3. Februar 1918

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Liebe Freunde!

Ihr seid liebe, liebe Leute mit eurem «Weggeld», das ihr mir aus eurer auch nicht vollen Kasse stiften wolltet. Aber ich werde es euch beim ersten Anlaß wieder zurückbringen, denn ich gehe nicht nach Basel.1 Was soll ich bei dieser Verhandlung? Wird ein sozialdemokratischer Verein gegründet, so will ich dann gerne auch dabei sein, überhaupt sowie das Ding ernsthaft und politisch wird. Aber die gewisse mittlere Linie ethisch-religiöser Erwägungen (nicht Gottesreich und nicht Politik!), auf der sich unsere Bündner Freunde mit Vorliebe bewegen, liegt mir nun gar nicht. Vielleicht daß mein Bruder Heiner, der hingeht, Entscheidendes vorbringen wird, vielleicht auch nicht, jedenfalls scheint mir das nicht der Moment, die Höhle zu verlassen. […]

Ragazens zwei Artikel2 waren nun einfach deprimierend. Ist er eigentlich ganz auf der Verständnis-Stufe von Wernle angelangt, daß er so blindes Zeug zusammenschreiben kann? Das hat ja nicht Hand noch Fuß. «Dem Durchbruch entgegen» — und dann sieht man ihn als Weltrichter zwischen dem «edlen» Oberst Wildbolz und den «Schurken» von der Presse, eifernd, zitternd vor persönlicher Bewegung. Heldentum und Kindlichkeit! Jesusmäßig! Jawohl! Wie figura zeigt. Nein, da schweige ich nun meinerseits lieber, als in dieses Geklirre mit Liebes- und Friedens|264sprüchen dreinzufahren. Oder erwartest du davon, rebus sic stantibus, irgend etwas?

Ich muß dir noch danken für deinen ermahnenden Zuspruch wegen der Predigt und wegen des Römerbriefs 📖. An erstere, wie ich sie in Leutwil hielt, habe ich wirklich die mißlichste Erinnerung, der letztere wäre mir auch schon oft der Schwachheit verdächtig geworden ohne deinen Ansporn zum Weitermachen. Du trägst dann ein größtes Stück Verantwortlichkeit oder Verdienst, wenn das Ding fertig ist. Kutter hörte Kap. 5, 6 und 7 und schien soweit befriedigt. Ganz liegt ihm meine Art offenbar nicht. Er möchte offenbar lieber auch von mir ein direktes «Lebensbuch» und schenkte meiner Interpretationskunst nur technisches Interesse, weil er «es» ja schon weiß. Ich bin tief in den Kommentaren zu 9–11, sehe aber noch nirgends Land; es stehen da gar seltsame Dinge. Schreib mir dann auch einmal, was du von den Kapiteln weißt. Deine Bemerkungen zu 7,14f. waren mir seinerzeit sehr erleuchtend.

Mit herzlichem Gruß und allen guten Wünschen
dein
K. Barth

Sachfußnoten

1
Zusammenkunft der religiös-sozialen Konferenz.↩
2
Vgl. Anm. 2 zum Brief vom 2.2.1918; ferner: L. Ragaz, Im Kampfe mit der Gemeinheit, in: Neue Wege 12 (1918), S. 43–50. 📖 ↩