13. September 1917

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Freund!

[…] Wir glauben doch, mit dem [Titel] «Suchet Gott, so werdet ihr leben! 📖» werden wir nun zwischen den eigentlichen Harmonium-Sprüchen und dem auch gar an Anna Schieber «— und hätte der Liebe nicht»1 erinnernden Rätselwort von Himmel |232 und Erde glücklich die Mitte halten. Ich habe bereits fünf Predigten unter Dach, also [fehlt] nur noch eine und der Vortrag von mir. Vielleicht ergötzt und belehrt dich die Art meiner Titelwahl: «Die andere Seite» — «Er kann auch anders!» (nämlich der ungerechte Richter!) — «Vergebung der Sünden» — «Ewiges Leben» — «Wo ist nun dein Gott?» — «Hören!». Deine Adventspredigt bildet den Anfang des Ganzen, mach sie also gut und sinne auf einen recht festlichen Titel. Was sagst du zu folgendem Entwurf zu einem

Vorwort

Was wir wollen mit diesem Buch 📖? — «Menschen suchen» könnten wir antworten, Menschen die mit uns beunruhigt sind durch die große Verborgenheit Gottes in der gegenwärtigen Welt und Kirche und mit uns erfreut über seine noch größere Bereitschaft, ein Durchbrecher aller Bande zu werden. Von dieser Unruhe und von dieser Freude möchten wir reden mit solchen, die vielleicht gerne davon hören möchten.

Wir bieten ein Stück gemeinsamen Arbeitsertrages. Daß wir von Blumhardt, dem Ältern und dem Jüngern, und von Hermann Kutter entscheidende Anregungen erhalten haben, bekennen wir dankbar, und daß wir erst an einem Anfang stehen, dessen sind wir uns stark bewußt. Aber wir möchten nicht so allein sein. Was uns bewegt, ist so groß, daß wir das Recht haben, um Teilnahme dafür zu werben. Es handelt sich nicht um uns zwei. Parteigänger begehren wir nicht. Wohl aber würde es uns freuen, wenn dieses Buch da und dort einen Menschen aufrufen würde zum stillen Einstehen für die Sache, um die es hier geht.

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Die Erwähnung von Blumhardt und Kutter befremdet euch vielleicht zunächst. Aber mir ist sie fast ein Bedürfnis, besonders Kutter gegenüber, da ich beim Abschreiben erst wieder merkte, wie stark ich streckenweise mit seinem Kalbe pflüge. […] Dann müssen aber auch die Blumhardte genannt sein, bei denen wir doch eigentlich noch mehr, jedenfalls fürs «Gemüt», geholt haben. Bedenklich ist nur die bequeme Handhabe zur Einschachtelung, |233 die wir damit den Rezensenten bieten. Laßt uns also auch darüber reden und mach überhaupt froh einen Gegenvorschlag, wenn dir das Obige nicht paßt.

Heute baute ich die Bettagspredigt I über das große Abendmahl. Leider etwas farblos geworden, weil ich diesem «Bettag» nun einmal keinen Geschmack abgewinnen kann. Es ist eine zu unwahre zerfahrene Situation, in die man da versetzt ist. Das kirchenrätliche Mandat war aber diesmal recht, und ich habe es darum im Gegensatz zu andern Malen verlesen. […] Für die II. Predigt habe ich im Sinn: Klagelieder 3,7–12.

Unsere Gewerkschaftsbewegung müßt ihr euch nur nicht zu möttlingisch2 vorstellen. Es sind noch keine Teufel ausgefahren. […] Sondern es geht sehr real zu mit viel Zeddeln und Zeitungen und kichernden, schwatzenden Meitlischaren, geführt von ein paar Emanzipierten. […] Das Erfreuliche ist mehr eben die Möglichkeit, der getane Schritt in die größere Freiheit als solche. Mit einiger Vorsicht und allen Kautelen kann ich sagen, daß unsere Botschaft dahinter steht und daß sie in Zukunft einen deutlichen Anknüpfungspunkt mehr haben wird. Und direkt habe ich nichts beigesteuert als die Klarstellung mit dem Fabrikanten, über die ich dann in der Versammlung berichtete, um ihnen den Ernst der Lage deutlich zu machen.

Valete! Wir begrüßen euch herzlich
Eure
Karl und Nelly

Sachfußnoten

1
A. Schieber, Und hätte der Liebe nicht. Weihnächtliche Geschichten, Heilbronn 1912. 📖 ↩
2
In Möttlingen (Württemberg) wirkte J. C. Blumhardt 1838-1852 bis zu seiner Übersiedlung nach Bad Boll.↩