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27. September 1921
Ich bin noch daran, das Schlachtfeld aufzuräumen, da und dort ein vergessenes Komma nachzutragen, habe die 200 Seiten Korrekturen gelesen und bin somit auf dem Punkt, wo es laut S. 245 gilt, «wehmütig aber bestimmt Abschied zu nehmen» von dem vollbrachten Werk
📖. Immerhin möchte ich dir noch vorher ganz herzlich danken für die viele Mühe und Zeit, die du jetzt und während elf Monaten daran gewendet, das Ding zu strählen, ganz abgesehen davon, daß ich ohne dich wahrscheinlich heute noch mißmutig bei Schleiermacher oder auch im Sozialismus drin steckte und weder den 1.
📖 noch den 2. Römerbrief geschrieben hätte und sicher nicht in die seltsame Lage gekommen wäre, nun auch noch den Professor zu machen. Eigentlich ist die Situation gar nicht gut, denn du siehst nach wie vor irgendwie weiter als ich, bist irgendwie der «Andere» in mir, dem «Nächsten», auf den es eigentlich ankommt, und ich fürchte allen Ernstes, daß ich in Göttingen sein werde wie eine vertrocknete Zitrone, wenn wir uns im Jahr nur noch ein- oder zweimal sehen […]
Der Brief von Merz zeigt ja aufs Neue, welche Dimensionen das «Sedan der modernen Theologie» bereits angenommen hat. Was hältst du von der Sache mit der «Christlichen Welt»?1 Mir ists, Merz sollte nicht ablehnen und die Sache nicht Herpel überlassen. Solls denn überhaupt sein, daß «wir» irgendwie in den Kommandoturm dieser allerdings etwas havarierten Fregatte eindringen, dann müßte das gut gemacht werden. Daß Rade eigentlich mich wollte, hörte ich früher schon einmal raunen, nahm es aber nicht ernst. Nun bin ich heilfroh, zu entkommen. Aber |521 wenn nun einmal einer von «uns» das machen sollte, dann doch sicher Merz, nicht? Dies zur eventuellen Abstimmung. Die Hauptfrage ist natürlich die, ob wir überhaupt gut tun, uns da auf etwas einzulassen. Nach dem Stand der neuen Forschung über unser Verhältnis zur Kirche und zu den «Schwachen» im allgemeinen können wir es jedenfalls nicht ganz von der Hand weisen, es uns zu überlegen. Ist das nun der Beginn der von mir längst vorgesehenen Periode, wo wir anfangen, uns mit dem Kirchenregiment zu befassen? Oder ist das die dritte Versuchung [vgl. Mt 4,8f.] in einer neuen Form? Oder beides? Wollen wir sagen: es sei nun an dem heillosen Risiko meines akademischen Versuchs gerade genug? Oder wollen wir sagen: eben gerade jetzt immer feste drauf, wir sind jetzt in der Mitte der dreißiger Jahre, haben nur einmal zu leben und müssens irgendwie riskieren? Wollen wir mit bösen entschlossenen Gesichtern einen langen zäh und vorsichtig zu kämpfenden Kampf aufnehmen oder auch, mehr desperadomäßig, nun etwa einen Jahrgang mit unerhörten Angriffen gegen jedermann füllen und dann das Schiff irgendwo auf den Sand laufen lassen? Das alles sind Möglichkeiten. Wärs nicht an sich ausgezeichnet, das Gesicht der «Christlichen Welt» auf einmal «steif nach Jerusalem»2 zu kehren, von der «Christlichen Welt» aus […] alle die «Kirchenblättler» anzugreifen, in der «Christlichen Welt» jene Rundschauen, Bücherecken, Miszellen etc. vom Stapel zu lassen, auf die wir uns schon seit sechs Jahren gelegentlich freuten? Aber vielleicht wäre das alles zu gut, um ganz gut zu sein. Jedenfalls ist die Sache Zeugnis von den eschatologischen Möglichkeiten, mit denen heute zu rechnen ist und unter denen sicher auch deine (gewiß nicht umsonst bereits geträumte!) Berufung auf einen deutschen Lehrstuhl figuriert.
Hier steht alles im Zeichen der Pfarrwahl. Eben komme ich aus der entscheidenden Versammlung, in der als Einigungskandidat Hans Brändli, früher Pfarrer in Pitasch, jetzt in Zürich, aufgestellt wurde. […] Die Versammlung, aus der ich eben komme, war nicht gut. Es wurde armsdick über den «Frieden in der Gemeinde» geredet, der nun wieder hergestellt werden müsse. […] |522 Und die ganze Sache verlief in einer unheimlichen Einmütigkeit, über die ich mich nicht freuen kann, weil auf keiner Seite irgendein Elan dabei ist. Über mich wurde schonungsvoll kein Wort gesagt, nur sehr viele Worte über den lieben Frieden. Nun, habeant sibi! […] Die Wahl ist am 9. Oktober, am gleichen Tag halte ich meine Abschiedspredigt. Am 13. ist der Aufbruch.
Letzten Donnerstag war ich in Aarau an der Synode. […] Alle waren sehr freundlich. […] Nun ist auch diese Episode und der Großratssaal3 hinter mir. — Am Sonntag waren Dr. Spoendlins, Dr. Geyer-Nürnberg, Heiner, Fritz Lieb und seine Schwester hier, ein Massenaufmarsch! Mit Geyer gabs ein gutes Klingenkreuzen, und wir schieden nicht ohne Hochachtung. Er ist ein seltsames Gefüge von verschiedenen geologischen Schichten und weilt nun für 14 [Tage] im Tempel zu Dornach.4 Kommst du nicht noch einmal hierher? Oder sehen wir uns erst auf dem Bergli wieder? Ich werde vom 13. ab dort sein.
Herzlichen Gruß!
M. Werner5 ist einer der Beachtlichsten unter denen, die uns «nichts abkaufen». Du mußt ihn im Auge behalten, eventuell gelegentlich gegen ihn vorgehen, wenn er sich zu weit vorwagen sollte!