27.II.231 Zwinglis letzte Lebensjahre sind charakterisiert durch den Versuch, den er mit seinem Blute hat bezahlen müssen: den Versuch, der politisch-militärisch immer bedrohlichere Formen annehmenden Gegenreformation mit ihren eigenen Waffen, also ebenfalls politisch-militärisch, die Spitze zu bieten.
Von systematisch-theologischen Schriften von ihm aus dieser Zeit besitzen wir nur noch die beiden kurzen Zusammenfassungen seiner Dogmatik, die er, die eine, die «Fidei ratio
📖»2, 1530 dem Kaiser Karl V., die andere, die «Fidei christianae expositio
📖»3 1531 dem König Franz I. von Frankreich, übergeben hat. Umso zahlreicher sind dafür seine Briefe, Eingaben und Gutachten meist politischen,
aber z. T. auch direkt militärisch-strategischen Inhalts aus dieser Zeit. Er ist jetzt ganz, was wir ihn zur Zeit der Bauernwirren und der früheren Verhandlungen zwischen Zürich und den katholisch gebliebenen Eidgenossen werden sahen:
der Prophet, der in kritischer Lage nicht anders kann als zum Volkstribun werden, der überlegene Kopf, ohne dessen Rat die zürcherische Regierung keinen wichtigeren Schritt tut, der aber auch aus eigener Initiative Schritte vorschlägt und durchsetzt. |
Der oberste Gesichtspunkt, unter dem er selbst diese Tätigkeit betrachtete, und die Art, wie er damit gewisse andere Gesichtspunkte zu verbinden wußte, ist außerordentlich einfach. Wir besitzen z. B. einen
Rapport von ihm über die Gründe und Zwecke des 1527 geschlossenen Christlichen Burgrechtes, eines evangelischen Sonder|499bündnisses zwischen Zürich und Bern, in das dann sukzessive St. Gallen, Biel, Mühlhausen, Basel,
Schaffhausen und 1530 auch Straßburg und der Landgraf von Hessen aufgenommen wurden. Zwingli nennt unter dem Titel «Frommen und gutes dieses Handels» (IIc,27f.
📖)4 in diesem Dokument folgende acht Punkte:
1. Erstlich dient es zur Ehre Gottes und Mehrung seines heiligen Wortes. Wiewohl es mit Menschenkräften nicht muß noch kann erhalten werden, sondern allein aus der Kraft Gottes, so gibt doch Gott den Menschen oft Hilfe und Schirm durch den Menschen als durch ein Instrument und Geschirr.
Wenn nun Gott es zuläßt, daß diese Einigung und Handel aufgerichtet werden, ist es offenbar, daß er ihn zum Guten brauchen will.
2. diene er als Schutzmaßregel gegen Übergriffe dem Frieden, der Ruhe, der Billigkeit und Gerechtigkeit, 3. der Erhaltung der verbündeten Obrigkeiten in ihrer Autorität und ihrer Untertanen im schuldigen Gehorsam. 4. Er werde denen, die den Verbündeten anderweitig verbündet seien
(also z. B. den Zürich verbündeten Eidgenossen) einen Zaum anlegen, ihnen gleichsam Schach bieten.
5. Er werde, wenn auch auf die süddeutschen Städte wie Konstanz und Lindau erweitert, einen neuen Schwabenkrieg und seine Kosten verhindern.
6. Die Teilnahme von Straßburg eröffne den Ausblick auf die von Schlettstadt und Colmar.
7. Sollte der Kaiser je mit Krieg drohen, so wäre es eine Leichtigkeit, das unbewehrte Sundgau und Elsaß mit Gott einzunehmen und so auf dem linken Rheinufer bis nach Straßburg «ein Volk und Bündnuß» dem Gegner entgegenzustellen.
8. Es könnte in diesem Kriegsfall ein doppelter Einbruch von je 15000 Mann in den Hegau und in den Sundgau gemacht werden «wider einen Zug der fygenden, sy hinden und vor anzugreifen». Ich muß das alles nun für sich selber reden lassen.
