Die allgemeine kirchliche Bedeutung des deutschen Kirchenkampfes
DIE ALLGEMEINE KIRCHLICHE BEDEUTUNG
DES DEUTSCHEN KIRCHENKAMPFES
Der unter diesem Titel gehaltene Vortrag gehört mit in die Reihe der Texte, mit denen
1.
Zum ersten Mal hielt Barth den Vortrag während der Reise, die ihn im Herbst 1936 nach
601
2.
Zwischen November 1936 und Januar 1937 hielt Barth diesen Vortrag weitere fünf Mal in der Schweiz: Am 22. November sprach er auf Einladung des dortigen Pfarrers
Als älteste Vorstufen des Vortragstextes existieren zwei Stichwortmanuskripte, die je ca. 1¼ eng beschriebene Seiten umfassen. Beide bieten inhaltlich im Wesentlichen dasselbe, sind passagenweise sogar wörtlich identisch und weichen lediglich in der Anordnung der Textteile häufiger voneinander ab, sie bieten jedoch beide auch kleinere Textpassagen, die sich im anderen Manuskript nicht finden. Lediglich der Umstand, dass Manuskript 2 (KBA 11115) vom formalen Aufbau her den vorliegenden Typoskripten etwas ähnlicher ist als Manuskript 1 (KBA 11114), lässt vermuten, dass Manuskript 2 auch chronologisch das zweite ist. Wann die Manuskripte jeweils verfasst worden sind und insbesondere, warum es zwei gibt, die keine klare Abhängigkeit voneinander oder eine eindeutige Verbesserung des einen gegenüber dem anderen erkennen lassen, muss letztlich offen bleiben. Belegt ist lediglich, dass Barth in
604 Sicher ist dagegen, dass
605 Noch im Jahr 1936 erschien eine von
606 Grundlage der Edition des auf Deutsch bisher nicht publizierten Vortrags ist das Tskr. 1 inklusive aller von
Um das Textwachstum zu illustrieren, werden alle am ursprünglichen Typoskript angebrachten Korrekturen ausgewiesen: Das reine Typoskript dürfte auf dem Text basieren, den
Von den weiteren sich im Vergleich mit Tskr. 2 und 3 findenden Abweichungen werden die wenigen angezeigt, die auch inhaltlich Relevanz aufweisen; offenkundige Verschreibungen, hinzugefügte oder weggelassene Hervorhebungen, aufgelöste Abkürzungen o. ä. sind nicht ausgewiesen.
Für den Nachweis der in diesen «Kirchenkampf-Texten» Barths immer wiederkehrenden Motive und Anspielungen, die hier nicht erneut belegt sind, sei auf die vorangegangenen Texte zum Thema verwiesen.39
Die allgemeine kirchliche Bedeutung des deutschen Kirchenkampfes
1. Typoskript
Liebe Glaubensgenossen! Es ist Ihnen bekannt, dass die evangelische Kirche in Deutschland sich seit dem Jahre 1933 in schweren inneren und äußeren Auseinandersetzungen befindet: a-In der Auseinandersetzung mit dem
Irrtum und mit der Unordnung, wie sie in ihrer eigenen Mitte aufgestanden sind. In der Auseinandersetzung mit einem neu auf den Plan getretenen
Heidentum, das wunderlich zusammengesetzt ist aus allerhand Resten des aufklärerischen Widerstandes gegen das Evangelium,40 wie er wohl auch im 19. Jahrhundert und im Anfang unseres Jahrhunderts sich breit gemacht hat in
