17. Juli 1921

Karl Barth an Eduard Thurneysen

503
Lieber Eduard!

Ich sitze wieder zu Hause und suche Ordnung zu machen im Getümmel von Eindrücken und Ereignissen der letzten Woche. Es war ein unendliches Herumlaufen, Begrüßen, Hören und Reden in allertiefsten und allergewöhnlichsten Angelegenheiten. Ich kann dir nur die Summe mitteilen. Es wurde in solennster Weise ein Bauplatz gekauft, in beherrschender und waldnaher Lage, — wenn das zu errichtende Haus ebenso gut wird, sicher eine verheißungsvolle Stätte. Es wurde beschlossen, auf den Winter in Oberrieden doch zu verzichten und auf Ende Oktober meinen, Nellys und der zwei Jüngsten Aufbruch anzusetzen, während Fränzeli, Markus und der Hausrat dann im Frühjahr nachrücken sollen. […] Es läßt sich aber schriftlich schwer erklären, wieso wir aus dem Gedränge schließlich diesen Weg ins Gedränge nehmen mußten. Besonders der baldige Abmarsch hier und Aufmarsch dort wird mir ja nun sicher ein gedrängtes Maß voll Ungemach bringen, und was ich als deutscher Boden- und Hausbesitzer vor mir habe, ist auch noch nicht abzusehen. Aber es gilt nun die Zähne zusammenzubeißen und den Sprung zu wagen, und zwar gleich und ganz. Ich habe Vorlesungen gehört bei Bertholet, Stange, Titius und Peterson. Abgesehen von Letzterem, der sehr gut über Spener referierte, nahm mein Respekt vor den Akademikern eher ab als zu. Bei Peterson fand ich zu meinem Befremden nur 14 Zuhörer vor und mußte dann zu meinem noch größeren Befremden vernehmen, daß es eigentlich nur zwei seien; die andern 12 waren gekommen — um mich zu besichtigen, da es sich «herumgesprochen» hatte, daß ich dort zu sehen sein werde. Eine Studentin überreichte mir bei diesem Anlaß einen Blumenstrauß!!, was aber den fatalen Eindruck nicht verwischen konnte, daß die Leute offenbar von mir etwas anderes erwarten als von dem vortrefflichen Peterson. […] Dieser beklagte sich ziemlich bitter, wie er zwischen Skylla und Charybdis drin sei, und ich benützte eine nächtliche Aussprache mit den Studenten |504 sofort, ihnen eine warme kleine Lobrede auf den — Rationalismus zu halten. Mit weit ausgebreiteten Armen empfing mich der große Stange — ganz Liebenswürdigkeit und Entgegenkommen, forderte mich sofort auf, am «apologetischen Seminar Wernigerode» vom 7.-14. Oktober einen 7stündigen Kurs zu geben (in Dortmund), à 100.— Mark die Stunde, Verpflegung und Reise II. Klasse, bitteschön! Was ich selbstverständlich nicht tue. Rudi und ich aßen bei ihm zu Mittag. Er […] ist ein fabelhafter Diplomat […] und möchte sichtlich und ausdrücklich mit mir «zusammenarbeiten» resp. mich in seinem latenten Krach mit der übrigen Fakultät auf seine Seite bringen. […] Seine Vorlesung über Dogmatik war auch nur schlau, aller Dämonie entbehrend. Nicht viel anders eine über Ethik von Titius […]. Bertholet ist ganz Gentleman, redet sehr flüssig, weiß jedenfalls viel, ließ aber von dem, was wir Gen. 14 vermuten, nichts hören, sondern bloß allerlei Babylonismen. Dagegen ist er ein großer Musiker, war eben ganz beschäftigt mit der Neuaufführung einer Händel’schen Oper und wird jedenfalls schon via Nelly in ein freundliches Verhältnis zu mir zu stehen kommen. Mirbt1 empfing mich in der vollen Würde der Magnifizenz, die er eben bekleidet. […] Das übrige Personal dieser problematischen Bühne habe ich nicht zu Gesicht bekommen. […]

Göttingen und Umgebung machten mir diesmal einen vorzüglichen Eindruck. Die Hitze ist lange nicht so groß wie hier. Ringsum schöne Anlagen und Wälder. Von unserem Haus aus werden wir eine gewaltige Rundsicht haben auf die bekannten weiten, weichen Hebungen und Senkungen des deutschen Geländes und — Gemütes, hätte ich bald gesagt. Müßte man nicht gerade Theologe sein, so würde sich dort trefflich leben lassen. Wie wir uns durchschlagen werden bei den greulichen Preisen und Gebühren, die man auf Schritt und Tritt bezahlen muß, das ist noch unübersehbar. Die Studenten saufen noch wie früher! […]

Wie ausgezeichnet wertvoll die Mitwirkung Rudis war, ist nicht zu sagen. Ich hätte zwischen all den Agenten, Anwälten, |505 Bankiers und derartigen Figuren sicher eine Dummheit gemacht, ganz abgesehen von dem Check, den Rudi im entscheidenden Moment auf den Tisch des Hauses legen konnte. Die Erwerbung von Land und Haus wird genau den Betrag unseres Vermögeleins ausmachen, sodaß wir nun auf Gedeih und Verderb mit dem deutschen Reich verbunden sind. Daß die Reise auch im übrigen nicht ohne war, darüber mag dich die beiliegende Speisewagenrechnung belehren, die natürlich nicht ich bezahlt habe. Schade, schade, daß du nicht dabei warst!

[…] Laut «Christlicher Welt» gehöre ich nun also bereits zu den Berüchtigten, von denen man sagt, «was sie uns heute sind». O Albers!2 O Reihe von Männern, welche …! Na, das Unterseeboot wird nun nächstens tauchen und nachher sicher nicht mehr an der Seite von Johannes Müller zu sehen sein.

Rudi sagte mir, er werde dir einen speziellen Reisefonds zur Verfügung stellen zu einer Reihe von Retourbilletten St. Gallen — Safenwil. Nütze sie dann noch recht fleißig aus.

Grüße Merz und Frau; ich vermute sie noch bei dir. Wir freuen uns lebhaft auf sie. Was wird aus dem armen Römerbrief 📖? Ich muß mich nun fanatisch dranhalten. […]

Mit herzlichen Grüßen euch allen!
Dein
Karl

Sachfußnoten

1
Carl Mirbt (1860–1929), Prof. für Kirchengeschichte in Marburg und Göttingen.↩
2
A. Albers, Johannes Müller und Karl Barth — was sie uns heute sind, in: CW, Jg. 35 (1921), Sp. 498–501. 📖↩