20. August 1921

Karl Barth an Eduard Thurneysen

512
Lieber Eduard!

Hier kommt das Ergebnis der Woche. Es hat schwere Überlegung und statt doppelter dreifache Redaktion gekostet, wie es sich gebührt, wenn wir anfangen von Ethik zu reden. Aber ich glaube, es sei nun alles im Senkel und ich könne mit den gewonnenen Begriffen bewaffnet an die Ausführung dieses Schlußteils gehen, den ich, wie du siehst, diesmal zusammennehmen will, denn Kap. 14-15 ist doch eigentlich nur eine Episode trotz der rätselhaften Breite, in der es sich daherwälzt. Hast du etwas über diese Sache in Erfahrung bringen können? Sieh dir auch 12,1–2 📖 genau an; es ist wichtig für sich und in der Ökonomie des Ganzen. Alfred Dedo ist mir gerade im rechten Augenblick in die Räder gelaufen. Zu den Korrekturen vom letzten Mal ist noch zu bemerken, daß das von dir beanstandete Wort durchaus «Inkompatibilität» lauten muß (ich habe es aus den Nationalratsverhandlungen über die Frage des Ausschlusses der Bundesbeamten aus der Bundesversammlung!!), und daß ich in die lange mit Marcion anhebende Reihe auf Grund seiner neuesten Leistung auch Ragaz |513 mit Namen aufgenommen habe. Da ich selber unmittelbar dahinter auch dran komme, wird er nicht über einen Dolchstoß jammern können […].

Die allgemeine Situation, in der ich mich befinde, ist etwa auf den beiden beiliegenden Gebirgsbildern [schwierige Besteigungen darstellend] in ihrer Polarität erkennbar. Manchmal möchte ich senkrecht in den Boden hinabfahren vor allem was ist und kommt, manchmal tröste ich mich, daß es erstaunlicherweise immer wieder einen Schritt weit geht. Mein Angst-Traum des Nachts ist nun öfters die Vorlesung: Ich auf einem Katheder mit einer blendend hellen Pultlampe, die aber nur einen scharfen schmalen Streifen Licht gibt, ein großes breites Manuskript vor mir und nun die Verlegenheit: entweder das ganze Manuskript neben der Lampe im Dunkeln, oder das Manuskript unter dem langen Strahl der Lampe und die Notwendigkeit, es ruhelos von links nach rechts und umgekehrt zu schieben, um jeweilen 2-3 Worte lesen zu können. Ein guter Traum, nicht? Aber ich erwachte ganz entsetzt. Oder: ein Gespräch mit einem Professor Dr. Eckstein (!) über — Rechtsgeschichte, worüber ich seltsamerweise eben lesen soll und dem gegenüber ich mir nun den Air geben muß, ich verstehe etwas davon! Oder: ein Gartenfest, ein ganzes Gewimmel von deutschen Studenten, die alle schnappen auf eine Ansprache, die ich ihnen halten soll. In meiner Tasche ein nur angefangenes Manuskript. In einer Ecke auf einer Chaiselongue mein alter katholischer Nachbar Grolimund, der sich über die Zudringlichkeit eines Kollektensammlers für den protestantischen kirchlichen Hilfsverein beklagt!! Was sind das für Zeichen? — Dazu nun natürlich viel äußerliches Gestürm, besonders wegen dem Hausbau, wobei es sogar soweit kam, daß ich mit Lineal und Bleistift unter Nellys Leitung ein Croquis entwerfen mußte, das nun einem Zürcher Architekten vorliegt […]

Hier der Kurier. Die Stimme der Presse. Sie redet laut von der Verwüstungs-, leise von einer gewissen Respektzone um mich herum und beweist deutlich, daß es Zeit ist, daß ich hier meine Steuern bezahle und, das Köfferlein in der Hand und das nur an|514gefangene Manuskript in der Tasche, auf den Bahnhof zuschreite. […] Rade und Dibelius:1 schau, schau! Ich habe bei diesen Begrüßungen das Gefühl von einem, der sich lange gegen eine Türe gestemmt hat, und nun geht sie plötzlich auf, so daß er in größter Gefahr steht, auf die Nase zu fallen. […]

Wahlsituation:2 […] Ich bin in schwieriger Lage. Entschieden müßte ich für meinen Schwager [Karl Lindt] eintreten, wenn er nicht eben mein Schwager wäre. […] Es würde dann wahrscheinlich zu einem Wahlkampf kommen, da die Freisinnigen offenbar von mir und meinesgleichen genug haben. Sehr betrüblichen Eindruck machten mir die frisch von der Schule kommenden Anwärter. Sie sind z.T. ganz ahnungslos und voll unreifer Sprüche über «praktisches Wirken», «psychologisches Anfassen» der «Leute» etc. Einer fragte mich beim Fortgehen, schon unter der Türe, ob ich etwa der Pfarrer Barth sei, der den Römerbrief 📖 geschrieben?! […] Jedenfalls sind an den zwei nächsten Sonntagen Probepredigten. Ich rate der Kirchenpflege, die Sache in raschen Schlägen bis auf die Zeit um Bettag zum Abschluß zu bringen. Zuletzt predige ich dann noch einmal fünf Sonntage, Abschiedspredigt am 9. Oktober.[…]

Vale! […] Bedenke dich bald einmal zu kommen! Mit 1000 Grüßen.
Dein
Karl

Sachfußnoten

1
Martin Rade und Martin Dibelius (1883–1947), Prof. für N. T. in Heidelberg, hatten Barth zu seiner Berufung nach Göttingen gratuliert.↩
2
Für Barths Nachfolge in Safenwil lagen bereits zehn Bewerbungen vor.↩