20. Juni 1921

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Römer 8 📖 dritter Streich ist nun auch geschehen und damit das gefährliche Couloir Kap. 5-8 zurückgelegt. Obs so geht? Es |497 sieht alles recht dünn aus neben der 1. Auflage 📖. Zu dünn? Wenn du irgendwo noch ein bekräftigendes Licht aufsetzen kannst, so tue es. Nachher sollen nun die fleißigen Männer in Ansbach1 wieder an die Arbeit gehen, sende mir also das Kapitel demnächst zurück.

Ich war vorgestern und gestern in Oberrieden und Zürich. Pestalozzis waren auf einer Velotour unsichtbar. In Zürich hatte ich drei Nichten zu taufen, unter Assistenz der ganzen Hoffmannschen Verwandtschaft, Hermann Hesses,2 Bildhauer Hubachers, eines schöngeistigen Professors B. und einiger Statisten. Ich machte vorher die ganze kirchliche Verlegenheit solcher Situation wieder einmal grimmig durch und mußte im entscheidenden Moment etwas durchaus Unvorbereitetes vorbringen. Das Gespräch mit Hesse fand vorher statt. Ich war wieder erstaunt über die pietistische Enge, mit der sich diese Künstler offenbar meistens um das Problem ihrer privatesten Existenz herumbewegen. «.Ich lege mir die Dinge, um durch das ziemlich schwere Leben meinen Weg zu finden, so zurecht … », das ist das Argument aller Argumente. Ich lud ihn ein, dann wenigstens alle Polemik zu unterlassen. Er hantierte nämlich ziemlich lebhaft gegen Lenin, Ludendorff und andere Zeitgenossen, gab aber zuletzt zu, daß er ja schon begreife, daß in «meiner» — «Weltanschauung» auch für solche Fragezeichen Raum sein müsse, aber … Kurz, der Mann war nicht gerade überwältigend und wenig belehrend. Hubacher ist ohne «Weltanschauung» viel einsichtiger.

[…] Ist Dostojewski 📖 fertig? Ich wiederhole, daß die ganze gebildete Welt darauf wartet und daß seit der Aarauer Konferenz schon ein Vierteljahr verstrichen ist. […] Du bist fürchterlich in dieser Beziehung. Siehe doch, wie ich bis an die Kniee in der Tinte wate, und nimm dir ein Beispiel!

Übrigens weiß ich seit 14 Tagen nichts mehr von dir. […] Ist euer Schuß [gegen die Feldprediger] in der Synode abgebrannt worden? Wo ist mein Kirchenbericht? Lukas Christ verlangt danach: er hat mir vier Bände Oetinger geschenkt unter der Bedingung, daß er dieses kostbare Werk zu lesen bekomme. Er sitzt |498 übrigens am Pfaffenufer von Weggis!3 Was dort eins zusammengelästert werden mag! Mein Dachstüblein ist mir oft förmlich verhaßt beim Gedanken, wie schön es jetzt sein muß in den Bergen. Sollten wir nicht im Herbst irgendeine Hochfirntour ausführen zusammen?! Vorläufig ist nun Fritz Liebs Aufenthalt hier beendigt, und von nächstem Sonntag an muß ich wieder predigen, als ob ich Ferien gehabt hätte. Fritz läßt dich und Marguerite grüßen. Er will euch im Herbst auch aufsuchen. […] Unser Matthisli ist rüstig und durfte gestern mit Eltern und Geschwistern zum ersten Mal Automobil fahren, eine tolle Eilfahrt vom Zürichberg auf den Bahnhof durch das sonntägliche Zürich, bei der ein Hund beinahe überfahren worden wäre. […] Ein längeres Gespräch über die Frauenfrage, das letzthin hier geführt wurde, endigte seltsamerweise mit einem Ausblick auf die Polygamie der Patriarchen, und ich muß befürchten, daß Fritz Lieb nun damit als dem «Neuesten» durch die befreundeten Pfarrhäuser des Baselbiets eilen wird.

Herzliche Grüße dir, Marguerite und den Sprößlingen!
Dein
Karl

Sachfußnoten

1
Die Druckerei, die für den Chr. Kaiser Verlag arbeitete.↩
2
Es handelt sich um den Dichter Hermann Hesse (1877–1962).↩
3
Weggis: Ort am Vierwaldstättersee, wo viele Pfarrer Ferien zu machen pflegten.↩