Die Auseinandersetzung der Kirche mit diesen Gesprächspartnern und Gegnern in den letzten vier Jahren: das ist der deutsche Kirchenkampf! Es geht in diesem Kampf um die notwendige Verteidigungb des christlichen Bekenntnisses in Lehre und Ordnung und Haltung, um die Verteidigung des Bekenntnisses, bei welcher nicht mehr und nicht weniger als die Existenzc der evangelischen, der christlichen Kirche als solcher auf dem Spiele steht. Es geht aber nicht nur um eine Verteidigungd der christlichen Kirche, sondern es hat sich gezeigt, dass diese Verteidigung nicht möglich war ⌜ohne die durchgreifende Erneuerung der Kirche, d. h.⌝ ohne dass siee sich willig und bereit fand zu neuer Erkenntnis und zu neuem Bekenntnis ihres Glaubens, zur Erkenntnis und zum Bekenntnis der f- Freiheit des Wortes Gottes-f gegenüber allen, wirklich allen menschlichen Deutungen, zur Erkenntnis und zum Bekenntnis der g- Freiheit des christlichen Glaubens-g gegenüber allen Bindungen, die die Menschen ihm auferlegen möchten. –
609 Lassen Sie mich beiläufig, aber mit Nachdruck sagen: Dieser deutsche Kirchenkampf hat nicht nur kirchliche Bedeutung. h-Hat eine Sache wirkliche kirchliche Bedeutung, dann hat sie notwendig auch weltliche Bedeutung.-h Man kann erstensi sehr wohl auch reden von einer
politischen Bedeutung dieses ganzen Vorganges. Es ist freilich nicht wahr, was man oft gesagt und geschrieben hat, dass diesem Kampf eigentlich politische Motive, die Motive der Reaktion, zugrunde lägen.43 Aber es kann kein Zweifel sein, dass die Tatsache dieses Kirchenkampfes faktisch ein politisches Ereignis bedeutet.44 Und zwar einfach deshalb, weil das Geschehen in der deutschen Kirche das einzige ernsthafte Ereignis ist, in welchem ein offener Widerspruch und Widerstand gegen die sonst allmächtige Staatsgewalt zu Tage trat. Hier j-und nur hier-j ist der nationalsozialistische Staat auf seine Grenze gestoßen, hierk ist er immer wieder genötigt worden, seine Haltung zu |610 korrigieren und zurückzunehmen.45 Wer hätte erwartet, wer hätte es noch vor vier Jahren für möglich gehalten, dass diese evangelische Kirche – sie war damals in
l-⌜[Problem des Ausgleichs zwischen Autorität und Freiheit.]⌝-l Man kann zweitens auch von einer kulturellen Bedeutung dieses deutschen Kirchenkampfes mit Recht m-reden. Tatsache ist-m, dass eine Freiheit des Gewissens, eine Freiheit des Denkens und eine Freiheit der Rede heute in Deutschland nur noch in der evangelischen Kirche zu finden ist. Wir stehen heute, wenn nicht Alles täuscht, am Ende einer liberalen Epoche, am Ende der Epoche der individuellen und subjektiven Freiheit, einer Epoche, die nun zweihundert Jahre gewährt hat. In dieser Zeit war die Kirche der Hort des Gedankens der Autorität und des Gehorsams. ⌜Sie ist deshalb von den Freunden der Freiheit oft und scharf genug angeklagt worden. Man könnte heute besser als bisher verstehen, was sie mit dieser Haltung gemeint hat. Wirklich nicht die Unfreiheit.⌝ In diesen letzten Jahren nun hat es sich in Deutschland gezeigt, dass, wenn eine Epoche der Autorität im Anzug ist, die Kirche es versteht, zum Hort der Freiheit zu werden,46 ⌜ohne damit nun wieder die Willkür zu rechtfertigen. –⌝
Aber diese Dinge seien nur beiläufig gesagt. Wer die
kirchliche Bedeutung des deutschen Kirchenkampfes nicht sieht und versteht, der wird unmöglich Augen haben, n-seine politische und seine kulturelle-n |611 Tragweite richtig zu sehen und richtig zu würdigen. Es ist kein Zweifel, dass sehr Viele, auch bei uns in der
Ich habe angekündigt, heute Abend über «die allgemeine kirchliche Bedeutung des deutschen Kirchenkampfes» zu sprechen. ⌜«Allgemeine» ist schmückendes Beiwort.⌝ Ein Ereignis von kirchlicher Bedeutung – und wenn es in
In vier Punkten möchte ich Ihnen darlegen, in was ich die allgemeine kirchliche Bedeutung des deutschen Kirchenkampfes zu sehen meine.
