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Spr. 1–9

Spr. 1–9

Das 1. Kapitel

Freundlicher Ruf der Weisheit. Warnung vor Verführung. Strafe der Ungehorsamen.

1Dies sind die Sprüche Salomos, des Königs in Israel, des Sohnes Davids, 2zu lernen Weisheit und Zucht, Verstand, 3Klugheit, Gerechtigkeit, Recht und Schlecht; 4daß die Unverständigen klug und die Jünglinge vernünftig und vorsichtig werden. 5Wer weise ist, der hört zu und bessert sich; und wer verständig ist, der läßt sich raten, 6daß er verstehe die Sprüche und ihre Deutung, die Lehre der Weisen und ihre Beispiele. 7Des Herrn Furcht ist Anfang der Erkenntnis. Die Ruchlosen verachten Weisheit und Zucht. 8Mein Kind, gehorche der Zucht deines Vaters, und verlaß nicht das Gebot deiner Mutter. 9Denn solches ist ein schöner Schmuck deinem Haupt und eine Kette an deinem Halse. 10Mein Kind, wenn dich die bösen Buben locken, so folge nicht. 11Wenn sie sagen: »Gehe mit uns! wir wollen auf Blut lauern und den Unschuldigen ohne Ursache nachstellen; 12wir wollen sie lebendig verschlingen wie die Hölle und die Frommen wie die, so hinunter in die Grube fahren; 13wir wollen großes Gut finden; wir wollen unsre Häuser mit Raub füllen; 14wage es mit uns! es soll unser aller ein Beutel sein«: 15mein Kind, wandle den Weg nicht mit ihnen; wehre deinem Fuß vor ihrem Pfad. 16Denn ihre Füße laufen zum Bösen und eilen, Blut zu vergießen. 17Denn es ist vergeblich, das Netz auswerfen vor den Augen der Vögel. 18Sie aber lauern auf ihr eigen Blut und stellen sich selbst nach dem Leben. 19Also geht es allen, die nach Gewinn geizen, daß ihr Geiz ihnen das Leben nimmt.
20Die Weisheit klagt draußen und läßt sich hören auf den Gassen; 21sie ruft in dem Eingang des Tores, vorn unter dem Volk; sie redet ihre Worte in der Stadt: 22Wie lange wollt ihr Unverständigen unverständig sein und die Spötter Lust zu Spötterei haben und die Ruchlosen die Lehre hassen? 23Kehret euch zu meiner Strafe. Siehe, ich will euch heraussagen meinen Geist und euch meine Worte kundtun. 24Weil ich denn rufe, und ihr weigert euch, ich recke meine Hand aus, und niemand achtet darauf, 25und laßt fahren allen meinen Rat und wollet meine Strafe nicht: 26so will ich auch lachen in eurem Unglück und euer spotten, wenn da kommt, was ihr fürchtet, 27wenn über euch kommt wie ein Sturm, was ihr fürchtet, und euer Unglück als ein Wetter, wenn über euch Angst und Not kommt. 28Dann werden sie nach mir rufen, aber ich werde nicht antworten; sie werden mich suchen, und nicht finden. 29Darum daß sie haßten die Lehre und wollten des Herrn Furcht nicht haben, 30wollten meinen Rat nicht und lästerten alle meine Strafe: 31so sollen sie essen von den Früchten ihres Wesens und ihres Rats satt werden. 32Was die Unverständigen gelüstet, tötet sie, und der Ruchlosen Glück bringt sie um. 33Wer aber mir gehorcht, wird sicher bleiben und genug haben und kein Unglück fürchten.

Das 2. Kapitel

Ermahnung, Weisheit ernstlich zu suchen und sich dadurch vor Verführern zu bewahren.

