauber ist, im Vatikan doch geben müsste!»↩
25
Im Februar 1949 waren 15 protestantische Pfarrer der Spionage für Großbritannien und die USA beschuldigt und zu Gefängnisstrafen verurteilt worden (vgl. M. Todorova, The Effect of Communism on the Work of the Protestant Churches in Bulgaria, in: Occasional Papers on Religion in Eastern Europe, Bd. 31 [August 2011], H. 3, S. 1–18, dort S. 2 und 8 📖).↩
26
Vgl. Barth, Die Kirche zwischen Ost und West (Anm. 5), S. 23f. 📖: «Man beachte aber, daß der Kommunismus in seinem Verhältnis zum Christentum im Unterschied zum Nationalsozialismus eines nicht getan hat und seinem Wesen nach auch nicht tun kann: er hat nie den geringsten Versuch gemacht, das Christentum selbst umzudeuten, zu verfälschen, sich selbst in ein christliches Gewand zu hüllen. […] Er hat von falscher Prophetie nichts an sich. Er ist nicht antichristlich. Er ist kaltschnäuzig achristlich.»↩
27
Vgl. oben, S. 41f.↩