1936

Die allgemeine kirchliche Bedeutung des deutschen Kirchenkampfes

600

DIE ALLGEMEINE KIRCHLICHE BEDEUTUNG
DES DEUTSCHEN KIRCHENKAMPFES

1936

Der unter diesem Titel gehaltene Vortrag gehört mit in die Reihe der Texte, mit denen Barth seinem vornehmlich schweizerischen Publikum die Situation der Kirche im deutschen Kirchenkampf nahebringen und ihm zugleich verdeutlichen wollte, dass die Ereignisse in Deutschland Auswirkungen auch auf die Schweiz und das übrige Europa haben und entsprechende Konsequenzen nach sich ziehen müssen. Dennoch hebt dieser Vortrag sich in mehrfacher Hinsicht von den anderen derartigen Texten ab: Er wurde erstmals vor einem ungarischen Publikum vorgetragen, Barth hielt ihn nachweislich nicht weniger als sechs Mal, und binnen einer Frist von gerade einmal einem halben Jahr waren je eine ungarische, italienische und französische sowie zwei englische Übersetzungen gedruckt erschienen – der deutsche Original-Vortrag aber blieb bis jetzt ungedruckt.

1. Budapest

Zum ersten Mal hielt Barth den Vortrag während der Reise, die ihn im Herbst 1936 nach Ungarn und in die ehemals ungarischen Gebiete in Rumänien führte,4 am 9. Oktober 1936 in Budapest. Imre Szabó5, der mit dem die Reise für Barth organisierenden Béla Vasady befreundet war, hatte Barth, als er von dessen Reiseplänen erfahren hatte, im Sommer 1936 «im Namen der Budapester reformierten Kirchendiözese» um einen Vortrag auch «für die Budapester Seelsorger, Religionslehrer und Lehrerinnen» gebeten.6 Mit seiner Zusage nannte Barth auch das nicht mehr veränderte Thema und schloss zugleich aus, noch einen weiteren, von Szabó ebenfalls erbetenen Vortrag «extra für intelligente Männer und Frauen»7 in seinem eng getakteten Budapester Besuchsprogramm unterbringen zu können.8

601 Barth hielt den Vortrag am frühen Abend um 18.30 Uhr «im überfüllten Festsaal der Reformierten Akademie»9 wohl «nach Notizen frei»10; Charlotte von Kirschbaum schrieb mit.11 Anschließend begab man sich mit Bischof László Ravasz und einigen Pfarrern – unter ihnen auch Szabó – «für ein herzliches kleines Abschiedsessen» in ein Restaurant.12

2. Schweiz

Zwischen November 1936 und Januar 1937 hielt Barth diesen Vortrag weitere fünf Mal in der Schweiz: Am 22. November sprach er auf Einladung des dortigen Pfarrers Hermann Grossmann, den Barth schon seit Safenwil kannte,13 im Fraumünster in Zürich.14 Für den |602 Abend des 28. November hatte ihn Paul Etter15 nach Brugg eingeladen, wohin er von seinem Sohn Markus begleitet wurde.16 Auf Vermittlung Eduard Thurneysens hatte der Basler «Münstergemeinde-Verein der Positiven» ihn ebenfalls um ein Auftreten gebeten, und so wiederholte Barth den Vortrag am Abend des 2. Dezember im Münstersaal in Basel.17 Bereits in den Januar 1937 fallen die letzten beiden Gelegenheiten, an denen Barth den Vortrag hielt: am 16. Januar in französischer Sprache in der Aula der Universität Lausanne und am 17. Januar in Köniz bei Bern: Nach Lausanne war er von der dortigen Sektion der «Zofingia»18 und dann auch von der Evangelisch-Theologischen Fakultät19 eingeladen worden, einen Vortrag wie in Neuchâtel20 und am selben Tag auch ein Seminar zum Thema «La foi d’après le catéchisme de Calvin»21 zu halten. Das eng getaktete Lausanner Programm beschrieb Barth so: «Thee mit der Fakultät. Seminar |603 über Glaube bei Calvin. Nachtessen mit Studenten. Vortrag in der Aula über Bek[ennende] Kirche. Diskussionen mit Frontisten und Individualisten»;22 Ch. von Kirschbaum notierte tags darauf, Barth habe in Lausanne «9 Std. (!) durchgeredet», er sei «erfreut und erschöpft» heimgekehrt, und es habe «unter den Studenten in Lausanne» ein «leidenschaftl[iches] pro & contra» gegeben.23 Barth blieb über Nacht in Lausanne und machte am folgenden Tag zunächst Station in Bern, um dann mit seiner Mutter in das nahegelegene Köniz zu fahren;24 der dortige Kirchgemeinderat Hans Roth hatte ihn, nachdem er vom Termin in Lausanne erfahren hatte, gebeten, seinen Vortrag auf der Rückreise von dort am Sonntag, 17. Januar 1937, nachmittags um 15 Uhr auch in der «schönen heimeligen alten Kirche von Köniz (sogar älter als das Berner Münster)» noch einmal auf Deutsch zu halten.25

Als älteste Vorstufen des Vortragstextes existieren zwei Stichwortmanuskripte, die je ca. 1¼ eng beschriebene Seiten umfassen. Beide bieten inhaltlich im Wesentlichen dasselbe, sind passagenweise sogar wörtlich identisch und weichen lediglich in der Anordnung der Textteile häufiger voneinander ab, sie bieten jedoch beide auch kleinere Textpassagen, die sich im anderen Manuskript nicht finden. Lediglich der Umstand, dass Manuskript 2 (KBA 11115) vom formalen Aufbau her den vorliegenden Typoskripten etwas ähnlicher ist als Manuskript 1 (KBA 11114), lässt vermuten, dass Manuskript 2 auch chronologisch das zweite ist. Wann die Manuskripte jeweils verfasst worden sind und insbesondere, warum es zwei gibt, die keine klare Abhängigkeit voneinander oder eine eindeutige Verbesserung des einen gegenüber dem anderen erkennen lassen, muss letztlich offen bleiben. Belegt ist lediglich, dass Barth in Budapest wohl frei mit Hilfe eines dieser beiden Manuskripte sprach, nicht zu entscheiden ist jedoch, welches von beiden er benutzte.26 Angesichts dieses Befunds werden im Anhang zum Editionstext beide Stichwortmanuskripte parallel abgedruckt.

604 Sicher ist dagegen, dass Charlotte von Kirschbaum in Budapest mitschrieb. Weil sie bei den Wiederholungen des Vortrags im November jeweils nicht im Publikum oder gar nicht vor Ort war,27 eine Abschrift des Typoskripts aber nachweislich bereits am 26. November nach England geschickt wurde,28 wird diese nicht erhaltene Budapester Mitschrift als – sicher noch überarbeitete – Grundlage des vorliegenden Typoskripts 1 (KBA 11116) anzusehen sein, das acht engzeilig beschriebene Seiten umfasst und auf dessen erster Seite in ihrer Handschrift vermerkt ist: «(Münsterhof Basel)». Auf dem breiten linken Rand und zu einem kleinen Teil in den Text hineingeschrieben sind von Barth dreimal Korrekturen an diesem Typoskript 1 angebracht worden: solche, die er mit Tinte schrieb, sowie zweimal mit Bleistift geschriebene. Die weiteren erhaltenen Typoskripte sind für sich genommen als reine Abschriften textkritisch kaum von Belang, mit ihrer Hilfe lassen sich jedoch die verschiedenen Korrekturvorgänge an Typoskript 1 in eine chronologische Reihenfolge bringen: Die untereinander im Textbestand identischen Typoskripte 2 (KBA 291)29 bieten nämlich den getippten Text von Typoskript 1 inklusive der mit Tinte geschriebenen, aber nur mit wenigen Bleistift-Korrekturen, während ein weiteres Typoskript 3, das aus dem Nachlass Christoph Barths ins KBA gelangt ist (KBA 11117), geschrieben worden sein muss, nachdem alle Korrekturen vorgenommen waren.30

605 Noch im Jahr 1936 erschien eine von Barth selbst initiierte englische Übersetzung des Vortrags. Am 26. November 1936 hatte er einem Brief an Leonard Cutts, seinen Ansprechpartner beim Londoner Verlag Hodder & Stoughton, der die englische Fassung seiner «Gifford Lectures»31 herausbringen sollte, folgenden Nachsatz angefügt: «Ich lasse Ihnen als Drucksache eine Nachschrift eines Vortrages zugehen, den ich in diesen Tagen in Zürich gehalten habe und der sich vielleicht zur Aufnahme in ‹British Weekly› eignet? Eventuell unter Auslassung der direkten Anreden an die Schweiz?»32 Umgehend antwortete Cutts: «I am having the ‹British Weekly› article translated by Mr. Strathearn McNab and we are hoping to make a great feature of it in the paper.»33 Der Artikel erschien schließlich an einer «wichtigen Stelle»,34 nämlich in der Ausgabe vom 31. Dezember 1936.35 – Die von Imre Révész, der auch schon den Vortrag Volkskirche, Freikirche, Bekenntniskirche übersetzt hatte,36 besorgte Übertragung ins Ungarische erschien bald darauf,37 ebenso eine Übersetzung ins Französische durch Jean-Louis Leuba.38

606 Grundlage der Edition des auf Deutsch bisher nicht publizierten Vortrags ist das Tskr. 1 inklusive aller von Barth angebrachten Korrekturen. Zwar ist die in Tskr. 3 vorliegende Abschrift jünger zu datieren, deren unklare Verfasserschaft und ihre Fehlerhaftigkeit lassen es jedoch geraten erscheinen, hier dem Gesichtspunkt, einen gewiss autorisierten Text zur Editionsgrundlage zu nehmen, den Vorzug zu geben.

Um das Textwachstum zu illustrieren, werden alle am ursprünglichen Typoskript angebrachten Korrekturen ausgewiesen: Das reine Typoskript dürfte auf dem Text basieren, den Ch. von Kirschbaum am 9. Oktober in Budapest mitgeschrieben hatte. Die nicht genau datierbaren, im textkritischen Apparat ausgewiesenen Tintenkorrekturen sowie diejenigen Bleistiftkorrekturen, die sich auch in Tskr. 2 finden, sind sicher vor dem 26. November 1936 vorgenommen (Überarbeitung 1 = Tskr. 2); in dieser Form hat Barth den Vortrag sicher in Zürich, vermutlich auch noch in Brugg gehalten. Vielleicht schon beim Vortrag in Basel Anfang Dezember, sicher aber bei beiden Januar-Terminen werden auch die weiteren mit Bleistift vorgenommenen Korrekturen im Text vorhanden gewesen sein (Überarbeitung 2 = Tskr. 3 [das jedoch Abschreibfehler und Auslassungen aufweist]). Diese weiteren, zahlreicheren mit Bleistift vorgenommenen Korrekturen werden, soweit es sich um bloße Hinzufügungen handelt, mit ⌜ ⌝ kenntlich gemacht, ansonsten ebenfalls im Apparat ausgewiesen.

Von den weiteren sich im Vergleich mit Tskr. 2 und 3 findenden Abweichungen werden die wenigen angezeigt, die auch inhaltlich Relevanz aufweisen; offenkundige Verschreibungen, hinzugefügte oder weggelassene Hervorhebungen, aufgelöste Abkürzungen o. ä. sind nicht ausgewiesen.

Für den Nachweis der in diesen «Kirchenkampf-Texten» Barths immer wiederkehrenden Motive und Anspielungen, die hier nicht erneut belegt sind, sei auf die vorangegangenen Texte zum Thema verwiesen.39

607

Die allgemeine kirchliche Bedeutung des deutschen Kirchenkampfes

1. Typoskript

Liebe Glaubensgenossen! Es ist Ihnen bekannt, dass die evangelische Kirche in Deutschland sich seit dem Jahre 1933 in schweren inneren und äußeren Auseinandersetzungen befindet: a-In der Auseinandersetzung mit dem Irrtum und mit der Unordnung, wie sie in ihrer eigenen Mitte aufgestanden sind. In der Auseinandersetzung mit einem neu auf den Plan getretenen Heidentum, das wunderlich zusammengesetzt ist aus allerhand Resten des aufklärerischen Widerstandes gegen das Evangelium,40 wie er wohl auch im 19. Jahrhundert und im Anfang unseres Jahrhunderts sich breit gemacht hat in Europa, und aus allerhand Motiven aus uralten heidnischen Religionen germanischer Vorzeit.41 Und endlich in einer Auseinandersetzung mit dem neuen nationalsozialistischen Staat, sofern dieser Staat auftrat und sich geltend machte als Monopolträger auch für die Fragen der Kirche, der Weltanschauung, der Sittlichkeit und des Rechtes,42 sofern dieser Staat |608 auftrat mit dem offen ausgesprochenen Anspruch: «Ich bin der Herr dein Gott, du sollst keine anderen Götter haben neben mir!»-a [vgl. Ex 20,2f.; Dtn 5,6f.]