1Mein Kind, so du willst meine Rede annehmen und meine Gebote bei dir behalten, 2daß dein Ohr auf Weisheit achthat, und du dein Herz mit Fleiß dazu neigest; 3ja, so du mit Fleiß darnach rufest und darum betest; 4so du sie suchest wie Silber und nach ihr forschest wie nach Schätzen: 5alsdann wirst du die Furcht des Herrn verstehen und Gottes Erkenntnis finden. 6Denn der Herr gibt Weisheit, und aus seinem Munde kommt Erkenntnis und Verstand. 7Er läßt’s den Aufrichtigen gelingen und beschirmt die Frommen 8und behütet die, so recht tun, und bewahrt den Weg seiner Heiligen.
9Alsdann wirst du verstehen Gerechtigkeit und Recht und Frömmigkeit und allen guten Weg. 10Denn Weisheit wird in dein Herz eingehen, daß du gerne lernest; 11guter Rat wird dich bewahren, und Verstand wird dich behüten, 12daß du nicht geratest auf den Weg der Bösen noch unter die verkehrten Schwätzer, 13die da verlassen die rechte Bahn und gehen finstere Wege, 14die sich freuen, Böses zu tun, und sind fröhlich in ihrem bösen, verkehrten Wesen, 15welche ihren Weg verkehren und folgen ihrem Abwege; 16daß du nicht geratest an eines andern Weib, an eine Fremde, die glatte Worte gibt 17und verläßt den Freund ihrer Jugend und vergißt den Bund ihres Gottes 18(denn ihr Haus neigt sich zum Tod und ihre Gänge zu den Verlorenen; 19alle, die zu ihr eingehen, kommen nicht wieder und ergreifen den Weg des Lebens nicht); 20auf daß du wandelst auf gutem Wege und bleibest auf der rechten Bahn. 21Denn die Gerechten werden im Lande wohnen, und die Frommen werden darin bleiben; 22aber die Gottlosen werden aus dem Lande ausgerottet, und die Verächter werden daraus vertilgt.

Das 3. Kapitel

Segen der Gottesfurcht und Weisheit.

1Mein Kind, vergiß meines Gesetzes nicht, und dein Herz behalte meine Gebote. 2Denn sie werden dir langes Leben und gute Jahre und Frieden bringen; 3Gnade und Treue werden dich nicht lassen. Hänge sie an deinen Hals und schreibe sie auf die Tafel deines Herzens, 4so wirst du Gunst und Klugheit finden, die Gott und Menschen gefällt. 5Verlaß dich auf den Herrn von ganzem Herzen und verlaß dich nicht auf deinen Verstand; 6sondern gedenke an ihn in allen deinen Wegen, so wird er dich recht führen. 7Dünke dich nicht, weise zu sein, sondern fürchte den Herrn und weiche vom Bösen. 8Das wird deinem Leibe gesund sein und deine Gebeine erquicken. 9Ehre den Herrn von deinem Gut und von den Erstlingen all deines Einkommens, 10so werden deine Scheunen voll werden und deine Kelter mit Most übergehen. 11Mein Kind, verwirf die Zucht des Herrn nicht und sei nicht ungeduldig über seine Strafe. 12Denn welchen der Herr liebt, den straft er, und hat doch Wohlgefallen an ihm wie ein Vater am Sohn.
13Wohl dem Menschen, der Weisheit findet, und dem Menschen, der Verstand bekommt! 14Denn es ist besser, sie zu erwerben, als Silber; und ihr Ertrag ist besser als Gold. 15Sie ist edler denn Perlen; und alles, was du wünschen magst, ist ihr nicht zu vergleichen. 16Langes Leben ist zu ihrer rechten Hand; zu ihrer Linken ist Reichtum und Ehre. 17Ihre Wege sind liebliche Wege, und alle ihre Steige sind Friede. 18Sie ist ein Baum des Lebens allen, die sie ergreifen; und selig sind, die sie halten. 19Denn der Herr hat die Erde durch Weisheit gegründet und durch seinen Rat die Himmel bereitet. 20Durch seine Weisheit sind die Tiefen zerteilt und die Wolken mit Tau triefend gemacht.
21Mein Kind, laß sie nicht von deinen Augen weichen, so wirst du glückselig und klug werden. 22Das wird deiner Seele Leben sein und ein Schmuck deinem Halse. 23Dann wirst du sicher wandeln auf deinem Wege, daß dein Fuß sich nicht stoßen wird. 24Legst du dich, so wirst du dich nicht fürchten, sondern süß schlafen, 25daß du dich nicht fürchten darfst vor plötzlichem Schrecken noch vor dem Sturm der Gottlosen, wenn er kommt. 26Denn der Herr ist dein Trotz; der behütet deinen Fuß, daß er nicht gefangen werde.
27Weigere dich nicht, dem Dürftigen Gutes zu tun, so deine Hand von Gott hat, solches zu tun. 28Sprich nicht zu deinem Nächsten: »Gehe hin und komm wieder; morgen will ich dir geben«, so du es doch wohl hast. 29Trachte nicht Böses wider deinen Nächsten, der auf Treue bei dir wohnt. 30Hadere nicht mit jemand ohne Ursache, so er dir kein Leid getan hat. 31Eifere nicht einem Frevler nach und erwähle seiner Wege keinen; 32denn der Herr hat Greuel an dem Abtrünnigen, und sein Geheimnis ist bei den Frommen. 33Im Hause des Gottlosen ist der Fluch des Herrn; aber das Haus der Gerechten wird gesegnet. 34Er wird der Spötter spotten; aber den Elenden wird er Gnade geben. 35Die Weisen werden Ehre erben; aber wenn die Narren hochkommen, werden sie doch zu Schanden.

