6. Oktober 1921

Eduard Thurneysen an Karl Barth

524
Lieber Karl

Nun wird also «Safenwil» abgebrochen — und eine große, große Ferne, Fremde, Rätselhaftigkeit, Einsamkeit, Wüste, Meer, Wind und Wellen dafür eingetauscht. Was machen wir auch, wir Toren? Wie gut waren doch die Jahre, da es noch kein «Suchet Gott … 📖», keinen Römerbrief 📖, kein Brauenhochziehen, Stirnrunzeln und Zwischen den Zähnen Pfeifen über Overbeck, Kierkegaard und Dostojewski gab, wo noch keine Professuren und Christliche Welten angeboten wurden und Verlegerkonzerne sich um «uns» zu interessieren begannen. Wie gut auch noch und erst recht die Jahre, wo die ganze Bedeutsamkeit aller «unserer» Einsichten und Nichteinsichten sich einzig in eiligem Begehen des Friesenweges hin und zurück manifestierte und weder Jülicher noch erst Harnack, sondern höchstens die Bewohner von Holziken und Schöftland etwa bei einem Blick auf die Straße den Kopf schütteln konnten über die beiden seltsamen Wanderer zwischen zwei Welten. Bis sie dann kam, von «uns» zuerst mit Gelächter signalisiert, völlig unglaubwürdig und bis auf den heutigen Tag erst nach und nach, mißtrauisch genug, von uns ernst genommen: die fatale Einflußsphäre und wachsende «historische Breite», die du — und ich mit dir! — samt Frauen und Kinderlein nun mit seltsamen Abbruchen, Scheidungen, mit einem erst recht in die Enge gehen, auf schmale Ränder und Bänder treten müssen zu bezahlen haben. Warum geht alles so schmerzlich seltsam, anormal, ruckweise, fiebrig, apokalyptisch zu? In was für eine Erdbebensphäre sind wir, ahnungslos genug, hineingeraten mit dem Momente, wo wir |525 das Neue Testament ein klein wenig anders, genauer glaubten lesen zu sollen als unsere Lehrer, die doch auch Ehrenmänner waren, wo wir Blumhardt nicht überhören und Schleiermacher (weißt du noch die nächtliche Wegstelle in Leutwil, wo wirs zum ersten Mal laut sagten?) nicht mehr recht glauben konnten, wo wir auch auf dem immerhin noch ordentlich behaglichen Sitz am Kuttertisch unruhig wurden und weiterzogen? Jedenfalls: dieser ganze seltsame Weg ist unumkehrbar, wir sind nun die Kolonne, die ihn beschritten hat, und an euch ist es jetzt, einen beträchtlichen weiteren Schritt ins Dunkel hinaus zu wagen. Was wird er uns allen bringen?

[…] Und nun treue, herzliche Grüße von uns beiden an euch beide. Ihr werdet sicher auch in Safenwil selber in diesen Tagen noch viel Anhängliches und Treugemeintes erfahren.

Auf Wiedersehen auf dem Bergli. […]
Dein, eure
Eduard und Marguerite