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3. Februar 1919
Ich bin froh, daß du das Monatsblatt nicht nimmst und daß damit auch ich von dem gewagten Unternehmen der «Chronik» freigesprochen bin. Wir haben wirklich noch anderes zu tun. Die Kommentare zu diesem neuen Refus von der andern Seite kann man sich freilich denken. — Wie merkwürdig all das, was du aus Zürich erzählst. Offenbar sind die «christlichen» Gegenpioniere z.Z. sehr kräftig an der Arbeit. Vetter ist in Riehen unter Beteiligung einer zahllosen Menge […] in einem weißen Sarg zu Grabe getragen worden, und seine hiesigen Freunde versichern mir, nun rede er erst recht. Es wurde mir in letzter Zeit wieder kräftig zugeredet von dieser Seite. Die Spatzen, die diese Kreise in der Hand halten, freuen sie so stark, daß sie nach unsern Tauben auf dem |315 Dach durchaus nicht glustig1 sind. So sind mir auch zwei meiner gefreutesten ehemaligen Konfirmandinnen in die Heilsarmee gegangen mit der Begründung, ich sei ihnen zu «gelehrt», und dort werde man eben «glücklich». Was sagen wir eigentlich dazu? Wir können ja kaum bestreiten, daß man unter unserm Wort eigentlich nicht gerade «glücklich» wird, offenbar darum, weil wir so zäh am Ganzen festhalten, weil aber andrerseits nicht wir, sondern Jesus selbst mit Vollmacht dieses Ganze sagen müßte. «Glück» sehe ich im ganzen Blumhardt’schen Kreis nur in den Varianten Z. und V., und da handelt es sich doch offenbar nicht um Erfüllungen, sondern um neue Verkürzungen. Eine andere, früher sehr eifrige Zuhörerin von mir macht jetzt kilometerweite Umwege um mich, ist zu [der Sekte der] Albrechtsbrüder gegangen und gerät in heftigste Aufregung, wenn man nur von mir redet. Warum wirken wir so? Es scheint übrigens auch ein spezielles Charisma von mir zu sein, so zu wirken. Hallers angesammelter Groll gegen mich, von dem ich keine Ahnung hatte, gehört ja auch hieher. Hast du nicht auch manchmal auf unsrer Wüstenwanderung Heimweh nach den Fleischtöpfen Ägyptens, wo man sich doch satt essen und andere satt machen konnte? Wieviel einfacher und schöner könnten wirs haben, wenn wir einschwenkten zu H. Gelzer! Was für ein lieber junger Mann wäre ich dann im Pfarrhaus Kölliken und in meiner Gemeinde. So dagegen sind wir — du ja auch, wenn du dir auch weniger verderbst als ich — immer zwischen Stuhl und Bank. Von der Seite der θυσία
Matth. 9,13 ist wenig an uns zu genießen und zu rühmen, und wir könnens nicht einmal mit gutem Gewissen darauf absehen, weil das οὐ θέλω für uns dazwischensteht; von dem ἔλεος Jesu aber können wir im besten Fall reden und stehen so, von Gott aus betrachtet, sicher selber wieder auf einer höhern Stufe des Pharisäismus, wie ja das Pharisäertum mit seinem heiligen kritischen Ernst sicher nur eine Abart des Prophetismus, in seiner Weise auch eine Erscheinung der Adventszeit ist. So kann ichs all diesen Leuten, die mich so energisch ablehnen, nicht einmal übel nehmen, auch abgesehen von meinen persönlichen Unarten, die Nelly auch |316 in der beiliegenden Predigt vertreten findet. Haller hat in seiner gesunden Stumpfheit gegenüber meiner Dialektik von Gott aus ziemlich recht vermutlich. Da tritt dann in der Tat Kutters Ermahnung «da» (!) hinein zu treten und «da» heraus zu reden in Kraft, wenns nur damit getan wäre, auch das wieder zu sagen, wenn nur er selber einem darin hilfreicher wäre; man müßte ja das gleiche auch unter seine Bücher setzen ihm zuhanden. Pαρακύπτειν εἰς νόμον τέλειον τὸν τῆς ἐλευθερίας καὶ παραμένειν
Jak. 1,25, das wärs, das wäre aber im Grunde die Wiederkunft Christi. Unterdessen und im Blick auf diese letzte Notwendigkeit bleibt dann doch wieder nichts übrig, als sich wandernd unter die Erwägungen von Röm. 4 zu stellen, also doch zum Wüsten- und Pilgerstand Ja zu sagen, zu warten und auch die andern mit ihrem Drängen nach Zeichen und Wundern (mit dem sie etwas Richtiges vertreten) warten — oder in die Heilsarmee ziehen zu lassen.
Die [beiliegende] Predigt [über Mt 9,9–13] interessiert dich vielleicht, weil du letzthin über die Markusparallele gepredigt hast. Ich wollte gerade das gewichtige Wort v. 13a in der Geschichte nicht missen. Vielleicht brauchst du aber die Lupe, um sie zu lesen.
Was soll ich von E.s Brief denken? Dieser Naivling hatte mich per Postkarte gebeten, ihm in drei Sätzen zu sagen, was ich eigentlich mit dem Buch
📖 wolle (er solls im Aargauer Tagblatt rezensieren). Ich habe ihm gleichfalls per Postkarte geantwortet, er solle gefälligst das Buch lesen! Das war doch noch keine Schnödigkeit, oder? Seine Fragen aber sind bedenkliche Zuschauerfragen, […] auf die ich ihm kaum werde antworten können, wenn er nach Lesung des Ganzen dabei beharrt. […] [Ad.] Preiswerks These: «Nicht Predigten und Bücher, sondern Erlösungen» war mir von Basel bekannt. Auch da dreht es sich offenbar ums gleiche. Man kann es auch so sagen. Als Einsicht ists sicher richtig, als Methode auch das wieder gefährlich und irreführend. In Basel ist übrigens auch S. P. bei der Lektüre des Römerbriefs gesehen worden!! Andrerseits also Zahnarzt H. fast. Was muß das für ein vielstimmiges Echo werden, wenn sie einmal alle hindurch sind! Aber |317 besser für mich wäre es schon, wenn ichs doch anonym geschrieben hätte, von wegen dem «Ernstnehmen» etc.
Genug. Ich muß ins Spital nach Zofingen. Mit herzlichem Gruß