Das 4. Kapitel

Väterliche Erinnerung, die Lehren der Weisheit zu befolgen.

1Höret, meine Kinder, die Zucht eures Vaters; merkt auf, daß ihr lernet und klug werdet! 2Denn ich gebe euch eine gute Lehre; verlasset mein Gesetz nicht. 3Denn ich war meines Vaters Sohn, ein zarter und ein einziger vor meiner Mutter. 4Und er lehrte mich und sprach: Laß dein Herz meine Worte aufnehmen; halte meine Gebote, so wirst du leben. 5Nimm an Weisheit, nimm an Verstand; vergiß nicht und weiche nicht von der Rede meines Mundes. 6Verlaß sie nicht, so wird sie dich bewahren; liebe sie, so wird sie dich behüten. 7Denn der Weisheit Anfang ist, wenn man sie gerne hört und die Klugheit lieber hat als alle Güter. 8Achte sie hoch, so wird sie dich erhöhen, und wird dich zu Ehren bringen, wo du sie herzest. 9Sie wird dein Haupt schön schmücken und wird dich zieren mit einer prächtigen Krone.
10So höre, mein Kind, und nimm an meine Rede, so werden deiner Jahre viel werden. 11Ich will dich den Weg der Weisheit führen; ich will dich auf rechter Bahn leiten, 12daß, wenn du gehst, dein Gang dir nicht sauer werde, und wenn du läufst, daß du nicht anstoßest. 13Fasse die Zucht, laß nicht davon; bewahre sie, denn sie ist dein Leben. 14Komm nicht auf der Gottlosen Pfad und tritt nicht auf den Weg der Bösen. 15Laß ihn fahren und gehe nicht darin; weiche von ihm und gehe vorüber. 16Denn sie schlafen nicht, sie haben denn übel getan; und sie ruhen nicht, sie haben denn Schaden getan. 17Denn sie nähren sich von gottlosem Brot und trinken vom Wein des Frevels. 18Aber der Gerechten Pfad glänzt wie das Licht, das immer heller leuchtet bis auf den vollen Tag. 19Der Gottlosen Weg aber ist wie Dunkel; sie wissen nicht, wo sie fallen werden.
20Mein Sohn, merke auf meine Worte und neige dein Ohr zu meiner Rede. 21Laß sie nicht von deinen Augen fahren; behalte sie in deinem Herzen. 22Denn sie sind das Leben denen, die sie finden, und gesund ihrem ganzen Leibe. 23Behüte dein Herz mit allem Fleiß; denn daraus geht das Leben. 24Tue von dir den verkehrten Mund und laß das Lästermaul ferne von dir sein. 25Laß deine Augen stracks vor sich sehen und deine Augenlider richtig vor dir hin blicken. 26Laß deinen Fuß gleich vor sich gehen, so gehst du gewiß. 27Wanke weder zur Rechten noch zur Linken; wende deinen Fuß vom Bösen.