Die Auseinandersetzung der Kirche mit diesen Gesprächspartnern und Gegnern in den letzten vier Jahren: das ist der deutsche Kirchenkampf! Es geht in diesem Kampf um die notwendige Verteidigungb des christlichen Bekenntnisses in Lehre und Ordnung und Haltung, um die Verteidigung des Bekenntnisses, bei welcher nicht mehr und nicht weniger als die Existenzc der evangelischen, der christlichen Kirche als solcher auf dem Spiele steht. Es geht aber nicht nur um eine Verteidigungd der christlichen Kirche, sondern es hat sich gezeigt, dass diese Verteidigung nicht möglich war ⌜ohne die durchgreifende Erneuerung der Kirche, d. h.⌝ ohne dass siee sich willig und bereit fand zu neuer Erkenntnis und zu neuem Bekenntnis ihres Glaubens, zur Erkenntnis und zum Bekenntnis der f- Freiheit des Wortes Gottes-f gegenüber allen, wirklich allen menschlichen Deutungen, zur Erkenntnis und zum Bekenntnis der g- Freiheit des christlichen Glaubens-g gegenüber allen Bindungen, die die Menschen ihm auferlegen möchten. –

609 Lassen Sie mich beiläufig, aber mit Nachdruck sagen: Dieser deutsche Kirchenkampf hat nicht nur kirchliche Bedeutung. h-Hat eine Sache wirkliche kirchliche Bedeutung, dann hat sie notwendig auch weltliche Bedeutung.-h Man kann erstensi sehr wohl auch reden von einer politischen Bedeutung dieses ganzen Vorganges. Es ist freilich nicht wahr, was man oft gesagt und geschrieben hat, dass diesem Kampf eigentlich politische Motive, die Motive der Reaktion, zugrunde lägen.43 Aber es kann kein Zweifel sein, dass die Tatsache dieses Kirchenkampfes faktisch ein politisches Ereignis bedeutet.44 Und zwar einfach deshalb, weil das Geschehen in der deutschen Kirche das einzige ernsthafte Ereignis ist, in welchem ein offener Widerspruch und Widerstand gegen die sonst allmächtige Staatsgewalt zu Tage trat. Hier j-und nur hier-j ist der nationalsozialistische Staat auf seine Grenze gestoßen, hierk ist er immer wieder genötigt worden, seine Haltung zu |610 korrigieren und zurückzunehmen.45 Wer hätte erwartet, wer hätte es noch vor vier Jahren für möglich gehalten, dass diese evangelische Kirche – sie war damals in Deutschland kein äußerlich bedeutsamerer Faktor, als sie dies heute noch bei uns ist! – der Ort sein würde, der in diesem Sinne eine greifbare politische Bedeutung bekommen würde!

l-⌜[Problem des Ausgleichs zwischen Autorität und Freiheit.]⌝-l Man kann zweitens auch von einer kulturellen Bedeutung dieses deutschen Kirchenkampfes mit Recht m-reden. Tatsache ist-m, dass eine Freiheit des Gewissens, eine Freiheit des Denkens und eine Freiheit der Rede heute in Deutschland nur noch in der evangelischen Kirche zu finden ist. Wir stehen heute, wenn nicht Alles täuscht, am Ende einer liberalen Epoche, am Ende der Epoche der individuellen und subjektiven Freiheit, einer Epoche, die nun zweihundert Jahre gewährt hat. In dieser Zeit war die Kirche der Hort des Gedankens der Autorität und des Gehorsams. ⌜Sie ist deshalb von den Freunden der Freiheit oft und scharf genug angeklagt worden. Man könnte heute besser als bisher verstehen, was sie mit dieser Haltung gemeint hat. Wirklich nicht die Unfreiheit.⌝ In diesen letzten Jahren nun hat es sich in Deutschland gezeigt, dass, wenn eine Epoche der Autorität im Anzug ist, die Kirche es versteht, zum Hort der Freiheit zu werden,46 ⌜ohne damit nun wieder die Willkür zu rechtfertigen. –⌝

Aber diese Dinge seien nur beiläufig gesagt. Wer die kirchliche Bedeutung des deutschen Kirchenkampfes nicht sieht und versteht, der wird unmöglich Augen haben, n-seine politische und seine kulturelle-n |611 Tragweite richtig zu sehen und richtig zu würdigen. Es ist kein Zweifel, dass sehr Viele, auch bei uns in der Schweiz, die sich am Anfang des Kampfes aus politischen oder kulturellen Erwägungen für ihn interessierten, müde wurden und erlahmten, nicht zuletzt unsere führenden Tageszeitungen! Das ist ganz in der Ordnung. Sehen und verstehen, was hier wirklich vorgeht, kann man nur dann, wenn man die kirchliche Bedeutung dieses Ereignisses zu ermessen versteht.

Ich habe angekündigt, heute Abend über «die allgemeine kirchliche Bedeutung des deutschen Kirchenkampfes» zu sprechen. ⌜«Allgemeine» ist schmückendes Beiwort.⌝ Ein Ereignis von kirchlicher Bedeutung – und wenn es in China geschähe – hat immer allgemein kirchliche Bedeutung. Wenn eine Kirche in Not ist, meine Freunde, dann ist das die Not aller Kirchen, der o- ganzen Kirche-o auf Erden. Und wenn eine Kirche Erkenntnisse sammelt und Entscheidungen vollzieht, dann stellt sie damit Fragen, die an alle Kirchen, an die ganze Kirche, gerichtet sind. Und wenn eine Kirche unter der Verheißung Gottes steht und etwas sehen darf von der Hoffnung, die der Herr den Seinen gibt, dann ist ein Licht angezündet in dieser Kirche, das leuchtet und das gesehen wird in allen Kirchen, in der ganzen Kirche. Wir würden hier nicht christliche, nicht evangelische Kirche sein, wenn wir von dem, was in der deutschen Kirche vorgeht, nicht unmittelbar mitbetroffen und mitbewegt wären, ⌜wenn es nicht unmittelbare kirchliche Bedeutung auch für uns selber hätte⌝.

In vier Punkten möchte ich Ihnen darlegen, in was ich die allgemeine kirchliche Bedeutung des deutschen Kirchenkampfes zu sehen meine.

Seinep allgemeine kirchliche Bedeutung besteht erstens darin, dass der deutsche Kirchenkampf uns klar macht, dass die Existenz, das Dasein der christlichen, der evangelischen Kirche heute akut in Gefahr ist. ⌜Es geht in diesem ersten Punkt um eine Sache, die mit wenig andern Worten auch im Blick auf Russland zu sagen wäre.47 Aber |612 gerade das ist bedeutsam, dass eine Lehre, die wir uns schon durch Russland geben lassen konnten, nun durch die Ereignisse geradeq in Deutschland so eigentümlich unterstrichen und bestätigt worden ist.⌝ Sie fragen mich vielleicht: Ist das nicht immer so gewesen? Wäre das nicht auch von den letzten Jahrzehnten, ja vielleicht Jahrhunderten zu sagen gewesen? Kommen wir nicht aus einer Zeit her, in welcher der Mensch in einem stolzen Bewusstsein der Autonomie seiner Individualität und seiner Vernunft sich in voller Auflehnung befand gegen alle göttlichen Bindungen, gegen die Erkenntnis, dass er ein Sünder sei, gegen die Notwendigkeit, dass er Gnade und Barmherzigkeit von Gott anzunehmen habe, gegen die Möglichkeit und Wirklichkeit der Offenbarung?r Ja, in der Tat, es ist längst so gewesen, und wir kennen ihn wahrhaftig längst: diesen autonomen, das heißt sich selbst regierenden Menschen, der keine Kirche, kein Evangelium, keinen Gott nötig zu haben scheint. Ich sagte ⌜bereits⌝: wir stehen heute in einer merkwürdigen s- Wende der Zeit-s. Die Zeit dieses stolzen, auf sich gestellten Menschen, sie scheint heute – wenn nicht Alles täuscht – nahe daran abzulaufen, und es scheint auf allen Gebieten eine Welt anzubrechen, die charakterisiert sein wird durch ein t- System der Autorität-t und des Kollektivismus, eine Welt ⌜der Führung, u-der Bindung und-u⌝ des Massendenkens, des harten und brutalen Befehlens und Gehorchens.48 Wer heute den modernen Menschen noch anklagen |613 möchte wegen seines Individualismus und Subjektivismus und Liberalismus, der kommt v- zu spät-v, der rennt offene Türen ein! Wir stehen heute in einer Wende zu Prinzipien und zu einer Weltordnung sehr anderen Charakters. Das erfährt der kleinste Bürger in Form des Krisenrechtes, das eben das Recht des Befehlens und Gehorchens und das Ende der bisherigen Freiheit ⌜und vielleicht eine Krise des Rechtes selbst im bisherigen Sinn des Begriffs⌝ bedeutet.49 Und was sich auf dem Gebiet der Wirtschaft und des Rechtes vollzieht, das hat seine Begleiterscheinungen auf allen geistigen Gebieten.

Wie viele unter hoch und niedrig haben diese Wende w- mit Freuden-w begrüßt in der Hoffnung und Erwartung, dass Autorität und Gehorsam auch wieder wie in den guten alten Zeiten Ehrfurcht und |614 Ordnung und Unterordnung in der Gefolgschaft haben möchten.50 Wie viele haben gerade von dieser Wende eine religiösex Erneuerung erhofft und erwartet.

Es ist ⌜aber⌝ etwas ganz Anderes gekommen, und darüber kann uns der deutsche Kirchenkampf belehren. Es ist ⌜nämlich gerade⌝y mit dieser Wende zu Autorität und Kollektivismus z- eine neue Religion-z gekommen, ein Staat, der in seinem Wesen selber eine Kirche ist, eine Kirche mit aller Pracht und allem Zubehör, mit allem Zauber von Prophetieaa und Mystik und Kultus. Jetzt erst, ⌜in und mit dem ab-Anbruch eines-ab autoritären Zeitalters,⌝ ist aus der bloß negativen Entfremdung des modernen Menschen ein fremder Glaube geworden, der ⌜konsolidierte⌝ Glaube des Menschen an sich selber in seinen natürlichen und geschichtlichen Gegebenheiten, in seinem Volkstum, in seiner Rasse, in seiner Eigenschaft als Staatsträger, ⌜ein absoluter, fanatischer, intoleranter Glaube, der gerade zum christlichen Glauben in leidenschaftlichen Gegensatz geraten musste und geraten ist⌝. Was für harmlose Zeiten waren demgegenüber die liberalen Jahrhunderte! Wie harmlos die Freidenkerei,51 wie harmlos der Säkularismus,52 von dem man noch vor wenigen Jahren so viel redete! Jetzt erst kam es zu einer Bedrohung der Kirche, und zwar zu einer Bedrohung ihrer Substanz, jetzt unter dem Angriff ac-gegen die-ac Kirche durch eine andere «Kirche». Jetzt erst ist sie vor die Entscheidungs-, vor die Existenz|615frage gestellt, jetzt erst ist der Widerspruch gegen die Kirche reif und gewaltig geworden, jetzt erst, wo er auftritt als eine neue Religion, ein neuer Glaube, eine neue Kirche, in der Kraft jenes Islam mit seinem Glauben an Allah, der groß ist, und Mohammed ist sein Prophet!!53