Daß der Verfasser von «De providentia» sich auch in diesem Rapport nicht verleugnet, sondern bewährt, das dürfte deutlich sein. |
Am5 15. Juli 1529 widmete Zwingli den Räten der
Burgrechtsstädte seine lateinische Übersetzung und Erklärung des Jesaja mit einer |500 Einleitung über die beste Staatsform, die er in einer aus der Volkswahl hervorgegangenen Aristokratie zu
finden glaubt, während Oligarchie und Monarchie in jeder Form die Tendenz zur Tyrannis habe.6 |
Die Spannung der Verhältnisse in der Schweiz selbst war durch den 1528 erfolgten Übertritt Berns zur Reformation nicht kleiner. Die katholischen Landkantone der Urschweiz, durch den
wirtschaftlichen und politischen Aufschwung der Städte ohnehin in ihrer Autorität innerhalb des Bundes bedroht, durch die gegen die fremden Söldnerdienste gerichtete Agitation Zwinglis in ihrer wichtigsten Einnahmequelle bedroht, haben den Gegensatz so wenig allein um des alten Glaubens willen genährt, wie die Städte
ihrerseits allein um des neuen Glaubens willen. Eine Quelle beständiger Reibungen waren die sogenannten Vogteien, eroberte Gebiete im Aargau, Thurgau, Tessin, die von beiden Teilen gemeinsam und z. T. abwechselnd verwaltet wurden. Die Länder fühlten sich nicht ganz
mit Unrecht in diesen ihren alten Mit-Rechten gefährdet durch den Expansionsdrang der Städte, und diese wiederum kritisierten nicht mit Unrecht die auf keiner hohen Stufe stehende Regierungs- und Verwaltungskunst, die die Länder in diesen Gebieten bewiesen. Alles zusammengenommen, mit ihrem Widerstand gegen das Evangelium, der, wo sie die Macht hatten, auch zu Verfolgung und Unterdrückung werden
konnte, flößte Zwingli die Überzeugung ein, daß eine «tapfere Arznei» zur Einleitung des Wortes Gottes und «Abtun der Tyrannei und unsinnigen Lebens» am Platze sei (IIc,100
📖).7 Jede Gerechtigkeit, Freiheit oder Macht sei nach göttlichen und menschlichen Rechten, «so man sie
mißbraucht», abzutun. Und wie Rom Alba Longa, die Latiner und Sabiner, aus denen es entsprungen, unter sich getan, so müßten nun auch die Gründer der Eidgenossenschaft durch Minderung ihres Stimmrechts in der Tagsatzung, durch Einschränkung ihrer Macht gemeistert und
gezüchtigt, ja, wie Zwingli mehrfach schreibt, «usge|501rütet» werden, während Zürich und Bern als die beiden Ochsen vor dem Wagen es übernehmen müßten, die Führung der eidgenössischen Dinge an sich zu ziehen. Denn «wer nit ein Herr kann syn, ist billich, daß
er knecht sye» (IIc,102[-107]
📖).8 Und dieses Ziel soll mit allen Mitteln, ausgenommen
das allzu gehässige und zweischneidige der Lebensmittelsperre, am besten durch ein rasch durchgreifendes Überziehen mit Krieg erreicht werden. Diese Gedanken stammen zwar alle erst aus Schriftstücken des Jahres des zweiten Kappeler Krieges, 1531, sie
zeigen aber, in welcher Richtung die Gedanken Zwinglis liefen. Der gemütvolle altschweizerische Patriotismus, mit dem er sich einst an Valentin Compar in Uri9 oder an die Landsgemeinde in Schwyz10 gewendet, hat jetzt kälteren, praktischeren, weitsichtigeren Erwägungen Platz gemacht. |
Am11 22. April 1529 hatten die katholischen Orte ihrerseits zu Waldshut ein Bündnis mit Österreich abgeschlossen mit dem ausgesprochenen Zweck, die neue
