1922

Immer noch unerledigte Anfragen

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IMMER NOCH UNERLEDIGTE ANFRAGEN

1922

Die postume Herausgabe von Aufzeichnungen Franz Overbecks1 durch Carl Albrecht Bernoulli2 im Jahre 19193 war für Barth bald Anlaß zur «Auseinandersetzung mit diesem überaus merkwürdigen und selten frommen Mann»4. Sie fand ihren ersten Niederschlag 1920 in dem Aufsatz «Unerledigte Anfragen an die heutige Theologie»5. Kurz vor dessen Veröffentlichung hatte Barth am 19. April 1920 Bernoulli und die Witwe Overbecks, Ida Overbeck6, in Basel aufgesucht7. Vor allem die Begegnung mit der Letzteren hatte ihn in seiner Deutung des umstrittenen Overbeck bestärkt: sie «entwarf mir ein Bild von ihrem Mann, das nun einfach haarscharf stimmt zu unserer Auffassung. Die Broschüre kann ruhigst erscheinen, es ist Alles in Ordnung…».8

59 Eberhard Vischer9 kritisierte noch im gleichen Jahre in einem Artikel10 einerseits das editorische Verfahren Bernoullis, andererseits die «Bewunderer Overbecks unter den Theologen»11, unter denen er sich auch mit Barth auseinandersetzte12. Knapp zwei Jahre später, im Februar/März 1922, wiederholte und verschärfte Vischer seine Vorwürfe in der «Christlichen Welt»13, u. a. wiederum gegen Barth, der in Römerbrief 2 mehrfach auf Overbeck Bezug genommen14 und im Vorwort erklärt hatte, er wolle Urteile über seine Overbeck-Deutung «nur von solchen entgegen nehmen, die sich darüber ausgewiesen haben, daß sie das sachliche (und wahrhaftig nicht nur biographisch-psychologische!) Rätsel, das durch Overbeck ein für allemal gestellt ist, gesehen und sich um seine Lösung wenigstens bemüht haben, also z. B. nicht von Eberhard Vischer!»15

Die Barth betreffende Passage im Aufsatz Vischers von 1922 lautet16:

«Auch in unserer an Überraschungen reichen Zeit mußte es nach dem, was bisher dargelegt worden ist, den, der sich schon früher mit Overbeck beschäftigt |60 und auseinander zu setzen versucht hatte, nicht wenig überraschen, daß er uns nun mit einem Male auf Grund des neuesten aus dem Nachlasse herausgegebenen Buches bald mit einigen Kautelen, bald aber auch ohne solche, nicht bloß als der Siegfried, der den Lindwurm der modernen Theologie erschlagen hat, sondern als Geburtshelfer und Anfänger der neuen, wahren Theologie, ja als Reformator des Christentums gepriesen wird und zwar von – Theologen. Nicht als ob nicht auch diese letzte Sammlung von Overbeckworten genug enthielte, was die ernsteste Beachtung nicht bloß der Fachgenossen verdiente. Auch ist es schon längst ein bekannter Zug im Bilde der von Overbeck so unerbittlich kritisierten Theologen, daß sie kaum Einem so gerne und so geduldig zuhören wie dem, der ihnen vom Ende der Kirche und des Christentums erzählt. Selten aber hat Jemand so scharfsichtig nach ihren Schwächen gesucht und seinen Befund so offen dargelegt wie der in diesen Aufzeichnungen Sprechende. Bedenken wir, wie schwer es ist, sich im Lärme der Gegenwart ohne reichlichen Gebrauch von Superlativen und Paradoxien Gehör zu verschaffen, so ist es zur Not auch noch zu verstehen, wenn Karl Barth ihn vor allem um des Nachdrucks willen, mit dem er die Kluft zwischen dem in der Erwartung des Weltendes lebenden Urchristentum und dem spätern Christentume betont, den rückwärts schauenden kritischen Blumhardt nennt und Blumhardt den vorwärts schauenden, hoffenden Overbeck17. Wenn aber derselbe ihn neben dem Sokrates des Phädon zu denjenigen heidnischen Verkündigern der Auferstehung rechnet, von denen es heiße: Solchen Glauben habe ich in Israel nicht gefunden18, wenn er meint, der Mann, der vom Tode so tiefsinnig geredet habe, müsse auch mit dem finis christianismi irgendwie einen fruchtbaren, lebendigen, ursprünglichen Begriff verbunden haben, jenseits der schlechthinigen Frage (?) müsse eine Antwort, jenseits der Nichtigkeit ein neuer Anfang, jenseits der Wüste, in die wir gewiesen würden, ein gelobtes Land sein, dafür spreche schon die Tatsache, daß Overbeck selber nie etwas Anderes gewesen sei als eben Theologe19, ja wenn selbst in Overbecks spöttischer Bemerkung, Ritschl hätte darüber nachdenken sollen, ob nicht die Theologen mit ihrer Dummheit ein notwendiger und als notwendig geschätzter Ballast in der menschlichen Gesellschaft seien, eine Anerkennung ihrer Bedeutung gefunden wird20: so ist das ein Musterbeispiel der von Overbeck so oft verspotteten und leidenschaftlich bekämpften Parasitenkunst, alles für die eigenen Zwecke umzudeuten, oder, wie wir wohl richtiger sagen, des Zwanges, dem besonders wir Theologen so oft unterliegen, die Erkenntnis dessen, was uns das Wertvolle ist, auch bei dem Andern vorauszusetzen.»

