19. Juli 1916

Karl Barth an Eduard Thurneysen

146
Liebe Freunde!

Wie habt ihrs so schön gehabt im Gebirge nach der frohen Karte an Fränzeli, die eben eintraf. Oder seid ihr noch droben? Jedenfalls freuen wir uns mit euch! Wir haben unterdessen ganz still weitergelebt; ich merkwürdigerweise hauptsächlich hinter exegetischen Forschungen im Römerbrief, die so tief gingen, daß man mich sogar Cremers Wörterbuch der neutestamentlichen Gräcität1 schwingen sah. […] Den Vortrag über Weissagung und Erfüllung für Aarau2 habe ich abgelehnt, darüber fangen wir dann in zehn Jahren an, entscheidende Worte zu reden! […]

Siehe Beilage!3 Da wären allerlei Kommentare zu schreiben dazu. Mach sie dir selber. Ich habe geantwortet, nur das Spitzlein gegen Wernle könne ich opfern, sonst nichts, und die Tendenz und das Vorhandensein dieser Zensur sei bedauerlich. Vier Seiten |147 lang, höflich wie ein Chinese, freundlich wie ein Genfer, unter Nellys Assistenz und Rat. Ich freue mich schon auf das Losbrechen deiner Entrüstung!

Herzlichen Gruß von Groß und Klein euch zweien
Eure
N. und K.

Sachfußnoten

1
H. Cremer, Biblisch-theologisches Wörterbuch der neutestamentlichen Gräcität, Gotha 1866, 10. Aufl. v. J. Kögel 1915. 📖 ↩
2
Barth war um die Behandlung dieses Themas auf der Aarauer Studentenkonferenz des Jahres 1917 gebeten worden.↩
3
Brief von L. Ragaz an Barth. Ragaz hatte für eine Veröffentlichung von Barths Rezension über Blumhardts Andachtsbuch 📖 (vgl. Anm. 1 zum Brief vom 10.6.1916) eine Überarbeitung zur Bedingung gemacht.↩