13. Juni 1921

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Da — endlich, nach 14 Tagen sauersten Bemühens auch diese Strecke. Du wirst ihre verschiedenen Sehenswürdigkeiten selber entdecken, es passiert allerhand unterwegs. Du wirst es ungeniert sagen, wenn dir etwas mißfällt, gelt? Ich bin dir fortlaufend sehr dankbar für diese Streckeninspektors- oder auch Wagenkontrol|495leursarbeit (der Mann, der mit ernstem Gesicht mit einem Hammer an die Räder klopft auf den Bahnhöfen!).

Sonst ist hierseits seit unserm Beisammensein nicht viel geschehen. Fritz Lieb scheint nun doch von einer ernstlichen Krisis ergriffen. Ich habe ihm in unendlichen Gesprächen (nicht absichtlich, aber im Erfolg doch systematisch) seine Art zu predigen und das Kommunistenwesen und vor allem den problematischen Zusammenhang zwischen beiden ein wenig unmöglich gemacht, und nun ist er doch etwas erschrocken. Die Vorbereitung auf die letzte Predigt fiel ihm so schwer, daß ich bis zum letzten Augenblick im stillen damit rechnete, selber einspringen zu müssen. Und dann geschah das zu seiner Genesung ganz Vortreffliche, daß zum Mittagessen der Basler Jungbursche W. H., Mitglied der Zentrale der S.K.P.,1 mit zwei Spießgesellen eintraf: der Bolschewik, wie er in den kühnsten Angstphantasien des Bürgertums leben mag: diabolisch intelligent, mit einer wahren Galgenphysiognomie, einen geladenen Revolver bei sich (der bei Tisch andächtig betrachtet wurde, Heiner war auch da übrigens!!), früher Fremdenlegionär, aus der schweizerischen Armee als hoffnungslos rabiat ausgestoßen, im Lohnhof2 bekannt wie wir in unsern Pfarrhäusern, hatte einmal den Polizeileutnant M. schon auf dem Geländer der Rheinbrücke, um ihn zu ertränken, woran er im letzten Augenblick durch Fritz Wieser verhindert wurde, den er seitdem haßt!, hemmungsloseste Reden über Diebstahl und Totschlag und Terrorismus führend — dieser Mann also saß nun breitspurig an unserm Tisch mit dem ausgesprochenen Zweck, den guten «Fritzli» der «Arbeit» wieder zuzuführen. Dabei ergab es sich nun vor allen Dingen, wie unecht und übernommen der ganze Radikalismus des Letzteren (inbegriffen das wüste Reden und ruppige Auftreten) ist, denn vor dieser Sowjet-Sonne verblaßte das Licht von «Fritzlis» kühnsten Behauptereien; es wurde ihm das auch in aller Form aufgedeckt, und auf der andern Seite wurde er gänzlich mattgestellt durch die kategorische These, seine («Fritzlis») «Wissenschaft» (er hatte die Schwachheit gehabt, zu sagen, er wolle ja gar nicht Pfarrer werden, sondern «Wissen|496schaft» treiben!!) mache erstens «keine Geiß satt» und zweitens werde er ja doch nie wirklich studieren. Es war ein gänzliches Débâcle, ein Sedan erster Güte. Heiner und ich konnten nur staunend zuhören, zum Eingreifen hatte ich wenig Anlaß, denn was der Mann sagte, war grundsätzlich zu richtig und entsprach zu sehr dem, was ich in der Woche vorher dem Patienten selber nahegelegt hatte: er müsse sich nun einmal entscheiden: Entweder — Oder! Er war und ist denn nun auch ziemlich bedäppt, hat wahrscheinlich zum letzten Mal über Straßenkämpfe geredet, und ich halte es nicht für unmöglich, daß sich die ganze Wolke von Revolutionsromantik über seinem Haupte nun langsam verzieht. Am besten wäre es freilich, er könnte für ein bis zwei Jahre irgendwo in Graubünden in eine Alphütte verduften (er trägt selber das lebhafte Verlangen nach einer «Säule»), denn in Langenbruck ist er dem Rumor immer noch etwas zu nahe. Daß es mit der kommunistischen Möglichkeit im Grunde nichts ist, das ist mir übrigens bei diesem Anlaß, wo sie als «Möglichkeit» so durchaus in saftige Erscheinung trat, aufs neue klar geworden. Der W. H. seinerseits soll mich nachher trotz tiefer Verachtung für die 21/2te Internationale3 als nicht ganz unannehmbaren Pfaffen qualifiziert haben. Genug für heute. Am Sonntag habe ich in Zürich nicht weniger als drei Schwägerinnen-Kinder zu taufen […]!

Mit herzlichem Gruß!
Dein
Karl

Sachfußnoten

1
Schweizerische Kommunistische Partei.↩
2
Gefängnis in Basel.↩
3
So wurde — scherzhaft? — die sozialdemokratische Mehrheit genannt, die auf dem Berner Parteitag vom Dezember 1920 (vgl. Brief vom 11.12.1920) den Beitritt zur 3. Internationale abgelehnt hatte.↩