Bereits am 8.3.1922 – also unmittelbar nach Erscheinen des letzten Teiles von Vischers Aufsatz (2.3.), in dem er angesprochen worden war – sandte Barth an den Herausgeber der «Christlichen Welt», Martin |61 Rade, «eine kleine Replik von mir gegen Vischer, Ausführlicheres habe ich nicht darüber zu sagen.»21 Sie erschien in der Ausgabe vom 6.4.1922.22

Immer noch unerledigte Anfragen

Wer wollte Eberhard Vischer nicht dankbar sein für die große und erfolgreiche Mühe, die er neuerdings an die biographisch-psychologische Beleuchtung des Problems Overbeck gewendet hat? Als Einer von denen, die ihm den Anlaß dazu gegeben haben, bezeuge ich es gerne, wie sehr wir uns darüber freuen, daß auch er offenbar nicht will, daß der Name Overbeck der Vergessenheit verfalle, und wie sehr uns das alles interessiert hat, was er aus der reichen Fülle seiner Kenntnisse über den außergewöhnlichen Mann und zur Illustration dessen, was ihn bewegte, beigebracht hat. Wenn ich mir erlaube, ganz kurz zu Vischers Darlegungen das Wort zu ergreifen, so geschieht es nicht, um das von ihm gezeichnete Bild zu ergänzen oder zu korrigieren. Nicht als ob ich es für vollständig und wohlgetroffen hielte; es bietet, gut dokumentiert, wie es bei solchen historischen Bildern der Fall zu sein pflegt, das, was nun eben Vischer am historischen Overbeck sehen kann, und ich behaupte durchaus, daß hier auch in biographisch-psychologischer Hinsicht mehr zu sehen ist, als Vischer sehen kann. Ich habe für meine Auffassung des historischen Overbeck Jemanden zum Zeugen, der ihn wirklich noch etwas genauer gekannt haben muß als Eberhard Vischer. Aber ich insistiere nicht, da ich das betreffende Dokument23 nicht vorlegen kann und da mein Interesse an Overbeck ja wirklich ganz dasselbe wäre, |62 auch wenn Vischer auf der ganzen Linie recht hätte. Wer das von Thurneysen und mir herausgegebene Heft «Zur inneren Lage des Christentums» 📖 kennt, gegen das sich Vischers Artikel ja eigentlich richtet, der weiß, daß die beiden Kreise von Vischers und unsern Aufstellungen sich kaum berühren, geschweige denn schneiden, sondern auf ganz verschiedenen Ebenen liegen, m. a. W. daß Vischer über dem Reichtum an historischen Beweisen und Mitteilungen, den er vor uns ausbreitet, ganz vergißt, daß Overbecks Anfragen an die heutige Theologie, auf die hinzuweisen der einzige Sinn unseres Schriftchens war, noch immer unerledigt sind. Das ist’s, was ich, nachdem wir nun Vischer ausführlich vernommen haben, feststellen möchte. Uns interessiert das Historische an Overbeck so viel und so wenig wie alles Historische; es interessiert uns nicht an sich, sondern in seiner Bedeutsamkeit. Daß es zu solchem sachlichen Interesse Anlaß gibt, das ist für uns durch Alles, was Vischer beibringt, nur unterstrichen worden. Er ist der Träger einer ganz bestimmten, nämlich der eschatologischen Auffassung des Christentums. Er hat diese, jedenfalls in ihrer negativen Tragweite – aber was heißt hier «positiv» und «negativ»? – so scharf durchgeführt, wie sie uns sonst nirgends, |63 außer (mit etwas andern Akzenten) bei Blumhardt begegnet ist. Er ist als Träger dieses lastvollen Wissens von seinen Fachgenossen, den historischen Theologen, allein, ganz allein gelassen worden. Er hat ihnen als Wissender Fragen gestellt, auf die sie nie geantwortet haben: die Frage, ob das Christentum als geschichtliche Größe möglich ist, und ob es eine solche überhaupt sein will, die Frage, was aus ihm geworden ist und immer wieder werden muß, wo es diese seine eigene grundsätzliche Problematik etwa vergessen hat, die Frage, ob eine Theologie, die sich zur Unterhändlerin zwischen Christentum und Geschichte hergibt, nicht für beide Beteiligte ein Schädling sei. Ob die Wurzel dieser Fragen im psychologischen Subjekt Overbeck als Enthusiasmus oder als Skeptizismus richtig bezeichnet ist?24 Ob Overbeck eine «positive Stellung»25 zum Christentum eingenommen hat oder ob er ein «Atheist»26 gewesen ist? Wer von der Erörterung dieses Problems Entscheidungen erwartet, der hat nicht gehört, wonach gefragt ist. Wer darf, wer kann, wer mag denn hierbei verweilen? Ich empfinde das Gewichtlegen darauf als einen Versuch, dem Ernst der Sache auszuweichen. Denn was ändert alles Material, das hier von der einen oder andern Seite beigebracht werden kann, an der ergangenen Herausforderung? Wäre sie etwa weniger gewichtig, wenn Overbeck nun als vollendeter Skeptiker gestorben wäre? Wäre sie nicht gerade dann erst recht ganz ernst zu nehmen? Vischer behauptet, sich mit Overbeck auseinander gesetzt zu haben. Aber auf das Thema Overbecks hat er sich in seiner Schutzschrift mit keinem Wort eingelassen. Von diesem Thema hätte er handeln müssen, wenn er uns antworten und vom «neuentdeckten Overbeck» reden wollte. An einem Streit über den historischen Overbeck gedenke ich mich nicht zu beteiligen. Wer Ohren hat, zu hören, der hat gehört.