Seinep allgemeine kirchliche Bedeutung besteht erstens darin, dass der deutsche Kirchenkampf uns klar macht, dass die Existenz, das Dasein der christlichen, der evangelischen Kirche heute akut in Gefahr ist. ⌜Es geht in diesem ersten Punkt um eine Sache, die mit wenig andern Worten auch im Blick auf
Wie viele unter hoch und niedrig haben diese Wende w- mit Freuden-w begrüßt in der Hoffnung und Erwartung, dass Autorität und Gehorsam auch wieder wie in den guten alten Zeiten Ehrfurcht und |614 Ordnung und Unterordnung in der Gefolgschaft haben möchten.50 Wie viele haben gerade von dieser Wende eine religiösex Erneuerung erhofft und erwartet.
Es ist ⌜aber⌝ etwas ganz Anderes gekommen, und darüber kann uns der deutsche Kirchenkampf belehren. Es ist ⌜nämlich gerade⌝y mit dieser Wende zu Autorität und Kollektivismus z-
eine neue Religion-z gekommen, ein Staat, der in seinem Wesen selber eine Kirche ist, eine Kirche mit aller Pracht und allem Zubehör, mit allem Zauber von Prophetieaa und Mystik und Kultus. Jetzt erst, ⌜in und mit dem ab-Anbruch eines-ab autoritären Zeitalters,⌝ ist aus der bloß negativen Entfremdung des modernen Menschen ein fremder
Glaube geworden, der ⌜konsolidierte⌝ Glaube des Menschen an sich selber in seinen natürlichen und geschichtlichen Gegebenheiten, in seinem Volkstum, in seiner Rasse, in seiner Eigenschaft als Staatsträger, ⌜ein absoluter, fanatischer, intoleranter Glaube, der gerade zum christlichen Glauben in leidenschaftlichen Gegensatz geraten musste und geraten ist⌝. Was für harmlose Zeiten waren demgegenüber die liberalen Jahrhunderte! Wie harmlos die Freidenkerei,51 wie harmlos der Säkularismus,52 von dem man noch vor wenigen Jahren so viel redete! Jetzt erst kam es zu einer Bedrohung der Kirche, und zwar zu einer Bedrohung ihrer Substanz, jetzt unter dem Angriff ac-gegen die-ac Kirche durch eine andere «Kirche». Jetzt erst ist sie vor die Entscheidungs-, vor die Existenz|615frage gestellt, jetzt erst ist der Widerspruch gegen die Kirche reif und gewaltig geworden, jetzt erst, wo er auftritt als eine neue Religion, ein neuer Glaube, eine neue Kirche, in der Kraft jenes Islam mit seinem Glauben an Allah, der groß ist, und
Der deutsche Kirchenkampf hat zweitens die Bedeutung, uns klar zu machen, dass die Kirche in einer solchen akuten Gefährdung, in einer solchen Not widerstehen kann. Und nicht nur widerstehen, sondern dass sie sich gerade in einer solchen Gefährdung und Not ganz ad-
neu bilden-ad und konsolidieren, kräftigen und gestalten kann. Jawohl, sie kann. Haben wir das auch schon gewusst? Wir alle haben den Spruch schon gehört, dass die Pforten der Hölle sie nicht überwinden sollen [vgl.