Der deutsche Kirchenkampf hat zweitens die Bedeutung, uns klar zu machen, dass die Kirche in einer solchen akuten Gefährdung, in einer solchen Not widerstehen kann. Und nicht nur widerstehen, sondern dass sie sich gerade in einer solchen Gefährdung und Not ganz ad- neu bilden-ad und konsolidieren, kräftigen und gestalten kann. Jawohl, sie kann. Haben wir das auch schon gewusst? Wir alle haben den Spruch schon gehört, dass die Pforten der Hölle sie nicht überwinden sollen [vgl. Mt. 16,18]. Liebe Freunde, haben wir das wirklich gehört, so gehört, dass es als Wahrheit einging in unsere Herzen, dass wir wussten und gewiss waren: es ist so? Die Kirche kannae widerstehen, die Kirche kannaf neu werden? Kommen wir nicht aus einer Zeit, in der auch und gerade in christlichen Kreisen, auch und gerade in Pfarrhäusern und Theologenhäusern oft genug eine merkwürdige Müdigkeitag, ein merkwürdiger Pessimismus und Defaitismus sich breit machte? Wie haben die Christen den ah- modernen Menschen-ah mit seinem Denken, mit seiner Moral, mit seiner so viel besprochenen und bejammerten Unkirchlichkeit so furchtbar ernst genommen! Wieviel Sorge hat man sich gerade in den letzten Jahrzehnten gemacht um die Erhaltung der Kirche! Als ob wir die Kirche zu erhalten hätten! Wie hat man sich Mühe gegeben, den Menschen zu beweisen, dass das Evangelium doch eine gute und nötige Sache sei! In alledem hat sich nicht eben eine große Zuversicht der Kirche zu ihrer eigenen Sache verraten, ⌜und vielleicht war das mit das Geheimnis von viel Erfolglosigkeit dieser an sich so gut gemeinten Bemühungen⌝. ai- Heute steht |616 die Kirche vor einer akuten, vor einer tödlichen Gefahr. Und siehe da, in diesem Augenblick zeigt es sich – wir haben es in Deutschland vor Augen –, dass wir allen Grund hätten, zu der Lebenskraft der Kirche ein viel größeres Zutrauen zu haben.-ai

Die Kirche kann widerstehen. aj-Gewiss, die Versuchung, die über die Christen in Deutschland gekommen ist, ist gewaltig, zuweilen fast übermächtig. Gewiss, es haben sich in diesen letzten Jahren alte und zum Teil uralte Fehler der Kirche bitter gerächt. Gewiss, da war besonders am Anfang des Kampfes viel Unsicherheit und vor allem auch schwere und schmerzliche Uneinigkeit. Aber es hat sich auch gezeigt: dass, wie traurig, ja wie jämmerlich auch die Kirche dastehen mag, es nicht umsonst war, dass auch in den vergangenen Jahrhunderten die Bibel immer wieder von so und so viel Bekannten und Unbekannten gelesen und ihr Inhalt von so und so vielen schlecht oder gut verkündigt worden ist. Es ist nicht umsonst gewesen, dass in diesem Deutschland einmal ein Martin Luther gelebt hat, und es ist nicht umsonst gewesen, was in all den Jahrzehnten und Jahrhunderten im Öffentlichen und im Verborgenen gearbeitet worden ist in den Gemeinden. Viel Saat ist jetzt auf einmal aufgegangen [vgl. Mt. 13,8]. Als die Not kam und die Gefahr und die Versuchung, da ist nach einigem Zögern, nach einigen schweren Niederlagen durch das große deutsche Land hin die Kirche erwacht. Da wagten es da und dort Einige und manchmal auch Viele, der Gewalt gegenüber, unter der sie standen, ein ruhiges, schlichtes und klares Nein zu sagen aus dem Ja zum Evangelium heraus.-aj

Die Kirche kann ⌜aber⌝ nicht nur Nein sagen und widerstehen: es hat sich gezeigt, dass sie eine Lebenskraft der Erneuerung besitzt. Es war nicht so und es ist nicht so, dass es sich in der deutschen Kirche darum handelt, das Alte festzuhalten gegenüber mancherlei Neuerungen. Dazu war die Gefahr zu groß und war der Wille dieses neuen Glaubens viel zu ungeheuerlich, als dass eine bloße Wiederholung, ein konservatives Prinzip vielleicht, ihm hätte widerstehen können. Es war ja vielmehr so, dass gerade die sogenannten kirchlich Konserva|617tiven, die Anhänger am Alten um jeden Preis, sei es des lutherischen oder des reformierten Bekenntnisses, die Leute des Kompromisses waren. Es ist aber ak- etwas anderes-ak geschehen. Es ist gebetet worden in der Not. Die Not lehrte beten,54 und sie lehrte die Menschen wieder zurückzugehen auf die Quellenal der Erkenntnis christlichen Lebens und kirchlichen Daseins, die Not lehrte die Menschen ganz schlicht die Bibel wieder zu lesen. Sie lehrte sie lesen jeweils auf Grund des Bekenntnisses der Reformation und am-lehrte sie, sie neu zu verstehen-am und auszulegen in der Wirklichkeit der deutschen Gegenwart. Es ist in diesen Jahren in Deutschland wieder etwas entdeckt worden von der Ewigkeitan des Wortes Gottes, und das will sagen von seiner Gleichzeitigkeit auch mit unserer Zeit.55 Es ist etwas entdeckt worden davon, dass die Not, von der die Propheten und die Psalmen reden, unsere Not ist, und die Hilfe, die ihnen widerfahren ist, unsao widerfahren kann und der Glaube, der dort verkündigt ist, unserap Glaube sein kann. Und so ist es schüchtern zuerst und dann immer mutiger da und dort dazu gekommen, dass einzelne Christen, dass Gemeinden und Zusammenschlüsse von Gemeinden in Synoden es wagten, in dieser gefährlichen Situation, unter schwerstem Druck von |618 Staat und Partei und Polizei, das Wort des Evangeliums zu sagen, neu zu sagen. Und dass sie es wagten, die Kirche wieder auf ihre eigenen Füße zu stellen, nachdem sie so lange von der Gunst des Staates gelebt hatte und nun auf einmal dieser Gunst beraubt war. Und siehe da, es ging, und siehe da, die Theologen mussten es lernen, statt abstrakt und wissenschaftlich wieder kirchlichaq zu denken und darin ihre Wissenschaftlichkeit zu sehen. Und die Kirche umgekehrt musste einsehen, dass sie theologisch denken und handeln muss.56 In dieser Bewegung kam es zu einer Erneuerung beider.

Die allgemeine Bedeutung des deutschen Kirchenkampfes besteht drittensar darin, dass er klar gemacht hat: die Kirche darf von der heiligen Schrift leben, sie darf von der heiligen Schrift leben. Ich möchte das kurz erklären. Sie fragen mich vielleicht: Ist das etwas Neues, dass die Kirche von der as- heiligen Schrift-as lebt und dass sie von der heiligen Schrift wirklich leben darf? Wieder geht es um eine Wahrheit, die wir zu kennen meinen. Aber wir kennen sie etwas anders, wir kennen sie eigentlich mehr als ein der Kirche auferlegtes Gesetz. Wir wissen: so sollte, so müsste es wohl sein, dass die Kirche von der Schrift lebt und mit ihr vom Worte Gottes. Es wäre schön, wenn es so wäre, und die Kirche müsste eigentlich dahin zurückkehren. Der deutsche Kirchenkampf hat uns at-etwas anderes gezeigt als ein Gesetz, er hat uns-at gezeigt, dass es ein Dürfen ist, eine Gnade, eine Freiheit, dass die Kirche die heilige Schrift hat als die Quelle ihres Lebens. Der deutsche Kirchenkampf hat uns gezeigt: es ist nicht so, dass die heilige Schrift nun einmal die überlieferte, von den Vätern überkommene Bindung ist, der Text, aus welchem der Pfarrer predigt, aber im Grunde eine alte und überholte Sache. Eine Sache, bei der man sein Herz nicht hat, |619 sondern bei der man sein Herz jedenfalls auch anderswo hat [vgl. Mt. 6,21]. (Hat man es aber auch anderswo, so hat man es im Grunde ganz anderswo!)au Der deutsche Kirchenkampf hat uns etwas gezeigt von der der Kirche geschenkten Erlaubnisav, dass sie von der Schriftaw leben darf. Von ax- Vernunft und Kultur-ax konnte eine Kirche in diesen Jahren in Deutschland nicht mehr gut leben. Vernunft und Kultur sind verpönte Dinge geworden, andere Losungen traten an ihre Stelle.57 Die Kirche konnte auch nicht mehr, wie es auch bei uns hier noch viele meinen, leben aus den Kräften des Volkstumsay und seiner Überlieferung und seines Zusammenhanges, aus den Kräften der Heimat und des Bodens.58 Gerade unter diesen Parolen war der Feind in |620 die Kirche eingedrungen. Und auch ihre eigene Traditionaz, auch die Erinnerung an die große Vergangenheit, an die Zeit der Reformation,59 konnte ihr nicht helfen. Mit Erinnerungen konnte man in dieser Gegenwart nichts mehr anfangen. Da kam eine Jugend, die die Kirche darüber belehrte, dass die ehrwürdigsten Heiligtümer der Vergangenheit ihr nichts mehr gelten. – So ist der Kirche eins ums andere, von dem sie meinte, außer der heiligen Schrift auch noch leben zu können, genommen worden. Und darin liegt eine große Barmherzigkeit Gottes. Ihr blieb die Bibel allein. Dieses Buch aber mit seinem Zeugnis von Christus hat sich als die Kraft des Widerstandes und der Erneuerung der Kirche erwiesen. –

Die Kirche darf ⌜aber⌝ von der heiligen Schrift leben, das heißt: sie darf Gebrauchba machen von dem, von dem die Bibel redet. Sie darf es nicht nur lesen und bewundern und anstaunen, sondern sie darf es gebrauchen, bb-gelten lassen-bb im täglichen und öffentlichen Leben. «Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde, wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet …» [Ps. 73,25f.]. «Dennoch bleibe ich stets an dir, denn du hältst mich bei deiner rechten Hand …» [Ps. 73,23]. – Gebrauch machen nicht in Gedanken, sondern in ⌜großen und kleinen⌝ Entscheidungen. Gewiss, das musste gelernt sein.

621 Es war in Deutschland nicht anders, wie es bei uns weithin noch ist, dass so viele liebe und aufrichtige Christen doch immer noch in der Vorstellung lebten, der Glaube der Kirche sei eine Theoriebc, ⌜mit der versehen der Mensch sich weich einzufügen habe in den Lauf der Welt. Nun kam der Zwang zur Praxis⌝. Nun galt es auf einmal zu handeln, und zwar gefährlich zu handeln, ohne Schutz der Polizei, ja unter Bedrohung seitens der Polizei! Zu handeln nicht mehr in Verbindung mit einem wohlgesinnten Staat, sondern mit einem Staat, der aus der Kirche einen Götzentempel machen möchte. Die Kirche hat es – nach vielen Niederlagen – gelerntbd zu handelnbe. Es ging. Man hat widerstanden und man hat ausgehaltenbf. Man hat dem Versuch widerstanden mit jenem Reichsbischof, der zum obersten Kirchenfürsten eingesetzt werden sollte, man hat auch jenem gewaltsamen Angriff in Gestalt des «Rechtswalters» Jäger Trotz geboten,60 und man steht nach neuesten Nachrichten im Begriff, auch den dritten und bisher gefährlichsten Versuch mit Einsetzung der sogenannten Kirchenausschüsse61 abzuweisen.62 Ich bin gewiss, es werden ein vierter und ein fünfter Versuch nicht ausbleiben, um das Ziel: die deutsche «Nationalkirche» zu erzwingen. Bis jetzt hatbg die Kirche, versuchend im |622 Gehorsam gegen die Schrift zu leben, diesen Unternehmungenbh widerstanden. Und darum hat sie allen Anlass, getrost ihren Weg weiterzugehen. Es hat sich auch – und das ist etwas ganz Schlichtes – gezeigt: dass es auch das Praktischste ist, schlicht am Glauben festzuhalten und zu gehorchen. Die Klugen und Komplizierten haben in diesen Jahren schlimme Erfahrungen machen müssen mit ihrer Weisheit.