64 Unter «Verschiedenes» erschien dann in der Ausgabe vom 20.4.1922 folgende abschließende Duplik Vischers27:

«‹Immer noch unerledigte Anfragen›

Auf die Kritik, die Karl Barth an meinen Ausführungen über Overbeck übt, erlaube ich mir, in aller Kürze Folgendes zu erwidern:

Mit vollem Bewußtsein habe ich mich darauf beschränkt, Overbecks Stellung zu der Religion, dem Christentum und der Theologie so objektiv als möglich zu schildern, und mich mit den Folgerungen, die Andere daraus gezogen haben, nur insoweit beschäftigt, als es mir zur Abwehr von Mißverständnissen nötig erschienen ist. Vor allem hat mir gänzlich ferne gelegen, mich mit Karl Barths Auffassung des Christentums auseinanderzusetzen. Daß auch das eine lohnende Aufgabe wäre, und daß Overbeck auch so, wie ich ihn an Hand seiner Äußerungen gezeichnet habe, uns vor wichtige Fragen stellt, wer wollte das verkennen? Ich jedenfalls nicht. Wenn irgend wer, so scheint mir aber gerade Overbeck, der so leidenschaftlich eine ‹rein historische› Betrachtung der Geschichte an Stelle der theologischen gefordert hat28, von uns verlangen zu dürfen, daß wir uns zuerst einmal bemühen, ihn zu erkennen und darzustellen, wie er gewesen ist, bevor wir versuchen, ihn in unsere Systeme von Fragen und Antworten einzuordnen.»