Lehre in der ganzen Schweiz zu unterdrücken. Zwingli seinerseits war entschlossen, den Aussatz des Söldnerwesens ebenso in der ganzen Schweiz zu unterdrücken, die Macht Zürichs bis an den Bodensee zu erweitern und so dem Worte Gottes freie Bahn zu machen. |
Ebenfalls im April 1529 unterstützte Zürich die bei Anlaß des Todes des Abts von St. Gallen erfolgte Auflehnung der Stadt St. Gallen gegen das Kloster, setzte sich über die Schirmvogtrechte, die außer ihm und Glarus auch Luzern und
Schwyz in St. Gallen besaßen, hinweg und besetzte das ganze Gebiet. Andererseits unterstützten die Unterwaldner einen Aufstand im bernischen Hasletal, worauf Bern und Zürich gemeinsam dem unterwaldnerischen Landvogt das Aufziehen im freien Amt
verwehrten. Und als dann - Schlag und Gegenschlag folgten sich ununterbrochen - die Schwyzer im Mai den zür|502cherischen Pfarrer Kaiser abfingen und trotz Zürichs
Drohungen in Schwyz verbrannten, da war der Krieg, der sogenannte 1. Kappelerkrieg, unvermeidlich geworden. Am 8. Juli12 erfolgte die
Kriegserklärung. Der Feldzugsplan dazu ist aus Zwinglis Hand erhalten, und was zu Wasser und zu Lande, mit Geschütz und Mannschaft zu bedenken und zu tun sei, das findet man darin, unter Beifügung einer primitiven Landkarte sogar, wohl erwogen.13
Bern hielt zurück, dafür waren die übrigen Burgrechtsstädte zugezogen, während die Hilfe Österreichs an die Katholiken versagte. Die Evangelischen in großer Übermacht, stand man sich bei Kappel, in der großen Mulde zwischen
Albis und Zugersee, kampfbereit gegenüber, eine bernische Armee abwartend bei Bremgarten. Zwingli war zu Pferd, mit einer Helleparte über der Schulter mitausgezogen; es war ihm jetzt bitterer Ernst.
Da kam es im letzten Augenblick zu einer Vermittlung durch den glarnerischen Landammann Äbli, dann zu wochenlangen Verhandlungen. Die außerordentlich strenge Mannszucht, die im zürcherischen Heer damals waltete, hat viel von sich reden gemacht: man sah keine Dirne, man
hörte kein Fluchen, es wurde weder Karten noch Würfel gespielt, dafür wurde die Mannschaft täglich zur Predigt zusammengetrommelt, ein Vorbild dessen, was später in den Puritanerheeren Cromwells14
üblich wurde, und ein Beweis dafür, daß die Verkündigung Zwinglis in seiner Umgebung Wurzeln geschlagen hatte. Damals ist auch von Zwingli für seine
Soldaten das berühmte Lied «Herr, nun heb den Wagen selbst» gedichtet worden15
mit der Schlußstrophe «Hilf, daß alle Bitterkeit scheide fern und alte Treu |503 wiederkehr und werde neu, daß wir ewig lobsingen dir!» Die Melodie dazu stammt nicht, wie man überall liest, von Zwingli, sondern ist die auf einen anderen Rhythmus
gebrachte Weise eines älteren Liebesliedes.16 Damals ebenfalls ist zwischen den beiderseitigen Vorposten die Kappeler Milchsuppe verzehrt worden, eine Mahlzeit,
die als Symbol schweizerischer Einigkeit mitten im Zank und religiöser Toleranz mitten im finsteren Glaubensstreit in den modernen schweizerischen Schulgeschichtsbüchern außerordentlich rührend geschildert ist. Nach dem Herzen
Zwinglis war sie durchaus nicht. Er hat damals dem glarnerischen Friedensstifter grollend zugerufen: «Gevatter Ammann, du wirst Gott noch müssen Rechenschaft geben! Solange die Feinde |504 schwach und ungerüstet sind, geben sie gute Worte; da glaubst du ihnen und stiftest Frieden. Wenn sie aber gerüstet
