Die postume Herausgabe von Aufzeichnungen Franz
Overbecks1 durch Carl Albrecht Bernoulli2 im Jahre 19193 war für Barth bald Anlaß zur
«Auseinandersetzung mit diesem überaus merkwürdigen und selten frommen Mann»4. Sie fand ihren ersten
Niederschlag 1920 in dem Aufsatz «Unerledigte Anfragen an die heutige
Theologie»5. Kurz
vor dessen Veröffentlichung hatte Barth am 19. April 1920
Bernoulli und die Witwe Overbecks, Ida
Overbeck6, in
Basel aufgesucht7. Vor allem die Begegnung mit der Letzteren hatte ihn in seiner Deutung des
umstrittenen Overbeck bestärkt: sie «entwarf
mir ein Bild von ihrem Mann, das nun einfach haarscharf stimmt zu unserer Auffassung.
Die Broschüre kann ruhigst erscheinen, es ist Alles in Ordnung…».8
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Eberhard Vischer9 kritisierte noch im gleichen Jahre in einem Artikel10 einerseits das editorische Verfahren Bernoullis, andererseits die «Bewunderer Overbecks unter den Theologen»11, unter denen er
sich auch mit Barth auseinandersetzte12. Knapp zwei Jahre später, im Februar/März 1922, wiederholte und
verschärfte Vischer seine Vorwürfe in der
«Christlichen Welt»13, u. a. wiederum gegen Barth, der in
Römerbrief 2 mehrfach
auf Overbeck Bezug genommen14 und im Vorwort erklärt hatte, er wolle Urteile über
seine Overbeck-Deutung «nur von solchen
entgegen nehmen, die sich darüber ausgewiesen haben, daß sie das sachliche (und
wahrhaftig nicht nur biographisch-psychologische!) Rätsel, das durch Overbeck ein für
allemal gestellt ist, gesehen und sich um seine Lösung wenigstens bemüht haben, also
z. B. nicht von Eberhard Vischer!»15
Die Barth betreffende Passage im Aufsatz Vischers von 1922 lautet16:
«Auch in unserer an Überraschungen reichen Zeit mußte es nach dem, was bisher dargelegt
worden ist, den, der sich schon früher mit Overbeck beschäftigt |60 und auseinander zu
setzen versucht hatte, nicht wenig überraschen, daß er uns nun mit einem Male auf Grund
des neuesten aus dem Nachlasse herausgegebenen Buches bald mit einigen Kautelen, bald
aber auch ohne solche, nicht bloß als der Siegfried, der den Lindwurm der modernen
Theologie erschlagen hat, sondern als Geburtshelfer und Anfänger der neuen, wahren
Theologie, ja als Reformator des Christentums gepriesen wird und zwar von – Theologen.
Nicht als ob nicht auch diese letzte Sammlung von Overbeckworten genug enthielte, was die ernsteste Beachtung nicht bloß der
Fachgenossen verdiente. Auch ist es schon längst ein bekannter Zug im Bilde der von
Overbeck so unerbittlich kritisierten
Theologen, daß sie kaum Einem so gerne und so geduldig zuhören wie dem, der ihnen vom
Ende der Kirche und des Christentums erzählt. Selten aber hat Jemand so scharfsichtig
nach ihren Schwächen gesucht und seinen Befund so offen dargelegt wie der in diesen
Aufzeichnungen Sprechende. Bedenken wir, wie schwer es ist, sich im Lärme der Gegenwart
ohne reichlichen Gebrauch von Superlativen und Paradoxien Gehör zu verschaffen, so ist
es zur Not auch noch zu verstehen, wenn Karl Barth ihn vor allem um
des Nachdrucks willen, mit dem er die Kluft zwischen dem in der Erwartung des Weltendes
lebenden Urchristentum und dem spätern Christentume betont, den rückwärts schauenden
kritischen Blumhardt nennt und Blumhardt den vorwärts schauenden, hoffenden Overbeck17. Wenn aber derselbe ihn neben dem
Sokrates des Phädon zu denjenigen
heidnischen Verkündigern der Auferstehung rechnet, von denen es heiße: Solchen Glauben
habe ich in Israel nicht gefunden18, wenn er meint, der Mann, der vom Tode so tiefsinnig geredet
habe, müsse auch mit dem finis christianismi irgendwie einen
fruchtbaren, lebendigen, ursprünglichen Begriff verbunden haben, jenseits der
schlechthinigen Frage (?) müsse eine Antwort, jenseits der Nichtigkeit ein neuer Anfang,
jenseits der Wüste, in die wir gewiesen würden, ein gelobtes Land sein, dafür spreche
schon die Tatsache, daß Overbeck selber nie
etwas Anderes gewesen sei als eben Theologe19, ja wenn selbst in Overbecks spöttischer Bemerkung, Ritschl hätte darüber nachdenken sollen, ob nicht die Theologen mit ihrer
Dummheit ein notwendiger und als notwendig geschätzter Ballast in der menschlichen
Gesellschaft seien, eine Anerkennung ihrer Bedeutung gefunden wird20: so ist das ein Musterbeispiel der von Overbeck so oft verspotteten und leidenschaftlich
bekämpften Parasitenkunst, alles für die eigenen Zwecke umzudeuten, oder, wie wir wohl
richtiger sagen, des Zwanges, dem besonders wir Theologen so oft unterliegen, die
Erkenntnis dessen, was uns das Wertvolle ist, auch bei dem Andern vorauszusetzen.»
