16. November 1916

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Freund,

Was vorauszusehen war, ist nun also eingetroffen: Ihr steht in Reichweite des Posaunenschalls eurer Evangelisation. Der Mann mit Prophetenbart donnert und wirft sein Gesetz über die armen Safenwiler. Wir wollen froh sein, daß wir nicht Evangelisten sein müssen. […]

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Heute kam ich ganz unglücklich aus der Unterweisung: ich hatte über Gott und die Religionen geredet. Aber in mir schwelte die Erkenntnis: was du da sagst, ist selber nichts anderes als Religionswesen. Ich verstand den Ansatz Kutters in «Wir Pfarrer»1 wieder ganz neu. Auch wir sitzen im Käfig des Pfarrertums. […]

Ich komme eben aus dem Blaukreuz. In der Wirtschaft gegenüber tobt ein Fest, weil die Tochter eines Fabrikanten heute Morgen in der Kirche von mir getraut worden ist. Es fehlte also nicht an der Folie für die Trinkergeschichte, die ich meinen Blaukreuzlern vorlas.

Ich schließe mit herzlichen Grüßen. Spannt euren Schirm gut auf, solange die Vetter’sche Regenwolke über euch steht!
Eure
E. u. M.

Sachfußnoten

1
H. Kutter, Wir Pfarrer, Leipzig 1907. 📖 ↩