sind, werden sie unser nicht schonen, und dann wird niemand Frieden machen!»17 Sein weitangelegter Plan, der damals der Verwirklichung nahe war, wurde durch diesen vorschnellen Frieden in der Tat vereitelt, denn zum zweiten Mal kehrte die günstige Situation nicht wieder. Die fünf Orte machten einige Konzessionen, ohne daß doch das ganze
Verhältnis grundsätzlich geregelt und erträglich gemacht worden wäre. Zwingli hat damals in gründlichem Überdruß an den schweizerischen Verhältnissen - schweizerischen Nationalismus wird man ihm überhaupt nicht vorwerfen können - mit Oekolampad den Gedanken erwogen, ob es
nicht besser wäre, mit den Süddeutschen eine neue Eidgenossenschaft einzugehen, da ja von der alten doch nur noch der Name übrig sei.18 |
Am19 Reichstag von Augsburg 1530 reichten der Abt von St. Gallen und die fünf Orte eine Klage gegen Zürich an den Kaiser ein.
Die Lutheraner ließen im Artikel 10 ihrer dort eingereichten Konfession die Zwinglianer auch dem katholischen Gegner gegenüber fallen20, und Straßburg, Konstanz, Memmingen
und Lindau sonderten sich von Zürich ab durch Eingabe eines die zwinglische Abendmahlslehre bedenklich verschleiernden Sonderbekenntnisses, der sogenannten
Confessio Tetrapolitana21.
Damals entstand Zwinglis «Fidei ra|505tio»22, in der er seinerseits noch einmal rücksichtslos seine Sache darlegte mit dem Vorspruch «veritas vincat»23, und als Antwort auf eine Gegenschrift von Eck:
«De conviciis Eccii»24. Die Haltung Karls V. war unfreundlich und drohend dem ganzen oberländischen Kreis gegenüber. So unternahm Butzer neue Schritte, um eine Verständigung
zwischen Luther und Zwingli herbeizuführen. Er hat Zwingli gebeten, er möchte doch seine Krallen etwas einziehen und das Vorhandensein von Leib und Blut Christi in den Elementen in irgendeinem Sinn zugeben.25 Zwingli hat dieses Ansinnen als eine «Vermuslung der Wahrheit»26
mannhaft abgelehnt, und als man Zürich bald darauf für den Schmalkaldischen Bund gewinnen wollte um den Preis einer Abschwächung von Zwinglis Abendmahlslehre, wies er auch dies entschieden zurück, da wir «non nostro isti seculo, non principibus, sed domino» leben und der Wahrheit nichts vergeben dürfen.27
Er gab zu bedenken, man könnte mit verschiedenen Formeln vom Abendmahl gegen Rom zusammenstehen, wie man ja auch mit den Katholiken gegen die Türken zusammenstehe.28 Aber für eine Bruderschaft in diesem Sinn war man, wie schon in Marburg, so auch jetzt auf der anderen Seite nicht zu haben. So konnten sie zusammen nicht kommen und gingen
nun vereinzelt dem Verderben oder doch der gründlichsten Stillegung der evangelischen Sache entgegen. Damals nach dem Augsburger Reichstag war es, daß Zwingli mit Philipp von Hessen jene z. T. nach
Diplomatenart in Geheimschrift geführte Korrespondenz unterhielt über ein großes antihabsburgisch-antirömisches Bündnis mit Venedig, Mailand und Frankreich.29 Im Hintergrund |506 wurde aber bereits auch von Dänemark und England, von Böhmen und
Ungarn, ja sogar vom Türken geredet, also von einem wahren Völkerbund. Die entsprechenden Versuche sind gemacht worden, und der Entwurf zu einem Vertrag mit Frankreich war schon vorhanden. Er sah u.A.
