6. September 1921

Karl Barth an Eduard Thurneysen

517
Lieber Eduard!

Auch ich freue mich von Herzen mit euch, daß ihr über den Berg seid, und grüße das kleine Kätterli in unserm Bunde. Was mag dem Guten alles bevorstehen in diesem seltsamen Erdental! Aber vorläufig hat es das freudige Recht, sich ganz selbständig darin umzusehen, und wer weiß, ob es nicht, wenn es eine Jungfrau geworden ist, mit andern Jungfrauen und Jünglingen den Kopf schütteln wird über alles das, was sein Vater und seine Freunde sich jetzt zusammendenken. Ich hoffe doch wirklich manchmal auf eine Zeit, wo man wieder etwas mehr Luft hat, als wir es jetzt haben, obwohl ich mir nicht vorstellen kann wie? und obwohl ich nicht denke, daß wir daran noch teilnehmen. Und in der Hauptsache können wir ja unsern Kindern nicht etwas anderes wünschen, als sie möchten einmal auch wissen, was wir jetzt wissen — müssen oder dürfen. Grüße Marguerite recht herzlich auch von mir, gelt!

Am Sonntag hat Karl Lindt hier gepredigt und scheint große Chancen zu haben. Die Predigt ging leider zu wenig aus dem gewohnten Pfarrerschema heraus. Er behauptet, das mit Absicht so zu machen, was ich ihm in längeren Reden auszureden versuchte. Im übrigen verstanden wir uns gut. […]

Hier Röm. 13.1 Ich habe mächtig mit deinem Kalbe gepflügt, wie du siehst, und bin dir höchst dankbar. Wenn ich in Göttingen einmal Ethik lese, werde ich dieses Manuskript wieder einfordern. Es ist wirklich trefflich, viel besser als das, was ich nun an die «scharfe Kurve» des Textes gebunden und auch sonst davon wenig erleuchtet, herausgebracht habe. Ich nehme nun die 2. Hälfte von Röm. 13 zusammen unter dem Titel «Die große positive Möglichkeit 📖»: Liebe und Parusie. Es hängt ja im Text ausdrücklich zusammen.

Göttingen kommt wie ein Gespenst immer näher. Alles was ich von Universitäten, Fakultäten, Professoren und Wissenschaft lese, ist so absurd. Ich wollte oft am liebsten ab, auf den Mond oder wohin man will, nur nicht nach Göttingen. Dazu bin ich all|518mählich rechtschaffen ermüdet. Aber die Zeit eilt unerbittlich, und eines schönen Morgens werde ich unerbittlich dort sein und den Deutschen irgendetwas mitteilen müssen […]

Willst du es übernehmen, statt meiner Siebeck wieder einmal zu schreiben? Mir ists fast unmöglich.

1000 Grüße!
Karl

Sachfußnoten

1
Ein Manuskript von Thurneysen.↩