18. Mai 1918

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard! Liebe Marguerite!

Vor allem unsre frohen Grüße zur Absage nach Frauenfeld. Wir können euch nicht sagen, wie vergnügt wir sind, daß es diesmal wieder so vorbeigegangen ist, umsomehr als wir mit euch in der Sache einig sind, warum es nicht sein mußte.

Den Baslern habe ich bereits abgeschrieben. Es war mir gleich klar, daß das nichts sei; auf meinem Exemplar [des Zirkulars] figuriert wie du siehst statt Deiner — Böhringer.1 Das zeigt, wie konfus das Unternehmen ist. Wer über den Bankerott des Christentums am 16. Böhringer und am 17. dich2 hören will, der verdient vorläufig nur Absagen. Ich habe ihnen aber einen längern Brief über Sachlichkeit geschrieben und mich bereit erklärt, in geschlossenem Kreis einmal zu reden. Tu du vielleicht auch einen kleinen Ruf in das Gedröhne hinein, in bekannter Lindigkeit.

Ich saß heute den ganzen Tag buchstäblich unter einem Ginsterstrauch und schrieb an einer Pfingstpredigt, wobei ich sehr von der deinigen im Buche3 lebte, der ich überhaupt die Palme zuerkennen würde, von der D. Hadorn4 redete. Hier wieder eine von den schönen Rezensionen, mit denen uns die Kirche nun gemächlich verdaut, wie so viel Anderes. Bitte zurück.

Komm doch bald wieder herüber mit gutem Zuspruch. Ich lebe kärglich aus der Hand in den Mund, und niemand ruft hier Amen!

Mit herzlichem Gruß
Karl

Eben hörte ich dich am Telephon. Entschuldige das rasche Abbrechen. Aber die Taxe drohte auf das Dreifache zu steigen!! Bei näherer Überlegung komme ich zum Resultat, daß ich besser nicht komme.5 Meine Predigt echot zu deutlich die deinige vom Buch, und die äußeren Hindernisse sind einfach vorhanden. Schreib mir doch bald, was die Frauenfelder wollen und was du beschließest. Möchte, o möchte es doch dabei bleiben!6 Sobald ich kann, komme ich zu Fuß oder zu Rad herüber, um alles zu vernehmen.

Sachfußnoten

1
Hans Böhringer (1883–1958), Pfarrer in St. Gallen.↩
2
Wohl Verschreibung für «mich».↩
3
Der heilige Geist, in: Suchet Gott …!, S. 81ff. (2. Aufl. S. 83ff.). 📖 ↩
4
Rezension über«Suchet Gott …!» im «Kirchenfreund» 📖 (vgl. Anm. 1 zum Brief vom 23.1.1918): «Die Palme gehört unstreitig dem letzten Beitrag, dem Bibelvortrag.»↩
5
Thurneysen hatte Barth kurzfristig gebeten, ihn am Pfingstsonntag (19. Mai) nachmittags mit der Predigt in Leutwil zu vertreten, damit er sich seinerseits für eine weitere Besprechung mit der Gemeinde Frauenfeld vorbereiten könne.↩
6
d. h. bei der Absage.↩