Anhang Nr. 34 · 1969

Autobiografische Skizze Rudolf Bultmanns

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Anhang 34

[Autobiographische Skizzen R. Bultmanns in Universitätsalben gibt es nicht. Stattdessen hat er im Frühsommer 1969 auf Anfrage hin kurz sein Verhältnis zu jener Stadt und ihrer Theologischen Fakultät skizziert, in der er mehr als 40 Jahre öffentlich tätig war: Marburg. Die Aufzeichnungen sind in zwei Ausfertigungen erhalten, einer kürzeren und einer längeren, die kurz nacheinander entstanden. Wir drucken davon die letztere ab (Orig. in der UB Marburg, Handschr.-Abt. Ms 860):]

Mein Verhältnis zu Marburg gewann ich seit meiner Studienzeit, als ich 1906 nach dem Studium in Tübingen und Berlin nach Marburg kam. Mit großer Freude hörte ich die Vorlesungen der Neutestamentler Adolf Jülicher und Johannes Weiß und des Systematikers Wilhelm Herrmann und nahm auch an ihren Seminaren teil. Die Vorlesungen des Alttestamentlers Karl Budde bedeuteten für mich nicht so viel, weil er die allgemeine Religionsgeschichte und die Formgeschichte [behandelte], in die mich Hermann Gunkel in Berlin eingeführt hatte. Nachdem ich dann beim Oberkirchenrat in Oldenburg mein 1. theologisches Examen gemacht und als Kandidat am dortigen Gymnasium unterrichtet hatte, kam ich zum 2. Mal 1907 nach Marburg, war bis 1916 Repetent an der Stipendiaten-Anstalt und arbeitete an der Dissertation, deren |312 Thema mir Johannes Weiß gestellt hatte: «Der Stil der paulinischen Predigt und die kynisch-stoische Diatribe», und die ich dann vollendete, als Wilhelm Heitmüller Nachfolger von Johannes Weiß geworden war. 1910 wurde ich zum Lic. theol. promoviert, und 1912 habilitierte ich mich für die neutestamentliche Wissenschaft; 1916 wurde ich als Extraordinarius nach Breslau, 1920 als ordentlicher Professor nach Gießen berufen und 1921 nach Marburg, sodaß ich also zum 3. Mal nach Marburg kam und dort heimisch wurde bis zu meiner Emeritierung 1951.

An die Jahre 1907–1916 denke ich mit besonderer Freude zurück. Sie waren reich durch den Verkehr und Austausch zunächst mit Johannes Weiß, dann mit Wilhelm Heitmüller, aber auch mit Martin Rade, dessen «offene Abende» stets besonders anregend waren. Auch Rudolf Günther, den großen Kenner der christlichen Kunst und Dichtung, darf ich nicht vergessen. Bestimmend für die Marburger Atmosphäre war auch die Wirksamkeit der Philosophen Hermann Cohen und Paul Natorp. Bereichernd war auch der Austausch mit den jungen Gelehrten, die damals wie ich an ihrer Habilitation arbeiteten oder schon habilitiert waren. Wir hatten, soweit wir nicht wie Nicolai Hartmann verheiratet waren, einen gemeinsamen Mittagstisch, den teils humoristische, teils kritische Gespräche lebendig machten, sodaß er auch in den Ruf einer lästernden Gesellschaft geriet. Von besonderer Bedeutung für mich war die Freundschaft mit dem klassischen Philologen Christian Jensen und dessen Nachfolger Friedrich Pfister. Durch sie gewann ich auch ein engeres Verhältnis zur klassischen Philologie, wozu ich schon durch das von Johannes Weiß angeregte Thema meiner Dissertation veranlaßt war.

Wiederum begann für mich eine reiche Zeit, als ich 1921 zum 3. Mal nach Marburg kam als Nachfolger Wilhelm Heitmüllers. Noch lebten Adolf Jülicher, Wilhelm Herrmann und Martin Rade und Karl Budde und hielten z. T. noch Vorlesungen. Mit mir war der Alttestamentler Gustav Hölscher nach Marburg berufen worden, mit dem mich seit unserer gemeinsamen Zeit in Gießen herzliche Freundschaft verband. Ein großer Gewinn für die Marburger theologische Fakultät war die Berufung des Systematikers Rudolf Otto. Wir waren, obwohl wir uns einst in Breslau angefreundet hatten, einander doch so fremd geworden, daß auch unsere Studenten den Gegensatz zwischen seiner und meiner Arbeit empfanden. Der größte Gewinn nicht nur für die theologische Fa|313kultät, sondern für die ganze Universität war die Berufung Hans von Sodens als Nachfolger Jülichers 1924. Für mich persönlich von besonderer Bedeutung war der Austausch und die mit ihm beginnende Freundschaft mit dem klassischen Philologen Paul Friedländer.

Eine außerordentliche Bewegung des geistigen Lebens war auch die Folge der Berufung des Philosophen Martin Heidegger als Nachfolger von Natorp. Wie die Geisteswissenschaften, so wurde auch die Theologie in diese Bewegung hineingerissen, umso mehr als Heidegger auch theologisch interessiert war. Mit ihm stand ich in lebendigem Austausch, und die Beziehungen zwischen Theologie und Philosophie hatten auch zur Folge, daß damalige Studenten und Doktoranden an theologischen wie an philosophischen Vorlesungen und Seminaren teilnahmen. So Heinrich Schlier, Ernst Fuchs, [Hans-Georg] Gadamer, Günther Bornkamm, Gerhard Krüger, Hans Jonas. Es knüpften sich Bande des Austausches, die bis heute festgehalten haben. Auch nach Heideggers Berufung nach Freiburg. Die Verbindung der theologischen und philosophischen Arbeit blieb aber noch eine gute Weile alte Marburger Tradition, bis eine neue Generation den Charakter der theologischen Fakultät bestimmte. Aus der alten Tradition stammen noch die jetzt an anderen Universitäten wirkenden Kollegen Erich Dinkler, [Philipp] Vielhauer, Günther Bornkamm, [Hans] Conzelmann.