26. Januar 1921

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Dank für deine Sendung [Anmerkungen zum Römerbrief 📖]. Es ist ein großes Glück, daß ich einem geschickten Drucker in die Hände gefallen bin. Hoffentlich bleibt der Mann auf seinem Posten. Vorgestern ging nun Kap. 3–4 an Merz ab. Sieht dich das Gedruckte nicht auch ganz merkwürdig an? Ich weiß nicht wie? Ich fürchte, diesmal könnte «dieses Buch» in der Tat lange warten müssen,1 bis sich die Leser, auch die gutwilligen, von |462 ihrem Kopfschütteln erholt haben. […] Ich bin immer noch an der sehr mühseligen Arbeit, mir den Eingang zu Kap. 5 zu erkämpfen. Es muß auch da vieles anders werden. Eἰρήνη hat mit kosmischen Vorgängen sehr wenig zu tun, und merkwürdigerweise muß 5,5 ἀγάπη τοῦ θεοῦ (im Gegensatz zu 5,8) subjektiv gefaßt werden (Liebe zu Gott), wofür ich außer den Alten (Augustin, Theodoret) und den Katholiken unter den Neuen nur Hofmann2 auf meiner Seite habe. Teile mir doch kurz gefaßt mit, was dir der Ertrag des Platobuches 📖 zu meiner Belehrung gerade hier zu sein scheint. Ich lese auch darin herum, kann es aber jetzt unmöglich systematisch durchlesen; soweit ich den Inhalt verstehe, meine ich, wir wüßten das Entscheidende davon; aber vielleicht steckt in dem noch nicht Verstandenen gerade das, was ich nicht weiß. Sag es mir, so gut du kannst, gelt? Zu 4,16: Ich habe hier wesentlich doch bei meiner Deutung bleiben müssen, habe sie aber in Übersetzung und Text schärfer präzisiert. Die beiden Dative τῷ ἐκ gehören syntaktisch und sachlich zu σπέρματι, ganz gleichgültig ob man, wie ich mit Zahn3 getan,’ Aβραάμ gleichfalls zu σπέρματι zieht oder zu πίστεως. Es handelt sich, wie die Fortsetzung ὅς ἐστιν… zeigt, um die Frage nach dem wahren Abrahamsgeschlecht. Antwort: es umfaßt den ganzen Stamm: die die «durch das Gesetz» dazu gehören, und die die «durch den Glauben» Abrahams Stamm sind, wobei selbstverständlich die Meinung die ist, daß auch die ersteren zu diesem wahren Abrahamsstamm nur gehören, sofern sie zugleich «durch den Glauben» dazu gehören. Die gewisse logische Unklarheit liegt sicher schon im Texte, wenigstens für uns: Man darf das «nicht nur — sondern auch» auf keinen Fall pressen (auch im Fall deiner Deutung nicht): es bleibt das Mißliche, daß οἱ ἐκ νόμου V. 14 nicht parallel neben οἱ ἐκ πίστεως, sondern ihnen diametral entgegengestellt werden, doch ist dieser Wechsel der Betrachtungsweise in V. 16 immerhin möglich (und in Anbetracht der raschen Schreibweise des Apostels erklärlich), indem dort (V. 14) der ungeschichtliche Begriff κληρονόμοι, hier der (wenigstens zunäcbst) anschauliche Begriff σπέρμα im Mittelpunkt steht. — Es ist eigentlich schon fatal, |463 daß ich dem Buche nicht einen ganzen zweiten Band beigeben kann, in dem alle solchen Fragen für sich zu erörtern wären.

[…] Herzlichen Gruß dir und Marguerite
Dein
Karl

Sachfußnoten

1
Vgl. Anm. 1 zum Brief vom 13.7.1920.↩
2
J. Chr. K. v. Hofmann, Die heilige Schrift neuen Testaments zusammenhängend untersucht. 3. Teil: Der Brief Pauli an die Römer, Nördlingen 1868, S. 168f. 📖↩
3
Th. Zahn, Der Brief des Paulus an die Römer, in: ders. (Hrsg.), Kommentar zum Neuen Testament, Bd. VI, Leipzig 1910, S. 230f. 📖↩