Der deutsche Kirchenkampf hat viertens die Bedeutung, dass er es uns einprägt, so, dass wir es nicht wieder vergessen können: die Kirche ist geborgen in der freien, allmächtigen und gütigen Hand Gottes. Haben wir das auch schon gewusst? Den Worten nach sicher. Aber wir haben es vielleicht nicht so gewusst, dass es ernst ist, dass es giltbi: Die Kirche ist geborgen in der freien, allmächtigen und gütigen Hand Gottes.

Liebe Freunde, Sie würden mich sehr falsch verstanden haben, wenn Sie meinten, ich wollte Ihnen ein Triumph- und Siegeslied auf die Leistungen und Taten von irgendwelchen Menschen [singen], ich wollte die deutsche bekenntniskirchliche «Bewegung» rühmen. Ich denke nicht daran. Ich habe zu viele Menschen gesehen, die in diesem Kampf immer wieder versagten. Ich bin zu oft dabei gewesen, wenn die Ratlosigkeit und ⌜das⌝ Nichtmehrweiterwissen seinen Höhepunkt erreicht zu haben schien. Und es wird auch in Zukunft nicht so sein, dass man ein Heldenlied anstimmen kann auf die Männer der Bekenntniskirche, obwohl wahrhaftig Vieles zu sagen wäre über große verborgene und öffentliche Tapferkeit und Redlichkeit und Treue. bj-Es geht nicht darum.-bj

Es ist keine Frage, dass die deutsche Kirche in ihrem Kampf um das Bekenntnis noch durch schwere Prüfungen und Versuchungen wird gehen müssen, und es ist nicht unmöglich, dass sie eines Tages – sei es durch innere Ermüdung, sei es durch äußere Gewalt – unterliegen wird.

Aber selbst, wenn das geschehen sollte, – ⌜auch⌝ das liegt in Gottes Hand –, würden wir heute schon sagen können und sagen müssen, dass in diesen Jahren in diesem Kampf der deutschen Kirche eine |623 bk- überlegene Gewalt-bk sichtbar geworden ist, die die Kirche regiert und die sie hält und trägt auch unter menschlich gesprochen schwersten Umständen, auch gegenüber der Entfaltung letzter und schlimmster Möglichkeiten des Widerstandes von der Umwelt her.

Es ist vor einigen Wochen hier in der Schweiz in einer Zeitschrift ein Aufsatz erschienen über den deutschen Kirchenkampf, in welchem dargelegt wurde, es handle sich bei den beiden Gegnern, die sich da gegenüberstehen, schließlich nur um zweibl Totalitätsansprüche.63 Und zwar sei der der Kirche doch nur der übermütige Totalitätsan|624spruch einer gewissen neuernbm Theologie, und darum werde ein freidenkender Mensch in der Schweiz sich nicht allzu sehr dafür interessieren. Totalitätsansprüche könnten ihm, dem freien Schweizer, weder von der einen noch von der anderen Seite gefallen, und so gehe er am besten neutral zwischen beiden hindurch. – Gut, er möge das so halten. Ich kann ihm nur sagen: In der Tat, es geht um zwei Totalitätsansprüche. Aber er irrt, wenn er meint, es gehe dabei auf der einen Seite um den Anspruch einer Theologie.64 Wenn hier ein Anspruch auf den ganzen Menschen erfolgt, so ist das nicht der Anspruch einer Theologie, nicht einmal der Anspruch der Kirche und ihrer Lehre, nicht einmal der der heiligen Schrift, sondern ganz schlicht der des bn- Herrn der Kirche-bn, der auch der Herr des Himmels und der Erde ist. Es geht in diesem Kampf nicht um die Ehre und das Recht bestimmter Menschen, auch nicht darum, eine alte bo-oder neue Lehre aufzurichten oder-bo wieder aufzurichten mit ihrem Anspruch auf Alleingültigkeit, sondern es geht ohne allen Beigeschmack eines Parteistreites um die ⌜für alle Welt offenbarte und gültige⌝ Erkenntnis: Ich, ⌜in Jesus Christus der ewige Vater,⌝ der Herr Himmels und der Erden, bin dein Gott! ⌜Du bist mein [vgl. Jes. 43,1], und niemand soll dich aus meiner Hand reißen [vgl. Joh. 10,28], niemand soll und kann dich meinem Gebot entziehen und meinem Trost entfremden.⌝bp Es geht in dem Kampf um das Bekenntnis in Deutschland sehr schlicht um den Hinweis auf diesen Gott als auf den Herrn nicht einer Partei, sondern als den Herrn aller Menschen und alles Menschlichen, der der Richter ist über Leben und Tod, dem wir alle Verantwortung, dem wir alle unser Leben schuldig sind, ⌜weil angenommen durch Vergebung⌝. Meine |625 Freunde, ⌜das Merken auf diesen Totalitätsanspruch,⌝ der Appell an diesen Gott, der Schrei nach ihm, die Bitte von unzähligen gläubigen Herzen, die zu ihm emporgestiegen ist, das bq-war esbq, was in diesen Jahren sich lohntebr. Die Kraft, die die Kirche nötig hat zum Leben, ist eine in dieser schweren Zeit tatsächlich wunderbarbs und immer aufs Neue wunderbar geschenkte Kraft. Und wenn jenes Lied gesungen wurde, das in Deutschland in diesen Jahren so oft gesungen worden ist: «Erhalt uns Herr bei deinem Wort!»,65 dann ist die Erfahrung gemacht worden, das tut Gott, wenn wir ihn anrufen. Und dann dürftebt auch das Andere gebetet werden: «Der ewigreiche Gott woll uns in unserm Leben ein immer fröhlich Herz und edlen Frieden geben».66 Gott hat es gegeben. Die Menschen haben gesündigt, sie haben geirrt, sie sind unterlegen, sie haben sich als Schwache erwiesen, aber Gott ist sichtbar geworden, groß und stark, heilig und herrlich. –

Ich bin am Ende. Wir fragen uns, wie soll diese allgemeine kirchliche Bedeutung des deutschen Kirchenkampfes auch für uns fruchtbar gemacht werden? Ich möchte antworten: Liebe Freunde, hier gibt es gar nichts zu «machen». Hier gibt es sehr schlicht nur Eines: zu sehen und zu hören, wie die Dinge in Wirklichkeit sind. Wenn wir das sehen und hören, dann ist dieser Kampf auch für uns fruchtbar. Es muss uns klar sein, wir können dieser Sache nicht gegenüberstehen als Zuschauer, als Historiker, als unbeteiligte Kritiker. Wir sind an dieser Sache, so gewiss wir alle Glaubende sein möchten, beteiligt und haben nichts Anderes zu tun, als das Zeugnis, das uns diese kämpfende Kirche gibt, dankbar zu hören und wahr sein zu lassen. Was uns bevorsteht, was aus unserer schweizerischen evangelischen Kirche noch werden soll, das wissen wir nicht. Das steht bei Gott. Es können Tage der Entscheidung auch für die Christen in der Schweiz anbrechen. Wie dem auch sei: wir haben heute nichts Anderes zu tun, als die verwandelnde Kraft des Zeugnisses, das die deutsche Kirche uns gibt, |626 anzunehmen und dann als die, die dieses Zeugnis angenommen haben, fröhlich bereit zu sein. Bereit sein ist alles. Das Weitere wird Gottes Wort auch unter uns selber tun und Gottes Weltregierung, der wir die deutsche evangelische Kirche und unsere Kirche und uns selber, jeden Einzelnen in seinem Leben, getrost anbefehlen dürfen!

2.