die Zahlung von französischen Subsidien an die Städte vor, was Zwingli damit rechtfertigte, daß es sich nicht wie bei den Pensionen um Privatpersonen, sondern um Gemeinwesen handle, wie ja der König Salomo ebenfalls die Geschenke der Königin von Saba unbedenklich und mit Recht angenommen habe [1.Kön. 10,10–13]. |
In diesen Zusammenhang gehört die Franz I. gewidmete, an das Apostolikum sich anschließende «Fidei christianae expositio» von 1531.30 Zustandegekommen ist von all dem Geplanten schließlich nichts. Es war um
die Stellung Zürichs und Zwinglis seit 1529 nicht mehr gut bestellt. Bern verfolgte Sonderinteressen im Westen (die später zu der Eroberung des Waadtlandes führten) eifriger als die Sache des Evangeliums in der Ostschweiz, wo es ohnehin Zürich nicht allzusehr aufkommen lassen wollte, und
stand der hohen Politik Zwinglis mit gründlicher Kühle gegenüber. Aber auch in Zürich selbst hatte der Toggenburger mit seinem unheimlichen Einfluß auf die Regierung und mit seinen Sittenmandaten, die denn doch auch dort nicht nach jedermanns Sinn
waren, seine offenen und heimlichen Gegner. Kein Wunder, auch angesichts der Überanstrengung durch Arbeit aller Art, an der er litt, daß sein Wesen in dieser letzten Zeit etwas Gereiztes und Aufgeregtes bekam. «Bischof des ganzen Vaterlandes und
Auge des Herrn»31 hat ihn Berthold Haller damals genannt und ein anderes Mal «Wächter nicht nur des Vaterlandes, sondern des ganzen christlichen Gemeinwesens»32; aber solche Anerkennung war doch nur die Kehr|507seite der schweren Sorge, die Zwingli mit dem, was für ihn Reformation bedeutete, auf sich genommen hatte und die wie ein dunkler Schatten über dieser seiner letzten Zeit liegt. Das Zerwürfnis mit den katholischen Schweizerorten kam
trotz oder wegen des Kappeler Landfriedens nicht zur Ruhe, gegenseitige Schikanen folgten sich in ununterbrochener Reihe. Die katholischen Orte knüpften neue Beziehungen zu Österreich an. Wieder
drängte Zwingli dazu, die Sache durch einen energisch geführten Krieg zum Abschluß zu bringen, und schon entwarf er ein Programm über die nachher einzuführende neue Ordnung der schweizerischen Verhältnisse unter der Vormacht von Zürich und Bern. Die reformierten Orte
beschlossen aber auf Vorschlag Berns, nur eine Lebensmittelsperre gegen die Urkantone durchzuführen, eine Maßregel, die Zwingli als halb, grausam und aufreizend bekämpft hat. (Das Urteil, das bei Tschackert und Hermelink zu lesen ist, daß Zwingli für diese Maßregel verantwortlich sei, ist also unrichtig.)33 Zwingli war so sehr nicht einverstanden mit der Haltung seiner Regierung, daß er am 26. Juli 1531 seine Demission einreichte, die aber ehrenvoll abgelehnt wurde. Er konnte es aber nicht hindern, daß die Lust zum Kriege angesichts der bedrohlichen europäischen Lage in Zürich
selbst wie in Bern trotz seiner Bemühungen sehr gering war und daß andererseits die Durchführung der Lebensmittelsperre den hungernden inneren Kantonen den Krieg fast unvermeidlich machte. Es wird Manches erzählt von Todesahnungen, die
ihn in jenem Spätsommer 1531 bewegt haben sollen. Ein Komet stand am Himmel und beunruhigte auch in Zürich nicht Wenige.34 Zwingli soll zu Einem, der ihn darüber befragte, gesagt haben: «Mein Jörg, mich und manchen Ehrenmann wird es kosten, und wird die Wahrheit und die Kilch Not leiden, doch von Christus werden wir nicht verlassen.»35 |
