[Autobiographische Skizzen
R. Bultmanns
in Universitätsalben gibt es nicht. Stattdessen hat er im Frühsommer 1969
auf Anfrage hin kurz sein Verhältnis zu jener Stadt und ihrer Theologischen Fakultät
skizziert, in der er mehr als 40 Jahre öffentlich tätig war: Marburg. Die Aufzeichnungen sind in zwei
Ausfertigungen erhalten, einer kürzeren und einer längeren, die kurz nacheinander
entstanden. Wir drucken davon die letztere ab (Orig. in der UB Marburg, Handschr.-Abt. Ms 860):]
Mein Verhältnis zu Marburg gewann ich seit
meiner Studienzeit, als ich 1906 nach dem Studium in Tübingen und Berlin nach
Marburg kam. Mit großer Freude hörte ich
die Vorlesungen der Neutestamentler Adolf
Jülicher und Johannes Weiß und
des Systematikers Wilhelm Herrmann und nahm
auch an ihren Seminaren teil. Die Vorlesungen des Alttestamentlers Karl Budde bedeuteten für mich nicht so viel, weil er
die allgemeine Religionsgeschichte und die Formgeschichte [behandelte], in die mich
Hermann Gunkel in Berlin eingeführt hatte. Nachdem ich dann beim
Oberkirchenrat in Oldenburg mein 1.
theologisches Examen gemacht und als Kandidat am dortigen Gymnasium unterrichtet hatte,
kam ich zum 2. Mal 1907 nach Marburg, war
bis 1916 Repetent an der Stipendiaten-Anstalt und arbeitete an der Dissertation, deren
|312 Thema mir Johannes
Weiß gestellt hatte: «Der Stil der paulinischen Predigt und die
kynisch-stoische Diatribe», und die ich dann vollendete, als Wilhelm Heitmüller Nachfolger von Johannes Weiß geworden war. 1910 wurde ich zum Lic.
theol. promoviert, und 1912 habilitierte ich mich für die neutestamentliche
Wissenschaft; 1916 wurde ich als Extraordinarius nach Breslau, 1920 als ordentlicher Professor nach Gießen berufen und 1921 nach Marburg, sodaß ich also zum 3. Mal nach Marburg kam und dort heimisch wurde bis zu meiner
Emeritierung 1951.
An die Jahre 1907–1916 denke ich mit besonderer Freude zurück. Sie waren reich durch
den Verkehr und Austausch zunächst mit Johannes
Weiß, dann mit Wilhelm
Heitmüller, aber auch mit Martin
Rade, dessen «offene Abende» stets besonders anregend waren. Auch Rudolf Günther, den großen Kenner der christlichen
Kunst und Dichtung, darf ich nicht vergessen. Bestimmend für die Marburger Atmosphäre war auch die Wirksamkeit der
Philosophen Hermann Cohen und Paul Natorp. Bereichernd war auch der Austausch mit
den jungen Gelehrten, die damals wie ich an ihrer Habilitation arbeiteten oder schon
habilitiert waren. Wir hatten, soweit wir nicht wie Nicolai Hartmann verheiratet waren, einen gemeinsamen Mittagstisch, den
teils humoristische, teils kritische Gespräche lebendig machten, sodaß er auch in den
Ruf einer lästernden Gesellschaft geriet. Von besonderer Bedeutung für mich war die
Freundschaft mit dem klassischen Philologen Christian
Jensen und dessen Nachfolger Friedrich
Pfister. Durch sie gewann ich auch ein engeres Verhältnis zur klassischen
Philologie, wozu ich schon durch das von Johannes
Weiß angeregte Thema meiner Dissertation veranlaßt war.
Wiederum begann für mich eine reiche Zeit, als ich 1921 zum 3. Mal nach Marburg kam als Nachfolger Wilhelm Heitmüllers. Noch lebten Adolf Jülicher,
Wilhelm Herrmann und Martin Rade und Karl
Budde und hielten z. T. noch Vorlesungen. Mit mir war der Alttestamentler
Gustav Hölscher nach Marburg berufen worden, mit dem mich seit unserer
gemeinsamen Zeit in Gießen herzliche
Freundschaft verband. Ein großer Gewinn für die Marburger theologische Fakultät war die Berufung des Systematikers
Rudolf Otto. Wir waren, obwohl wir uns
einst in Breslau angefreundet hatten,
einander doch so fremd geworden, daß auch unsere Studenten den Gegensatz zwischen seiner
und meiner Arbeit empfanden. Der größte Gewinn nicht nur für die theologische Fa|313kultät, sondern für die ganze Universität war die
Berufung Hans von Sodens als Nachfolger
Jülichers 1924. Für mich persönlich von
besonderer Bedeutung war der Austausch und die mit ihm beginnende Freundschaft mit dem
klassischen Philologen Paul Friedländer.
Eine außerordentliche Bewegung des geistigen Lebens war auch die Folge der Berufung des
Philosophen Martin Heidegger als Nachfolger
von Natorp. Wie die Geisteswissenschaften, so
wurde auch die Theologie in diese Bewegung hineingerissen, umso mehr als Heidegger auch theologisch interessiert war. Mit ihm
stand ich in lebendigem Austausch, und die Beziehungen zwischen Theologie und
Philosophie hatten auch zur Folge, daß damalige Studenten und Doktoranden an
theologischen wie an philosophischen Vorlesungen und Seminaren teilnahmen. So Heinrich Schlier, Ernst Fuchs, [Hans-Georg]
Gadamer, Günther Bornkamm,
Gerhard Krüger, Hans Jonas. Es knüpften sich Bande des Austausches,
die bis heute festgehalten haben. Auch nach Heideggers Berufung nach Freiburg. Die Verbindung der theologischen und philosophischen Arbeit
blieb aber noch eine gute Weile alte Marburger Tradition, bis eine neue Generation den Charakter der
theologischen Fakultät bestimmte. Aus der alten Tradition stammen noch die jetzt an
anderen Universitäten wirkenden Kollegen Erich
Dinkler, [Philipp] Vielhauer,
Günther Bornkamm, [Hans] Conzelmann.