Stichwortmanuskripte67

Erste Fassung (KBA 11114):
Zweite Fassung (KBA 11115):
Die allgemeine kirchliche Bedeutung des deutschen Kirchenkampfes Die allgemeine kirchliche Bedeutung des deutschen Kirchenkampfes
⌜1.⌝a «Deutscher Kirchenkampf»:
⌜a)⌝ Auseinandersetzung der deutschen ev[an]g[elischen] K[irche] seit 1933 mit
  • 1. Irrtum und Unordnung in ihrer eigenen Mitte
  • 2. Heidentum
  • 3. Staat (als Monopolträger auch für Religion, Weltanschauung, Recht, Sittlichkeit)
«Deutscher Kirchenkampf»:
a) Auseinandersetzungb der deutschen ev[angelischen] Kirche seit 1933 mit
  • 1. Irrtum und Unordnung in ihrer eigenen Mitte
  • 2. Heidentum (Säkularismus + Mythus)
  • 3. c-Nat[ional-]Soz[ialismus]:-c Totaler Staat, als Monopolträger auch für Religion, Weltanschauung, Sittlichkeit, Recht:
    «Du sollst keine andern …» d- Das der Kirchenkampf-d
627| ⌜b)⌝ Verteidigung ihrer Existenz als christl[ich]-evang[elische] Kirche b) Verteidigung ihrer Existenz als evang[elische], als christl[iche] Kirche. Betätigunge ihres Bekenntnisses in Lehre, Ordnung, Haltung. f-Nicht neue, sondern:-f
Erneuerung ihrer Erkenntnis der Freiheit des Wortes Gottes gegen menschliche Deutungen und Bindungen
Betätigung ihres Bekenntnisses in Lehre, Ordnung, Haltung
c) Erneuerungg ihrer Erkenntnis u[nd] ihres Bekenntnisses:
Freiheit des Wortes Gottes gegen menschl[iche] Deutungen.
Freiheit des Glaubens gegen menschl[iche] Bindungen.
Nicht nur kirchliche Bedeutung (beiläufig aber nachdrücklich!)
a) politisch:h Nicht polit[ische] Motive; aber polit[ischer] Faktor. Nat[ional]soz[ialistischer] Staat stiess auf Grenze u[nd] Widerspruch. Nötigung zu Veränderungen u[nd] Zurücknahmen. Kirche war u[nd] ist dieser Faktor.
b) kulturell:i Freiheit des Denkens, des Gewissens, der Rede nur in der Kirche. In der liberalen Epoche vertrat die Kirche die Sache der Autorität u[nd] der Gemeinschaft. Im Zeitalter des Autoritarismus u[nd] Kollektivismus ebenso notwendig die Sache der Freiheit.
Aber:j ohne Verständnis für kirchl[iche] Bedeutung sind diese Dinge nicht richtig zu sehen und zu würdigen.
628| «Allgemeine kirchliche Bedeutung»
⌜2.⌝ I. Interesse an deutschem Kirchenkampf
⌜a)⌝ a) wegen politischer Bedeutung für das Problem des nat[ional-]soz[ialistischen] Staates. Widerstand geleistet. Nötigung zu Veränderungen u[nd] Zurücknahme. k-Beiläufig [–] Non ut dicenda, sed ne tacenda [?] [:]-k Nicht also: polit[ische] Reaktion. Aber faktisch polit[ischer] Faktor: Grenzen des totalen Staates. Notieren!
⌜b)⌝ b) wegen kultureller Bedeutung für den Ausgleich zwischen Autorität u. Freiheit. In der liberalen Epoche vertrat die Kirche die Sache der bedrohten Autorität. Heute kraft derselben Notwendigkeit die Sache der bedrohten Freiheit. Notieren!
⌜3.⌝ II. Es giebt ferner eine
besondere Bedeutung dieses Kirchenkampfes für die deutsche Kirche.
Bisherige Resultate:
a) Bisheriger Glaube an das Staatskirchentum erschüttert; kommt so nicht wieder
b) Konfessionen nur lebendig, wenn in gemeinsamer Tat begriffen
c) Theologie muss kirchlich leben, Kirche theologisch handeln
d) Problem der Schule, der Presse, der gesellschaftl[ichen] Geltung sekundär gegenüber dem der Gemeindebildung durch das Wort.
Alle diese Erfahrungen sind beachtlich, aber nicht von «allgemeiner» kirchl[icher] Bedeutung. Fragen an alle Kirchen, aber Antworten zunächst nur für Deutschland.
«Allgemeine kirchl[iche] Bedeutung». Allgemein ist ein klärendes Beiwort. Kirchl[iche] Bedeutung = allgemeine kirchl[iche] Bedeutung. Nöte einer Kirche sind u[nd] werden die aller. Erkenntnisse u[nd] Entscheidungen sind Fragen an alle. Von ihrer Verheissung u[nd] Hoffnung leben alle. – Wir wären nicht Kirche, wenn wir nicht mitbetroffen u[nd] mitbewegt wären.
629| «Die allgemeine kirchliche Bedeutung des deutschen Kirchenkampfes»
⌜4.⌝ 1. Er hat gezeigtl, dass die Existenz der Kirche als chr[istliche] ev[angelische] Kirche heute innerlich u[nd] äusserlich akut gefährdet ist.m
⌜a)⌝ Heute: im Zeitalter n-des totalen Staates-n, des Übergangs vom liberalen zum autoritären Staats- u[nd] Gesellschaftssystem. Wissen um diese Gefährdung schon im Zeitalter des Liberalismus:o der autonome Mensch. Derselbe Feind offenbart sich gerade in, mit dem Anbruch dieser scheinbar neuen Zeit.
⌜b)⌝ Akut: p-Warum jetzt?!-p Was unter Absolutismus, Bismarck, Demokratie von 1918 nicht möglich war, wurde es jetzt: Bedrohung der Substanz der Kirche durch ein fremdes relig[iöses] Pathos, eine neue Kirche. Von aussen und von innen!
⌜c)⌝ Aufgedeckt: allgemeine Möglichkeit eines q- antikirchlichen Ansturms-q gerade im Zusammenhang mit der von vielen ersehnten u[nd] begrüssten Zeitwende. Der autonome Mensch kommt gerade im Zeichen der Autorität erst recht zur Blüte! Zwingt die Kirche, sich selbst aufzugeben oder zurückzukehren in die Situation des Leidens u[nd] Bekennens.
I: Die Existenz der chr[istlichen] Kirche als solche ist heute akut gefährdet
Immer gefährdet? Auch im Zeitalter des Liberalismus:r der Mensch als autonomes Individuum in Auflehnung gegen die göttl[iche] Bindung, gegen Erkenntnis der Sünde, gegen die Gnade, gegen Offenbarung. Ja!
Heute Wendung zum s- autoritären, kollektiven-s System. t-Offene Türen! Jeder erfährt es.-t Zeitwende von vielen begrüsst als religiöse Erneuerung: Ehrfurcht, Gehorsam, Ordnung?
Faktisch gerade jetzt ( – nicht vorher! – ) Aufleben einer u- neuen Religion-u. Staat als Kirche mit allem Zauber von Prophetie, Mystik, Kultus. Glaube an das Kollektiv. Mensch in seiner Natürlichkeit und Geschichtlichkeit. Jetzt erst Bedrohung der Kirche als Kirche Gottes. Jetzt erst Entscheidung zu Bekenntnis. Widerspruch ist reif geworden.
630| ⌜5.⌝ 2. Er hat gezeigt, dass die Kirche dieser Gefährdung nicht nur widerstehen, sondern sich gerade in ihr konsolidieren kann.v
⌜a)⌝ Gezeigt: Es war nötig. Kirch­l[icher] Defaitismus gegenüber dem Denken, der Sittlichkeit, der Haltung des modernen europäischen Menschen. Apologetik u[nd] Propaganda auf dem Hintergrund der Sorge. Wird die Kirche (die ev[an]g[elische] K[irche]!) bestehen?
⌜b)⌝ Tatsache des Widerstandes: Versuchung zunächst übermächtig; alte Fehler rächten sich. Aber Bibel war nicht umsonst auf dem Plan, auch Erinnerung an Luther u[nd] Calvin, auch Gemeinden u[nd] Pfarrer. Kirche war auch im Exil nicht erstorben, konnte sich noch aufraffen.
⌜c)⌝ Tatsache der Erneuerung: Not lernte beten, die alten Quellen neu aufsuchen. Erkenntnis unsrer Not; Bekenntnis zu unsrer Hilfe. Sammlung der heute Glaubenden. Neue Orientierung u[nd] Bewegung gerade unter dem Druck.
II. Die Kirche kann dieser Gefährdung nicht nur widerstehen, sondern sich in der Gefährdung neu konsolidieren.
Wussten wir es: die Pforten zur Hölle …? Doch auch viel Defaitismusw gegenüber dem Denken, der Moral, der Unkirchlichkeit des mod[ernen] Menschen (gerade als er noch selber ungefährdet war!) Apologetik u[nd] Propaganda. Wenig Zuversicht, nötige Sachlichkeit! – Heute akute Gefährdung, und nun:
Widerstand:x Versuchung zunächst übermächtig. Alte Fehler rächten sich. Unsicherheit u[nd] Uneinigkeit. Aber Bibel, Reformation, Pfarrer u[nd] Gemeinden! Kirche konnte noch Nein sagen u[nd] hat es getan unter schwierigsten innern u[nd] äussern Umständen.
Erneuerung:y Blosse Wiederholung half hier nichts, Unsicherheit gerade der konservativ Konfessionellen. Aber Not lehrte beten, die Bibel lesen, verstehen, auslegen. Gleichzeitigkeit: Unsere Not, unsere Hilfe, unser Glaube. Von da aus eigenes Wort und Versuche eigener Gestaltung. Theol[ogen] lernten kirchlich denken, Kirche theol[ogisch] handeln!
631| ⌜6.⌝ 3. Er hat gezeigt, dass die Kirche, z-wenn sie leben will,-z von der Schrift leben und von der Schrift leben muss.aa
⌜a)⌝ Gezeigt: Auch das nötig! Unsicherheit des kirchl[ichen] Wissens u[nd] Wollens.
⌜b)⌝ Von der Schrift leben: Nicht von Vernunft, Volkstum, kirchl[icher] Tradition, Konfession. Hören auf das proph[etisch]-apost[olische] Zeugnis. Eben hier droht Gefährdung. Eben hier die Hilfe, ohne die kein Widerstand u[nd] keine Erneuerung.
⌜c)⌝ Von der Schrift leben: Keine Theorie, sondern immer neue Entscheidung gegenüber immer erneuten Angeboten (Reichsbischof, Zwangsverwaltung, Kompromisse, Kirchenausschüsse – Nationalkirche?) Erkenntnis fordert Gehorsam.
III. Die Kirche darf von der Schrift leben und sie darf von der Schrift leben.
Schon gewusst? Ja, als Gesetz: so müsste es sein! Aber nicht als Dürfen, als Gnade, als Freiheit. Schrift u[nd] Gehorsam gegen sie war überkommene Ordnung; daher kommende [?] Überholung. Das Herz auch u[nd] ganz anderswo!
Von der Schriftab leben: Vernunft u[nd] Kultur verpönt. Volkstum u[nd] neue Religion. Kirchl[iche] Tradition: ohnmächtig gegen lebendige Gegenkirche der Gegenwart. – Bibel blieb übrig, als Alles versagte, Bibel war Kraft des Widerstandes u[nd] der Erneuerung.
Von der Schrift leben:ac Gebrauch machen: Wenn ich nur dich habe … Dennoch bleibe ich … Gebrauch nicht in Gedanken, sondern in Entscheidungen. Öfters Versagen! Aber: Siegreich gegen Reichsbischof, Jaeger, Kirchenausschüsse, Nationalkirche (obwohl Staat u[nd] Partei hinter Allen![)] Gehorsam die einfachste und praktischste Lösung.
632| ⌜7.⌝ 4. Er hat gezeigt, dass das Wort Gottes wirklich frei ist.ad
⌜a)⌝ Kein Triumph von Menschen od[er] menschl[ichen] Organisationsformen. Beide haben versagt und werden noch viel Prüfung zu bestehen haben. Äussere Niederlage durch Gewalt oder Ermüdung möglich.
⌜b)⌝ Aber höhere Gewalt wurde sichtbar unter schwierigsten Umständen und Entfaltung letzter Möglichkeiten des autonomen Menschen: das Wort Gottes, das sich nicht deuten, noch binden lässt. Bekenntnis u[nd] bekennende Haltung haben Unzählige über sich selbst erhoben u[nd] stark gemacht. Beweis des Geistes u[nd] der Kraft. Triumph des Herrn der Kirche.
IV. Die Kirche ist geborgen in der freien allmächtigen u[nd] gütigen Hand Gottes.
Kein Triumph von Menschen, Bewegungen u[nd] Organisationen. Das Alles hat versagt, wird noch viel Prüfung zu bestehen haben und vielleicht selber doch der Gewalt oder der Ermüdung unterliegen.
Selbst dann ist hier eine höhere Gewalt sichtbar geworden in schwierigsten Umständen u[nd] gegenüber der Entfaltung letzter Möglichkeiten des autonomen Menschen: Totalitätsanspruch? Theologie? Weder – noch? Aber hier ging es nicht um Ehre, Geltung, Rechthabe von Menschen. Auch nicht um «Orthodoxie» u[nd] Biblizismus. Also nicht um Parteistreit! Aber um das Hören auf Gott als den Herrn aller Menschen u[nd] alles Menschlichen. Dieser Appell hat sich gelohnt: die Kraft war u[nd] ist da. Erhalt uns Herr bei deinem Wort …! Der ewig reiche Gott …! Er triumphierte auch in Sünde, Leid u[nd] Unterliegen der Bekenner.
⌜8.⌝ Wie ist diese allgemeine kirchliche Bedeutung des deutschen Kirchenkampfes fruchtbar zu machen?
Ist sie ein Zeugnis dieser Kirche an alle Kirchen und also eine Verkündigung des Wortes Gottes, dann braucht sie nur eingesehen zu werden, um schon fruchtbar zu sein. Zuschauer? Nein: nostra res agitur. Wahr sein lassen und dankbar sein. Das Weitere tut Gottes Geist und Weltregierung.
Wie ist diese allgem[eine] kirchl[iche] Bedeutung des deutschen Kirchenkampfes fruchtbar zu machen?
Hier ist nichts zu machen. Hier gilt es nur zu sehen und zu hören, dann ist sie fruchtbar.
Klar sein: Nicht Zuschauer u[nd] Historiker, sondern Glaubende, die das Zeugnis dieser Kirche dankbar wahr sein lassen.
Wir wissen nicht, was uns bevorsteht?
633| Wir können als die wandelnde Kraft dieses Zeugnisses offen und dann für Alles bereit sein!
Das Weitere tut Gottes Wort u[nd] Weltregierung, der sich die deutsche ev[an]g[elische] K[irche] u[nd] unsre Kirche getrost befehlen dürfen.

