18. Januar 1918

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

Also in acht Tagen wollen wir die Kanzel tauschen. Ich freue mich auf den Römerbrief 📖 und überhaupt aufs Wiedersehen.

Hier folgen zwei Stimmen, die heute ankamen,1 gefreutere als Wernles Zwischenruf, über den wir uns natürlich nicht aufregen wollen.

Ich war in Zürich und habe eher furchtbare Eindrücke vom Kriegsgeschäftsbetrieb. Ich saß eine Viertelstunde im Bureau eines Geschäftsmannes (nicht Rud. Pestalozzi!) und hörte alle Telephongespräche und sah die ganze entsetzliche Hast der Schreibmaschinenfräulein, das Gehen und Kommen, oben und unten. |257 Die Welt dreht sich einstweilen noch fest um ihre eigene Achse. Aber verdient wird dabei!

Mein Bruder,2 der Pädagoge, hat uns besucht und sich in respektvoller Beobachtung unsres Redens und Tuns gehalten. Ich habe ihm meine Rede an die Lehrerinnen vorgelesen und hätte gern sein Einverständnis dazu gehabt, daß, wenn man sich schon einmal auf die Bibel einlasse, es in unsrer Weise geschehen müsse. Aber ich glaube, er konnte das nicht recht zugeben.

Der junge Hermann Kutter3 hat bei uns übernachtet. Ich habe mich gut mit ihm verstanden. Er ist Pfarrverweser in Außersihl, besucht Kranke, traut und beerdigt, aber wenn mans so macht wie er, aus seinem feinen, geduldigen, ernsten und stets wahrhaftigen Geiste heraus, dann gehen auch solche Amtsgeschäfte nicht ins Leere.

Von mir selber ist nicht viel zu melden. Der Predigtbesuch läßt zu wünschen übrig, die Unterrichtskinder sind seltsam unerweckt. Merkwürdigerweise wollen mich gewisse Gruppen von Arbeitern und Bauern in die Steuerkommission der Gemeinde wählen. Sie versprechen sich davon gerechtere Taxationen! Ich hoffe aber, es werde nichts daraus, denn was soll ich «Richter oder Erbschichter» [Luk 12,14] sein in dieser trüben Sache?

[…] Ich muß an meine Predigtarbeit denken: Ps. 127,1–2.

Wir grüßen herzlich!
Eduard und Marguerite

Sachfußnoten

1
Briefliche Reaktionen auf «Suchet Gott …!». 📖 ↩
2
Peter Thurneysen (1891–1964), Pfarrer in Safien (Graubünden), Davos und Obfelden (Zürich).↩
3
Hermann Kutter (geb. 1893), der Sohn, Pfarrer, zuletzt in Basel, Biograph seines Vaters.↩