Als am 9. Oktober die Kriegserklärung der fünf Orte eintraf, war man in Zürich bestürzt und unsicher. Am 10. Oktober zog die Vorhut |508 den bekannten Weg über den Albis dem bei Zug sich sammelnden Feind entgegen, unter Führung eines Mannes, Georg Göldli, der ein Gegner Zwinglis und wahrscheinlich direkt ein Verräter gewesen ist. Am 11. Oktober folgte das Hauptheer unter Rudolf Lavater, es fehlte an Mannschaft, es fehlte an Ordnung, es fehlte an Pferden zur genügenden Bespannung der Artillerie, es fehlte vor Allem an jener Entschlossenheit, mit der man 1529 desselben
Wegs gezogen war. Wieder ist Zwingli mit ausgeritten, angetan mit jenem Eisenhut, der noch heute im Museum in Zürich zu sehen ist, aber mit einer klaffenden Verletzung, bewaffnet mit Schwert und Faustrohr, im Lederzeug des Pferdes fehlte
auch eine kleine Bibel nicht. Die Frage, ob dies sein Ort und sein Weg sei, war für ihn keine Frage, auch abgesehen von der alten Sitte, nach der einer der Stadtpfarrer das ausziehende Hauptbanner zu begleiten hatte. Als man über den Albis kam, fand man die Vorhut bereits in ungünstigster Stellung im Treffen. Man beratschlagte, ob
man erst die dringend nötige Verstärkung abwarten wolle. Zwingli war aufs Entschiedenste dagegen. So ließ man die Pferde zurück, und der verhängnisvolle letzte Weg wurde angetreten. 1500 Zürcher standen gegen 8000 Innerschweizer. Als man sich nachmittags 3 Uhr zum Treffen ordnete und auch Zwingli sich in Reih und Glied stellte, redete ihn ein vorlauter Zürcher an:
«Meister Ulrich, wie gefällt euch diese Sache? Sind die Rüben gesalzen? Wer will es ausessen?» Zwingli antwortete: «Ich und mancher Biedermann, der hier steht in Gottes Hand, des wir lebendig und tot sind.» Darauf der Andere: «Auch ich will es helfen ausessen, und Leib und Leben trostlich wagen.»36 Ein Flankenangriff, der die Zürcher zum vornherein in Nachteil versetzte, brachte den
Zusammenstoß, dem nach homerischer Sitte eine Flut von gegenseitigen Beschimpfungen vorausging. Ketzer, Kelchdiebe!, riefen die Innerschweizer, Päpstler, Götzenknechte! die Zürcher. Zwinglis letzte Worte vor dem wüsten Zusammenprall sollen gewesen sein: «Biderbe Leute, seid trostlich und fürchtet euch nicht. Müssen wir gleich leiden, so ist die Sache gut.
Befehlt euch Gott, der kann unser und der Unsern pflegen, Gott walts!»37 Man wird ja darüber streiten können, ob die damalige oder |509 die heutige Art, sich im Kriege massenweise vom Leben zum Tode zu bringen, grauenerregender ist. Den Humanisten, der als solcher zum Reformator wurde, den
ernsthaften Gegner Luthers, den Verfasser von «De providentia» inmitten dieses Bildes sich zu denken, bleibt ein schwer vollziehbarer Gedanke. Aber die Wirklichkeit ist öfters so schwer zu denken. Das Ergebnis war eine vernichtende Niederlage der Zürcher. Mit Zwingli
blieben nicht weniger als 25 andere reformierte Theologen und 500 sonstige Zürcher auf der Walstatt. Zwinglis Hingang ist in Dichtung und Wahrheit oft geschildert worden.38 Zweimal schon verwundet, hätte ihn ein mächtiger Streich auf den Kopf niedergestreckt, ein Hauptmann von Unterwalden namens Vokinger hat am Abend der Schlacht, als man ihn noch lebend fand, die tödliche Waffe zum
letzten Mal gegen ihn gebraucht, nachdem er den geistlichen Beistand eines Priesters verweigert hatte.39 Sein Leichnam wurde gevierteilt, mit Unrat vermischt und
verbrannt.40 Mit anderen Toten jenes Tages ist noch Gräßlicheres getan worden. Es war ein Untergang in Nacht und Grauen, unzweideutig irdisch, wie Zwingli immer gewesen war.
