4. Juli 1921

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Ich sende dir hier nebst dem Anfang von Röm. 9 📖 […] einen reichen Kurier. Göttingen ist nun also entschieden. Ich habe |500 zwar, meiner definitiven Zusage vorgängig, noch einige Fragen an den «Vortragenden Rat» gerichtet, z. B. wer mir die Umzugskosten zu zahlen gedenke und dgl., nehme aber nun endgültig an, daß ich in den Apfel beißen muß. […] Sag nur nichts: ich habe im Voraus schon genug Heimweh und gehe nun sicher in eine Periode greulichster Einsamkeit und Ratlosigkeit hinein. Kaufe du dir nun sofort einen tüchtigen Posten deutsche Valuta, damit du vom Frühjahr an alle Vierteljahre mindestens einmal mich besuchen kannst. Das ist das Nötigste, was zur Hebung meines Zustandes wird geschehen müssen, bis […] auch deine Übersiedlung in den großen Kanton gelungen ist.

[…] Beachte die kräftigen Worte des Lic. Peterson,1 eines Kollegen, auf den ich mich freuen kann, während Hirsch2 nach Brief und Broschüre3 noch etwas fragwürdig erscheint; wahrscheinlich steckt irgendetwas Deutschtümliches hinter diesem gelehrten und auf Kollegialität so bedachten Herrn. Ich habe versucht, ihm klar zu machen, daß er uns wirklich falsch verstehe, wenn er uns im Anhang der «französischen» Lösung aufmarschieren lasse, daß ich aber im übrigen für Polemik sehr empfänglich sei, ihn meinerseits ehrerbietig begrüße usf. In was für ein seltsames Spiel komme ich da hinein! Beachte Dempsey — Carpentier [Boxkämpfer], ein Ereignis, das wir unserer Aufmerksamkeit kaum dürfen entgehen lassen. […]

Doch zur Sache. Vielen Dank für deine Bemerkungen zu Röm. 8 📖. Ich habe den langen Einschub, schwach verkürzt, doch aufgenommen mit nochmaligem Verweis auf Iwan Karamasoff. Er ist keineswegs überflüssig und störend. Der Einstieg in Röm. 9–11 macht mir einige Mühe. Hier der Anfang. Ists oder kommts wohl recht so? Ich hoffe, hier nun energisch kürzen zu können. 9,6–29 und 9,30-10,4 geben statt vier nur zwei Abschnitte, vielleicht läßt sich auch 10,5–21 zusammennehmen. Die 1. Auflage 📖 ist hier entschieden zu breit.

Letzte Woche war ich zwei Tage bei Lukas Christs in Weggis, freute mich an ihrem gesunden Wesen und Familienleben, setzte ihn sehr in Erstaunen durch die Mitteilung, «man» müsse sich |501 jetzt allmählich für die Mitwirkung bei der Kirchenleitung innerlich rüsten, sah Steiger — Oltingen,4 der mir gut gefiel, und half im Übrigen fleißig rudern und baden. Ich würde auch dich gerne wieder einmal gehörig spritzen! […]

1000 herzliche Grüße sendet
dein
Karl

Ja komm bald!! (vielleicht sofort!?)

Sachfußnoten

1
Erik Peterson (1890–1960), damals Privatdozent für N. T. und Kirchengeschichte in Göttingen, dann Prof. in Bonn, später nach seinem Übertritt zum Katholizismus in Rom.↩
2
Emanuel Hirsch (1888–1972), seit 1921 Prof. für Kirchengeschichte, später für systematische Theologie in Göttingen.↩
3
E. Hirsch, Die Reich-Gottes-Begriffe des neueren europäischen Denkens. Ein Versuch zur Geschichte der Staats- und Gesellschaftsphilosophie, Göttingen 1921. 📖 ↩
4
Walter Steiger (1890–1967), Pfarrer in Oltingen (Baselland), befreundet mit L. Christ, Gogarten und Thurneysen.↩