Die Kirche kann widerstehen. aj-Gewiss, die Versuchung, die über die Christen in Deutschland gekommen ist, ist gewaltig, zuweilen fast übermächtig. Gewiss, es haben sich in diesen letzten Jahren alte und zum Teil uralte Fehler der Kirche bitter gerächt. Gewiss, da war besonders am Anfang des Kampfes viel Unsicherheit und vor allem auch schwere und schmerzliche Uneinigkeit. Aber es hat sich auch gezeigt: dass, wie traurig, ja wie jämmerlich auch die Kirche dastehen mag, es nicht umsonst war, dass auch in den vergangenen Jahrhunderten die
Bibel immer wieder von so und so viel Bekannten und Unbekannten gelesen und ihr Inhalt von so und so vielen schlecht oder gut verkündigt worden ist. Es ist nicht umsonst gewesen, dass in diesem Deutschland einmal ein
Die Kirche kann ⌜aber⌝ nicht nur Nein sagen und widerstehen: es hat sich gezeigt, dass sie eine Lebenskraft der Erneuerung besitzt. Es war nicht so und es ist nicht so, dass es sich in der deutschen Kirche darum handelt, das Alte festzuhalten gegenüber mancherlei Neuerungen. Dazu war die Gefahr zu groß und war der Wille dieses neuen Glaubens viel zu ungeheuerlich, als dass eine bloße Wiederholung, ein konservatives Prinzip vielleicht, ihm hätte widerstehen können. Es war ja vielmehr so, dass gerade die sogenannten kirchlich Konserva|617tiven, die Anhänger am Alten um jeden Preis, sei es des lutherischen oder des reformierten Bekenntnisses, die Leute des Kompromisses waren. Es ist aber ak-
etwas anderes-ak geschehen. Es ist
gebetet worden in der Not. Die Not lehrte beten,54 und sie lehrte die Menschen wieder zurückzugehen auf die Quellenal der Erkenntnis christlichen Lebens und kirchlichen Daseins, die Not lehrte die Menschen ganz schlicht die Bibel wieder zu lesen. Sie lehrte sie lesen jeweils auf Grund des Bekenntnisses der Reformation und am-lehrte sie, sie neu zu verstehen-am und auszulegen in der Wirklichkeit der deutschen Gegenwart. Es ist in diesen Jahren in
Die allgemeine Bedeutung des deutschen Kirchenkampfes besteht drittensar darin, dass er klar gemacht hat: die Kirche darf von der
heiligen Schrift leben, sie darf von der heiligen Schrift leben. Ich möchte das kurz erklären. Sie fragen mich vielleicht: Ist das etwas Neues, dass die Kirche von der as-
heiligen Schrift-as lebt und dass sie von der heiligen Schrift wirklich leben darf? Wieder geht es um eine Wahrheit, die wir zu kennen meinen. Aber wir kennen sie etwas anders, wir kennen sie eigentlich mehr als ein der Kirche auferlegtes Gesetz. Wir wissen: so sollte, so müsste es wohl sein, dass die Kirche von der Schrift lebt und mit ihr vom Worte Gottes. Es wäre schön, wenn es so wäre, und die Kirche müsste eigentlich dahin zurückkehren. Der deutsche Kirchenkampf hat uns at-etwas anderes gezeigt als ein Gesetz, er hat uns-at gezeigt, dass es ein Dürfen ist, eine Gnade, eine Freiheit, dass die Kirche die heilige Schrift hat als die Quelle ihres Lebens. Der deutsche Kirchenkampf hat uns gezeigt: es ist nicht so, dass die heilige Schrift nun einmal die überlieferte, von den Vätern überkommene Bindung ist, der Text, aus welchem der Pfarrer predigt, aber im Grunde eine alte und überholte Sache. Eine Sache, bei der man sein Herz nicht hat, |619 sondern bei der man sein Herz jedenfalls auch anderswo hat [vgl.
Die Kirche darf ⌜aber⌝ von der heiligen Schrift leben, das heißt: sie darf Gebrauchba machen von dem, von dem die Bibel redet. Sie darf es nicht nur lesen und bewundern und anstaunen, sondern sie darf es gebrauchen, bb-gelten lassen-bb im täglichen und öffentlichen Leben. «Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde, wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet …» [
621 Es war in
Der deutsche Kirchenkampf hat viertens die Bedeutung, dass er es uns einprägt, so, dass wir es nicht wieder vergessen können: die Kirche ist geborgen in der freien, allmächtigen und gütigen Hand Gottes. Haben wir das auch schon gewusst? Den Worten nach sicher. Aber wir haben es vielleicht nicht so gewusst, dass es ernst ist, dass es giltbi: Die Kirche ist geborgen in der freien, allmächtigen und gütigen Hand Gottes.