Textkritische Fußnoten

a-a
Eine am Rand in Bleistift vermerkte Nummerierung («2. / 1.») ist nicht eindeutig, könnte aber darauf hindeuten, dass Barth die Reihenfolge dieser Sätze vertauschen, den ersten an das Ende stellen wollte. Dies wurde in der in Tskr. 3 vorliegenden Abschrift nicht umgesetzt und wird, da ansonsten, um wieder zu einer sinnvollen Formulierung der Aufzählung zu gelangen, noch weitere Eingriffe vorgenommen werden müssten, auch in dieser Edition nicht beachtet.↩
b
Mit Bleistiftunterstreichung hervorgehoben ( Überarbeitung 2), wie bei fast allen weiteren solchen Unterstreichungen fehlt diese Hervorhebung in Tskr. 2 (s. dazu oben, Einleitung).↩
c
Mit Bleistiftunterstreichung hervorgehoben ( Überarbeitung 2).↩
d
Mit Bleistiftunterstreichung hervorgehoben ( Überarbeitung 2).↩
e
Mit Bleistift korrigiert aus: «die Kirche» ( Überarbeitung 2); die ursprüngliche Fassung findet sich, wie fast immer bei solchen Korrekturen, in Tskr. 2.↩
f-f
Mit Bleistiftunterstreichung hervorgehoben ( Überarbeitung 2).↩
g-g
Mit Bleistiftunterstreichung hervorgehoben ( Überarbeitung 2).↩
h-h
Nachträglich mit Tinte eingefügt; «weltliche» dabei nachträglich eingefügt anstelle von «allgemeine» ( Überarbeitung 1).↩
i
Mit Bleistift in Ziffernform hinzugefügt: «1.» ( Überarbeitung 2).↩
j-j
Nachträglich mit Tinte hinzugefügt ( Überarbeitung 1).↩
k
Nachträglich mit Tinte hervorgehoben ( Überarbeitung 1, jedoch nicht in Tskr. 2 übernommen).↩
l-l
Diese Bleistiftkorrektur ist in der Art einer erläuternden Marginalie zu Beginn des Absatzes am Rand vermerkt ( Überarbeitung 2).↩
m-m
Ursprünglich: «reden, sofern es einfach Tatsache ist»; durch Bleistift-Streichung in den obenstehenden Text geändert ( Überarbeitung 2).↩
n-n
Mit Tinte korrigiert aus: «die politische und die kulturelle» ( Überarbeitung 1).↩
o-o
Nachträglich mit Tinte hervorgehoben ( Überarbeitung 1, jedoch nicht in Tskr. 2 übernommen).↩
p
Mit Bleistift eingefügt anstelle von «Die» ( Überarbeitung 2).↩
q
Fehlt in Tskr. 3.↩
r
Alle Hervorhebungen im Satz sind nachträglich mit Bleistift vorgenommen ( Überarbeitung 2).↩
s-s
Mit Bleistiftunterstreichung hervorgehoben ( Überarbeitung 2).↩
t-t
Mit Bleistiftunterstreichung hervorgehoben ( Überarbeitung 2).↩
u-u
Dieser Teil der Hinzufügung ist auch in Tskr. 2 übernommen ( Überarbeitung 1 / teils Überarbeitung 2).↩
v-v
Mit Bleistiftunterstreichung hervorgehoben ( Überarbeitung 2).↩
w-w
Mit Bleistiftunterstreichung hervorgehoben ( Überarbeitung 2).↩
x
Mit Bleistiftunterstreichung hervorgehoben ( Überarbeitung 2).↩
y
Die Ergänzung fehlt in Tskr. 3.↩
z-z
Mit Bleistiftunterstreichung hervorgehoben ( Überarbeitung 2).↩
aa
Mit Bleistift eingefügt anstelle von: «Propaganda»; in Tskr. 2 übernommen ( Überarbeitung 1).↩
ab-ab
Tskr. 3: «Umbruch des».↩
ac-ac
Mit Bleistift eingefügt anstelle von: «der»; in Tskr. 2 übernommen ( Überarbeitung 1).↩
ad-ad
Mit Bleistiftunterstreichung hervorgehoben ( Überarbeitung 2).↩
ae
Mit Bleistiftunterstreichung hervorgehoben ( Überarbeitung 2).↩
af
Mit Bleistiftunterstreichung hervorgehoben ( Überarbeitung 2).↩
ag
Mit Bleistiftunterstreichung hervorgehoben ( Überarbeitung 2).↩
ah-ah
Mit Bleistiftunterstreichung hervorgehoben ( Überarbeitung 2).↩
ai-ai
Fehlt in Tskr. 3; in Tskr. 1 sind alle Hervorhebungen mit Bleistift vorgenommen ( Überarbeitung 2).↩
aj-aj
Alle Hervorhebungen in diesen Sätzen sind mit Bleistift vorgenommen ( Überarbeitung 2).↩
ak-ak
Mit Bleistiftunterstreichung hervorgehoben ( Überarbeitung 2).↩
al
Mit Bleistiftunterstreichung hervorgehoben ( Überarbeitung 2).↩
am-am
Mit Bleistift korrigiert aus: «lehrte sie neu verstehen»; Tskr. 2: «lehrte sie neu zu verstehen»; Tskr. 3: «lehrte, sie neu zu verstehen» ( Überarbeitung 1 / 2).↩
an
Mit Bleistiftunterstreichung hervorgehoben ( Überarbeitung 2).↩
ao
Mit Bleistiftunterstreichung hervorgehoben ( Überarbeitung 2).↩
ap
Mit Bleistiftunterstreichung hervorgehoben ( Überarbeitung 2).↩
aq
Mit Bleistiftunterstreichung hervorgehoben ( Überarbeitung 2).↩
ar
Anders als in den übrigen Ausführungen ist die Zählung hier im Original nicht hervorgehoben; von den Hrsg. in Angleichung an den übrigen Text und in Übereinstimmung mit Tskr. 2 und 3 korrigiert.↩
as-as
Mit Bleistiftunterstreichung hervorgehoben ( Überarbeitung 2).↩
at-at
Fehlt in Tskr. 3.↩
au
Die Einklammerung und das Ausrufezeichen sind mit Bleistift nachgetragen ( Überarbeitung 2).↩
av
Mit Bleistift nachgetragen anstelle von: «Gnade und Freiheit» ( Überarbeitung 2).↩
aw
Mit Bleistiftunterstreichung hervorgehoben ( Überarbeitung 2).↩
ax-ax
Beide Hervorhebungen sind mit Bleistift vorgenommen ( Überarbeitung 2).↩
ay
Mit Bleistiftunterstreichung hervorgehoben ( Überarbeitung 2).↩
az
Mit Bleistiftunterstreichung hervorgehoben ( Überarbeitung 2).↩
ba
Mit Bleistiftunterstreichung hervorgehoben ( Überarbeitung 2).↩
bb-bb
Mit Bleistift eingefügt anstelle von (nochmaligem): «gebrauchen» ( Überarbeitung 2).↩
bc
Ursprünglich: «menschliche Theorie»; noch vor der nachfolgenden Satzergänzung wurde «menschliche» mit Tinte gestrichen ( Überarbeitung 1).↩
bd
Mit Bleistiftunterstreichung hervorgehoben ( Überarbeitung 2).↩
be
Mit Bleistiftunterstreichung hervorgehoben ( Überarbeitung 2).↩
bf
Tskr. 2: «es ausgehalten»; so ursprünglich auch in Tskr. 1, dort aber bereits mit der Maschine gestrichen.↩
bg
Mit Bleistiftunterstreichung hervorgehoben ( Überarbeitung 2).↩
bh
Mit Tinte korrigiert aus: «Versuchungen» ( Überarbeitung 1).↩
bi
Mit Bleistiftunterstreichung hervorgehoben ( Überarbeitung 2).↩
bj-bj
Fehlt in Tskr. 3.↩
bk-bk
Mit Bleistift hervorgehoben und korrigiert aus: «höhere Gewalt» ( Überarbeitung 2).↩
bl
Mit Bleistiftunterstreichung hervorgehoben ( Überarbeitung 2).↩
bm
Mit Bleistift korrigiert aus: «neuen» ( Überarbeitung 2).↩
bn-bn
Mit Bleistiftunterstreichung hervorgehoben ( Überarbeitung 2).↩
bo-bo
Mit Bleistift korrigiert aus: «Orthodoxie» ( Überarbeitung 2).↩
bp
Die Einfügung erfolgte mit Bleistift anstelle von: «Ich bin der Herr dein Gott, du sollst keine anderen Götter haben neben mir!» ( Überarbeitung 2).↩
bq
Mit Tinte korrigiert aus: «ist» ( Überarbeitung 1).↩
br
Mit Bleistiftunterstreichung hervorgehoben ( Überarbeitung 2).↩
bs
Mit Bleistiftunterstreichung hervorgehoben ( Überarbeitung 2).↩
bt
Mit Bleistift korrigiert aus: «darf» ( Überarbeitung 2).↩
a
Die in Häkchen gefasste Gliederungsstruktur ist nachträglich mit Bleistift am rechten Rand des Textes hinzugefügt worden.↩
b
Zusätzlich auch rot unterstrichen.↩
c-c
Nachträglich mit Bleistift hinzugefügt.↩
d-d
Nachträglich mit Bleistift hinzugefügt.↩
e
Zusätzlich auch rot unterstrichen.↩
f-f
Nachträglich mit Bleistift hinzugefügt.↩
g
Zusätzlich auch rot unterstrichen.↩
h
Zusätzlich auch rot unterstrichen.↩
i
Zusätzlich auch rot unterstrichen.↩
j
Zusätzlich auch blau unterstrichen.↩
k-k
Nachträglich mit Bleistift hinzugefügt; mit einer Klammer ist kenntlich gemacht, dass die Einfügung sich auf die beiden nächsten kurzen Sätze («Nicht also: … Faktor:») beziehen soll.↩
l
Nachträglich eingefügt anstelle von «aufgedeckt» und mit Bleistift unterstrichen.↩
m
Der Satz ist rot unterstrichen.↩
n-n
Nachträglich eingefügt anstelle von «Hitlers und Mussolinis».↩
o
Nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
p-p
Nachträglich mit Bleistift hinzugefügt.↩
q-q
Nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
r
Zusätzlich auch rot unterstrichen.↩
s-s
Zusätzlich auch rot unterstrichen.↩
t-t
Nachträglich mit Bleistift hinzugefügt.↩
u-u
Zusätzlich auch rot unterstrichen.↩
v
Der Satz ist rot unterstrichen.↩
w
Zusätzlich auch rot unterstrichen.↩
x
Zusätzlich auch rot unterstrichen.↩
y
Zusätzlich auch rot unterstrichen.↩
z-z
Nachträglich mit Bleistift eingefügt.↩
aa
Der Satz ist rot unterstrichen.↩
ab
Zusätzlich auch rot unterstrichen.↩
ac
Zusätzlich auch rot unterstrichen.↩
ad
Der Satz ist rot unterstrichen.↩