Das 5. Kapitel

Warnung vor Unzucht.

1Mein Kind, merke auf meine Weisheit; neige dein Ohr zu meiner Lehre, 2daß du bewahrest guten Rat und dein Mund wisse Unterschied zu halten. 3Denn die Lippen der Hure sind süß wie Honigseim, und ihre Kehle ist glätter als Öl, 4aber hernach bitter wie Wermut und scharf wie ein zweischneidiges Schwert. 5Ihre Füße laufen zum Tod hinunter; ihre Gänge führen ins Grab. 6Sie geht nicht stracks auf dem Wege des Lebens; unstet sind ihre Tritte, daß sie nicht weiß, wo sie geht. 7So gehorchet mir nun, meine Kinder, und weichet nicht von der Rede meines Mundes. 8Laß deine Wege ferne von ihr sein, und nahe nicht zur Tür ihres Hauses, 9daß du nicht den Fremden gebest deine Ehre und deine Jahre dem Grausamen; 10daß sich nicht Fremde von deinem Vermögen sättigen und deine Arbeit nicht sei in eines andern Haus, 11und müssest hernach seufzen, wenn du Leib und Gut verzehrt hast, 12und sprechen: »Ach, wie habe ich die Zucht gehaßt, und wie hat mein Herz die Strafe verschmäht! 13wie habe ich nicht gehorcht der Stimme meiner Lehrer und mein Ohr nicht geneigt zu denen, die mich lehrten! 14Ich bin schier in alles Unglück gekommen vor allen Leuten und allem Volk.«
15Trink Wasser aus deiner Grube und Flüsse aus deinem Brunnen. 16Laß deine Brunnen herausfließen und die Wasserbäche auf die Gassen. 17Habe du aber sie allein, und kein Fremder mit dir. 18Dein Born sei gesegnet, und freue dich des Weibes deiner Jugend. 19Sie ist lieblich wie eine Hinde und holdselig wie ein Reh. Laß dich ihre Liebe allezeit sättigen und ergötze dich allewege in ihrer Liebe. 20Mein Kind, warum willst du dich an der Fremden ergötzen und herzest eine andere? 21Denn jedermanns Wege sind offen vor dem Herrn, und er mißt alle ihre Gänge. 22Die Missetat des Gottlosen wird ihn fangen, und er wird mit dem Strick seiner Sünde gehalten werden. 23Er wird sterben, darum daß er sich nicht will ziehen lassen; und um seiner großen Torheit willen wird’s ihm nicht wohl gehen.

Das 6. Kapitel

Warnung vor Bürgschaft, vor Trägheit, vor Bosheit und Ehebruch.