Liebe Freunde, Sie würden mich sehr falsch verstanden haben, wenn Sie meinten, ich wollte Ihnen ein Triumph- und Siegeslied auf die Leistungen und Taten von irgendwelchen Menschen [singen], ich wollte die deutsche bekenntniskirchliche «Bewegung» rühmen. Ich denke nicht daran. Ich habe zu viele Menschen gesehen, die in diesem Kampf immer wieder versagten. Ich bin zu oft dabei gewesen, wenn die Ratlosigkeit und ⌜das⌝ Nichtmehrweiterwissen seinen Höhepunkt erreicht zu haben schien. Und es wird auch in Zukunft nicht so sein, dass man ein Heldenlied anstimmen kann auf die Männer der Bekenntniskirche, obwohl wahrhaftig Vieles zu sagen wäre über große verborgene und öffentliche Tapferkeit und Redlichkeit und Treue. bj-Es geht nicht darum.-bj
Es ist keine Frage, dass die deutsche Kirche in ihrem Kampf um das Bekenntnis noch durch schwere Prüfungen und Versuchungen wird gehen müssen, und es ist nicht unmöglich, dass sie eines Tages – sei es durch innere Ermüdung, sei es durch äußere Gewalt – unterliegen wird.
Aber selbst, wenn das geschehen sollte, – ⌜auch⌝ das liegt in Gottes Hand –, würden wir heute schon sagen können und sagen müssen, dass in diesen Jahren in diesem Kampf der deutschen Kirche eine |623 bk- überlegene Gewalt-bk sichtbar geworden ist, die die Kirche regiert und die sie hält und trägt auch unter menschlich gesprochen schwersten Umständen, auch gegenüber der Entfaltung letzter und schlimmster Möglichkeiten des Widerstandes von der Umwelt her.
Es ist vor einigen Wochen hier in der
Ich bin am Ende. Wir fragen uns, wie soll diese allgemeine kirchliche Bedeutung des deutschen Kirchenkampfes auch für uns fruchtbar gemacht werden? Ich möchte antworten: Liebe Freunde, hier gibt es gar nichts zu «machen». Hier gibt es sehr schlicht nur Eines: zu sehen und zu hören, wie die Dinge in Wirklichkeit sind. Wenn wir das sehen und hören, dann ist dieser Kampf auch für uns fruchtbar. Es muss uns klar sein, wir können dieser Sache nicht gegenüberstehen als Zuschauer, als Historiker, als unbeteiligte Kritiker. Wir sind an dieser Sache, so gewiss wir alle Glaubende sein möchten, beteiligt und haben nichts Anderes zu tun, als das Zeugnis, das uns
2.
Stichwortmanuskripte67
| Erste Fassung (KBA 11114): |
Zweite Fassung (KBA 11115): |
| Die allgemeine kirchliche Bedeutung des deutschen Kirchenkampfes | Die allgemeine kirchliche Bedeutung des deutschen Kirchenkampfes |
| ⌜1.⌝a «Deutscher Kirchenkampf»: ⌜a)⌝ Auseinandersetzung der deutschen ev[an]g[elischen] K[irche] seit 1933 mit
|
«Deutscher Kirchenkampf»: a) Auseinandersetzungb der deutschen ev[angelischen] Kirche seit 1933 mit |
| 627| ⌜b)⌝ Verteidigung ihrer Existenz als christl[ich]-evang[elische] Kirche | b) Verteidigung ihrer Existenz als evang[elische], als christl[iche] Kirche. Betätigunge ihres Bekenntnisses in Lehre, Ordnung, Haltung. f-Nicht neue, sondern:-f |
| Erneuerung ihrer Erkenntnis der Freiheit des Wortes Gottes gegen menschliche Deutungen und Bindungen Betätigung ihres Bekenntnisses in Lehre, Ordnung, Haltung |