Sachfußnoten

4
Vgl. oben, S. 533–539 und S. 579–581.↩
5
Imre Szabó (1891–1955), seit 1918 Pfarrer in Budapest, später Bischof der reformierten Diözese Budapest.↩
6
Brief I. Szabós an Barth vom 29.8.1936 (KBA 9336.694).↩
7
Ebd.↩
8
Vgl. Brief Barths an I. Szabó vom 4.9.1936 (KBA 9236.216).↩
9
Ch. von Kirschbaum, Brief über unsere Herbstreise in den Osten (Ungarn und Siebenbürgen 1936), eingeleitet und erläutert von Á. Ferencz (Schriftenreihe der Karl Barth-Gesellschaft, H. 5), Bünde 2000, S. 57. 📖 ↩
10
Diese Absicht geht aus einem Brief Barths an S. Ágoston vom 16.9.1936 (KBA 9236.238) hervor. Ágoston war Pfarrer und reformierter Bischof im jugoslawischen Feketič, wo Barth ursprünglich ebenfalls Station machen und unter anderem diesen Vortrag halten wollte, was aufgrund der vorzeitigen Heimreise Rudolf Pestalozzis unmöglich wurde (vgl. oben, S. 537f.). Die Bitte Ágostons um vorzeitige Zusendung des Vortragstextes (vgl. seinen Brief an Barth vom 9.9.1936 [KBA 9336.718]) beschied Barth mit dieser Begründung negativ.↩
11
Taschenkalender Ch. von Kirschbaum, Eintrag vom 9.10.1936.↩
12
Ch. von Kirschbaum, Brief über unsere Herbstreise (Anm. 6), S. 57 📖; vgl. Taschenkalender Ch. von Kirschbaum, ebd ↩
13
Hermann Grossmann (1890–1972), 1926–1956 Pfarrer am Fraumünster in Zürich. Im Jahr 1913 hatte er – damals noch ohne eigenes Pfarramt – Barth während dessen Hochzeitsferien in Safenwil vertreten.↩
14
Grossmann hatte Barth in einem Brief vom 30.9.1936 darum gebeten, den in Rifferswil gehaltenen «Vortrag über die kirchlichen Vorgänge in Deutschland» (gemeint ist: Was haben uns die kirchlichen Vorgänge in Deutschland zu sagen?; vgl. oben, S. 511–532) im Fraumünster zu wiederholen «oder über ein anderes Thema zu uns zu reden» (KBA 9336.776); aus seinem Dankschreiben für Barths Zusage geht hervor, dass Barth ihm anstelle des vorgeschlagenen das Thema des Budapester Vortrags genannt hatte (vgl. Brief Grossmanns an Barth vom 27.10.1936 [KBA 9336.846]). Grossmann bot Barth in diesem Brief ebenfalls ein Nachtessen oder auch eine Übernachtung im Pfarrhaus an und ­verband damit einen Wunsch: «Ich würde mich gerne wieder einmal theologisch und allgemein menschlich mit Ihnen aussprechen, was seit Safenwil nicht mehr geschehen ist.»↩
15
Paul Etter (1895–1970), seit 1926 Pfarrer in Brugg AG.↩
16
Vgl. Taschenkalender Ch. von Kirschbaum, Eintrag vom 28.11.1936. – Weder die Anfrage Etters noch Barths Zusage sind erhalten; in einem Brief an Barth vom 12.11.1936 (KBA 9336.876) dankt Etter jedoch für die Zusage und gibt ihm genaue Hinweise für die An- und Abreise nach Brugg.↩
17
Vgl. das Schreiben F. Vischer-Stae­helins an Barth vom 3.11.1936 (KBA 9336.858), in dem er auf ein Gespräch Barths mit Thurneysen Bezug nimmt und ihm für die dort bekundete Bereitschaft dankt, einen Vortrag zum Thema «Was für Lehren ziehen wir aus dem deutschen Kirchenkampfe?» zu halten. Felix Vischer-Stae­helin (1891–1970), Dr. jur., als Prokurist und zuletzt im Direktorium bei der Basler Versicherungsgesellschaft / Bâloise tätig, war der Schwager John E. Stae­helin-Iselins (1891–1969; seit 1929 Prof. für Psychiatrie und Direktor der psychiatrischen Anstalt Friedmatt in Basel), der ein enger Freund Thurneysens war. Auf dem Schreiben Vischer-Steahelins notierte Barth selbst als Alternativen die Titel des zuerst in Rifferswil gehaltenen (s. oben, Anm. 11) und des Budapester Vortrags; der letztere Titel ist unterstrichen, was wohl als Zeichen der Entscheidung für diesen Vortrag zu verstehen ist.↩
18
Vgl. die Barth erreichenden Schreiben von E. Jeanneret vom 7. und 18.12.1936 (KBA 9336.943 und KBA 9336.972) und von M. Pasche vom 5.1.1937 (KBA 9337.6).↩
19
Vgl. Brief H. Meylans an Barth vom 9.1.1937 (KBA 9337.12). – Henri Meylan (1900–1978) war seit 1928 Prof. für Kirchen- und Dogmengeschichte in Lausanne und 1937 Dekan der Theologischen Fakultät.↩
20
Vgl. Brief E. Jeannerets vom 7.12.1936 (Anm. 15).↩
21
Brief M. Pasches an Barth vom 5.1.1937 (Anm. 15).↩
22
Taschenkalender K. Barth, Eintrag vom 16.1.1937.↩
23
Taschenkalender Ch. von Kirschbaum, Eintrag vom 17.1.1937.↩
24
Taschenkalender K. Barth, Eintrag vom 17.1.1937.↩
25
Brief H. Roths an Barth vom 10.1.1937 (KBA 9337.13).↩
26
Es ist denkbar, dass Barth bei der Abreise nach Ungarn das erste ausgearbeitete Manuskript zu Hause vergessen hat und daher für seinen Vortrag in Budapest ein neues schreiben musste, beide Manuskripte also vor dem ersten Halten des Vortrags entstanden sind; möglich ist jedoch auch, dass Barth für die Vorträge in der Schweiz eine neue Vorlage geschrieben hat.↩
27
In Zürich ging sie während des Vortrags mit Gerty Pestalozzi spazieren (vgl. Taschenkalender Ch. von Kirschbaum, Eintrag vom 22.11.1936), nach Brugg fuhr Barth nur in Begleitung seines Sohnes Markus (s. oben; vgl. a.a.O., Eintrag vom 28.11.1936).↩
28
Siehe unten, S. 605.↩
29
Typoskript-Abzüge, je sechs Seiten, engzeilig beschrieben; auf einem Exemplar findet sich rechts oben auf der ersten Seite in Ch. von Kirschbaums Handschrift der Hinweis: «Eduard», und unter der Überschrift die nähere Bestimmung: «Vortrag von Karl Barth, gehalten im Dez. 1936 in Basel. Auf der Doublette findet sich, in derselben Handschrift, der bei der Datumsangabe nicht korrekte Untertitel: «Vortrag von Karl Barth, gehalten zu Basel 4.12.1936».↩
30
Dieses Tskr. umfasst acht eng beschriebene Seiten und ist als Durchschlag erhalten. Auf wen dieses Typoskript zurückgeht, ist nicht erkennbar. Die recht vielen in ihm enthaltenen Tippfehler und auch die inhaltlich überwiegend nicht gut als Fortentwicklung des Textes erklärbaren Auslassungen gegenüber den Tskr. 1 und 2 lassen es unwahrscheinlich erscheinen, dass es sich um eine von Charlotte von Kirschbaum angefertigte oder sonst autorisierte Abschrift handelt.↩
31
K. Barth, The knowledge of God and the service of God according to the teaching of the reformation. Recalling the Scottish Confession of 1560. The Gifford Lectures delivered in the University of Aberdeen in 1937 and 1938, translated by J. L. M. Haire / I. Henderson, London 1938 📖.↩
32
Brief Barths an L. Cutts vom 26.11.1936 (KBA 9236.301).↩
33
Brief L. Cutts’ an Barth vom 30.11.1936 (KBA 9336.924).↩
34
Vgl. Brief L. Cutts’ an Barth vom 18.12.1936 (KBA 9336.973): «I think you may just like to know that we hope to print in an important position the article you sent me …» ↩
35
Karl Barth on the German church conflict. Its significance for the world, in: The British Weekly. A journal of social and christian progress, Vol. 110, 31.12.1936, p. 333.336 📖. – Die englische Übersetzung geht eindeutig auf Tskr. 2 zurück; sie enthält die Tinten-, aber nur die wenigen ersten Bleistiftkorrekturen an Tskr. 1.↩
36
Vgl. oben, S. 582.↩
37
K. Barth, A német egyházi harc egyetemes egyházi jelentösége, in: ders. / I. Révész, Az egyház jelene és jövöje. Három elöadás (Az igazság és élet füzetei, 9), Debrecen 1937, S. 19–29 📖.↩
38
K. Barth, Pourquoi le conflit ecclésiastique allemand intéresse-t-il l’église tout entière?, in: In extremis. Cahiers périodiques, 1937, No. 1, p. 11–22 📖. – Die Übersetzung Leubas scheint auf Tskr. 3 zu fußen, denn die dort gegenüber Tskr. 1 und Tskr. 2 ausgelassenen Sätze und Satzteile finden sich auch hier nicht. Zu den weiteren eingangs genannten Übersetzungen s. Bibliographie Karl Barth, erarbeitet von H. M. Wildi, Bd. 1: Veröffentlichungen von Karl Barth, hrsg. von H.-A. Drewes, Zürich 1984, S. 140 📖.↩
39
Vgl. oben, bes. S. 221–235, S. 326–376 und S. 479–492.↩
40
Als einen Ursprung dieses Widerstandes benennt Barth in Prot.Theol., S. 211 📖, Gotthold Ephraim Lessings Veröffentlichung von Fragmenten, die Hermann Samuel Reimarus (1694–1768) verfasst hatte: «sie entwickelten in einer in der bisherigen öffentlichen Diskussion jedenfalls in Deutschland noch nicht dagewesenen Schärfe eine grundsätzliche Bestreitung der Notwendigkeit und Möglichkeit aller, besonders aber auch der biblisch-christlichen Offenbarung auf dem Hintergrund des durchgeführten Begriffs einer rein natürlichen […] Religion, die allen geschichtlichen, positiven, angeblich geoffenbarten Religionen zugrunde liege, die in ihnen allen mehr oder weniger verdorben sei und auf die eine vernünftige Verehrung Gottes darum von allen Seiten zurückzugehen habe».↩
41
Zum hier angesprochenen «Neuheidentum», das in Alfred Rosenbergs «Der Mythus des 20. Jahrhunderts» 📖 seinen wirksamsten Ausdruck fand, vgl. oben S. 362, Anm. 110, und S. 370.↩
42
Es wird kein Zufall sein, dass Barths Aufzählung den Punkten III bis VI der Denkschrift der Vorläufigen Leitung der Deutschen Evangelischen Kirche an den Führer und Reichskanzler vom 28. Mai 1936 (Text: Dokumente des Kirchenkampfes II/1, S. 695–703, dort S. 698–702 📖; s. auch unten, S. 747–749) entspricht, in denen die Missstände deutlich benannt wurden: «III. Zerstörung der kirchlichen Ordnung […] IV. Entkonfessionalisierung […] V. Nationalsozialistische Weltanschauung […] VI. Sittlichkeit und Recht».↩
43
Zu entsprechenden Vorwürfen vgl. etwa V.u.kl.A. 1934–1935 📖, S. 160, Anm. 19 (Propagandaministerium)S. 161, Anm. 22 (Ludwig Müller); auch der württembergische Landesbischof Theophil Wurm (1868–1953) sprach etwa in einem Rundbrief zur Lage an die Dekanats- und Pfarrämter vom 28.10.1935 von den «immer wieder in der Öffentlichkeit erhobenen Vorwürfen […], als stehe hinter dem Ringen der Bekennenden Kirche um die Grundlagen, die Verkündigung und die Erneuerung der Kirche politische Reaktion und staatsfeindliche Gesinnung» (Abdruck: Dokumente des Kirchenkampfes II, S. 41–43, Zitat dort S. 43 📖 ↩
44
Vgl. zur implizit notwendig politischen Dimension kirchlichen Redens schon K. Barth, An Michael M. Hoffmann, Berlin [1932], in: O.Br. 1909–1935, S. 229–234, dort S. 233 📖: «Die Verkündigung der Kirche ist per se politisch, sofern sie die in der Unordnung befindliche heidnische Polis zur Verwirklichung von Recht aufzurufen hat. Gut ist sie dann, wenn es das konkrete Gebot Gottes, ungut ist sie dann, wenn es die abstrakte Wahrheit einer politischen Ideologie ist, was sie vertritt.» Auch in Theologische Existenz heute!, in: V.u.kl.A. 1930–1933, S. 271–363, dort S. 280f. 📖, interpretierte Barth sein Vorhaben, auch 1933 weiter Theologie zu treiben, «als wäre nichts geschehen», als «jedenfalls eine kirchenpolitische und indirekt sogar eine politische Stellungnahme».↩
45
Beispiele bringt Barth weiter unten im Text: die Abwehr Ludwig Müllers, August Jägers und damit ihrer Pläne zu «Gleichschaltung» der evangelischen Kirche (1933/34), den Widerstand gegen die Kirchenausschüsse (1935/36).↩
46
Den Gedanken, dass die Kirche in der Zeit der Herrschaft von Neuprotestantismus und Liberalismus auf Seiten der Autorität, nun aber gegen den herrschenden Autoritarismus auf Seiten der Freiheit zu stehen habe, breitet Barth ausführlicher aus in KD II/1, S. 743–749 📖.↩
47
Gemeint ist die Verfolgung der russisch-orthodoxen Kirche und anderer Glaubensgemeinschaften nach der Oktoberrevolution, insbesondere in den Jahren 1921/22 (vgl. F. Haase, Art. «Russland», in: RGG2 IV, Sp. 2165–2172, dort: Sp. 2171f. 📖 [Lit.]; Das Notbuch der russischen Christenheit, hrsg. von K. Cramer u. a., Berlin 1930) 📖.↩
