21. April 1916

Predigt: Matthäus 10,38 (Karfreitag)

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Karfreitag
Matthäus 10,38
Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folget mir nach, der ist mein nicht wert.
Liebe Freunde!

Es ist nichts Kleines, Jesu Christi wert zu sein. Jede lebendige Seele unter uns verlangt danach. Es ist etwas in jedem Menschen in dieser Kirche, das vorhin beim Hören dieses Wortes betroffen zusammenge|152zuckt ist. «Mein nicht wert»?! Sollte ich seiner nicht wert sein? Dessen nicht wert heute am Karfreitag, der am Kreuze gehangen und geblutet hat? Da lehnt sich jedes dagegen auf, und nicht nur aus Empfindlichkeit, weil wir von etwas Ehrenvollem, Großem nicht ausgeschlossen sein möchten. Auch nicht nur darum, weil wir nun einmal den Namen von Christen tragen und weil in dieser Festzeit allerlei liebe und schöne Erinnerungen, allerlei tiefere Empfindungen in uns erwacht sind, die mit diesem Namen verbunden sind, so daß wir nicht gern draußen stehen würden bei denen, die es nichts angeht, wenn es sich fragt, wer denn zu Christus gehört. Auch nicht nur um der christlichen Kirche willen, die als anerkannte notwendige Einrichtung zum Leben unseres Volkes gehört und der sich im Grunde niemand völlig entziehen möchte. Nein, hinter allen solchen äußerlichen und eiteln Gründen versteckt sich bei uns allen etwas Tieferes, Ernsthafteres. Oder ist’s nicht so? es ist eine Stimme in dir, die sagt: doch, ich möchte dieses Jesus wert sein, vielleicht sehr auf meine eigene Weise, vielleicht mit allerlei Vorbehalten, vielleicht mit einem gewissen Trotz gegen Pfarrer und Kirche und fromme Leute, gegen die ich viel auf dem Herzen habe, aber ich will nicht ausgeschlossen, geschieden, getrennt sein von Christus, dem Menschenfreund und Gottessohn, ich gehöre auch zu ihm. Und es möchten auch alle die Jesus nicht unwert sein, die auch heute den Weg hieher nicht gefunden haben und ihn an den Ostern und Pfingsten so wenig wie heute finden werden, denen die Bibel längst fremd geworden ist, die den Namen Gottes nur noch zum Fluchen auf die Lippen nehmen, die allen ernsteren Gedanken und feineren Herzensregungen wie aus Grundsatz aus dem Weg zu gehen scheinen. Wenn wir es vermöchten zu hören, was ihre Seele sagt, so würden wir auch dort die Antwort vernehmen: Nie und nimmer, auch wir wollen nicht draußen sein.