Sachfußnoten

1
Franz Camille Overbeck (1837–1905 ), 1864 Privatdozent in Jena, 1870–1897 Prof. für Neues Testament und ältere Kirchengeschichte in Basel. ↩
2
Carl Albrecht Bernoulli (1868–1937), 1895–1897 Privatdozent für Kirchengeschichte in Basel, nach 25 Jahren freier schriftstellerischer Tätigkeit 1922 a. o. Professor für kritische und historische Theologie ebd. ↩
3
Fr. Overbeck, Christentum und Kultur. Gedanken und Anmerkungen zur modernen Theologie, aus dem Nachlaß hrsg. von C. A. Bernoulli, Basel 1919 (Neuausgabe Darmstadt 1963). 📖 ↩
4
Römerbrief 2, S. VII (Vorwort). 📖 ↩
5
In: K. Barth / E. Thurneysen, Zur inneren Lage des Christentums. Eine Buchanzeige und eine Predigt, München 1920, S. 3–24 📖 (wieder abgedruckt in: Th. u. K., S. 1–25 📖).↩
6
Ida Overbeck, geb. Rothpletz (1848–1933). ↩
7
Vgl. Bw.Th. I, S. 379f. (20.4.1920). 📖↩
8
A.a.O., S. 380. 📖 Offenbar hatte Barth das Manuskript seines Aufsatzes Bernoulli zur prüfenden Einsicht und Weitergabe an Ida Overbeck übersandt. Dieser schrieb in einem Brief vom 22.4.1920 [Original im Karl Barth-Archiv, Basel] an Barth: «… ich habe Frau Ov. Ihre frdl. Sendung zugesandt und Genehmigung der Zitatenfolge empfohlen… Wenn Frau Prof. Ov. die Erlaubnis zum Abdruck der Zitate direkt erteilt, so brauchen Sie die Zustimmung des Verlages Schwabe [dort war Christentum und Kultur 📖 erschienen] weiter nicht mehr einzuholen.» In einem Brief vom 23.4.1920 (Original im Karl Barth-Archiv, Basel) wandte sich dann Ida Overbeck selbst an Barth: «Sehr geehrter Herr Pfarrer, Ich erhielt gestern[,] ehe ich in einen Vortrag ging[,] die Anfrage durch Herrn Bernoulli[,] wie ich mich dazu stelle, daß Sie meinen Mann häufig in Ihrer Besprechung citiren. Ich erschrack [sic] natürlich ein wenig u. fühlte so etwas auf dem Magen wie ‹allzuviel ist ungesund›. Daran ist ja nun zunächst der beiligende Münchner Brief schuld, den ich Ihnen zurücksende.» (In diesem «Münchner Brief», den Barth ihr über Bernoulli hatte zukommen lassen, möchte man am ehesten eine Anfrage des Chr. Kaiser Verlages vermuten, ob den reichlichen Overbeck-Zitationen bei Barth keine urheberrechtlichen Hindernisse entgegenstünden. Ein solcher Brief ist jedoch nicht erhalten. Allenfalls könnte es sich auch um einen Brief von Georg Merz an Barth vom 22.2.1920 (Original im Karl Barth-Archiv, Basel) handeln, der kritisch zu Barths – wohl mündlich geäußerter – Overbeck-Interpretation Stellung nimmt.) «Ich lege jedenfalls kein Veto ein, das unter Umständen nicht wenig verkehrt sein könnte. Ich möchte wahrlich den Eindruck[,] den seine Worte machen, die Art wie er auf Andere wirkt nicht gängeln noch beschneiden, lieber hoffen[,] daß in diesem Falle Gutes für ihn u. Andere herauskomme. Gespannt bin ich nun allerdings sehr.»↩
9
Eberhard Vischer (1865–1946), 1898 in Basel Privatdozent für Kirchengeschichte, 1902 dort a.o., ab 1907 o. Professor (auf F. Overbecks Lehrstuhl), 1938 emeritiert. Über Barths Beziehungen zu Vischer vgl. Bw.Th. I, S. 379.418 📖.↩
10
Overbeck und die Theologen, in: KBRS, Jg. 35 (1920), S. 122–124.125–127. 📖 ↩
11
A.a.O., S. 127. 📖 ↩
12
Vgl. a.a.O., S. 126f. 📖 ↩
13
Overbeck redivivus, in: CW, Jg. 36 (1922), Sp. 109–112 (Nr. 7 vom 16.2.) 📖; Der neuentdeckte Overbeck, a.a.O., Sp. 125–130 (Nr. 8 vom 28. 2.); Sp. 142–148 (Nr. 9 vom 2.3.) 📖.↩
14
Vgl. Römerbrief 2, z. B. S. 7f.115.186.236.253.434 📖 (= in späteren Auflagen S. 5f.113.184.234.251.432 📖).↩
15
a.a.O., S. VII. 📖 ↩
16
Der neuentdeckte Overbeck, Sp. 145. 📖 ↩
17
K. Barth, Unerledigte Anfragen an die heutige Theologie, a.a.O., S. 4 📖 (Th. u. K., S. 2 📖).↩
18
a.a.O., S. 9 📖 (Th. u. K., S. 8 📖).↩
19
a.a.O., S. 22 📖 (Th. u. K., S. 22f. 📖).↩
20
a.a.O., S. 23 📖 (Th. u. K., S. 24 📖).↩
21
Bw. R., S. 174. 📖↩
22
In: CW, Jg. 36 (1922), Sp. 249 (Nr. 14). 📖↩
23