48
Seit dem späten 19. Jahrhundert entwickelten sich gegenüber alten konservativen Vorstellungen organisch gewachsener Gesellschaften, die aus in gegenseitiger Gebundenheit stehenden Individuen bestehen, Ideologien, die den Einzelnen in eine undifferenzierte Masse überführen wollten, in der der Einzelne hinter den notwendig zu erteilenden Befehlen eines charismatischen Führers verschwinden müsse. Zu den Vordenkern eines solchen autoritätsaffinen Massedenkens, das auch faschistischen und nationalsozialistischen Gedanken den Weg bereitete, gehörte in der protestantischen Theologie – trotz seines Willens, den Glauben im Individuum zu begründen – Friedrich Gogarten; vgl.L. Kratzert, Theologie zwischen Gesellschaft und Kirche. Zur nationalen Prägung von Gesellschaftslehren deutscher und schweizerischer Theologen im 20. Jahrhundert (ChrKu 14), Zürich 2013, S. 133–136. 📖 ↩
49
Von «Krisenrecht» sprach man in der Schweiz der 1930er Jahre im Blick auf erlassene rechtliche Regelungen zur Bewältigung der auch die Schweiz betreffenden Weltwirtschaftskrise. In der Diskussion um die Abänderung der Wirtschaftsbestimmungen der Bundesverfassung war in einer Motion etwa die Rede davon, «das heute noch geltende sogenannte Krisenrecht und das Recht der dringlichen Bundesbeschlüsse […] in Einklang» zu bringen «mit der gegenwärtigen Bundesverfassung» (Schweizer Bundesblatt, Jg. 89, Bd. II, Nr. 37, 15.9.1937, S. 877 📖). Noch im September 1936 war, um die Folgen der Frankenabwertung (s. dazu oben, S. 537) abzumildern, per «Verfügung des Eidgenössischen Volkswirtschaftsdepartementes […] die generelle Preisüberwachung» eingeführt und die «Erhöhung der Preise von Waren jeder Art, der im Bundesratsbeschluss genannten Preis- und Honorartarife, sowie der Miet- und Pachtzinsen dem Bewilligungsverfahren unterstellt» worden (vgl. W. Hug, Die Preiskontrolle in der Schweiz, in: Schweizerische Zeitschrift für Statistik und Volkswirtschaft, Jg. 74, 1938, S. 355–378, dort S. 362 📖). – Daran, dass das Departement mit dieser und anderen Verordnungen «Gesetzgeber, Verwaltungsbehörde und Richter in einer Person» geworden war, übte Robert Haab (1893–1944; 1929 Prof. für Zivilrecht und Rechtsgeschichte, seit 1935 für Privatrecht in Basel), damals Rektor der Basler Universität, in seiner Rede zum Dies academicus 1936 deutliche Kritik (R. Haab, Krisenrecht. Rektoratsrede, gehalten am 20 November 1936 [Basler Universitätsreden, H. 8], Basel 1936 📖). Barth hörte diese Rede: «Dies acad[emicus] Markuskirche: Haab über Krisenrecht» (Taschenkalender Barth, Eintrag vom 20.11.1936).↩
50
Vgl. paradigmatisch Fr. Gogarten, Wider die Ächtung der Autorität, Jena 1930, S. 5 📖: «Solange es uns nicht gelingt, die moralische Ächtung der Autorität und der ihr zugeordneten Gewalt zu überwinden, kann es keine Gesundung unseres gesamten geistigen und politischen Lebens geben.»↩
51
Die Auseinandersetzung mit dem atheistisch eingestellten Freidenkertum erreichte in Deutschland und in der Schweiz um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert ihren Höhepunkt; vgl. Predigten 1907–1910, S. 163f., Anm. 8 📖. ↩
52
Zur Auseinandersetzung Barths mit dem Begriff vgl. oben, S. 75f., Anm. 30.↩
53
Das Bekenntnis zu Allah und zu Mohammed als seinem Propheten ist eine der sogenannten fünf Säulen des Islam. Zur Aussage, der Islam sei eine dem Christentum feindlich gegenüberstehende Weltanschauung, vgl. oben, S. 390.↩
54
Sprichwort, wohl in Anlehnung an T. Livius, Ab urbe condita V,51 📖: «Adversae res admonuerunt religionum» / «Unglück erinnert an die Religion». Vgl. auch z. B. Jer. 2,27; Ps. 120,1. ↩
55
Den hierfür programmatischen Schlusssatz der Barmer Theologischen Erklärung : «Verbum Dei manet in aeternum» (V.u.kl.A. 1934–1935, S. 301 📖), kommentierte Barth nur wenig später so: «Es wird damit am Schluss noch einmal hingewiesen auf den Grund des Ganzen, auf den Ursprung und auf das Ziel, auf den Richter, der weiß, was es mit unserem Glauben und Unglauben, mit unserem Bekennen und Nicht-Bekennen ist. Wir sind diesem Wort Gottes gegenübergestellt. Wir sind gefragt und wir können antworten. Das Wort Gottes bleibt in Ewigkeit» (K. Barth, Kurze Erläuterung der Barmer Theologischen Erklärung, in: a.a.O., S. 302–326, dort S. 319f. 📖).↩
56
Barth formuliert die gewonnene Erkenntnis in enger Anlehnung an seine zentralen Sätze zum Verhältnis von Theologie und Kirche zu Beginn der KD 📖: «Theologie ist aber eine Funktion der Kirche. […] Theologie als Wissenschaft […] ist eine Maßnahme der Kirche» (KD I/1, S. 1f.).↩
57
Solche Losungen formulierten u. a. die Richtlinien der «Glaubensbewegung Deutsche Christen» vom 26. Mai 1932 (Schmidt I; S. 135f., dort S. 136 📖): «Wir sehen in Rasse, Volkstum und Nation uns von Gott geschenkte und anvertraute Lebensordnungen, für deren Erhaltung zu sorgen uns Gottes Gesetz ist.»↩
58
Die Verbindung von evangelischer Kirche und Volkstum war in Deutschland besonders auf dem vom Deutschen Evangelischen Kirchenbund veranstalteten Königsberger Kirchentag von 1927 betont worden, dessen Kundgebung als «Vaterländische Kundgebung» bezeichnet wurde (vgl. V.u.kl.A. 1934–1935, S. 104f., Anm. 91, und S. 110f., Anm. 101 📖). – Während des Ersten Weltkriegs kam es in der Schweiz vor allem in den deutschsprachigen Landesteilen zu einer intensiveren Debatte über die Verbindung von Kirche und «Schweizertum» bzw. schweizerischer Identität; vgl. etwa A. Keller / W. E. Cuendet, «Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern». Vaterländische Ansprachen in einem gemeinsamen deutsch- und welch-schweizerischen Gottesdienst am 9. Sept. 1914 in St. Peter, Zürich, Zürich 1914 📖: Die Ansprachen wurden gehalten, um «dem Willen des Schweizervolkes zur unerschütterlichen nationalen Zusammengehörigkeit und Einheit in den höchsten Gütern […] einen kirchlichen Ausdruck zu geben» (S. 23); E. Blocher, Die Wesensart der deutschen Schweiz. Vortrag, gehalten in Basel am 9ten Mai 1916, Basel 1916 📖: «[…] nur der Staat hat eine sittliche Berechtigung und ist ein wirkliches Vaterland, der die Seele des Volkes gesund hält. […] Also mit Sprachkenntnissen und gegenseitigem Sichkennenlernen machen wir die Schweiz nicht stärker, sondern nur so, daß alle Schweizer dasjenige Schweizertum, das in ihnen lebt, zur vollen Geltung bringen» (S. 30). Vgl. zum Ganzen: Th. K. Kuhn, «Die empfindlichsten und stacheligsten Patrioten»? Die reformierte Schweiz im Ersten Weltkrieg, in: Der Erste Weltkrieg und die reformierte Welt, hrsg. von H.-G. Ulrichs in Verbindung mit V. Albrecht-Birkner (Forschungen zur Reformierten Theologie, 3), Neukirchen-Vluyn 2014, S. 299–326 📖.↩
59
Seit 1917 hatte es – nicht nur, aber vor allem – in Deutschland zahlreiche 400-Jahr-Feiern zur Reformation einzelner Orte, Städte und Gebiete oder zum Gedenken an reformatorische Ereignisse gegeben, die ihren ersten Höhepunkt 1930 im Jubiläumsjahr der Confessio Augustana fanden (vgl. KJ 56 [1929], S. 344–349 📖), bevor es 1933 zu den von den Nationalsozialisten propagandistisch ausgenutzten und überhöhten Feierlichkeiten zum 450. Geburtstag Martin Luthers kam (vgl. V.u.kl.A. 1930–1933, S. 516f 📖.).↩
60
Vgl. oben, S. 356–358.↩
61
Vgl. oben, S. 221f. ↩
62
Bei dieser Voraussage könnte Barth die sich mit den Kirchenausschüssen befassende Passage der Denkschrift der Vorläufigen Leitung der DEK (Anm. 39) vor Augen gehabt haben: «Das sogenannte ‹Befriedungswerk›, das mit der Errichtung des Reichskirchenministeriums und der Einsetzung der Kirchenausschüsse begonnen hatte, hat zwar einige, zuvor unter Duldung des Staates von Staatsbeamten und Parteimitgliedern herbeigeführte Mißstände beseitigt; der evangelische Christ, der genauer zusieht, erkennt aber, daß durch dieses Befriedigungswerk die Kirche verwaltungsmäßig und finanziell in Abhängigkeit vom Staate gehalten, der Freiheit ihrer Verkündigung und Ordnung beraubt und zur Duldung der Irrlehre gezwungen wird» (Dokumente des Kirchenkampfes II/1, S. 698 📖).↩
63
Im Oktober 1936 war erschienen:K. Meier, Der Kirchenkampf in Deutschland, in: Schweizer Monatshefte. Zeitschrift für Politik, Wirtschaft, Kultur, Jg. 16 (1936/37), H. 7, S. 346–360 📖. Meier betrachtete sowohl die katholische als auch die evangelische Kirche; er beschrieb die vom Nationalsozialismus vorgenommene «gewaltsame Ausscheidung des Marxismus» als einen «Akt von grundsätzlichem Totalitätsanspruch einer Partei» (S. 346) und ging in der zweiten, die evangelische Kirche betreffenden Hälfte seines Aufsatzes ausführlich auf die Theologie Barths ein (S. 353ff.), der er eine partiell dem Faschismus ähnliche Struktur und einen mit dem der katholischen Kirche identischen «Totalitätsanspruch» unterstellte: «Es ist eine gemeinsame Struktur zwischen diesen Gedankenkreisen und den faschistischen Staatsideen, daß beiderseits im stärksten Maße der Grundsatz gilt: Wer nicht für mich ist, ist wider mich. […] Schon darin liegt eigentlich ein Gesichtspunkt von besonderer Wichtigkeit für unseren Zusammenhang: nämlich daß man sich hier zu einem Kirchenbegriff durchgerungen hat, der, soweit nicht äußerlich, doch innerlich mindestens denselben Totalitätsanspruch geltend macht wie der katholische» (S. 355). Seine «Lehre der neuen Orthodoxie von der Kirche» erhebe einen Anspruch, «der zum schroffen Bruch mit allen andern protestantischen Richtungen führen muß, und zwar in der Art, daß diese aus der allein echten Kirche als Ketzer hinausgewiesen werden» (S. 356), und während Barth «recht eigentlich» derjenige sei, «welcher der allgemeinen Form nach eine faschistische Denkweise auf den verschiedensten Geistesgebieten in Deutschland einführte» (S. 357), hob Meier gegen Schluss seiner Ausführungen davon eine andere am Geschehen beteiligte Gruppe positiv ab: «Weit eher scheint uns ein sympathisches Erbe auch von freiheitlichen Gedanken, von bescheiden und ehrlich humanen und lebensnahen Einstellungen in der Religion stellenweise in den Kreisen um die Kirchenausschüsse vorhanden zu sein» (S. 359). Meiers Fazit: «Wir sehen also […] durchaus keine Möglichkeit, grundsätzlich und allgemein auf eine der beiden Plattformen zu treten.» (S. 360).↩
64
Die folgenden Ausführungen Barths nahm – stellenweise fast wörtlich – auf: A. Frey, Der Kampf der evangelischen Kirche in Deutschland und seine allgemeine Bedeutung, Zollikon [1937], S. 182f. 📖 Zu diesem Buch des mit ihm gut befreundeten Frey schrieb Barth ein Geleitwort (K. Barth, Zum Geleit, in: A. Frey, Der Kampf der evangelischen Kirche in Deutschland und seine allgemeine Bedeutung, Zollikon 1937, S. 7–10).↩
65
Lied Martin Luthers (EG 193; RG 255) 🎵.↩
66
Beginn der zweiten Strophe des Liedes «Nun danket alle Gott» von M. Rinckart (EG 321; RG 233) 🎵.↩
67
Der parallele Abdruck, mit dem die markanten Unterschiede und die in der Menge deutlich überwiegenden Übereinstimmungen zwischen beiden Manuskripten am besten sichtbar gemacht werden können, bringt es mit sich, dass hier – abweichend vom sonst üblichen Verfahren bei stichwortartigen Texten – auf den Versuch, auch die äußere Gestalt der Manuskripte in möglichst großer Nähe zum Original wiederzugeben, verzichtet werden muss.↩