27. Juli 1921

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Unsere letzten Sendungen haben sich gekreuzt. Dein Brief war mir eine willkommene Botschaft. Ich stehe jetzt in der Tat unter stärkstem Druck, fahre mit abgeblendeten Lichtern gradaus ins Dunkle und bin des Trostes und der Ermunterung sehr bedürftig. Was da nun eigentlich passieren soll, wenn der 15. Oktober einmal da ist, das stelle ich mir gar nicht vor. Sicher scheint nur, daß unbedingt bis dahin der Römerbrief 📖 fertig zu schreiben ist. Und so schreibe ich denn nun los, «in getroster Verzweiflung» auch ich. 1000 Dank für dein Hilfsangebot. Das Wichtigste, was geschehen kann, tust du ja schon, und das ist die Revision des Manuskripts, die mir sozusagen ein gutes Gewissen nach rückwärts verschafft, während die Walze vorne weitergeht. Gewiß hast du auch bei den Kirchenkapiteln [Röm 9-11], die jetzt dran sind, aus dem reichen Schatz deiner Überlegungen und Erfahrungen noch diese oder jene kleine oder große Verschärfung hinzuzufügen! Unterlaß es ja nicht! Was die Korrekturen betrifft, die ja jetzt bald wieder anfangen werden einzutreffen, so lies sie bitte so, daß meinerseits nur noch ein rasches Durchlesen […] nötig ist. |507 […] Von Kundschafterdiensten ist jeder erwünscht und begrüssenswert. Das, was vor mir liegt, sieht mich alles gleich grau und dunkel an, bis ich es unmittelbar vor der Brille habe. Was ist wohl z. B. mit Kap. 14-15 📖 los? […] Dank für Röm. 13, der Winkel von 360 Grad ist bewundernswürdig vollzogen, und ich will sehen, wie weit ich damit dann bei dem Text durchkomme. Das wird überhaupt noch ein harter Kuchen werden, wie schon das erste Mal, besonders auch darum, weil das Publikum gerade darauf mit Gier gespitzt ist.

Dank für den Kurier und etwas Weniges meinerseits dazu. […] Mit Frau Pfarrer Herpel hatten wir hier gute Tage. […] Und nun freuen wir uns auf Merz. Höre: Halte dir doch die Zeit vom 20.-30. August offen für eine Unternehmung ins Gebirge nach Gadmen. Ich sehe zu, daß möglichst viel Römerbrief bis dahin unter Dach kommt. […] Am Sonntag predigte ich über Jesu Mutter und Brüder [Mt 12,46–50]. Euer Gemeindeblatt sieht einen übrigens doch recht hoffnungsvoll an. Und nun zurück zu Röm. 10. Die Arbeit «vor Ort» ist schon im Gang. Ich beginne mit Schrecken zu ahnen, daß das Buch erheblich dicker werden könnte als die 1.Auflage 📖.

Herzlichen Gruß!
Dein
Karl