Das Dokument ist ein Brief, den Ida Overbeck nach Erscheinen des Heftes «Zur inneren Lage des Christentums» 📖 am 27.6.1920 an Barth schrieb (Original im Karl Barth-Archiv, Basel):

«Sehr geehrter Herr Pfarrer,
Ich sage Ihnen u. Ihrem Geistesgenossen den herzlichsten Dank für die Übersendung Ihres Büchelchens, das ich am Vorabend der 15. Wiederkehr des Todestages meines lieben Mannes empfing, ein mir unendlich schönes Zusammentreffen[,] das mir Wunsch, Worte meines lieben Mannes aus seiner lezten Zeit nahe brachte, die Erfüllung gefunden, freilich auch den eignen[,] irgendwie zu ihm eilen zu können, um ihm frohe Botschaft zu bringen. Er war bei schon sehr geschwächtem Körper stark genug gewesen[,] darauf zu hoffen[,] daß er doch einmal später gehört u. verstanden werde; erschütternd war es[,] wie dieser Hoffnung sich doch ein Zweifel beimischen mußte, ein Schicksal im deutlichen Bewußtsein des Todes.

Ich hatte, nachdem ich Sie bei mir gesehen, öfter daran gedacht, daß nun vielleicht Ihre Schrift ausgegangen sei. Daß ich nicht bälder von der Thatsache hörte[,] beunruhigte mich nicht, auch nicht die Besorgnis[,] es könne aus meines Mannes Worten eine mir ganz fremde Gestalt entgegentreten, die seinem umfassenden Ernst, der Tiefe seiner Betrachtungsweise in’s Gesicht schlüge, nur gerade dadurch, daß sie eine Art Gewand meines Mannes trüge, noch besonders widerwärtig sein könne. Wie sehr, sehr Recht hatten Sie[,] ihn selbst sprechen zu lassen. Gewiß ist nie ein Buch tiefsinniger gelesen worden[,] u. das bedeutet verdoppelten Werth. Ich werde öfter wiederlesen. Worin sollte ich Sie desavouiren wollen oder können? Sie selbst haben allem Rechnung getragen, nichts überhört oder geringer geschätzt. Der allein, der das kann, steht diesem Buche aufrecht gegenüber, ist es werth[,] an diesem Buche zu wachsen, bekundet die ächte Freiheit, der der Mensch oder Christenmensch nicht entrathen sollte u. mit der die Redebegabten Seelen aufrichten u. wohl thun können.

Meine besten Wünsche, sehr geehrter Herr Pfarrer, begleiten Sie u. Ihren Freund, Herrn Pfarrer Eduard Thurneysen[,] auf Ihrem weiteren Wege. Ein leichter Weg wäre kaum werth[,] gelebt zu werden, wenn es auch sicherlich Menschen gibt, die einen Weg leicht und mit Anmuth wandeln. Jedem das Seine.

Mit hochachtungsvollen Grüßen
bin ich Ihre ergebene
I. Overbeck».↩

24
Vgl. K. Barth, Unerledigte Anfragen an die heutige Theologie, S. 6 📖 (Th. u. K., S. 4f. 📖): «Der Herausgeber überläßt es dem Leser, ob er Overbeck nach dem vorliegenden Material vorwiegend als Skeptiker oder als Enthusiasten auffassen will. Er steht in der Tat hart auf der Grenze zwischen beiden, und die eine Seite seines Wesens, wenn man da überhaupt von zwei Seiten reden mag, wird immer nur durch die andre verständlich sein.» – Vgl. auch E. Vischer, Overbeck und die Theologen, S. 123.125. 📖↩
25
Vgl. E. Vischer, Overbeck redivivus, Sp. 112 📖; Der neuentdeckte Overbeck, Sp. 127.144.147. 📖↩
26
Vgl. Der neuentdeckte Overbeck, Sp. 142–144. 📖↩
27
In: CW, Jg. 36 (1922), Sp. 286f. (Nr. 16) 📖.↩
28
Vgl. Fr. Overbeck, Christentum und Kultur, S. 9 📖: «In diesem Sinn kündigt der Gedanke, das Christentum rein auf Historie zu stellen, nur den Anbruch des Zeitalters an, wo das Christentum zu seinem Ende kommt und davon Abschied zu nehmen ist… Daß es historisch anders gegangen ist und man erst heute darüber streitet, was für ein Christentum dabei herauskommt, wenn man es historisch behandelt, kann den Einfall, daß das Christentum sich rein historisch halten läßt, nicht solider machen.»↩