Und das ist eigentlich das Beste an uns Menschen allen, daß etwas in uns ist, was uns zum vornherein, noch bevor wir uns zum Glauben, Gehorchen, Liebhaben entschlossen haben, zu Jesus hinstellt. Noch bevor er seinen großen Anspruch an uns erhoben hat, müssen wir, wer wir auch seien, den Anspruch erheben, zu ihm zu gehören. Wir können ihn trotzig, närrisch, ängstlich, mißtrauisch von Weitem ansehen; es ist doch etwas in uns, das ihm recht gibt und nach ihm verlangt. Diese geheime Anziehungskraft, die Jesus auf uns übt, ist eine der merkwürdigsten Tatsachen des Menschenlebens. Man redet für gewöhnlich nicht davon, sie gehört |153 zu den Dingen, deren man sich beinahe schämt. Aber warum sollen wir es uns nicht gerade am Karfreitag einmal ganz klar machen: es ist in allen, in fast allen Menschen etwas bereit für Jesus, etwas, das nur auf ihn wartet. Das ist ja auch eine Folge des Sieges, den er dort errungen, eine Frucht seines Leidens, seine Gestalt ist dort der Menschheit doch so unvergeßlich eingeprägt worden, daß kein Einziger ist, der es in seinem Herzen verleugnen könnte, daß er eigentlich gerne neben ihm, dem Sieger, stehen würde. Es tut Mancher, als ob er zu groß und zu vornehm wäre, um den Heiland lieb zu haben, aber es ist nicht wahr, er tut nur so, und er weiß es schon: das eigentliche Großsein besteht ja nicht darin, daß man eine gute Stelle hat und flott daherkommt, sondern in der inwendigen Hoheit, Überlegenheit, Sicherheit, die jener hatte, gerade als er ganz erniedrigt und schwach in der Hand seiner Feinde war, und sein Herz sehnt sich in stillen Augenblicken nach solcher Größe. Es stellt sich mancher, als ob «Jesus» nur so ein leerer Religionsbegriff wäre, den man in der Kinderlehre und Unterweisung1 oft und oft gehört – und satt bekommen und dann auf die Seite gelegt hat als etwas Abgenutztes, aber das ist auch nur wieder ein Schein; die Religionsbegriffe und Worte und Formeln nutzen sich freilich ab, und das schadet auch gar nichts, das ist immer so gewesen, aber es hat noch gar Keiner Jesus selbst auf die Seite zu stellen vermocht. Jesus selber ist irgendwo gegenwärtig in seiner Seele, nicht als ein Wort, sondern eben als der Lebendige, der er ja ist. Die Religion kann einem verleiden, Jesus selber kann keinem verleiden. Aus dem Grab von all dem Langweiligen, Auswendiggelernten, Unverstandenen über ihn will er selber wieder auferstehen, der Tapfere, der Reine, der Frohe, der jedem Menschen etwas Brauchbares zu sagen hat. Es redet sich mancher heraus, Jesus könne nicht der Mann für unsere Zeit sein, weil er vor 2000 Jahren gelebt als ein ungebildeter Mensch aus dem gewöhnlichen Volk. Aber es glaubt eigentlich Keiner an diese Ausrede, zu deutlich spürt da ein jeder ein Leben, das trotz der 2000 Jahre, die uns von ihm trennen, nicht alt werden kann, sondern heute noch als das Neueste, Überraschendste an uns herantritt, zu mächtig berührt uns in diesem ungebildeten Volksmann eine Lebensweisheit und Lebenskraft, neben der |154 alle unsere sog. Bildung einfach schwach ist, wenn wir es uns ehrlich gestehen wollen. Ich wollte den sehen, der im Ernst leugnen wollte, daß gerade dieser Mann das lösende Wort gerade für unsere kranke Zeit hat. Und wenn wir seufzen möchten über Jesus, daß es zu viel und zu hoch sei, was er von den Menschen verlangt: nicht sorgen [Mt. 6,25–34 par.], nicht zweien Herren dienen [Mt. 6,24], reines Herzens sein [Mt. 5,8], die Feinde lieben [Mt. 5,44 par.], Güte gegen Gewalt setzen [Mt. 5,38–42 par.], so seufzen wir und können es doch nicht abstreiten, daß das alles bei ihm Wahrheit war und daß wir das alles bitter nötig hätten und daß wir auf diese Weise freudig und gesegnet leben könnten und daß wir eigentlich ja sagen müssen zu all dem, was er da von uns verlangt, weil er die Macht und das Recht hat, es von uns zu verlangen. Und wenn wir uns von Jesus abwenden wollen, weil wir allerlei Anklagen auf dem Herzen haben gegen die, die seinen Namen viel auf den Lippen führen, gegen die Pfarrer, gegen das Christentum der Kirche oder der Gemeinschaften – so wissen wir recht gut, daß wir ihm damit Unrecht tun und uns selber zu Leid leben. Denn wo sind die Christen, die nicht tief unter ihrem Meister stehen würden? Woher nehmen wir den Mut und die Sicherheit, mit der wir uns gegen eine falsche, heuchlerische, faule Religion wehren, als eben von ihm, der ein Anderer, Größerer ist als die Christen, die wir vor Augen haben? Stellen wir uns nicht gerade mit solchen Anklagen, wenn sie berechtigt sind, auf seine Seite, auch wenn wir das dann selten mit dem nötigen Ernst tun? Seht, so zieht er uns alle an, ob wir es wollen oder nicht, so müssen wir ihm immer wieder auch mit unserer Gleichgiltigkeit und unserem Widerspruch Recht geben. O, er hat nicht umsonst gelebt und nicht umsonst gelitten am Karfreitag. Es ist dort etwas geschehen ein für allemal, was durch alle Dummheit und allen Stolz der Menschen, durch all unsere Mammonsknechtschaft und all unsere Kriegsnot nicht wieder ungeschehen gemacht werden kann. Es hat dort etwas begonnen, und das wirkt weiter und geht nicht mehr zurück. Es ist dort etwas in die Menschheit hineingetreten wie ein Sauerteig und kann nicht mehr hinausgebracht werden. Was im Leben Jesu und am Karfreitag besonders geschehen ist, das ist einfach eine Macht geworden in der Welt, und diese Macht beweist sich an uns. Darum möchten wir alle seiner wert sein.

