7. Dezember 1914

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Mein Lieber!

Vielleicht interessiert es dich, zu sehen, was ich gestern den Sozialdemokraten in Küngoldingen vorgebracht habe.1 In der Diskussion meinte ein Mann sehr nett, was ich ihnen beschrieben habe, sei zwar sicher der Sinn Jesu und seiner Jünger, aber ob ich ihnen in Anbetracht der Unvollkommenheit der Welt und der Menschen nicht daneben noch einen andern, leichtern Weg wisse? Ein Gewerkschafter belehrte mich über die Unmöglichkeit zu «warten» und über die Notwendigkeit des proletarischen Kampfes!! […] Die Schwierigkeit für uns, bei und zu den Sozialdemokraten zu reden, wurde mir aufs Neue klar: entweder man bestärkt sie in ihrer Parteigesinnung durch religiöse Unterbauung und mit allerlei christlichen Wünschen für ihr politisches Ethos — oder man versucht, sie über sich selbst hinauszuweisen, und legt ihnen damit, wie es mir gestern den Eindruck machte, eine Last auf, die Vielen zu schwer ist. Das Richtige wird trotz dieser Gefahr das Letztere sein, wenn man überhaupt solche Referate annehmen will. Ich halte es doch für das Richtige, wenn man darum gefragt wird. Gerade jetzt ist für einen radikalen Sozialismus bei den Arbeitern mehr Verständnis da, als man denkt. Aber von einer Popularisierung solcher Anschauungsweise kann natürlich keine Rede sein, und darum werden wohl mit der Zeit solche Anfragen seitens der Vereinsleitungen zu Ausnahmen werden. Vorderhand habe ich noch in Rothrist bei einem sozialistischen Weihnachtsbaum zu reden, wo es letztes Jahr sehr nett war.

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Unsere Blaukreuzstunde gestern Abend hatte folgenden Verlauf:

  1. Gesang: «Voll Hoffnung und voll Glaubensmut …»α
  2. Verlesung der Kutter’schen Kinderlehre aus der «Glocke»2
  3. Gesang: «Bald kommt der Herr, Hallelujah … 📖»
  4. Ansprache einer Tochter über Bereitschaft auf die Wiederkunft.
  5. Ansprache eines jungen Mannes (Wachtmeister Bat. 55) und zwar:
    • a) Vorlesung aus dem «Freien Aargauer»
    • b) Erinnerungen aus dem Militärdienst
    • c) Vorlesung einer (ganz abscheulich pietistischen) Gebetserhörungsgeschichte
  6. Deklamation einer Tochter: Schillers «Glocke» 📖!!
  7. Bericht einer Tochter über ihre Erlebnisse in der Küche des Basler Frauenspitals in der Kriegszeit […]
  8. Gesang: «Ach wie hab’ ich einst das Leben 🎵…» (Die Lieder vom Volke vorgeschlagen!).
Ich teile dir das mit, um dir einen Begriff zu geben von den mancherlei Geistern und Gaben, die hier oft entfesselt sind. Ich ging trotz dieses Reichtums eher gedrückt heim, denn ich fühle mich der Direktion dieses Orchesters einfach nicht gewachsen. Das Material ist ja da, aber in grauenhaftem Chaos. Nummer 5 brauchte für sich einen Pfarrer zur Verarbeitung und Amalgamierung seiner verschiedenen Komponenten. Er ist durchaus nicht ein verworrener Mensch, sondern ein sehr einfach denkender, ruhiger und praktischer Aargauer-Typ. Nr. 7 eine ehemalige Musterkonfirmandin, jetzt etwas deroutiert durch Aufenthalte in Genf und Basel. Willst du nicht einmal an einem Sonntag Abend herüberkommen und ein kräftiges Wort zu meiner Herde reden? Einseitig sind wir auf keinen Fall, man kann uns von allen möglichen Seiten her zusetzen, aber wir haben es sehr nötig!

Mein Kind3 kann jetzt sitzen und sagt: Papap! Und du hast noch nicht einmal eine Frau!

Mit herzlichem Gruß
dein
Karl Barth

Sachfußnoten

1
Vortrag über «Krieg, Sozialismus und Christentum» 📖, bisher unveröffentlicht.↩
2
H. Kutter, «Etwas vom Krieg. Eine Kinderlehre», in: Die Glocke (Zürcher CVJM-Monatsschrift), Jg. 23, Dez. 1914, S. 13ff. 📖 ↩
3
Franziska («Fränzeli») Barth, geb. 13.4.1914, verheiratet mit Max Zellweger.↩