22. Juli 1920

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Heute ist Merz bei dir eingetroffen. Du wirst Freude an ihm haben. Man kann sachlich und — schweizerisch mit ihm reden, kein Kothurn, keine großen Sprüche, kein Herz, das alle |416 Augenblicke «sssterben» [Ehrenberg!] will. Ich wünsche euch gute Tage. […] Vor Allem muß er dich am Sonntag predigen hören schon wegen seines Berichtes an das Konsistorium.

Dein Brief an Herpel war so gut und bündig, daß ich ihn nur unterschrieben habe ohne weitere Anmerkungen. Ich fürchte nur, wir haben nun noch keine Ruhe, sondern bekommen ein kleines Kreuzfeuer von allerlei Gutgesinnten, die uns durchaus doch dabei haben wollen.

[…]

Als Kuriosität lege ich dir hier einige Blätter aus meinem französischen Unterricht1 bei. Die Lehre von den letzten Dingen nimmt sich in der […] un-dynamischen Sprache unserer welschen Brüder seltsam genug aus, man begreift eigentlich, daß sie nichts davon vernehmen können. Wie mag nur Calvin seine meditatio vitae futurae 📖 auf französisch vorgetragen haben? Es muß da vom Turm von Babel her eine ganz besondere Belastung vorliegen. […] Der Unterricht selbst vollzieht sich bei brennender Pfeife in meinem Studierzimmer unter vielen beschwörenden: N’est-ce pas? Il faut comprendre que … Est-ce que vous avez saisi cela? Gut daß niemand zuhört! Die arme Tochter, zum Glück nicht unintelligent, nimmt alles mit erstauntem oui Monsieur! entgegen […]

Ich bin an der Vorbereitung von 2.Kor. 6 und 7. 6,14-7,1 könnten doch echt sein, an 6,1–2 anzuschließen, aber der Inhalt mißfällt mir nach wie vor sehr. Nächsten Sonntag werde ich mich wohl zu 6,1–2 mit seinem energischen νῦν etc. mit dem «Heute» unserer deutschen Freunde auseinandersetzen müssen.

Mit herzlichem Gruß an dich, Marguerite und Merz
Dein
Karl

Sachfußnoten

1
Konfirmandenunterricht an ein Mädchen aus der welschen Schweiz.↩