Seht, Jesus hat ans Licht gebracht, was in den Menschen ist. Das ist seine Macht über uns. Sehen wir ihn an, so sehen wir unser eigenes Gesicht, |155 aber ein besseres Gesicht als das, das uns der Spiegel zeigt, das göttliche Gesicht, das alle Kreatur trägt und das unsere stumpfen Augen gewöhnlich nicht zu sehen vermögen. Jesus hat das Verborgene offenbar gemacht: Nicht unsere Sünde – die kennen wir gut genug –, aber unsere göttliche Bestimmung. Nicht unsere Schwachheit – wer brauchte uns die zu offenbaren –, aber den Gottesgeist, der eigentlich im Menschen schlummert. Nicht unseren Stumpfsinn, unsere Gleichgiltigkeit, unseren Unglauben, unseren Unfrieden – o, das alles können wir ja mit Händen greifen –, aber die ewige Liebe, die eigentlich alles Menschendasein umfaßt und erfüllt und trägt. Jesus hat in gewaltiger Arbeit und hartem Kampf an den Tag geschafft, was das eigentliche, reale Leben ist, das Leben, das man leben kann, ohne sich selber etwas vorzutäuschen, ohne beständig zu seufzen und sich nach dem Tode zu sehnen, das Leben, das kein Theater ist, sondern frohe Wahrheit. Jesus hat die Lügenmächte bekämpft und überwunden, die das Leben zur Posse oder zum Trauerspiel machen wollen. Er hat die Sünde vergeben, d.h. aufgehoben, weggenommen, als Flecken, der zu den Menschen als Gotteskindern von Haus aus nicht gehört. Er hat den Mammon entthront als einen zweiten Herrn neben Gott, der eben kein Herr sein kann über den Menschen, der Gottes ist [vgl. Mt. 6,24]. Er hat die Krankheiten geheilt und die bösen Geister ausgetrieben als Feinde Gottes und des Menschen, die kein Recht haben zum Herrschen. Er hat die eigene scheinbare Gerechtigkeit, Tugend und Moral, hinter der wir unsere Dummheit und Bosheit verstecken, entlarvt als einen Helfer, der nicht hilft, sondern schadet. Er ist selbst vor dem düsteren Geheimnis des Todes nicht zurückgewichen, hat seinem finsteren Siegeszuge Halt geboten und ein für allemal aufgedeckt, daß auch Sterben nicht das letzte Wort ist, sondern nur das vorletzte. Jesus hat an Stelle dieser gefallenen Götter eine ganze neue Welt erstehen lassen vor den Augen der Menschen, er hat ihnen Freiheit gezeigt und Bruderliebe, stille Güte und siegreiche Kraft, stürmisches Beten und tapferes, schlichtes Dulden und Kämpfen, ein neues Dasein für den Einzelnen, ein neues Leben in der Gemeinschaft, eine neue Aussicht auf die Zukunft, einen neuen Sinn für das Menschengeschlecht – neu das alles und doch im Grunde nicht neu, denn es war ja nur das Alte, das in die Schöpfung und in den Menschen hineingelegt ist von Anfang her, wunderbar und doch das Allernatürlichste und Naheliegendste, göttlich und doch rein menschlich.|