Eine41 zweite Niederlage der Zürcher kurz darauf besiegelte den unglücklichen Ausgang dieses Krieges. Der Friede, der
ihm folgte, kam einer Kapitulation gleich: Das Christliche Burgrecht wurde aufgehoben, die Evangelischen und die gemeinsamen Herrschaften der Willkür der Katholiken preisgegeben, das Kloster St. Gallen wiederhergestellt, die Reformierten aus Solothurn vertrieben, Zürich mußte die Kriegslasten bezahlen. |
Es war, in ganz Europa teils mit Schmerz, teils mit Jubel begrüßt, das erste sichtbare Zeichen, daß die Reformation zum Stehen gekommen war. Unter den Jubelnden war nicht nur Karl V., nicht nur Clemens VII., nicht nur Erasmus, sondern
auch Luther. Er hat Zwinglis Tod eine Strafe Gottes genannt, seine ewige Seligkeit in Abrede gestellt oder doch nur insofern als möglich zugegeben, als man auch |510 einen vom Gericht verurteilten Übeltäter nicht zur Hölle
verurteilen könne, da bei Gott kein Ding unmöglich sei. Er hat es offen und ausdrücklich bedauert, daß der Sieg der Schweizer wider die Zwingler nicht mit einem Friedensschluß geendigt habe, durch den der zwinglische Glaube unterdrückt, d. h. also die Reformation in der Schweiz vernichtet worden wäre. Er hat
durch das Ereignis von Kappel «unsern Glauben bestätigt» gesehen und die Nutzanwendung gezogen, es sei «fährlich und erschrecklich, etwas zu hören oder zu gläuben wider einträchtig Zeugnis, Glaube und Lehre der ganzen heiligen christlichen Kirchen, so von Anfang her, nu uber 1500 Jahre in aller Welt einträchtiglich
gehalten hat» (E.A. 54,286-288
📖).42 Es war Luther in diesem fatalen Brief an den Herzog Albrecht von Preußen um den
Nachweis zu tun, daß der Tod Zwinglis nicht, wie man in Zürich behauptete, ein Märtyrertod gewesen sei.43 Die Behauptung war gleich überflüssig wie die Bestreitung. Was heißt Märtyrertod? Wer stirbt ganz und gar nur in Gottes und wer ganz und gar nur in seiner sündigen, verkehrten eigenen Sache? Das Andere, was Luther gesagt hat, aber kommt aus einer
Finsternis, die mit der des Abends von Kappel wetteifert. Ein Gericht, das göttliche Siegel auf die Tatsache, daß es so nicht geht, ist der Tod eines Menschen immer und auf alle Fälle. Aber wer den Tod eines anderen Menschen ein Gericht gerade über
diesen Menschen nennen44 und sich selbst dadurch bestätigt fühlen kann, der bezeugt damit, daß er auch gerichtet ist. Als Zwingli starb, da starb mit ihm, dem überhörten Wächter, dem abgelehnten Widersprecher auch
der eigentlich lebendige, der prophetische, der reformatorische Luther. Was übrigblieb, das gehört in die Kirchengeschichte. Ich habe mich bemüht, Alles geltend zu machen, was auch gegen diesen Wächter geltend gemacht werden muß, und es war nicht Weniges.
Ich hoffe aber, Sie gerade damit überzeugt zu haben, daß das Überhören und Ablehnen seiner Stimme kein gutes Tun sein kann. Er hat ja schließlich so wenig wie Luther in seinem eigenen Namen geredet.