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10. Oktober 1918
Die Pause unseres Verkehrs hat diesmal ja eine geradezu majestätische Länge angenommen. Kaum daß ich in diesen 4 1/2 Wochen auch nur wußte, wo ich dich in Gedanken zu suchen hatte: in Risch? im Gebirge? bei den Jünglingen in Regensberg? bei den sentimentalen Nebulosen in Winterthur? Und in welcher innern Verfassung und Bewegung, mit welchen Erträgnissen das alles? Nun zuletzt also auch bei euch die Grippe mit schweren Todesfällen. Es ist Zeit, daß du mich über das alles aufs Laufende setzest.
Unterdessen will ich den Anfang machen. Um mit dem Häuslichen anzufangen: stille besuchslose Zeit der Konsolidierung und Einwinterung. […] Pfarrerliches: Meine Bücherei hat sich durch die Teilung in Bern1 um ein Stattliches vermehrt: Tertullian, Origenes, Augustin und alle Andern sind mir nun in greifbare Nähe gerückt, und das aus den Angeln Heben der modernen Theologie, das wir vor 2 1/2 Jahren zwischen Leutwil und Birrwil projektierten, erschiene immer möglicher, wenn wir nur besser Griechisch könnten! Auch eine hebräische Grammatik steht nun übrigens wieder solenn da und wartet auf Benützung im Geist und in der Wahrheit. Vorläufig wälze ich mich weiter durch die alte Weltgeschichte, lese die Biographie von Frédéric Godet2 und pflüge am Anfang der Apostelgeschichte, zu der es leider außer Calvin |294 und Zündel wenig rechte Erklärungen gibt. Auch da bewährt sich aber der alte Rieger3, den du dir auch einmal anschaffen solltest. Predigten: immer noch Matth. 8α. Am Montag war ich — am [Pfarr-] Kapitel. Am 21. wird eine weitere Sitzung stattfinden, zu der ich aber nicht kommen kann. Es handelt sich um den «Religionsartikel» des neuen Schulgesetzes. [Pfr.] Müller mit seiner Balancierstange schien anfangs den Beifall der Mehrheit zu haben. Dann traten aber Andere gegen ihn in Aktion, zuletzt besonders eindrucksvoll Epprecht mit 5 Gegenthesen und einem pausbackig gesunden Volkskirchenbegriff. Die Stimmung schlug darauf um. […] Das Ergebnis war, daß man also noch einmal zusammenkommen will, um auf die Synode hin einen einstimmigen (!) Beschluß zu fassen. Ich habe mich diesmal aufs stille Zuhören und Tubaken beschränkt. […] Was sollen wir auch sagen zu dieser Frage? Hast du eine Meinung für oder gegen? Ein Rückzugsgefecht ists auf alle Fälle und mit Illusionen muß man hüben und drüben rechnen. Immerhin neige ich noch eher dazu, den Lehrern als uns Pfärrern viel zuzutrauen, und habe eine alte Aversion gegen das Freikirchen-Wesen. Es könnte also wohl geschehen, daß wir uns da einmal Arm in Arm mit den Freisinnigen vorfänden. Aber zuerst möchte ich hören, was du auf Grund deiner Gabe der Durchschau irdischer Verhältnisse über die transzendente Lage der Dinge in diesem Punkt mitzuteilen hast, und befinde mich also mit F. und P. in weisem Wackeln.
Auswärtige Beziehungen: Ich war also 8 Tage in Diessbach und erlebte da eine sehr erfreuliche Zeit. Gottfried Ludwig ist ein ausgezeichneter Mann, ein wahrer Tank Gottes in seiner Weise. Er forscht beharrlich und erfolgreich im N. T., in ständiger Fühlung mit Ernst Staehelin, und predigt kräftig über den 1. Joh.-Brief. Wir hatten lange Gespräche, besonders über die Geduld μακροθυμία sc. θεοῦ und besuchten zur Bewährung eine Reihe von Nachbarpfarrern, wo wir das προσλαμβάνειν [vgl. Rm 15,7] zu üben suchten. Es kam mir erst zum Bewußtsein, wie sehr wir eigentlich wegen Hochmut weithin übel beleumdet sind. Die Bettagspredigten, die wir uns da und dort vorlesen ließen, ergaben |295 allerdings schlimme Nachtbilder. Ludwigs Bruder, ein Fürsprecher,4 verfolgte unsere Untersuchungen mit rührender Teilnahme. In Bern ist nun also unser Zelt abgebrochen, und heute wird es eben in Basel wieder aufgerichtet. Ich sah dort Schädelin, der noch immer wie ein Frosch hin und herzuckt. Das Neueste ist die Verkündigung, «diese Bibelei» müsse nun einmal aufhören!! Gottfried Ludwig sieht dem auch mit Staunen zu. […] Es geschehen doch immer wieder seltsamste Dinge im Reiche Gottes.
Dementis und Proteste: Bei Bäschlin vernahm ich also, daß unsere Predigten
📖 draußen5 «aus militärischen Gründen» verboten seien. […] Ich habe mir erlaubt, Rade und Deißmann auf die Sache aufmerksam zu machen. Vielleicht daß wir aber im neuen Deutschland nun ohnehin möglich werden. Prinz Max von Baden6 redet ja fast so schön wie Kutter in seinen «Reden».
Ja eben: Weltübersicht — Was sagen wir eigentlich zu dem allem, was unterdessen vorgegangen? Kommt da etwas oder ist wirklich alles wieder Bluff? Wer doch so sicher zu orakeln wüßte wie Z. im Zwinglikalender! Wer doch die Hitze hätte, Briefe an Wilson und Lloyd George zu schreiben wie Ragaz!7 […]
Kleine Zeitung: [Pfarrer] Weber in Menziken hat mich aufgefordert, im Pastoralverein einen Vortrag zu halten, weil ich nach dem Alphabet drankomme. Ich habe ihm geantwortet, daß ich das tun werde, sobald die Kollegen zu erkennen geben würden, daß sie sich mit dem, was bis jetzt unsrerseits gesagt und gedruckt sei, auseinandersetzen wollten. — Zwinglikalender! Beachte besonders auch das Kalendarium mit den Tagesereignissen! — Der Druck des Römerbriefs
📖 ist wenigstens am 7. Kapitel und gibt mir immer wieder viel Arbeit. — Hast du die Predigten gelesen, die ich dir in einem zurückgehenden Korbe sandte, und was hältst du von ihnen? Sie sind von einem gewissen Burri,8 aus der Schule meines Bruders.
[…]
Leb wohl und laß bald viel Hintergründliches von dir hören. Mit herzlichem Gruß
Und wenn du am Sonntag oder Montag herüberkämest?