1Mein Kind, wirst du Bürge für deinen Nächsten und hast deine Hand bei einem Fremden verhaftet, 2so bist du verknüpft durch die Rede deines Mundes und gefangen mit den Reden deines Mundes. 3So tue doch, mein Kind, also und errette dich – denn du bist deinem Nächsten in die Hände gekommen –: eile, dränge und treibe deinen Nächsten. 4Laß deine Augen nicht schlafen noch deine Augenlider schlummern. 5Errette dich wie ein Reh von der Hand und wie ein Vogel aus der Hand des Voglers. 6Gehe hin zur Ameise, du Fauler; siehe ihre Weise an und lerne! 7Ob sie wohl keinen Fürsten noch Hauptmann noch Herrn hat, 8bereitet sie doch ihr Brot im Sommer und sammelt ihre Speise in der Ernte. 9Wie lange liegst du, Fauler? Wann willst du aufstehen von deinem Schlaf? 10Ja, schlafe noch ein wenig, schlummere ein wenig, schlage die Hände ineinander ein wenig, daß du schlafest, 11so wird dich die Armut übereilen wie ein Fußgänger und der Mangel wie ein gewappneter Mann.
12Ein heilloser Mensch, ein schädlicher Mann geht mit verstelltem Munde, 13winkt mit Augen, deutet mit Füßen, zeigt mit Fingern, 14trachtet allezeit Böses und Verkehrtes in seinem Herzen und richtet Hader an. 15Darum wird ihm plötzlich sein Verderben kommen, und er wird schnell zerbrochen werden, daß keine Hilfe dasein wird. 16Diese sechs Stücke haßt der Herr, und am siebenten hat er einen Greuel: 17hohe Augen, falsche Zunge, Hände, die unschuldig Blut vergießen, 18Herz, das mit böser Tücke umgeht, Füße, die behende sind, Schaden zu tun, 19falscher Zeuge, der frech Lügen redet, und wer Hader zwischen Brüdern anrichtet.
20Mein Kind, bewahre die Gebote deines Vaters und laß nicht fahren das Gesetz deiner Mutter. 21Binde sie zusammen auf dein Herz allewege und hänge sie an deinen Hals, 22wenn du gehst, daß sie dich geleiten; wenn du dich legst, daß sie dich bewahren; wenn du aufwachst, daß sie zu dir sprechen. 23Denn das Gebot ist eine Leuchte und das Gesetz ein Licht, und die Strafe der Zucht ist ein Weg des Lebens, 24auf daß du bewahrt werdest vor dem bösen Weibe, vor der glatten Zunge der Fremden. 25Laß dich ihre Schöne nicht gelüsten in deinem Herzen und verfange dich nicht an ihren Augenlidern. 26Denn eine Hure bringt einen ums Brot; aber eines andern Weib fängt das edle Leben. 27Kann auch jemand ein Feuer im Busen behalten, daß seine Kleider nicht brennen? 28Wie sollte jemand auf Kohlen gehen, daß seine Füße nicht verbrannt würden? 29Also gehet’s dem, der zu seines Nächsten Weib geht; es bleibt keiner ungestraft, der sie berührt. 30Es ist einem Diebe nicht so große Schmach, ob er stiehlt, seine Seele zu sättigen, weil ihn hungert; 31und ob er ergriffen wird, gibt er’s siebenfältig wieder und legt dar alles Gut in seinem Hause. 32Aber wer mit einem Weibe die Ehe bricht, der ist ein Narr; der bringt sein Leben in das Verderben. 33Dazu trifft ihn Plage und Schande, und seine Schande wird nicht ausgetilgt. 34Denn der Grimm des Mannes eifert, und schont nicht zur Zeit der Rache 35und sieht keine Person an, die da versöhne, und nimmt’s nicht an, ob du viel schenken wolltest.

Das 7. Kapitel

Beschreibung der Verführung zur Unzucht und ihrer traurigen Folgen.

