18. Juli 1917

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Liebe Freunde!

Hier die in der Tat gewichtigen und klärenden Aktenstücke zurück. […] Was sind das für Verworrenheiten, in denen sich da unsere rel.-soz. Konferenz-Väter […] befinden! Möchte man sich nicht wünschen, lebenslänglich ein schlichter Hirte auf dem Land bleiben zu dürfen angesichts dieser Kirchenhölle in der Stadt, |217 jedenfalls in Zürich!? Und in dieser verkarrten1 Situation soll sich nun nach der Kutterschen Reichsgottesstrategie die Entscheidung anbahnen? Sind denn wirklich in Alexandrien, Rom oder Berlin die bisherigen Entscheidungen gefallen? Oder waren diese religiösen Hexenkessel bis jetzt etwas Andres als Stätten der Verbreiterung, Verwirrung und Zerstreuung des Göttlichen? Mich veranlaßt besonders der Brief von Ruedi [Pestalozzi] zu erneutem Heimat- und Bodengefühl auf meinem Safenwiler Känzelein und in der stillen Gesellschaft so vieler guter und ungelesener Bücher. Ja und unsre Graubündner! Das tönt wirklich fatal und das möge uns doch ja nie passieren, daß man uns im «Kirchenblatt» in diesem beruhigten Gönnerton loben kann! Verwüstungszone her! Und welch seltsames Licht fällt da auf Gerber, daß er nun bereits stark genug ist, sich an grüne Kommissionstische zu setzen! Gute Nacht!

Nächsten Sonntag gehe ich nach Zürich. […] Ich bleibe dann über den Montag dort und besuche in raschem Lauf Pestalozzis, Kutter und Ragaz, der mir nun einmal Rede stehen soll. Gestern, als ich eben den Brief an euch geschrieben, kam Grolimund2 zu einem längern Gespräch über Mystik, Sozialismus und Coelibat. Heute Abend gehen wir zu Lejeune’s, die meinen Vortrag für Buus hören wollen, so als Hauptprobe. Hat dir Ernst Staehelin seinen «Oekolampad» 📖 auch geschickt? Das ist doch erfreulich, was für andere Klänge da wieder kommen von der Universität! Was sagt wohl Vater Wernle zu der Saat, die da auf seinem eigensten Reformationsäckerlein aufgehen will?!

Herzlichste Grüße nochmals!
Eure getreuen
N. und K.

Was sagen wir zu dem neuen D.C.S.V.ernden Reichskanzler?3 Nun müßte es doch mit der großartigen Parole «Macht Jesus zum König!» irgendwie etwas werden! Aber was?

Sachfußnoten

1
= verfahren.↩
2
Barths katholischer Nachbarpfarrer.↩
3
Georg Michaelis (1857–1936), Vorsitzender der Deutschen christlichen Studentenvereinigung, Vertrauensmann der deutschen Heeresleitung, die ihn nach hundertzehn Tagen der Reichskanzlerschaft (Juni-Oktober 1917) fallenließ; stand den pietistischen Gemeinschaftskreisen nahe.↩