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17. Juni 1915
Lieber Freund!
Hier eine Gegengabe. Deinen Brief an Loew fand ich gut und sende ihn ab. Gleichzeitig mit deiner Sendung kam beiliegender Brief von Heitmüller,1 auf den ich eben antwortete. Schreib doch auch noch ein paar Worte dazu. Wahrscheinlich bin ich immer noch zu gerecht und scheinwerferhaft, und du kannst das andre so gut sagen auf deine Weise, daß es schade wäre, wenn du es Heitmüller nicht auch noch selbst sagen würdest. Dein Brief an Loew ergänzt den meinigen sehr schön; ich schrieb schon vor acht Tagen. Es wäre ja etwas wert, wenn wir langsam wieder |55 Fühlung bekommen könnten mit den Deutschen. Aber schwer ists! Wie groß muß die Nervosität sein, daß Heitmüller wegen des doch wirklich im Zusammenhang harmlosen Sätzleins wegen «Belgien, Lusitania …»2 so in die Sätze kommen3 konnte. Es bestärkt mich doch alles in der Überzeugung, daß wir uns um keinen Preis aufs Händeln und Rechthabenwollen einlassen dürfen. Sonst ist man sofort verloren in dem allgemeinen Zank. Vide die abscheulichen Vorgänge in den «Basler Nachrichten» gestern!! Ich empfinde in diesem Falle ganz mit dem Bundesrat, unsere Welschen sind einfach kopflos geworden vor Sicherheit und Doktrinarismus. Es scheint bald leichter, sich mit den Deutschen zu verständigen als mit ihnen, wenigstens mit Deutschen wie Loew und Heitmüller.
Peters kommen am nächsten Montag-Dienstag, möchten dich auch sehen, wollen aber nicht bis zu dir reisen. Da mußt du ihnen wohl entgegenkommen bis unter den Äpfelbaum. Willst du am Dienstag kommen? Ich sollte den Peter schon lange einmal allein in die Klauen bekommen, so als älterer Bruder, weißt du — und dann trittst du auf und krönst und vollendest das Werk. Es wäre doch sehr wünschenswert, daß du kämest, du kannst Vieles so viel erfreulicher sagen (siehe oben!) als ich, was er hören sollte.
Das Schäfer’sche4 Billet ist sehr bezeichnend. Jaja, das nach Gottes Willen so vielgestaltige Leben und dementsprechend der Mikrokosmos des aargauischen Monatsblattes, vielgestaltig von Gustav Fischer5 bis zu Ed. Thurneysen! Hui! Paulus hätte das von den verschiedenen Gaben [vgl. 1.Kor 12,4ff.] kaum geschrieben, wenn er diesen Unfug geahnt hätte, der durch die Kirchengeschichte hin damit getrieben wird. Die Beschreibung des Kränzlis hat uns sehr erfreut. Mit Zickendraht wirst du schwerlich zu einem Ende kommen. Er ergeht sich in lauter seltsamunwahrscheinlichen Exegesen, bei denen nichts herauskommt als ein großes Erstaunen allerseits. Aber es wird wohl noch mehr hinter ihm sein und vielleicht entdeckst dus zum allgemeinen Besten. Wegen Ernst- und Unsinnmachen bin ich nicht ganz einverstanden. Wir wollen uns gar nicht so viel darüber besinnen, was |56 wir für einen Eindruck machen, dann kommts am besten. Es ist sicher ganz gut, wenn dem falschen Ernst der Pfärrer dann und wann einfach ein fröhliches Gelächter entgegengestellt wird (das klingt jetzt wieder brutal, aber du weißt ja, wie ichs meine), statt daß wir auf ihren Tonfall eingehen. Gerade wenn man auf den Pfarrer-Ernst eingeht, wird man von der Zunft nicht mehr ernst genommen. Im Übrigen kann man sich ja gelegentlich etwas mehr zusammennehmen ohne Schaden; ich will schon auch helfen, brav zu sein, nur nicht zu sehr.
Gestern war der Feldprediger da zum Mittagessen und schwarzen Kaffee. Nelly stellte mir nachher das Zeugnis aus, ich hätte eine ganz rührende Menschenliebe an den Tag gelegt. Das Gleiche kann ich leider von Nelly nicht sagen. Er setzte sich nämlich hin und fing wirklich arg an zu blagieren6 von seiner geistlichen Tätigkeit in W. und im Militär. Als man auf «die Sache» kam, redete er hoch herab von seiner Jugendzeit, wo er gerade so gewesen [sei] wie ich, von den ersten religiössozialen Konferenzen, wo er auch mitgemacht habe, von seinen praktischen Erfahrungen und Erfolgen!!!, von den Brücken, die man den Leuten bauen müsse, von Schwärmerei («damit würde ich nichts erreichen»), von der für alle Pfarrer vorbildlichen Taktik des Majors des Bataillons 84 usf. Ich ertrug das Alles und forderte ihn nur gelegentlich durch kleine Sprüchlein zu weiteren Vorträgen heraus. Es wehte milde Kirchenluft (er ist auch noch Mitglied der schweiz. Kirchenkonferenz!!!) und ich suchte vergeblich nach Atem. Da löste Nelly die Spannung mit dem unvermittelten unbestechlichen Worte: «Ich weiß gar nicht, woher Sie eigentlich diese Sicherheit nehmen?» Das einem solchen Kirchenfürsten! Er war denn auch von da an ein wenig paff und mußte sich immer wieder mit diesem Vorwurf auseinandersetzen. Schließlich erklärte er uns noch im Hausgang, er habe eben seine Überzeugung und sein gutes Gewissen und darum sei er so sicher, übrigens sei er auch «manchmal» zerknirscht! Mit dieser eigenartigen Erkenntnis nahm er Abschied und wird uns wohl in seltsamer Erinnerung behalten.
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Die Predigt von Benz ist wichtig. Meine Mama hat sie gehört, kam aber mit dem Eindruck heim, das sei keine Lösung. Schade, daß er sich nicht mit seiner frühern These: «Jetzt hat Gott das Wort!» auseinandersetzt. Dann hätte es sich zeigen müssen, daß es mit dieser Orientierung am Einzelnen nicht geht. Nelly läßt dich herzlichst grüßen, Fränzeli auch; es ist gestern auf seinen Wanderungen einer großen Schnecke begegnet und schüttelte sich vor Grausen über dieses Tierlein, das doch auch der liebe Gott in seiner Schöpferfreude geschaffen hat samt seinem Schleim. Da stimmt etwas nicht, bei Fränzeli oder bei der Schnecke. Also auf Wiedersehen nächste Woche.