1Mein Kind, behalte meine Rede und verbirg meine Gebote bei dir. 2Behalte meine Gebote, so wirst du leben, und mein Gesetz wie deinen Augapfel. 3Binde sie an deine Finger; schreibe sie auf die Tafel deines Herzens. 4Sprich zur Weisheit: »Du bist meine Schwester«, und nenne die Klugheit deine Freundin, 5daß du behütet werdest vor dem fremden Weibe, vor einer andern, die glatte Worte gibt.
6Denn am Fenster meines Hauses guckte ich durchs Gitter 7und sah unter den Unverständigen und ward gewahr unter den Kindern eines törichten Jünglings, 8der ging auf der Gasse an einer Ecke und trat daher auf dem Wege bei ihrem Hause, 9in der Dämmerung, am Abend des Tages, da es Nacht ward und dunkel war. 10Und siehe, da begegnete ihm ein Weib im Hurenschmuck, listig, 11wild und unbändig, daß ihre Füße in ihrem Hause nicht bleiben können. 12Jetzt ist sie draußen, jetzt auf der Gasse, und lauert an allen Ecken. 13Und erwischte ihn und küßte ihn unverschämt und sprach zu ihm: 14Ich habe Dankopfer für mich heute bezahlt für meine Gelübde. 15Darum bin ich herausgegangen, dir zu begegnen, dein Angesicht zu suchen, und habe dich gefunden. 16Ich habe mein Bett schön geschmückt mit bunten Teppichen aus Ägypten. 17Ich habe mein Lager mit Myrrhe, Aloe und Zimt besprengt. 18Komm, laß uns genug buhlen bis an den Morgen und laß uns der Liebe pflegen. 19Denn der Mann ist nicht daheim; er ist einen fernen Weg gezogen. 20Er hat den Geldsack mit sich genommen; er wird erst aufs Fest wieder heimkommen. 21Sie überredete ihn mit vielen Worten und gewann ihn mit ihrem glatten Munde. 22Er folgt ihr alsbald nach, wie ein Ochse zur Fleischbank geführt wird, und wie zur Fessel, womit man die Narren züchtigt, 23bis sie ihm mit dem Pfeil die Leber spaltet; wie ein Vogel zum Strick eilt und weiß nicht, daß es ihm das Leben gilt.
24So gehorchet mir nun, meine Kinder, und merket auf die Rede meines Mundes. 25Laß dein Herz nicht weichen auf ihren Weg und laß dich nicht verführen auf ihrer Bahn. 26Denn sie hat viele verwundet und gefällt, und sind allerlei Mächtige von ihr erwürgt. 27Ihr Haus sind Wege zum Grab, da man hinunterfährt in des Todes Kammern.

Das 8. Kapitel

Einladung und Verheißung der Weisheit, die von Ewigkeit her bei Gott ist.

1Ruft nicht die Weisheit, und die Klugheit läßt sich hören? 2Öffentlich am Wege und an der Straße steht sie. 3An den Toren bei der Stadt, da man zur Tür eingeht, schreit sie: 4O ihr Männer, ich schreie zu euch und rufe den Leuten. 5Merkt, ihr Unverständigen, auf Klugheit und, ihr Toren, nehmt es zu Herzen! 6Höret, denn ich will reden, was fürstlich ist, und lehren, was recht ist. 7Denn mein Mund soll die Wahrheit reden, und meine Lippen sollen hassen, was gottlos ist. 8Alle Reden meines Mundes sind gerecht; es ist nichts Verkehrtes noch Falsches darin. 9Sie sind alle gerade denen, die sie verstehen, und richtig denen, die es annehmen wollen. 10Nehmet an meine Zucht lieber denn Silber, und die Lehre achtet höher denn köstliches Gold. 11Denn Weisheit ist besser als Perlen; und alles, was man wünschen mag, kann ihr nicht gleichen. 12Ich, Weisheit, wohne bei der Klugheit, und ich weiß guten Rat zu geben. 13Die Furcht des Herrn haßt das Arge, die Hoffart, den Hochmut und bösen Weg; und ich bin feind dem verkehrten Munde. 14Mein ist beides, Rat und Tat; ich habe Verstand und Macht. 15Durch mich regieren die Könige und setzen die Ratsherren das Recht. 16Durch mich herrschen die Fürsten und alle Regenten auf Erden. 17Ich liebe, die mich lieben; und die mich frühe suchen, finden mich. 18Reichtum und Ehre ist bei mir, währendes Gut und Gerechtigkeit. 19Meine Frucht ist besser denn Gold und feines Gold und mein Ertrag besser denn auserlesenes Silber. 20Ich wandle auf dem rechten Wege, auf der Straße des Rechts, 21daß ich wohl versorge, die mich lieben, und ihre Schätze vollmache.
22Der Herr hat mich gehabt im Anfang seiner Wege; ehe er etwas schuf, war ich da. 23Ich bin eingesetzt von Ewigkeit, von Anfang, vor der Erde. 24Da die Tiefen noch nicht waren, da war ich schon geboren, da die Brunnen noch nicht mit Wasser quollen. 25Ehe denn die Berge eingesenkt waren, vor den Hügeln war ich geboren, 26da er die Erde noch nicht gemacht hatte und was darauf ist, noch die Berge des Erdbodens. 27Da er die Himmel bereitete, war ich daselbst, da er die Tiefe mit seinem Ziel faßte. 28Da er die Wolken droben festete, da er festigte die Brunnen der Tiefe, 29da er dem Meer das Ziel setzte und den Wassern, daß sie nicht überschreiten seinen Befehl, da er den Grund der Erde legte: 30da war ich der Werkmeister bei ihm und hatte meine Lust täglich und spielte vor ihm allezeit 31und spielte auf seinem Erdboden, und meine Lust ist bei den Menschenkindern.
32So gehorchet mir nun, meine Kinder. Wohl denen, die meine Wege halten! 33Höret die Zucht und werdet weise und lasset sie nicht fahren. 34Wohl dem Menschen, der mir gehorcht, daß er wache an meiner Tür täglich, daß er warte an den Pfosten meiner Tür. 35Wer mich findet, der findet das Leben und wird Wohlgefallen vom Herrn erlangen. 36Wer aber an mir sündigt, der verletzt seine Seele. Alle, die mich hassen, lieben den Tod.