Bereits am 8.3.1922 – also unmittelbar nach Erscheinen des letzten Teiles
von Vischers Aufsatz (2.3.), in dem er
angesprochen worden war – sandte Barth an den Herausgeber der «Christlichen Welt»,
Martin |61 Rade,
«eine kleine Replik von mir gegen Vischer,
Ausführlicheres habe ich nicht darüber zu sagen.»21 Sie erschien in der Ausgabe vom 6.4.1922.22
Immer noch unerledigte Anfragen
Wer wollte Eberhard Vischer nicht dankbar sein für die große und erfolgreiche Mühe, die er
neuerdings an die biographisch-psychologische Beleuchtung des Problems Overbeck gewendet hat? Als Einer
von denen, die ihm den Anlaß dazu gegeben haben, bezeuge ich es gerne, wie sehr wir uns
darüber freuen, daß auch er offenbar nicht will, daß der Name Overbeck der Vergessenheit verfalle, und wie sehr uns
das alles interessiert hat, was er aus der reichen Fülle seiner Kenntnisse über den
außergewöhnlichen Mann und zur Illustration dessen, was ihn bewegte, beigebracht hat.
Wenn ich mir erlaube, ganz kurz zu Vischers
Darlegungen das Wort zu ergreifen, so geschieht es nicht, um das von ihm gezeichnete
Bild zu ergänzen oder zu korrigieren. Nicht als ob ich es für vollständig und
wohlgetroffen hielte; es bietet, gut dokumentiert, wie es bei solchen historischen
Bildern der Fall zu sein pflegt, das, was nun eben Vischer am historischen Overbeck sehen kann, und ich behaupte durchaus, daß
hier auch in biographisch-psychologischer Hinsicht mehr zu sehen ist,
als Vischer sehen kann. Ich habe für meine Auffassung des historischen Overbeck Jemanden zum Zeugen, der ihn wirklich noch
etwas genauer gekannt haben muß als Eberhard
Vischer. Aber ich insistiere nicht, da ich das betreffende Dokument23 nicht vorlegen kann und da mein
Interesse an Overbeck ja wirklich ganz
dasselbe wäre, |62 auch wenn Vischer auf der ganzen Linie recht hätte. Wer das von Thurneysen und mir herausgegebene Heft «Zur inneren
Lage des Christentums»
📖 kennt, gegen das sich Vischers Artikel ja eigentlich richtet, der weiß, daß die beiden Kreise
von Vischers und unsern Aufstellungen sich kaum berühren, geschweige denn schneiden,
sondern auf ganz verschiedenen Ebenen liegen, m. a. W. daß Vischer über dem Reichtum an
historischen Beweisen und Mitteilungen, den er vor uns ausbreitet, ganz vergißt, daß
Overbecks Anfragen an die heutige Theologie, auf die hinzuweisen der einzige Sinn
unseres Schriftchens war, noch immer unerledigt sind. Das ist’s, was
ich, nachdem wir nun Vischer ausführlich vernommen haben, feststellen möchte. Uns
interessiert das Historische an Overbeck so viel und so wenig wie alles Historische; es
interessiert uns nicht an sich, sondern in seiner Bedeutsamkeit. Daß es zu solchem sachlichen Interesse Anlaß gibt, das ist für uns durch Alles, was Vischer beibringt, nur unterstrichen worden. Er ist
der Träger einer ganz bestimmten, nämlich der eschatologischen Auffassung des
Christentums. Er hat diese, jedenfalls in ihrer negativen Tragweite – aber was heißt
hier «positiv» und «negativ»? – so scharf durchgeführt, wie sie uns sonst nirgends, |63 außer (mit etwas andern Akzenten) bei Blumhardt begegnet ist. Er ist als Träger dieses
lastvollen Wissens von seinen Fachgenossen, den historischen Theologen, allein, ganz
allein gelassen worden. Er hat ihnen als Wissender Fragen gestellt, auf die sie nie
geantwortet haben: die Frage, ob das Christentum als geschichtliche Größe möglich ist,
und ob es eine solche überhaupt sein will, die Frage, was aus ihm geworden ist und immer
wieder werden muß, wo es diese seine eigene grundsätzliche Problematik etwa vergessen
hat, die Frage, ob eine Theologie, die sich zur Unterhändlerin zwischen Christentum und
Geschichte hergibt, nicht für beide Beteiligte ein Schädling sei. Ob die Wurzel dieser
Fragen im psychologischen Subjekt Overbeck
als Enthusiasmus oder als Skeptizismus richtig bezeichnet ist?24 Ob Overbeck eine «positive
Stellung»25 zum Christentum eingenommen hat oder ob er ein «Atheist»26 gewesen ist? Wer von der Erörterung dieses Problems
Entscheidungen erwartet, der hat nicht gehört, wonach gefragt ist. Wer darf, wer kann,
wer mag denn hierbei verweilen? Ich empfinde das Gewichtlegen darauf als einen Versuch,
dem Ernst der Sache auszuweichen. Denn was ändert alles Material, das
hier von der einen oder andern Seite beigebracht werden kann, an der ergangenen
Herausforderung? Wäre sie etwa weniger gewichtig, wenn Overbeck nun als vollendeter Skeptiker gestorben wäre? Wäre sie nicht
gerade dann erst recht ganz ernst zu nehmen? Vischer behauptet, sich mit Overbeck auseinander gesetzt zu haben. Aber auf das
Thema
Overbecks hat er sich in seiner Schutzschrift
mit keinem Wort eingelassen. Von diesem Thema hätte er handeln müssen,
wenn er uns antworten und vom «neuentdeckten Overbeck» reden wollte. An einem Streit über den historischen
Overbeck gedenke ich mich nicht zu
beteiligen. Wer Ohren hat, zu hören, der hat gehört.