c) Erneuerungg ihrer Erkenntnis u[nd] ihres Bekenntnisses: Freiheit des Wortes Gottes gegen menschl[iche] Deutungen. Freiheit des Glaubens gegen menschl[iche] Bindungen. Nicht nur kirchliche Bedeutung (beiläufig aber nachdrücklich!) a) politisch:h Nicht polit[ische] Motive; aber polit[ischer] Faktor. Nat[ional]soz[ialistischer] Staat stiess auf Grenze u[nd] Widerspruch. Nötigung zu Veränderungen u[nd] Zurücknahmen. Kirche war u[nd] ist dieser Faktor. b) kulturell:i Freiheit des Denkens, des Gewissens, der Rede nur in der Kirche. In der liberalen Epoche vertrat die Kirche die Sache der Autorität u[nd] der Gemeinschaft. Im Zeitalter des Autoritarismus u[nd] Kollektivismus ebenso notwendig die Sache der Freiheit. Aber:j ohne Verständnis für kirchl[iche] Bedeutung sind diese Dinge nicht richtig zu sehen und zu würdigen. |
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«Allgemeine kirchliche Bedeutung» ⌜2.⌝ I. Interesse an deutschem Kirchenkampf ⌜a)⌝ a) wegen politischer Bedeutung für das Problem des nat[ional-]soz[ialistischen] Staates. Widerstand geleistet. Nötigung zu Veränderungen u[nd] Zurücknahme. k-Beiläufig [–] Non ut dicenda, sed ne tacenda [?] [:]-k Nicht also: polit[ische] Reaktion. Aber faktisch polit[ischer] Faktor: Grenzen des totalen Staates. Notieren! ⌜b)⌝ b) wegen kultureller Bedeutung für den Ausgleich zwischen Autorität u. Freiheit. In der liberalen Epoche vertrat die Kirche die Sache der bedrohten Autorität. Heute kraft derselben Notwendigkeit die Sache der bedrohten Freiheit. Notieren! ⌜3.⌝ II. Es giebt ferner eine besondere Bedeutung dieses Kirchenkampfes für die deutsche Kirche. Bisherige Resultate: a) Bisheriger Glaube an das Staatskirchentum erschüttert; kommt so nicht wieder b) Konfessionen nur lebendig, wenn in gemeinsamer Tat begriffen c) Theologie muss kirchlich leben, Kirche theologisch handeln d) Problem der Schule, der Presse, der gesellschaftl[ichen] Geltung sekundär gegenüber dem der Gemeindebildung durch das Wort. Alle diese Erfahrungen sind beachtlich, aber nicht von «allgemeiner» kirchl[icher] Bedeutung. Fragen an alle Kirchen, aber Antworten zunächst nur für Deutschland. |
«Allgemeine kirchl[iche] Bedeutung». Allgemein ist ein klärendes Beiwort. Kirchl[iche] Bedeutung = allgemeine kirchl[iche] Bedeutung. Nöte einer Kirche sind u[nd] werden die aller. Erkenntnisse u[nd] Entscheidungen sind Fragen an alle. Von ihrer Verheissung u[nd] Hoffnung leben alle. – Wir wären nicht Kirche, wenn wir nicht mitbetroffen u[nd] mitbewegt wären. |
| 629| «Die allgemeine kirchliche Bedeutung des deutschen Kirchenkampfes» | |
| ⌜4.⌝ 1. Er hat gezeigtl, dass die Existenz der Kirche als chr[istliche] ev[angelische] Kirche heute innerlich u[nd] äusserlich akut gefährdet ist.m ⌜a)⌝ Heute: im Zeitalter n-des totalen Staates-n, des Übergangs vom liberalen zum autoritären Staats- u[nd] Gesellschaftssystem. Wissen um diese Gefährdung schon im Zeitalter des Liberalismus:o der autonome Mensch. Derselbe Feind offenbart sich gerade in, mit dem Anbruch dieser scheinbar neuen Zeit. ⌜b)⌝ Akut: p-Warum jetzt?!-p Was unter Absolutismus, ⌜c)⌝ Aufgedeckt: allgemeine Möglichkeit eines q- antikirchlichen Ansturms-q gerade im Zusammenhang mit der von vielen ersehnten u[nd] begrüssten Zeitwende. Der autonome Mensch kommt gerade im Zeichen der Autorität erst recht zur Blüte! Zwingt die Kirche, sich selbst aufzugeben oder zurückzukehren in die Situation des Leidens u[nd] Bekennens. |
