7. Oktober 1920

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Nelly und ich haben gestern nachmittag per Velo die Tour über den Hauenstein nach Basel gemacht. Heute mittag sind wir wieder hier eingetroffen. Unterwegs fuhren wir eine Strecke weit mit Fritz Lieb, der sich zu einem sozialistischen Jungburschen-Referat nach Birsfelden begab. Er unterhielt uns beredt […] über Franz v. Baader;1 ich habe nicht den Eindruck, daß da viel für uns zu holen sei. Übrigens berichtete er, «man» sehe uns zwei nachgerade als unverständliche, esoterische Sonderlinge an und schüttle bedenklich den Kopf über uns. Auch gut! Oder auch nicht gut! — wie man will. Meine Mama wußte auch allerlei, daß und warum man mich sowohl zu St. Theodor [in Basel] als an der Nydeck in Bern nicht gewollt habe. Es scheint, daß besonders ich mich heimlich in einer Art kirchlicher Sperrzone befinde. Köhler2 triumphiert ja auch schon in den heutigen «Basler Nachrichten.»3 […]

Den verlangten Beitrag an die «Pastoralblätter» liefere doch ja! Natürlich recht deutlich so, daß der Festzug unserer Mitgenossen dadurch bengalisch beleuchtet wird. Mild in der Sprache, beunruhigend freundlich in der Haltung, feindselig sakral im Inhalt — kurz so wie nur du auf diese unvorsichtig genug gerade an dich gerichtete Frage antworten kannst. Ich reibe mir die Hände beim Gedanken an die Schweizer Kollegen […], die nun freudig geschmeichelt ihre Predigtmanuskript-Schätze durchgehen werden. Hoffentlich geht die Falle schön zu. […]

Deine Notizen zu Matthäus sehen mich sehr gut und und verheißungsvoll an. […] Hier noch Einiges zum Frontbericht von meiner Seite: […] Das Zirkular des C.S.V. ist insofern interessant, als wir möglicherweise […] in Aarburg Meister Karl Heim4 anhören könnten. Wa? Es könnte zu unserer Belehrung dienen, von diesem Mann Kenntnis zu nehmen.

Gogarten ist also bei Wieser. Ich erwarte ihn hier auf den 20. Gewiß mußt du auf den 17. hierherkommen zur Begrüßung |430 Siebecks. […] So rundet sich alles überall zum Ganzen. Es ist eine zu unheimliche Logik darin, wie wir alle «unsres Daseins Kreise vollenden.»5 Gilt auch von «Herrnhut-Boll», wie die Firma jetzt heißt. Du wirst mit dem gleichen schmerzlichen Abscheu wie ich Kenntnis genommen haben von der Nachricht, daß Zinzendorf und die Väter Blumhardt ungefähr dasselbe gemeint hätten, und daß man sich jetzt in hemmungsloser «Liebe» um den Hals fallen wolle.

Dem Nationalrat A. Schmid6 habe ich in einem Briefe auseinanderzusetzen versucht, daß ich zum Sozialismus eine zu gebrochene Stellung einnehme, als daß es ratsam sei, mich auf die offizielle Rednerliste zu setzen. Ich legte ihm den Aargauer Vortrag 📖 bei als Beleg, wo mein Bolschewismus anfange und hinziele. Er antwortete mir aus der Bundesversammlung recht freundlich und verhieß seinen Besuch. Dagegen habe ich dem Arbeiterverein Seon halb und halb zugesagt für ein Referat7 («Was will der Sozialismus?» — ja was?) […]

Mit herzlichem Gruß aus der θλῖψις in die θλῖψις
dein
Karl

Sachfußnoten

1
Mit dem röm.-kath. Theosophen Franz von Baader (1765–1841) hat sich Fritz Lieb eingehend beschäftigt. 1923 promovierte er mit einer (ungedruckten) Arbeit «Baader und Kant». 1926 veröffentlichte er als erweiterte Fassung seiner Habilitationsschrift: Franz Baaders Jugendgeschichte. Die Frühentwicklung eines Romantikers, München. 📖↩
2
Walther Köhler (1870–1946), Prof. für Kirchengeschichte in Gießen, Zürich, Heidelberg.↩
3
Walther Köhler, Von der Aarauer Konferenz 1920 (Rezension über den Konferenzbericht), in: Basler Nachrichten v. 7.10.1920, Mittagsausgabe 📖. Köhler schreibt u. a. : «Wenn wir in unserm Berichte über die Aarauer Konferenz von 1919 der Befürchtung Ausdruck gaben, es möchte sich dieser akademische Sprechsaal … einseitig der religiös-sozialen Richtung verschreiben, so widerlegt die vorliegende Ausgabe … die Befürchtung aufs glücklichste … Ein neckischer Zufall — oder war es Absicht? — hat es gewollt, daß gerade der Vortrag des Religiös-Sozialen, Karl Barth, in die vorliegende Sammlung nicht aufgenommen wurde, vielmehr separat erscheint. Mehr noch: der Vortrag von Ad. v. Harnack … ist … eine scharfe Absage an die Geschichtsverächter und ’Erlebnischristen’, und jedermann weiß, wo diese zu suchen sind.»↩
4
Karl Heim (1874–1958), Prof. für systematische Theologie in Münster und Tübingen, kam vom schwäbischen Pietismus her, suchte das moderne Denken mit dem christlichen Glauben zu verbinden.↩
5
Aus Goethes Gedicht «Das Göttliche», 6. Strophe 📖: «Nach ewigen, ehrnen, / Großen Gesetzen / Müssen wir alle / Unseres Daseins / Kreise vollenden.»↩
6
Arthur Schmid, sozialdemokratischer Abgeordneter im Nationalrat, der großen Kammer des schweizerischen Bundesparlaments.↩
7
Anscheinend hat Barth das Referat nicht gehalten.↩