156Jesus hat Gott offenbar gemacht als die einfachste Lebenswahrheit. Gott ist ja der Feind und Überwinder der Lügenmächte. Gott ist ja der Herr und Schöpfer der neuen, uralten wahren Welt. Wer Jesus sah, der sah den Vater [vgl. Joh. 14,9]. Was Jesus wollte und erstrebte, war die Herrschaft des Vaters. Was Jesus trieb, war die Liebe des Vaters zu allen Kreaturen, die in ihm war. Am Karfreitag, am Kreuz sehen wir Jesus auf dem Gipfel dieses seines Lebenswerkes. Es war der Entscheidungskampf zwischen Altem und Neuem, zwischen den Lügenmächten dieser Welt und der Liebe des Vaters, die die neue Welt schaffen will, zwischen den falschen Göttern und dem lebendigen Gott. Wie hat er dort gerungen und gelitten um das wahre Menschenleben und um Gott! Was hat es ihn gekostet, die aufgepflanzte Fahne aufrecht zu erhalten! Er hat die ganze Last einer gottfremd gewordenen Welt getragen, aber hat nicht aufgehört, in seinem Leid sich an Gott zu halten. Er hat den ganzen Ansturm menschlicher Verkehrtheit an sich erfahren, aber er hat nicht aufgehört, für seine Feinde zu beten. Er hat in der schwierigsten, unmöglichsten Lage das Reich Gottes vertreten, die Wahrhaftigkeit, die Reinheit, den Heldenmut, die Liebe, alles das, was verborgen in den Menschen ist, was heimlich auch in der Welt war, die ihn verstand und aufnahm, in den Menschen, die ihn ans Kreuz schlugen. Er hat Gottes Reich vertreten bis in die Nacht des Todes hinein, und so hat er die Welt überwunden [vgl. Joh. 16,33]. Als Jesus dort zuletzt seufzte: es ist vollbracht! [Joh. 19,30], da war etwas vollbracht. Da war ein Ziel erreicht, der Grundstein gelegt für ein neues Menschenleben auf der alten Erde. Die verborgene Liebe Gottes zu der Menschheit war nun nicht mehr verborgen. Es war von nun an festgesetzt und klar, was Gott will, was der Sinn des Lebens ist. Und die Menschen konnten das nicht mehr vergessen.

Auch wir können es nicht vergessen. Auch wir wissen es ganz genau, daß in jenem Leben und Sterben etwas Wichtiges, Entscheidendes geschehen ist. Es bleibt als tiefster Grund in den Seelen aller Menschen, auch in den Seelen der Faulen, Nichtsnutzigen, Gleichgiltigen, Glaubenslosen, eine gewisse Sicherheit und Freudigkeit, ein gewisses dankbares Gefühl des Geborgenseins. Das Leben mit seinen Leiden und Mühsalen ist nicht mehr unerträglich. Die Sünde mit ihren Folgen ist nicht mehr unvermeidlich und unausrottbar. Die Welt mit ihren Verwirrungen ist nicht mehr hoffnungslos die gleiche. Der Tod ist nicht mehr das allerletzte Wort. Es kann keines von uns mehr an die unbedingte Macht des |157 Teufels [glauben]. Es ist in uns allen festgelegt, daß es etwas Anderes gibt. Wir scheuen uns vielleicht aus sehr begreiflichen Gründen vor Gott, vor dem Glauben und Gehorchen, aber Gott ist nicht ferne von einem jeglichen unter uns [Act. 17,27]. Wir wissen ganz genau, daß ohne Gott unser Leben und Zusammenleben unmöglich wäre. Wir sind froh darüber, daß Gott ist und wirkt und Allem ein Ziel gibt. Das ist der tiefste Grund in unserer Seele. Und diesen Grund, der gelegt ist [vgl. 1.Kor. 3,11], verdanken wir dem Leben und Sterben Jesu, auch wenn er uns sonst ganz fern steht. Wir könnten uns Jesus nicht hinwegdenken von der Welt und auch aus unserem Leben nicht. Wir wissen ganz genau, daß dort etwas für uns geschehen ist. Für uns ist dort der Freiheit eine Gasse gemacht.2 Für uns ist dort das Verborgene im Menschen ans Licht gebracht. Für uns sind dort die Lügenmächte an den Pranger gestellt. Für uns ist dort das neue Leben auf der alten Erde begründet worden. Für uns hat Jesus gerungen, geseufzt, geblutet, unsere Last hat er getragen und abgewälzt. Wir können uns gar nicht erinnern an ihn, an das, was er gewesen ist und getan hat, ohne daß wir in unserem Herzen etwas spüren von der Anziehungskraft, die er auf uns ausübt, von der Dankbarkeit, die wir ihm schuldig sind, etwas von dem Verlangen, zu ihm zu gehören und seiner ein klein wenig wert zu sein.