I: Die Existenz der chr[istlichen] Kirche als solche ist heute akut gefährdet Immer gefährdet? Auch im Zeitalter des Liberalismus:r der Mensch als autonomes Individuum in Auflehnung gegen die göttl[iche] Bindung, gegen Erkenntnis der Sünde, gegen die Gnade, gegen Offenbarung. Ja! Heute Wendung zum s- autoritären, kollektiven-s System. t-Offene Türen! Jeder erfährt es.-t Zeitwende von vielen begrüsst als religiöse Erneuerung: Ehrfurcht, Gehorsam, Ordnung? Faktisch gerade jetzt ( – nicht vorher! – ) Aufleben einer u- neuen Religion-u. Staat als Kirche mit allem Zauber von Prophetie, Mystik, Kultus. Glaube an das Kollektiv. Mensch in seiner Natürlichkeit und Geschichtlichkeit. Jetzt erst Bedrohung der Kirche als Kirche Gottes. Jetzt erst Entscheidung zu Bekenntnis. Widerspruch ist reif geworden. |
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⌜5.⌝ 2. Er hat gezeigt, dass die Kirche dieser Gefährdung nicht nur widerstehen, sondern sich gerade in ihr konsolidieren kann.v
⌜a)⌝ Gezeigt: Es war nötig. Kirchl[icher] Defaitismus gegenüber dem Denken, der Sittlichkeit, der Haltung des modernen europäischen Menschen. Apologetik u[nd] Propaganda auf dem Hintergrund der Sorge. Wird die Kirche (die ev[an]g[elische] K[irche]!) bestehen? ⌜b)⌝ Tatsache des Widerstandes: Versuchung zunächst übermächtig; alte Fehler rächten sich. Aber Bibel war nicht umsonst auf dem Plan, auch Erinnerung an ⌜c)⌝ Tatsache der Erneuerung: Not lernte beten, die alten Quellen neu aufsuchen. Erkenntnis unsrer Not; Bekenntnis zu unsrer Hilfe. Sammlung der heute Glaubenden. Neue Orientierung u[nd] Bewegung gerade unter dem Druck. |
II. Die Kirche kann dieser Gefährdung nicht nur widerstehen, sondern sich in der Gefährdung neu konsolidieren.
Wussten wir es: die Pforten zur Hölle …? Doch auch viel Defaitismusw gegenüber dem Denken, der Moral, der Unkirchlichkeit des mod[ernen] Menschen (gerade als er noch selber ungefährdet war!) Apologetik u[nd] Propaganda. Wenig Zuversicht, nötige Sachlichkeit! – Heute akute Gefährdung, und nun: Widerstand:x Versuchung zunächst übermächtig. Alte Fehler rächten sich. Unsicherheit u[nd] Uneinigkeit. Aber Bibel, Reformation, Pfarrer u[nd] Gemeinden! Kirche konnte noch Nein sagen u[nd] hat es getan unter schwierigsten innern u[nd] äussern Umständen. Erneuerung:y Blosse Wiederholung half hier nichts, Unsicherheit gerade der konservativ Konfessionellen. Aber Not lehrte beten, die Bibel lesen, verstehen, auslegen. Gleichzeitigkeit: Unsere Not, unsere Hilfe, unser Glaube. Von da aus eigenes Wort und Versuche eigener Gestaltung. Theol[ogen] lernten kirchlich denken, Kirche theol[ogisch] handeln! |
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⌜6.⌝ 3. Er hat gezeigt, dass die Kirche, z-wenn sie leben will,-z von der Schrift leben und von der Schrift leben muss.aa
⌜a)⌝ Gezeigt: Auch das nötig! Unsicherheit des kirchl[ichen] Wissens u[nd] Wollens. ⌜b)⌝ Von der Schrift leben: Nicht von Vernunft, Volkstum, kirchl[icher] Tradition, Konfession. Hören auf das proph[etisch]-apost[olische] Zeugnis. Eben hier droht Gefährdung. Eben hier die Hilfe, ohne die kein Widerstand u[nd] keine Erneuerung. ⌜c)⌝ Von der Schrift leben: Keine Theorie, sondern immer neue Entscheidung gegenüber immer erneuten Angeboten (Reichsbischof, Zwangsverwaltung, Kompromisse, Kirchenausschüsse – Nationalkirche?) Erkenntnis fordert Gehorsam. |
