12. August 1921

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Du siehst, diese Woche war nicht so ergiebig wie die zwei letzten. Merzens Anwesenheit und die besondere Schwierigkeit der Materie mögen daran die Schuld tragen. Immerhin, auch dieses Couloir ist nun überwunden, und nun wollen wir sehen, ob den Kapiteln 12ff. 📖 auch etwas über die Ethik des Telephons, über Verkehr mit Franzosen und dgl. zu entnehmen ist, was den Herrn Alfred Dedo Müller1 zufrieden stellen könnte. Ich glaube nicht, sondern es wird bei seinem wehleidigen Seufzen über uns und unsern verderblichen, das «Religiös-Soziale» verunmöglichenden Einfluß sein Bewenden haben müssen. Sieh Kap. 11 gut nach und mach Anmerkungen, soviel du für gut hältst. Die zu Kap. 10 waren trefflich; ich habe unter einiger Verteilung auf die ganze Strecke ziemlich alles untergebracht. Kap. 9 und 10 sind nun bereits mit Merz nach Bayern gereist.

O Nummer der «Neuen Wege»! O Alfred Dedo! O Ragaz! Welche Konfusion! […] Welcher Pietismus!

Was ist auch von meinem «Kollegen» Hirsch zu halten, von dem eben wieder dieser Brief einlief? Etwas an ihm ist entschieden gut, etwas Anderes entschieden nicht gut! Wie soll man ihn fassen? Er ist mir nun schon zweimal glatt entwischt, erfordert irgendwie eine sehr kunstvolle Zange und macht offenbar seinerseits mit aller Kunst den Versuch, mich in seine Zange zu bekommen. […]

Mit Merzens war es auch bei uns sehr gut. […] Mit herzlichem Gruß dir und Marguerite (leider auch diesmal in brenzlichcr Eile)
Dein
Karl

Sachfußnoten

1
Vgl. A. D. Müller, Streiflicht auf die religiös-soziale Bewegung Deutschlands. Selbstbesinnung und Ausblick, in: Neue Wege, Jg. 15 (1921), S. 228–235; 270-283 📖. Müller polemisiert S. 271ff. gegen Thurneysen, S. 275ff. gegen Barth. — Alfred Dedo Müller (1890–1972), Pfarrer in Sachsen, seit 1930 Prof. für praktische Theologie in Leipzig.↩