Seiner wert sein, das heißt ja ein wenig auf seiner Seite stehen im Leben. An seiner Größe und Ehre, an dem Licht und der Wärme, die von ihm ausgehen3, teilnehmen. Wir können ihm ja nicht Unrecht geben, so möchten wir neben ihm Recht haben. Wir können nicht gegen ihn kämpfen, so möchten wir an seiner Seite siegen. Wir können nicht leugnen, daß Hilfe und Erlösung bei ihm zu finden ist, so möchten wir sie auch nicht vermissen. Die Liebe Gottes zu uns ist zu deutlich und stark in ihm, so möchten wir auch dabei sein, sie wirklich zu erfahren, und, wenn auch trotzig und bös und furchtsam und geteilten Herzens, möchte auch unsere Stimme einfallen in das Lob dieses Gottes: O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und Erkenntnis Gottes! wie gar unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege! |158 Denn wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen? Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! [Röm. 11,33f.36].

Und siehe da, Jesus antwortet uns: Ja, ihr sollt meiner wert sein! Wir haben, wer wir auch seien, das Recht, uns zu wehren, wenn man uns von ihm ausschließen wollte. Wir haben das Recht, uns auf ihn zu berufen, daß wir auch zu ihm gehören wollen. Wir haben das Recht, den Anspruch zu erheben: wir wollen auch von den Seinigen sein und etwas von dem bekommen, was er erstritten und gewonnen hat. Dazu hat ja Jesus gerade gelebt und hat sein Leben mit diesem Tode gekrönt, daß wir alle, ohne Ausnahme, dieses Recht haben sollen. Jesu Blut ist nicht nur für die Glieder einer Kirche oder Gemeinschaft oder Partei oder Richtung, für die Menschen einer bestimmten Art geflossen. Da braucht wirklich Keiner sich ausgeschlossen zu fühlen oder sich ausschließen zu lassen. Jesu Blut ist die Gründung des Gottesreiches, und das Gottesreich ist das, wonach wir alle Verlangen haben. Wer von uns leidet nicht unter den Lügenmächten, die unser Leben regieren, wer von uns würde nicht von Herzen gern frei, fröhlich, friedlich atmen in der Luft einer besseren Welt? Wahrhaftig, alle, die leiden, und alle, die atmen möchten, für die ist das Gottesreich angebrochen. Und wer das höret, der spreche: Komm, Herr Jesu! Und wen dürstet, der komme, und wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst [vgl. Apk. 22,17.20]. Keines braucht fern zu bleiben, wenn es an dies Nehmen geht, die Letzten von gestern können heute die Ersten sein [vgl. Mk. 10,31 par.].