III. Die Kirche darf von der Schrift leben und sie darf von der Schrift leben. Schon gewusst? Ja, als Gesetz: so müsste es sein! Aber nicht als Dürfen, als Gnade, als Freiheit. Schrift u[nd] Gehorsam gegen sie war überkommene Ordnung; daher kommende [?] Überholung. Das Herz auch u[nd] ganz anderswo! Von der Schriftab leben: Vernunft u[nd] Kultur verpönt. Volkstum u[nd] neue Religion. Kirchl[iche] Tradition: ohnmächtig gegen lebendige Gegenkirche der Gegenwart. – Bibel blieb übrig, als Alles versagte, Bibel war Kraft des Widerstandes u[nd] der Erneuerung. Von der Schrift leben:ac Gebrauch machen: Wenn ich nur dich habe … Dennoch bleibe ich … Gebrauch nicht in Gedanken, sondern in Entscheidungen. Öfters Versagen! Aber: Siegreich gegen Reichsbischof, Jaeger, Kirchenausschüsse, Nationalkirche (obwohl Staat u[nd] Partei hinter Allen![)] Gehorsam die einfachste und praktischste Lösung. |
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⌜7.⌝ 4. Er hat gezeigt, dass das Wort Gottes wirklich frei ist.ad ⌜a)⌝ Kein Triumph von Menschen od[er] menschl[ichen] Organisationsformen. Beide haben versagt und werden noch viel Prüfung zu bestehen haben. Äussere Niederlage durch Gewalt oder Ermüdung möglich. ⌜b)⌝ Aber höhere Gewalt wurde sichtbar unter schwierigsten Umständen und Entfaltung letzter Möglichkeiten des autonomen Menschen: das Wort Gottes, das sich nicht deuten, noch binden lässt. Bekenntnis u[nd] bekennende Haltung haben Unzählige über sich selbst erhoben u[nd] stark gemacht. Beweis des Geistes u[nd] der Kraft. Triumph des Herrn der Kirche. |
IV. Die Kirche ist geborgen in der freien allmächtigen u[nd] gütigen Hand Gottes.
Kein Triumph von Menschen, Bewegungen u[nd] Organisationen. Das Alles hat versagt, wird noch viel Prüfung zu bestehen haben und vielleicht selber doch der Gewalt oder der Ermüdung unterliegen. Selbst dann ist hier eine höhere Gewalt sichtbar geworden in schwierigsten Umständen u[nd] gegenüber der Entfaltung letzter Möglichkeiten des autonomen Menschen: Totalitätsanspruch? Theologie? Weder – noch? Aber hier ging es nicht um Ehre, Geltung, Rechthabe von Menschen. Auch nicht um «Orthodoxie» u[nd] Biblizismus. Also nicht um Parteistreit! Aber um das Hören auf Gott als den Herrn aller Menschen u[nd] alles Menschlichen. Dieser Appell hat sich gelohnt: die Kraft war u[nd] ist da. Erhalt uns Herr bei deinem Wort …! Der ewig reiche Gott …! Er triumphierte auch in Sünde, Leid u[nd] Unterliegen der Bekenner. |
| ⌜8.⌝ Wie ist diese allgemeine kirchliche Bedeutung des deutschen Kirchenkampfes fruchtbar zu machen? Ist sie ein Zeugnis dieser Kirche an alle Kirchen und also eine Verkündigung des Wortes Gottes, dann braucht sie nur eingesehen zu werden, um schon fruchtbar zu sein. Zuschauer? Nein: nostra res agitur. Wahr sein lassen und dankbar sein. Das Weitere tut Gottes Geist und Weltregierung. |
Wie ist diese allgem[eine] kirchl[iche] Bedeutung des deutschen Kirchenkampfes fruchtbar zu machen? Hier ist nichts zu machen. Hier gilt es nur zu sehen und zu hören, dann ist sie fruchtbar. Klar sein: Nicht Zuschauer u[nd] Historiker, sondern Glaubende, die das Zeugnis dieser Kirche dankbar wahr sein lassen. Wir wissen nicht, was uns bevorsteht? |
| 633| | Wir können als die wandelnde Kraft dieses Zeugnisses offen und dann für Alles bereit sein! Das Weitere tut Gottes Wort u[nd] Weltregierung, der sich die deutsche ev[an]g[elische] K[irche] u[nd] unsre Kirche getrost befehlen dürfen. |