Das 9. Kapitel

Freundlicher Ruf der Weisheit; Warnung vor der Lockung der Torheit.

1Die Weisheit baute ihr Haus und hieb sieben Säulen, 2schlachtete ihr Vieh und trug ihren Wein auf und bereitete ihren Tisch 3und sandte ihre Dirnen aus, zu rufen oben auf den Höhen der Stadt: 4»Wer unverständig ist, der mache sich hieher!« und zum Narren sprach sie: 5»Kommet, zehret von meinem Brot und trinket den Wein, den ich schenke; 6verlasset das unverständige Wesen, so werdet ihr leben, und gehet auf dem Wege der Klugheit.« 7Wer den Spötter züchtigt, der muß Schande auf sich nehmen; und wer den Gottlosen straft, der muß gehöhnt werden. 8Strafe den Spötter nicht, er haßt dich; strafe den Weisen, er wird dich lieben. 9Gib dem Weisen, so wird er noch weiser werden; lehre den Gerechten, so wird er in der Lehre zunehmen. 10Der Weisheit Anfang ist des Herrn Furcht, und den Heiligen erkennen ist Verstand. 11Denn durch mich werden deiner Tage viel werden und werden dir der Jahre des Lebens mehr werden. 12Bist du weise, so bist du dir weise; bist du ein Spötter, so wirst du es allein tragen.
13Es ist aber ein törichtes, wildes Weib, voll Schwätzens, und weiß nichts; 14die sitzt in der Tür ihres Hauses auf dem Stuhl, oben in der Stadt, 15zu laden alle, die vorübergehen und richtig auf ihrem Wege wandeln: 16»Wer unverständig ist, der mache sich hieher!« und zum Narren spricht sie: 17»Die gestohlenen Wasser sind süß, und das verborgene Brot schmeckt wohl.« 18Er weiß aber nicht, daß daselbst Tote sind und ihre Gäste in der tiefen Grube.

Übersetzung Martin Luther (Ausgabe 1912)

Fundstellen im Text 1

  • Predigt: Jakobus 1,5 23. Januar 1910

    … g zu Schillers Glocke» von J. W. von Goethe 📖 (s. oben, S. 293, Anm. 15 ). ↩ 9 Vgl. etwa Ps. 1,1–3 ; Spr. 16,20–23 ; ausführlich: Spr. 1–9 ; Hiob 28 . Siehe auch M. Saur , Einführung in die alttestamentliche Weisheitsliteratur , Darmstadt 2012 📖 . ↩ 10 Insbesondere die philosophischen …