22. März 1920

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

Melde mich von St. Gallen zurück. Das Fest in der Wüste verlief nicht ungut, d. h. wirklich redlich und nach Kräften gedämpft. […] Die allerlei von mir schon von langher eingeschalteten Widerstände gegen das gewohnte Pfarrertum haben bei den für die Gemeinde Verantwortlichen eine gewisse Erkenntnis und Vorsicht bewirkt. Daß es sich bei mir nicht um das altgewohnte |377 kirchliche Tun, um irgendeine hektische Geschäftigkeit handeln könne, sondern daß die Verkündigung im Mittelpunkt zu stehen habe, ist jedenfalls einigermaßen verstanden worden. Das drückte sich bei meinem Empfang darin aus, daß der Kirchenvorstand nicht als Empfangskomitee funktionierte, daß es meinerseits zu keinem Kniefall vor dem Herrn Dekan kam, keine auf mein Haupt gelegten Hände gab und kein Familienabend stattfand, wohl eine von dem Dekan gehaltene christlich-idealistische Predigt, die ich mir aber nachher (in meiner Predigt) alle Mühe zuzudecken gab. Ich hatte sie gleich zu Beginn mit jenem bei Kierkegaard entlehnten Gleichnis von dem gehorsamen Hündlein und einigen Variationen darüber zugespitzt. Nachher fand ein kleines Mahl statt, bei dem keine besondern Reden gehalten wurden. Es verlief in einer guten Nüchternheit. Nachher Rückfahrt mit Pestalozzis nach Zürich.

Herzlich und treulich
dein
Eduard