9. Oktober 1921

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Wir haben deinen vermutlich letzten Brief nach Safenwil mit Bewegung gelesen und erwidern eure Grüße mit vielem Dank für all das treue Gedenken, Trösten, Mittragen, Wegeweisen, das du in all diesen Aargauerjahren an uns geübt hast. Es wird wohl so sein, daß wir auf all das Geknorz, Geseufz und Geschimpf, auf all das mühselige Bohren dieser Zeit bald zurückblicken werden, wie man eben auf eine selige — Jugendzeit zurückblickt. Denn was nun kommt, dürfte die Hitze des Sommers sein, in der es sich an noch viel realerer θλῖψις zeigen muß, was das war, was wir da gepflanzt haben. Ich muß nun hingehen und mich in einer mir ganz unmöglich vorkommenden Weise exponieren, und du mußt, was ebenso unmöglich ist, zunächst «an Ort» weitertrippeln, bis du, was sicher geschehen wird, ebenfalls irgendwie an den mit unschön langen Schritten ausgreifenden Flügel hinausberufen |526 wirst. Auf keinen Fall werde ich es unterlassen, immer wieder Richtung rechts zu nehmen und genau aufzupassen, was du treibst und sagst. Denn wenn von den menschlichen Dingen dieser zehn Jahre etwas feststeht, so ist es das, daß sich dies für mich überaus lohnt. Vorläufig senden wir euch nun unsre treuesten Grüße und Wünsche zum Tauffest des kleinen Kätterli und freuen uns aufs Wiedersehen im Bergli, und, wie es scheint, in den Bergen. Denn Rudi hat mich geheißen, die Bergschuhe mitbringen, und ich habe ihm darauf den Vorschlag gemacht, eine Wanderung über den Susten nach Gadmen selbdritt zu unternehmen. Nelly wird von Freitag früh bis Sonntag auf dem Bergli sein; ich komme vielleicht schon am Donnerstag Abend. Am 19. (Mittwoch) müssen wir von Basel abfahren, um unsre Möbelfuhr rechtzeitig einzuholen. Etwa am Dienstag morgen muß also auch ich nach Basel, um dort noch Abschied zu nehmen. Wir werden mithin volle vier Tage zusammen haben und wollen sie in Berg und Tal gut ausnützen.

Hier ein Ausschnitt aus dem Lokalanzeiger, der dir anschaulich zeigt, wie die Dinge hier stehen. Von einem ergreifenden Abschied wird keine Rede sein, die Safenwiler zeigen mit verschwindenden Ausnahmen nur das eine Begehren, nun bald ihre Ruhe wieder zu bekommen. Die Erinnerung an Matth. 10,14 liegt auch ohne religiösen Übermut nicht ganz ferne, und es ist nicht ausgeschlossen, daß ich das am Sonntag ausdrücklich sage, während im Hintergrund der «Sau-Schießet»1 fröhlich seinen Fortgang nimmt. Der freie Schießverein, der sich das leistet, rekrutiert sich N.B. nicht etwa aus den Herren, sondern aus den Arbeitern. […]

Ich mache in Eile viele Besuche im Dorf, fürchte aber, daß ich nicht mehr rundum komme.

Mit herzlichem Gruß an dich und Marguerite
Dein
Karl

Sachfußnoten

1
Ein Volksfest.↩