Aber! Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folget mir nach, ist mein nicht wert. Liebe Freunde! Warum muß jetzt ein Aber ertönen, wo doch Jesu Verheißung und Einladung, daß wir seiner wert sein dürfen, so voll und unbedingt an uns alle ergeht? O versteht das recht: nicht Jesus ist’s, der nun hintendrein doch wieder eine Einschränkung, ein Hindernis aufrichtet für uns, da wir eben froh und vertrauensvoll zu ihm treten wollten. Er breitet seine Arme nach uns aus und sagt uns bedingungslos: kommt! Es ist das Wichtige, Entscheidende für uns geschehen durch ihn, daß wir auch leben können. Es ist das Gottesreich begründet, und wir brauchen nur Ja zu sagen und anzufangen. Bei uns steckt das Aber. Wir könnten vielleicht nicht wissen, was es ist um dieses Ja-Sagen. Wir könnten uns vielleicht täuschen, als ob es schon geschehen sei. Wir könnten vielleicht unaufrichtig uns und Anderen etwas vormachen, das wie ein Ja |159 aussieht und doch keines ist. O, er stößt uns nicht zurück mit dem Aber, das er uns entgegenstellt; er will uns gerade damit wirklich an sich ziehen, daß es Ernst und Wahrheit wird mit dem Seiner-wert-Sein.

Das Kreuz auf sich nehmen, jeder das seinige! Wir denken an das Kreuz Christi, an die Summe von Schrecken und Qual, die er ertragen hat, und fürchten uns. Kreuz heißt sich selber verleugnen, sich drangeben, nicht mehr sein eigen sein. Kreuz heißt in einen schweren Kampf eintreten mit den Lügenmächten dieser Welt, keinen Frieden machen mit keiner von ihnen, nicht ruhig und ergeben sein gegen ihre Herrschaft, sondern bis zuletzt uns nach dem Anderen ausstrecken. Kreuz heißt allein sein mit Gott, auf gar nichts Anderes abstellen und uns verlassen als darauf, daß Gott Recht hat, und wenn Alles um uns auf tausend andere wichtige Dinge abstellte. Kreuz heißt etwas durchmachen und leiden können, ohne uns nach Menschenart dagegen zu wehren, ohne Zorn, ohne Haß, ohne Verzweiflung, ohne dumpfe Ergebung, in Frieden das Leid hinnehmen als eine Arbeit, die getan, die mit Gott getan sein muß. Kreuz heißt unterliegen, schwach sein, den Kürzeren ziehen können vor den Menschen, Kreuz heißt als Narr, als Besiegter und Widerlegter dastehen können vor der Welt. Kreuz heißt sich wahrhaft und fröhlich begnügen können mit dem Triumph, den Jesus hatte, als er betete: Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist [Lk. 23,46]. Ist das nicht zu viel und zu groß für uns? Ist das nicht das Unnatürliche, Unmögliche?

Ja, gerade das verlangt Jesus von uns. Gerade das meint er mit seinem Aber!, das er uns entgegenstellt. Denn gerade daran muß es sich entscheiden, ob wir uns nicht täuschen, wenn wir uns in der Erinnerung an das, was er für uns getan, auf seine Seite stellen, ob wir in Wahrheit seiner wert sind. So sicher die Einladung und Verheißung Jesu uns alle angeht, so messerscharf ist die Entscheidung, die er uns da vorlegt. So sicher es ist, daß niemand, gar niemand von uns ausgeschlossen sein soll von der Liebe Gottes, die uns in ihm offenbar wird, so blitzhell muß es uns klar sein, daß er uns sagt: wer nicht für mich ist, der ist wider mich, und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut [Mt. 12,30 par.]. So freundlich uns von Golgatha das neue Leben, die neue Welt grüßt, so deutlich werden wir da vor die Wahl gestellt, Ernst zu machen mit dem, wonach wir alle verlangen, oder aber darauf [zu] verzichten. Wenn wir an ihn denken, wie er gekämpft und gelitten hat, dann wird uns der traurige Mut genommen, länger zu denken: ich möchte eigentlich wohl, aber ich will nicht. |160 Wenn wir uns seines Blutes trösten und uns der Lebenswahrheit freuen, die in diesem Sterben an den Tag gekommen ist, dann wird es uns unmöglich gemacht, länger gleichgiltig neben dieser Lebenswahrheit zu stehen. Was vom Kreuze des Heilands auf uns ausgeht, das ist nicht Ruhe, sondern Bewegung. Was angesichts dieses Leidens in uns entsteht, das kann nicht heißen: Das geht mich nichts an!, sondern: Das ist meine Sache! Jesus ruft uns, wenn wir seiner wert sein möchten, daß wir mit eintreten in seine Arbeit und seinen Kampf. Jesus macht uns, wenn: wir nach dem Gottesreich verlangen, zu seinen Jüngern. Und wer sein Jünger sein will, der muß ihm nachfolgen und sein Kreuz auf sich nehmen.

