11. Oktober 1918

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

Da bin ich wieder, und die lange Stille zwischen uns darf wieder weichen und zu jenem so nötigen Hin- und Herüberrufen werden, das uns Lebensbedürfnis ist. Unser gemeinsamer Weg wird wieder beschritten. Ich habe also die Regensberger Tagung der CVJM erlebt. Es ist den Leitern dieser Vereine nicht gelungen, meine Predigt zuzudecken. Es hat sich ergeben, daß einige 30 Jünglinge am Nachmittag statt der Spiele nach einer Diskussion mit mir verlangten und während zwei Stunden mit mir über den Sozialismus redeten. Ob diese kleine Gruppe, die auf mich zu hören |297 begonnen hat, in einer neuen Richtung weitergeht? Oder bleibt es in Basel und anderswo beim alten?

Ich habe einen jungen Mann kennengelernt, der den Militärdienst verweigern will, aber ohne viel Aufhebens und ohne alle Wichtigtuerei. — Zu der von dir aufgeworfenen Frage des Religionsunterrichtes habe ich mir auch meine Gedanken gemacht. Mir scheint, es liege nichts an dem Streit, ob die Kirche ihn in der Hand behalte oder ob die Schule ihn übernehme, sondern allein daran, ob weiterhin «Religion» unterrichtet werde, oder ob die Sache Gottes zum eigentlichen Gegenstand dieses Unterrichtes werde. Ich denke, es sei das Beste, wir schlagen uns an die Seite derer, die den Religionsunterricht ganz in die Hände der Lehrer legen, in der Meinung, daß bei diesen das Verständnis für das, worum es im Religionsunterricht gehen muß, immer noch eher erwache als bei der Kirche.

Zur Weltlage: ja, was geht da eigentlich vor? Ob sich das Dunkel um Wilson nun doch etwas lüftet? Sicher ereignet sich etwas Entscheidendes in Deutschland und in Amerika, und trotz allem sind wir heute wieder hoffnungsvoller dran als in den hinter uns liegenden Jahren.

Unsere Ferien mußten wir abbrechen der Grippe wegen. Unsere Gemeinde liegt im Schatten von Krankheit und Tod. Ich gehe von Haus zu Haus und sage mein Sprüchlein, so gut ich kann. Am Sonntag Abend halte ich eine schlichte Bibelstunde für einen kleinen Kreis, da die Morgenpredigt für die ganze Gemeinde der Ansteckungsgefahr wegen eingestellt ist. Kirchenrat Pfarrer W. in Menziken hat einen Rundbrief an die Gemeinden erlassen, gegen den ich seiner Oberflächlichkeit wegen einen polemischen Brief geschrieben habe.

Herzlich grüßen wir euch.
Dein
Eduard