Ist das etwas Unnatürliches, wenn es uns aufrichtig darum zu tun ist, seiner wert zu sein, wenn wir ehrlich und wahrhaftig sind mit dem, was im Grunde in uns allen ist? Ist nicht das Leben ohne Gott oder mit dem Gott, den wir nicht kennen, das Unnatürliche? Das Leben in der Angst, im Mißtrauen, im Unfrieden, das Leben, in dem wir einander so unsäglich zu leid leben und in dem so jämmerlich wenig Freude ist? Gibt es einen anderen Weg aus dieser Unnatur heraus als den, den Jesus gegangen ist? Und ist er ihn gegangen, gibt es für uns eine andere Erlösung als die, daß wir eben mit ihm gehen? Gibt es eine andere Überwindung der Höllenmächte und eine andere Aufrichtung des Gottesreiches als die, daß jeder sein Kreuz auf sich nimmt, jeder an seiner Stelle im Leben ein Kämpfer und Dulder wird für die Lebenswahrheit, die an den Tag will? O, daß in Jesus die Freiheit angebrochen ist, das ahnt unser aller Herz, aber daß wir nun aufstehen und uns mit allen Kräften unserer Persönlichkeit, mit Leib und Seele, mit unserem Beten und Arbeiten, in die Schanze schlagen müssen, wenn wir leben wollen, das fangen wir eben erst an zu begreifen. O nein, das ist das Natürlichste, daß wir in Jesu Nachfolge zu Kämpfern werden für die Lebenswahrheit, so sicher als Faulheit und Feigheit und Wankelmut eben nicht natürlich sind. Wir möchten alle gerne Jesu Christi wert sein. Wir können es. Gut, so seien wir es auch! Er ist für uns alle gestorben. Gut, so zeigen wir, daß es nicht umsonst geschehen ist! Es wartet etwas in uns allen auf die Erlösung, die er zu bringen hat. Aber noch viel mehr wartet er auf mutige Menschen, die es mit ihm halten wollen und vom Kreuz den Sieg erwarten.

Amen.
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Lieder:
  • Nr. 112 «O Haupt voll Blut und Wunden» von P. Gerhardt, Strophen 1-3 (GERS [1952] 148,1-3; EG 85,1.2.4 mit Textabweichungen in Strophe 2) 🎵
  • Nr. 294 «Mir nach, spricht Christus, unser Held» von J. Scheffler, Strophen 1.6.7 (GERS [1952] 317,1.4.5 mit Textabweichungen; EG 385,1.5.6, Text fast wie GERS [1891]) 🎵

Sachfußnoten

1
«Kinderlehre» meint den Jugendgottesdienst, der sonntäglich nach dem Hauptgottesdienst vom Pfarrer für die 12-14jährigen gehalten wurde. «Unterweisung» ist der Oberbegriff für den Präparanden- (= Katechumenen-) und Konfirmandenunterricht.↩
2
Vgl. M. von Schenkendorfs Gedicht «Schill. Eine Geisterstimme» (in: Gedichte, Stuttgart / Tübingen 1815, S. 116, drittletzte Strophe) 📖:
Für die Freiheit eine Gasse!
Weitere Belege bei Büchmann, S. 301 📖. ↩
3
Mskr.: «ausgeht»; Korrektur vom Hrsg.↩